corona 186: Wann beginnt die Diskussion über Maßnahmen für ein soziales Leben mit Corona? Eine Wutrede

17. 11. 2020 | Gestern ist die Kanzlerin bei den Ministerpräsidenten mit weiteren Verschärfungen von Verbotsmaßnahmen vorerst abgeblitzt, morgen soll die gesetzliche Ermächtigung zum dauerhaften Einreifen per Notverordnung in die Grundrechte im Schweinsgalopp durch die demokratischen Instanzen gejagt werden. Nur über eines spricht kaum einer: Maßnahmen, die geeignet wären, ein halbwegs normales gesellschaftliches Leben mit Corona zu ermöglichen.

Es ist zum Haare raufen und zum Verzweifeln. Es fällt immer schwerer, Regierenden guten Willen zu unterstellen, die im neunten Monat der Pandemie immer noch so kopflos wellenbrecherisch agieren wie im ersten Monat (als man es noch jedem nachsehen konnte) und so tun als gäbe es nichts anderes als die Infektionszahlen durch wiederkehrende Lockdowns vorübergehend zu drücken, die Schäden mit riesigen Milliardensummen an Steuergeld notdürftig abzumildern und ansonsten auf einen hastig entwickelten Impfstoff zu warten, der dann angeblich ganz sicher sein wird und zu dessen Einnahme niemand gezwungen werden soll, außer vielleicht, er will den Heimatort verlassen oder zur Arbeit oder ins Fitnessstudio gehen oder ähnliche kapriziöse Dinge tun.

Es ist kein Geheimnis mehr und lässt sich auch schwer als Verschwörungstheorie bekämpfen, dass dieses Virus mit uns bleiben wird. Wollen wir ab jetzt alle paar Monate das öffentliche Leben für ein paar Monate herunterfahren? Was wäre nötig, damit das nicht nötig ist? Warum interessiert das unsere Regierenden offenbar gar nicht?

Ist es wirklich genug, dass die Bertelsmann-Stiftung und ihre medialen und politischen Hilfstruppen für eine Weile aufgehört haben, die Schließung der Hälfte der Krankenhäuser und die massive Reduktion der Bettenzahl zu fordern?

Wo sind sie die Bertelsmänner und die anderen reichen Stiftungen, mit ihren kundigen und kreativen Konzepten für ein soziales Leben mit Corona? Fast völlige Funkstile?

Das ist auch eine Frage an die vielen wohlmeinenden Menschen, die ihre ganze Energie und Wut darauf richten, Charakterschwächen und Argumentationsfehler bei Kritikern der fantasielos-einseitigen Verbotspolitik der Regierenden zu finden, anstatt diesen Regierenden etwas Feuer unter den Hintern zu machen, damit sie auch mal etwas Proaktives, Nicht-Verbietendes tun.

Wie kann es sein, dass es im neunten Monat der Pandemie keine nationale Kraftanstrengung gibt, Pflegekräfte zu gewinnen und auszubilden und bestehende Pflegekräfte zu IntensivpflegerInnen weiterzubilden, um dem schon lange bestehenden Mangel wenigsten jetzt, in Pandemiezeiten, abzuhelfen. Es sage keiner, das dauere zu lange. In neun Monaten kann man viel lernen und das Virus wird wie gesagt bei uns bleiben. Und die Alterung der Gesellschaft sorgt dafür, dass die Erhöhung der Zahl der Pflegenden auch abseits davon ganz sicher nicht umsonst wäre.

Was wird getan? Es werden lächerliche Image-Filmchen gedreht. Es wird daran gewerkelt, den Armuts-Tariflohn, den man als Pflegekraft bekommt, verbindlich zu machen und einen Tick anzuheben. Das ist nicht einmal im Ansatz eine Kraftanstrengung, das ist jämmerlich.

Nötig wäre es, einen Bruchteil des Geldes, das man jetzt für einen Lockdown ausgibt – der nötig gewesen sei, weil nicht genug Pflegekräfte da seien, um eine größere Infektionswelle zu verkraften -, ausgeben würde, für eine großzügige Ausbildungszulage für Pflegekräfte. Nötig wäre eine drastische Erhöhung der Tariflöhne in Pflegeberufen. Nötig wären Sofortprogramme zu Ausbildung in Intensivpflege.

Das sind die ganz offensichtlichen Dinge, über die gar nicht, oder nur in zaghaften Ansätzen geredet und gestritten wird. Warum? Weil wir lieber wie das Kaninchen auf die Impfschlange starren sollen? Das sollte morgen im Bundestag und Bundesrat dringend diskutiert werden und in den kommenden neun Tagen, bis sich Bundeskanzlerin und Länderchefs wieder zusammentelefonieren um ihre Untätigkeit in den letzten sieben Monaten mit weiteren Einschränkungen der Handlungsfreiheit der BürgerInnen zu übertünchen.

Was ist in den letzten Monaten geschehen, einen sicheren Schulbetrieb möglich zu machen? Sehr wenig. Was ist geschehen, damit die StudentInnen mal wieder ProfessorInnen und MitstudentInnen live sehen können? Fast nichts.

Wo sind die höherwertigen Masken für die Risikogruppen, die wir in Ermangelung derselben mit einem wiederholten Lockdown schützen müssen?

Ich bin kein Epidemiologe und kann nicht beurteilen, ob Luftfilter in Klassenräumen und Büros helfen würden, oder was es bräuchte, damit sie helfen. Ich bin nicht schlau genug, mir die vielen anderen Maßnahmen auszudenken, die nützlich wären, um ein halbwegs sicheres, halbwegs soziales Leben mit Corona zu ermöglichen.

Deswegen finde ich es so überaus frustrierend, dass die Experten in den Regierungen, den Stiftungen und anderen Institutionen, die vorgeben unser Wohl voranbringen zu wollen, sich nicht darum kümmern mögen es herauszufinden, zu erproben und zu verbessern.

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

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