Der Schlüssel zur Macht im Gründauer Wappen deutet auf eine über 1600 jährige Geschichte

Der Schlüssel zur Macht? Der Himmelsschlüssel? Na ja, beim preußischen Adler ist die Machtfrage ziemlich schnell zu beantworten. Das Kurfürstentum Hessen-Kassel hatte Preußen sich schon spätestens 1866 unter seine Fittiche gekrallt. Rechts des Haselbaches war Gründau preußisch. Die Grenze zwischen dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt/Oberhessen und preußisch Hessen-Kassel verlief mitten durch das Gericht Gründau und in Mittel-Gründau mitten durch das Dorf: mal gehörte die fürstliche Domäne gerade noch zu Hessen-Kassel-Preußen, dann wieder zu Hessen-Darmstadt/Oberhessen und dann wieder … Für die “kleinen Leute ” im Dorf war das eh alles Eins: die Grenzsteine mit dem GH (Großherzogtum Hessen-Darmstadt)auf der einen und KP(Königreich Preußen) auf der anderen Seite verkündeten einerseits “Großen Hunger” und andrerseits “Kleine Portionen”. Und sie machten sich auch ihren Reim drauf: “Siehst Du das Land, wo die (von Preußen eingeführten) Kartoffeln blühn, wo Mägd’ und Knecht’  die Wagen selber zieh’n, wo’s große Schüsseln gibt und nix zu Fressen, das ist das Land der freien Hessen!”

Aber was bedeutet der Schlüssel?

Es soll tatsächlich der Schlüssel des Petrus sein, der bekanntlich das Paradies bewacht und unberechtigte Eindringlinge abwehrt. Den Gründauern hat dieser Schlüssel nichts genützt. In ihre Dörfer drangen immer wieder “Unberechtigte” zum Plündern, Marodieren, Rekrutieren,  … ein. Ob nun mit oder ohne den 1600 Jahre alten Segen des Bischofs Victor von Worms.

Der Schlüssel im Gründauer Wappen ist der Schlüssel zur Macht des seit 346 nachweisbaren Bistums Worms, das in konstantinischer Zeit im zerfallenden römischen Reich zusammen mit den konkurrierenden Bistümern Mainz, Trier und Speyer in den Grenzgebieten des Limes für die jüdische Sekte der Christen warb und große Ländereien er-warb. Unter römischer Oberherrschaft konkurrierten die Bistümer vorerst weniger untereinander als mit keltisch-germanischen Religionen und mit hellenistischen Kulten – vor allem dem Dionysos- und dem Mithras-Kult mit seinen Fabelwesen-Bildstöcken. Nach denen wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit der Mittel-Gründauer “Kolbenstein” benannt. Dieser Flurname ist eine Verballhornung des Namens “Koboldstein”.  Der Standort dieses “heidnischen” Bildstockes war vermutlich die heute noch existierende Kolbenstein-Quelle am Mittel-Gründauer Kirchweg. Hier pilgerten jeden Sonntag die Mittel-Gründauer zum Niedergründauer Kirchberg und zurück , schlugen drei Kreuze  und  setzten bei Beerdigungen die Särge ab,  wischten den Schweiß aus dem Gesicht und nahmen sich einen Schluck Wasser aus der heiligen Heil-Quelle. Zur Aussegnung wurden die Toten zwei bis drei Kilometer den Serpentinenweg durch den Wald bergauf zum Kirchberg  und danach zurück zum Mittel-Gründauer Friedhof getragen.

Für diese Grenzübertritte musste wahrscheinlich kein Zoll bezahlt werden. Aber für die selbstgebrannten Ziegel aus ihrer “Russefabrik”, der Ziegelei auf preußischem Gebiet zurück  ins Hessen-Darmstädtisch-Oberhessische Mittel-Gründau, da war Zoll fällig  oder lebensgefährlicher Schmuggel angesagt. Da hatte jede(r) sein Päckchen Ziegel zu tragen.

Und in Mittel-Gründau, war es da paradiesischer als in Preußen?  90 Tage Fronarbeit im Jahr, jede Menge Abgaben,  Spanndienste, Waldweideverbot, Wasser-, Wald- und Feldraub.  Arbeit für ein Vergelts-Gott, Seelenheil nur gegen Bares. Wer nicht “Hinterm Kirchhof” verscharrt werden wollte, sondern christlich begraben im Kirchhof, der musste zahlen … neben den Steuern für die weltliche Obrigkeit die Kirchensteuern für die geistlich-himmlische.

Das aus über 200 Sicherheitsschlüsseln gefertigte Gründauer Wappen HaBE ich noch nicht ganz fertiggestellt/geklebt – bis zur 800Jahrfeier Mittel-Gründaus wird es wohl fertig werden

Nach dem gewonnenen Konkurrenzkampf gegen Mithras- und Dionysos-Kult mit einem Aufgebot an noch viel wunderbareren Wundern und anderem Hokuspokus ….

(((= die Verballhornung von HOC EST CORPUS, jener wundersamen Wandlung von Brot in Fleisch, bei der die hinteren armen Reihen im Dunst aus Schweiß und Weyrauch in der Kirche von der Litanei des Priesters vorne nur HOKUSPOKUS verstanden und was dann zuhause in der Küche mit schimmligem alten Brot nie funktionierte, selbst wenn man es mit SIMSALABIM (SIMILIS SIMULABIS) und drei Mal schwarzer Kater verband)))

…. gingen die Bistümer und ihre weltlichen Brüder in Christo sich  gegenseitig an den Hals: das Bistum Worms wurde  zu Beginn des 19. Jahrhunderts praktisch aufgelöst, weltlich und kirchlich aufgeteilt.

Es war Jahrhunderte lang kein Fest der Nächstenliebe, mehr eines der Nächstenhiebe, ein Hauen und Stechen, das auch vor deutschen Reichsgerichten ausgetragen wurde. Von Wien bis Wetzlar, wo es Vater und Sohn Goethe direkt mitbekommen haben mussten. Zumal der junge Goethe als Freund der Inspirierten, der Herrnhuter unweit von Gründau bei der Synode der Herrnhuter im Schloss-Kloster Marienborn bei Eckartshausen zu Gast war. Vater Goethe muss aber in Wetzlar auch die lautstarken Klagen der Bauern aus Mittel-Gründau gehört haben, die sich dort wie in Wien in einigen Prozessen gegen die Fürsten durchsetzen konnten. Es gibt einen Brief an die Mittel-Gründauer Bauern in Wien von einem Rerichshof-Gerichtsrat  in dem er die Bauern um ca. 1750 inständig darum bittet , Wien zu verlassen. Sie seien so laut und so unhöflich. Sie würden ja ihr Recht bekommen, aber sie sollten unverzüglich Wien verlassen. Die Fürsten ihrerseits klagten gegen die Mittel-Gründauer Bauern  wegen Verweigerung der Fron, der Abgaben, wegen “Wilderei” …

(Wilderei war es, wenn sich die Bauern dagegen wehrten, dass die fürstlichen Jäger das Schwarz- & Rotwild zur Mast in die Felder trieb. Die Bauern setzten große Hunde dagegen ein. Die Folge war die Erhebung von Steuer für große Hunde, was die Bauern nicht leisten konnten. Also wurden die großen Hunde abgeschafft und nur kleine, steuerfreie gehalten. Aus dieser Zeit stammt das Lied: “Siehst’e net die Wutz’ (Wildschweine) im Garde, siehst’e wie se woile (wühlen), wie se tiefe Löcher grabe in die Geele Roiwe (Karotten), Spitz komm raus und beiß’n in die Boa (Beine), sunscht fresse mir die Missgeburte (die fürstlichen Jäger und das Schwarz-und Rotwild) alles korz un kloa (kurz und klein)”. Eines der vielen  Widerstands-Volkslieder wie “Auf einem Baum ein Kuckuck saß …” und “Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er …”, was schon vor dem 30jährigen Krieg, auch schon vor den Bauernkriege gesungen wurde und auf den Schößen der Großmütter den Kindern vor dem Einschlafen die Angst vorm Krabat, dem kroatischen Reiter und anderen Mordbrennern nehmen sollte. )

 

Der Herrnhaag


Schloss-Kloster Marienborn bei Eckartshausen

Die Herrnhuter waren zunächst als Geldbringer  die “Lieblinge der Büdinger Grafen, aber schließlich auch deren Opfer, denn die verwiesen sie des Landes, weil sie den Untertaneneid verweigerten … Die Herrnhuter anerkannten niemanden zwischen sich und ihrem dreifaltigen Gott als Obrigkeit. Nun ja, mit dieser Abschiebung war der Büdinger “Fürst” auch seine Schulden bei dem Herrnhuter Finanzgenie, dem Graf Zinsendorf auf einen Schlag los.

Vor dem Reichshofgericht in Wien und dem Reichskammergericht in Wetzlar spielte das Bistum Worms schon kaum eine Rolle mehr.  Dort hauten, stachen und schlugen sich der Deutschherrenorden, die Prämonstratenser, das Fürstbistum Mainz und die Büdinger Grafen/Fürsten um die Dörfer, die Ländereien im Gericht Gründau und besonders um die Ländereien, Wälder und nach dem 30jährigen Krieg wieder instandgesetzten Höfe in Mittel-Gründau. Die Wormser Beute war da schon weitgehend unter den “christlichen Brüdern” aufgeteilt.


Hundert Jahre nach der Synode von Köln, an der der Bischof  VICTOR von Worms teilgenommen hatte, macht der west-reströmische Feldherr Aätius einen der letzten Versuche, das römische Imperium zu retten. Nachdem er sich mit den Burgundern zwischen Worms und Besancon, dem weströmischen “Byzanz” arrangiert hatte, hielten die sich nicht an das Arrangement und überfielen die “römische Provinz Belgica”. Gegen die Burgunder verbündete Aätius sich mit dem hunnischen König Etzel/Atila, dessen Truppen aus den Ostgebieten jenseits des Limes zunächst östlich der Grenze aufmarschierten und von hieraus Kontakt zu den Burgundern aufnahmen, Ultimaten stellten.

Die Ost-Grenze des Herrschaftsgebiets der Burgunder  verlief damals ungefähr entlang des Limes und war auf diesem Abschnitt streckenweise identisch mit den Grenzen des Bistums Worms. Deshalb gehörte z.B. Bad Wimpfen mit seiner karolingischen Kaiserpfalz weltlich noch bis in die 1960er zu Hessen, wie die hessische Landesregierung es sah im Gegensatz zu der von Banden-Württemberg. Kirchlich dauerte es noch länger: bis 1968 gehörte Bad Wimpfen zur evangelischen Landeskirche Hessen-Nassau. Bei der katholischen Kirche dauert die Zuordnung zum Bistum Mainz, dem Haupt”Erbe” des Bistums Worms bis heute noch an.

Das hunnische Heer hat kurz vor dem Limes gelagert und König Attila hielt hier Hof, empfing römische und burgundische Gesandte, Kundschafter usw. Der “Hühnerhof” zwischen Mittel-Gründau und Gettenbach, diese ehemalige gräflich Ysenburg-Meerhölzer Domäne hat nichts mit Hühnern zu tun. Der Name “Hühnerhof” ist eine Verballhornung von Hunnenhof. Der hunnische Hofstaat hatte sich in eine merowingische Siedlung “eingemietet” – wo früher schon die Kelten Kneip-Kur-wellten im Schutz eines vorgelagerten Geländespornes, des Stickelsberges. Hier gab es reichlich Quellen, Ton, beste Ackerböden, Weiden für die Pferde, hier waren Siedlungsreste zu nutzen. Hier wurden in den letzten Jahrhunderten und Jahren Duzende von Hügelgräbern gefunden, Fundamente von bandkeramischen Langhäusern, Werkzeuge aus Steinzeitwerkstätten, Waffen aus der Broncezeit ……

Die Gelnhäuser Historiker Mende und Kreutzer können mit ihren Funden belegen, dass Mittel-Gründau schon seit über 10.000 Jahren relativ dicht besiedelt war.

Spannend wird es  bei der Suche nach schriftlichen Dokumenten der Wormser Früh-Missionare, die Mittel-Gründau schon 350 Jahrer vor Bonifatius und Kilian heimgesucht haben.

Gerüchte besagen, dass es in Gettenbach jemanden gibt, der weiß, wo man für die Etzel’sche Hofhaltung auf dem “Hühnerhof” schriftliche Dokumente findet.

Zu den Aktivitäten des Bistums Worms dürften in den Archiven der Bistümer Fulda und Mainz noch Aufzeichnungen zu finden sein. Oder auch in der Matz’schen Bibliothek, die der aus Michelstadt im Odenwald stammende Speyrer Domherr Nicolaus Matz gegen Ende des 15. Jahrhunderts seiner Heimatstadt geschenkt hat. Das Bistum Speyer war ja einer der “Erben” des untergehenden Bistums Worms. In Michelstadt haben sich zwei Historiker darüber gestritten, ob Matz “Arier” oder  früh konvertierter Jude aus einer Matzenbäcker-Familie war.  Der Streit fand Anfang der 1930er Jahre statt. Ob Urkunden zur Geschichte des Bistums Worms und seiner Besitzungen  im Gründautal im Archiv der Ysenburg-Büdinger Fürsten zu finden sind?  Möglich wäre es , wenn sie nicht bereits bei Sotheby’s wie manch anderes Stück unserer Geschichte versilbert wurden.

Schaumerma!

(nicht nur) für Mittel-Gründauer- und unmittelbare Nachbar-innen möchte ich Führungen durch die Geschichte des 1848er „revolutionären Vorortes“ Mittel-Gründau anbieten, bei der es durch Wasserkriege, Klagen vor dem Wetzlarer Reichskammergericht, die oberhessischen Bauernaufstände, die Bahngeschichte, die 1848er & die 1918er Revolution, den Widerstand gegen die Nazis, die Stein- & Broncezeit, um Saison- & Zwqangsarbeiter, um die Aufnahme der Flüchtlinge in den End40ern/50ern und viele andere Abschnitte der Geschichte geht.

Die Führungen sind eines der Ergebnisse jahrzehntelanger Lokal- & Regionalforschung,  hunderter monatlicher Erzählabende (oral history) des Historisch-Demokratischen Vereins Mittel-Gründau von 1848 und nicht zuletzt der Recherchen zur Biografie des Arztes , Naturforschers, Landwirtschaftsreformers, Liebig- & Weidig-Freundes, linken Paulskirchen- und hessischen Landtagsabgeordneten, des Zuchthäuslers & Bahnpioniers Dr. Christian Heldmann, dem Gründer der ersten örtlichen politischen „Partei“, des „Demokratischen Vereins“  —

—   Führungen die auch Ergebnis der Recherchen sind zur Biografie des Mittel-Gründauer Schuhmachers, Bauvorarbeiters, RGOlers und Betriebsratsvorsitzenden, SOLIDARITÄTS-Verbands-Rot-Rad-Sportlers & Fußballers, Miterbauers des Frankfurter Waldstadions  für die Arbeiter-Olympiade, KPD-Funktionärs, Widerstandskämpfers, Börgermoor-Soldaten, 999ers und Deserteurs zu Titos Partisanen-Armee, Büdinger Spruchkammeranklägers, erstem Beigeordneten (1928-1933 + 1946-1956) und Orts-Bürgermeisters  (1956 – 1973) Wilhelm Pfannmüller, die 2019 im Verlag der Hessischen Historischen Kommission erscheinen soll.

Nachdem der nach dem KPD-Verbot 1956 parteilose Pragmatiker Wilhelm Pfannmüller -auch als Schirmherr einiger deutscher Meisterschaftsläufe im Motocross am Kolbenstein mit jeweils über 4000 Zuschauern- 1961 in die SPD eintrat, erhielt das Dorf nicht nur rasch die zuvor oft verweigerten Landesmittel für infrastrukturelle Maßnahmen: Kanalisation, Volkshauserweiterung, Straßen- und Feldwegebau, Radwegnetz, Feuerwehrhaus, Sozialwohnungen …  Der von rechts stets bekämpfte Kommunalpolitiker erhielt auch noch das Bundesverdienstkreuz am Bande – in Gelnhausen vom polizeieskortierten Ministerpräsidenten Holger Börner persönlich umgehängt.

Dass bei der Führung die Rolle des Mittel-Gründauer Schuhmachers Birkenstock (des Erfinders der Birkenstock-“Latschen“) bei der 1848er Revolution zur Sprache kommt,  ist sicher. Ob ein Besuch im Birkenstockschen Hof und bei seinen UrUrUrenkelinnen möglich ist, hängt von deren Schichtplänen ab.

Der Besuch in der fürstlichen Domäne ist auf jeden Fall möglich. Auch hier wäre der Abschluss der Führung denkbar im Kreuzgewölbesaal der Brennerei.

Die Führung kann über drei Stunden dauern  (zu Fahrrad oder Fuß) und mit einem gastronomischen Abschluss auf dem geschichtsträchtigen Stickelsberg am Golfplatz  beim „Heckers“ enden, „Nach dem Golfen vor dem Essen Füße waschen nicht vergessen!“ -mit einer kurzen Kneip-Kur, wo früher schon die Kelten wellten (aus jenen Brunnen tranken später auch die Hunnen).
Der Preis für Speis und Trank ist Gott sei Dank beim „Heckers“ nicht so hoch. Zumindest war er’s gestern noch!

 

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

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