Gießener Allgemeine/ Wetterauer Zeitung: HaBE-Lesung

Besondere Lesung mit Hartmut Barth-Engelbart

07. März 2017, 20:29 Uhr
»HaBE« erzählt in afrikanischer Tradition. (Foto: dw)

 

»Kili-Zeit«, das ist in Tansania der Moment, wenn die Fantasie – durch den Genuss des Bieres »Kilimandscharo« angeregt – offen für Geschichten ist. Das Bier gab es nicht am Sonntagabend im Kulturrestaurant »Savanne«, dafür aber afrikanische Speisen, farbenfrohe Impressionen und eine Geschichte – so verzweigt wie der Kontinent selbst. Das eritreische Restaurant hatte zu einem Blick über den Tellerrand im Rahmen der Licher Kulturtage unter dem Titel »Grenzenlos« eingeladen.

Grenzenlos schien auch das Wissen über Ostafrika, das der Autor, Kabarettist und Pädagoge Hartmut Barth-Engelbart (»HaBE«) zu einer Geschichte verwebt, die er permanent weiterentwickelt. Dabei erfasste den 1947 geborenen ehemaligen Grundschullehrer schon als Jugendlicher die Leidenschaft für Afrika. Ein wenig davon mag in seine Hauptfigur eingeflossen sein. Hier verstrickt sich der ehemalige Geografie-, Soziologie- und Ethnologie-Student Jürgen Mass zwischen Neo-Kolonialismus und Post-Sozialismus, in einer Story, die Barth-Engelbart in afrikanischer Tradition erzählt.

Frust von der Seele geschrieben

»Wer hat den Massai die Sohlen gestohlen?« ist dabei nicht nur der Titel eines Schwanks, die Mass zur Kili-Zeit erzählt, sondern auch der Titel der Erzählung von Barth-Engelbart. Mit viel Liebe zum Detail, einer Vielzahl an Wortspielen und unzähligen Anspielungen verstrickt der Autor die Zuhörer zwischen Lesen und freiem Erzählen. Jürgen Mass, der sich dank guter Kontakte als Werbetexter, Conceptioner und Besitzer der Agentur »mass-media« durchschlägt, ist mit dem lukrativen Auftrag in Tansania unterwegs, die Privatisierung ehemals staatseigener Betriebe aus der Hinterlassenschaft Julius Nyereres in dem postsozialistische Land im Auftrag der EU, des IWF und der Weltbank voranzubringen. Schnell scheitert er bei diesem Job am unüberbrückbaren Widerspruch zwischen dem, was er weiß, und dem, was er sieht. Da zerfallen die unter Nyerere gegründeten Dorfgemeinschaften, die dem Land zu einer Unabhängigkeit vom Tourismus dienen sollten. Der Goldhandel, wichtigster Wirtschaftszweig des Landes, wird von Südafrika und London aus gesteuert und die Schulen sind leer.

Den Frust über diese Entwicklung schreibt Maas sich von der Seele, landet im Streit mit einem Massai-Massage-Schuhhersteller vor Gericht und deswegen hinter dem Mikrofon eines Radiomoderators, der hinter der Sache eine große Story wittert. In diesem Rahmen verzweigt sich Barth-Engelbarts Erzählung, die der Reihe »Unendliche Kolonialwaren-Geschichten« entstammt. Die Sohlen hat den Massai übrigens der Massai-Massage-Schuhhersteller gestohlen. Das Schuhwerk will er diesen mit dem Spruch »Gesund laufen wie die Massai – wie auf Sand« für 140 Euro das Paar andrehen. Auch jenseits der Kili-Zeit klingt das den Bewohnern Ostafrikas reichlich komisch in den Ohren: Auf die Idee, barfuß zu laufen, käme in dem heißen Land keiner, im Sand würden sie sich die Sohlen verbrennen und sie sich an den felsigen Böden zerschneiden.

Die 200 Bilder des togolesischen Künstlers Prosper Homawoo, der auf handgewebten Leinen afrikanische Glaubensvorstellungen und Alltagssituationen farbenreich und stimmungsvoll bannt, sind noch bis Anfang April in der »Savanne« zu sehen.

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert