In Gründau läuft’s Archiv* beim historischen Abriss bis zum Abbruch durch den Denkmalschubbs

* für alle Nicht-Hessen: Archiv wird im süd-hessischen FVV-RMV-Dialekt Arschief oder besser mit verschluckten “r” Aaschief ausgesprochen und das bedeutet auf Hochdeutsch: Arg schief. Weshalb auch viele mittel & südhessische Kommunen mit dem Archivgesetz nichts anfangen können, wonach jede Gemeinde dazu verpflichtet ist, ein Archiv zu führen. Und zwar nach den neuesten wissenschaftlichen Kriterien. Im Gesetz steht zwar auch “je nach Kassenlage”, aber so viel dürfte die Gemeinde-Kasse noch übrig haben, auch wenn sie einem örtlichen Solarstrom- und “BIO”-Gas-Unternehmen, Erddeponiebetreiber und nebenberuflichem Milchseeproduzenten zu einem nicht unbeträchtlichen Teil die Wiederherstellung und Verbreiterung der von ihm schwerlastzerstörten An-, Ab- und Zufahrtswege mitfinanziert.

Zufahrts- & Feldwege, die in den 60ern und 70ern die damals noch zahlreichen bäuerlichen Betriebe mit Unterstützung der Kommune(n), des Landes und des Bundes und der beauftragten Hessen-Nassauischen Siedlungsgesellschaft, aber mit hohem Eigenanteil und ungezählten Eigenarbeitsstunden gebaut und finanziert hatten. Dafür mussten sie zum Teil riesige Kredite aufnehmen. Die meisten kamen aus dieser Flurbereinigungs-Schuldenfalle nicht mehr heraus. Da mussten die Strohpressen gegen die Kautschukpressen eingetauscht werden und die gerade angeschafften Melkmaschinen gegen Betonmischer und Putzmaschinen. Aus Bauern wurden WIBAUern und die, die Spika, Esch, von Galen und Fürst Christian von Ysenburg-Büdingen, Freiherr von Schröder von der staatlich geretteten SMH-Bank noch übrigließen, die durften dann bei Putzmeister putzen. Über 5.000 Arbeitsplätze inklusive Kollateral-Schadensfällen wurden in und um Gründau weggeputzt. (Bei HANOMAG waren es über 15.000!). Was die Gemeinde aus unserer Gemeindekasse nicht dafür bezahlt, kommt aus den Landes-, Bundes- und EU-Kassen. Also haben wir nicht nur einmal gezahlt, wir zahlen die Erneuerung & Verbreiterung der Wege noch Mal aus unseren Steuern. Im EU-Deutsch nennt sich das “Subvention der klein-strukturierten Landwirtschaft”. Böse Zungen sagen dazu: Selbstbedienungsladen, weniger Böse nennen sowas Demokratie.

Und dann ist es doch kein Wunder, wenn plötzlich aufm Land fast Alle für Demokratie sind, die nicht um zwei Ecken rum denken!

5 vor 12 ist längst vorbei!
Es ist und war höchste Eisenbahn! Viele wissen nicht Mal, wo sie wohnen.

Ein Vollprofi und ein ortskundiger Laie wollen das ändern. Das ist der Grund für den hier folgenden Offenen Brief:

Dr. Manfred H.-W. Koehler, Friedberger Anlage 11 , Frankfurt/Main;  & Hartmut Barth-Engelbart, Bachgasse 1, 63584 Gründau                                                                                                                              04.03 2020

Wir fordern die Einstellung einer Archivarin/ eines Archivars zur Betreuung der Gründauer-Gemeindearchive

Offener Brief an die Gemeinde Gründau

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Helfrich,

sehr geehrte Damen & Herren im Gemeindeausschuss & im Gemeinderat,

sehr geehrte Damen & Herren im Vorstand des Gründauer Geschichtsvereins,

sehr geehrte Damen & Herren in der Sport-&   Kulturgemeinschaft Mittel-Gründau,

nicht alle an der Geschichte Gründaus Interessierten & Forschenden werden 105 Jahre, wie unser väterlicher Freund Hans-Joachim Tzschentke, der dem Archiv des Niedergründauer Museums einen bisher unermessenen Bestand hinterlassen hat.

Auch deshalb braucht der alleinige & ehrenamtliche Museums-Archivar Karl Bode dringend einen hauptamtlichen Nachfolger noch bevor Herr Bode 90 wird.

Büdingen hat jetzt sogar 2 Stellen für das Stadt-Archiv.  Einer der Archivare wuchs im ältesten, damals noch vollständig erhaltenen bäuerlichen Anwesen in Mittel-Gründau auf, das seine Eltern restauriert hatten. Das Geburts- & Wohnhaus des hessischen Landtagsabgeordneten Heinrich Otto ist mitsamt seiner 1782 entstandenen Stuckdecken vor einigen Jahren leider abgerissen worden.

Der hessische Landtagsabgeordnete der KPD und Kleinbauernfunktionär Heinrich Otto vor seinem Wohnhaus im Garten. Vor der Haustüre ist sein Frau zu erkennen.

Auch für die Rettung der Domänen-Mühle, des sogenannten “Polen-Hauses“ kamen lokale Initiativen genauso zu spät,

Die alte Domänen-Mühle: von Bildmitte links am Zaunentlang unterquewrte der fürstliche Mühlbach den Altwiedermuser Weg. Unter dem Pultdach an der WestGiebelmauer des “Polenhauses” befand sich das Unterflur-Mühlrad. Nach Aufgabe der Mühle wurden in den Kornspeichern über der Mühle polnische Saison-Arbeiter/innen untergebracht, nach 1939 wurden hier 82 polnische Zwangsarbeiter/innen eingepfercht. Die älteren Eingeborenen können sich alle noch an das “Polackenhaus” und den Mühlgraben erinnern. Ab Mitte der 1920er waren hier die “Bayern-” oder “Fulda-Mädels” aus der Rhön im “freiwilligen” Zwangs-Arbeitsdienst gestapelt. Bis 1939 – die waren billiger als die eingeborenen Mägde und Ernte-Saisonarbeiterinnen.

wie bei der Erhaltung der Liebloser Zigarrenfabrik,

hier gab es den klassischen Denkmalschubbs beim Denkmalschutz. Aus Versehen fuhr der Bagger gegen die Stirnwand und dann war die historische Fabrik nicht mehr zu retten. Hierhin wurden neben Gettenbach die Frankfurter ADLER-Werke mit der Panzer-Spähwagen-Produktion ausgelagert. Nah am Flughafen Rothenbergen, nah bei den KZ-Hintzert-Außenstellen, das heißt billigste Arbeitskräfte, die mussten schuften bis zum Umfallen oder bis zur Vergasung
in einigen Kommunen an der Bahnstrecke im benachbarten Wetterau-Kreis wurden die Frachthallen und Bahnhöfe nicht abgerissen, sondern in Kulturzentren, Jugendzentren umgewandelt und gastronomisch umgenutzt: Bleichenbach, Stockheim, Hungen, Glauburg …

des Bahnhofs-Frachtschuppens, des Inspirierten-Zentrums in der „Alt-Herberge“, dem Kalbfleisch-Ungerschen Renaissance-Gasthof mit dem Geburts- und Probenraum des Liebloser Gesangsvereins „Harmonie“ mit seiner Sandstein-Wendeltreppe

Die Altherberge links nach dem Hochwasser von 1911. Die Zerstörungen waren existenzvernichtend. Das Wirthausschild hinter der Gaslaterne wurde dann am höhergelegenen Gasthaus “Zum Storchen” angebracht. Der war verschont geblieben und erhielt in den frühen 20ern nach dem Kriegsende einen neuen großen Saalanbau, der dort hingestellt wurde, wo auf dem Bild unten (von 1911) der große Birnbaum steht.

und der historischen Gaststätte „Zum Storchen“.

Am 1. Mai 1911 versammeln sich Arbeiterinnen, Kinder und Arbeiter wie schon seit Jahrzehnten vor dem Gasthaus “Zum Storchen” zur Demonstration, erst die Kapelle, dann die Zigarrenarbeiterinnen und die Kinder und dann erst die Arbeitsmänner. Das war Emanzipation schon lange vor EMMA und Alice Schwarzer.
Die Eingangstüre und das Gasthausschild HaBE ich gegen einen Kasten Bier noch aus dem Bauschutt-Container retten können. Das Schild hängt links oben am “Storchen” , jetzt hängt es am Eingang “Bei’s Tobiasse” in Mittel-Gründau, wo der kürzlich verstorbene Schreiner Diesner auch die “ART-DECO”-Eingangstüre des Storchen eingebaut hat, die mit dem bunten Römer-Weinglas.

Dank der hervorragenden Zusammenarbeit der „Initiativer Alte Schule“ mit dem Wiesbadener Denkmalschutz Professor Weiß konnte der Abriss der Alten Schule in Mittel-Gründau

ebenso gerade noch verhindert werden, wie der des Hauses der letzten Juden in Lieblos, das nach dem Kriegsende als Bordell und später unter dem Namen „Patras-Bar“ weiterhin den gleichen Zwecken diente.

Das einst unter Hauptlehrer Oschwald vom Mittel-Gründauer Hilfslehrer  Velten Heuson  hervorragend geführte Mittel-Gründauer Ortsarchiv ist nach jahrelanger mühsamer ehrenamtlicher Arbeit jetzt wieder teilweise rekonstruiert, aber über verschiedene Stellen in Gründau verteilt: und unter verschiedenen Verantwortlichkeiten schwierig zu erforschen . Junge wie Ältere , Berufstätige, Lernende, Studierende werden durch unterschiedliche und meist zu knapp bemessene Öffnungs-/Dienstzeiten und die Überlastung der „Schlüsselgewaltigen“, die die Archiv-Arbeit neben ihren eigentlichen Aufgaben erledigen , vom  Besuch und der Forschung im Gemeinde-Archiv und im Museum geradezu abgeschreckt.

Dank der Initiative der Familie Sinsel wurde der 150 Jahre alte Mittel-Gründauer Bahnhof gerettet.
Bevor er den Bahnhof für seine Holzdesignwerkstatt kaufte, hat er die Gemeinde angefragt, ob sie nicht hier ein Jugendzentrum und Senioren-Café errichten wollte; “Das wäre doch bestens geeignet mit einer Jugendarbeiter-Wohnung im Dachgeschoss!”

Im Gemeinde-Archiv im Rathaus fehlen Unterlagen zur Gründung der Groß-Gemeinde Gründau 1972.

Zur Gründung der, bzw. zu der von Wiesbaden erzwungenen Übergabe Mittel-Gründaus an die Gebietsreform-Retorten-Gemeinde Gründau muss der Bürgermeister einen abschließenden Rechenschaftsbericht vorgelegt und bei der Gründung auch eine Rede gehalten haben. Beides ist im Gemeinde-Archiv nicht zu finden. Zwischen den letzten Seiten liegt ein Zettel mit der Aufschrift “Fotokopien … ”

Ebenfalls müsste es einen vorherigen Rechenschaftsbericht des Bürgermeisters gegeben haben, als Mittel-Gründau 1971 sich mit der Mehrheit der Stimmen der Bevölkerung und des Gemeinderates der Stadt Büdingen angeschlossen hatte. Auch dieser Bericht fehlt im Gemeinde-Archiv. Möglicher Weise wurden diese Unterlagen ja bei der Erstellung der Festschrift zum 40jährigen Jubiläum Gründaus benutzt und man hat vergessen, sie wieder ins Archiv einzuordnen?

Im Archiv des Museums in Niedergründau fehlen die Aktenordner zur Turn- und Sporthalle Mittel-Gründau und zur Geschichte des Bahnhofs von 1870 bis 1934 … und das im Jubiläumsjahr „150 Jahre Mittel-Gründauer Bahnhof“, „150 Jahre ‚Heldmann-Bahn‘“ und „100 Jahre Fußball-Verein Blau-Weiß/Solidarität und SKG“.

Es ist höchste Eisenbahn!!!!
Die fürstliche Remise ca. 2001 kurz vor ihren Zusammenbruch
Der Familie Hilmer ist es zu verdanken, dass die Mittel-Gründauer Domäne nicht das gleiche “Schicksal” ereilte wie der größte Teil der “fürstlichen” Domäne “Weiherhof”. Nur die fast vollständig in sich zusammengebrochen Remise und der Bereich der Schnapsbrennerei mussten neu aufgebaut werden. Und das Hofgut ist offen für Ausstellungen, Konzerte, Weihnachtsmarkt …
HaBE ich 1995 zur 775-Jahrfeier Mittel-Gründaus gezeichnet: Da gabs die Heuboden-Lüftungsgauben, das spätbarocke Krüppelwalmdach der Remise noch. Nur das Storchennest war schon verschwunden, das der Hofgut-Schmied, der Vater Wilma Peils aus einer ausrangierten eisernen Landmaschinenfelge zusammengeschweißt und auf dem Ost-First der Zehntscheune angebracht hatte.

Es muss geregelte, für die Menschen in Gründau und geschichtsinteressierte Laien wie Wissenschaftlerinnen auch von außerhalb nutzbare Öffnungszeiten der Archive geben. Einmal in der Woche, mittwochs von 14 bis höchstens 17 Uhr ist definitiv zu wenig.

Dies umso mehr, als das noch in Teil-Rekonstruktion befindliche Archiv des Niedergründauer Heimat-Museums wie auch die auf mehrere Standorte verteilten Teile des ehemaligen Mittel-Gründauer Ortsarchivs grundlegende Dokumente zur nicht nur hessischen Demokratie- und Widerstands-Geschichte enthalten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Manfred, H.-W. Koehler

(Mitglied der Hessischen Historischen Kommission)

i.A.

Hartmut Barth-Engelbart ,

(Pressesprecher und Mitglied des Historisch-Demokratischen Vereins Mittel-Gründau von 1848 in der IAS e.V., Mitglied im Gründauer Geschichtsverein)

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

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