
Dass die Hunnen unter Attila um 440/50 vor Gründau-Gettenbach, am späteren Judengrund und auf dem Stickelsberg und an dem nach ihnen benannten Hunn-Flos, dem Hunn-Mühlbach gelagert und hier Verhandlungen mit den Burgundern und dem letzten weströmischen Kaiser Aetius geführt haben, die vom Wormser Bischof moderiert wurden, das konnte ich leider bisher nicht mit Dokumenten belegen. Zwei Gründauer SPD-Politiker hatten mir zugesagt, mir die entsprechenden Quellen zu nennen, die u.a. in der burgundischen Hauptstadt Besancon, im Byzanz des Westens zu finden seien. Norbert Bräunig, der Verwaltungsrichter und Historiker und Peter Rangol haben ihre Kenntnisse mit ins Grab genommen. Bisher ist es mir nicht gelungen, die Archive in Besancon zu durchforschen.
Es gibt eine Reihe von Indizien, die die Anwesenheit der Hunnen auf diesem steinzeitlichen, bandkeramischen, bronzezeitlichen, keltisch-merowingisch, römischen, limesnahen Siedlungsplatz mehr als nahe legen.
Der nahe Hagengrund muss natürlich nicht auf Hagen von Tronje zurückzuführen sein … könnte aber schon. Wie auch bei Hanau & Hagenau i8m Hanauer Land muss es sich nicht um eine „umhegte Aue“ oder einen „umhegten Grund“ gehandelt haben, sondern um Plätze, an denen Hagen eine Weile weilte. Man kann durchaus von Besancon über Hagenau und Hanau am Hagengrund vorbei in das Grenzgebiet Richtung Fulda-Senke gelangen, um die dort einmarschierenden Hunnen zu treffen. (so wie man umgekehrt über die Fuldasenke Richtung Sachsen marschieren kann, um diese Heiden zu christianisieren und diese MISSION EAST später fortzusetzen z.B. als „Unternehmen Barbarossa“…) Ob Hagen, der Verräter bei den Verhandlungen mit Attila dabei war? Ein Hagengrund spräche dafür.
Kommen wir zu Hühnerzucht, Gewässerkunde & Etymologie
Bei dem Gründau-Gettenbacher Hunn-Flos kann man seinen im 5., 6., 7. oder 8. Jahrhundert entstandenen Namen nicht auf Hühner zurückführen, denn erst im Hochmittelalter vom 11. bis zum 13. Jahrhundert wurde mit der Zucht von Lege- und Masthühnern in Zentral-Europa begonnen und wahrscheinlich noch viel später in Gettenbach, das sicherlich nicht zu den frühesten Hühnerzuchtzentren Europas gehörte.
Dass der Name von Birkhuhn oder Auerhahn stammt ist eher unwahrscheinlich, es sei denn es hätte bedeutende Vorkommen über das heutige Verbreitungsgebiet hinaus schon im Frühmittelalter in der hiesigen Region gegeben. Könnte sein. Die Hunnen als Namenspaten scheinen mir aber wahrscheinlicher.
Historikern mit akademischen Titeln ist es oft ein Greul, sich mit Oral History und Indizien zu befassen und Geographie, Geologie, Soziologie, Etymologie, Physik und Chemie oder die Grundlagen & Geschichte des Wasserbaus bei ihren Recherchen zu berücksichtigen.
Bei der Erforschung der Mühlengeschichte einer Region müssen die oben genannten Wissenschaften einbezogen werden, um die Existenz der regionalen (ehemaligen) Mühlen nachzuweisen: Studium der Geologie, der Flurkarten, der Tektonik. Die Mühlbäche wurden seit Jahrhunderten über viele Kilometer durch künstliche Bachbetten -oft durch Stützmauern befestigt- zu den Mühlen geführt, Bachbetten die heute verschüttet Trassen für Straßen und Radwege bilden – so wie in Breitenborn über Haingründau, Mittel-Gründau bis ins Hinzerdorf in Langenselbold, oft beidseitig des Litterbaches und der Gründau.
Die Wassermühlentechnologie wurde von den Römern schon im 1. Jahrhundert nach Germanien gebracht: Wassermühle – Wikipedia. Die einstigen Mühlbachläufe sind heute noch auf aktuellen Karten und entlang der Stützmauerwerke zu erkennen, auch wenn diese durch kreuzende Straßenführungen unterbrochen oder überbaut sind.
Hier eine Luftaufnahme der Dorfmitte Mittel-Gründaus:

Mittel-Gründau, das Dorf mit ehemals zwei Mühlbächen beiderseits des Haselbaches, der unter der Bachgasse fließt: der bäuerliche Almende-Mühlgraben lief dort, wo heute die „Alte Schulstraße“ verläuft (rechte Bildseite), der fürstliche Mühlgraben verlief von der oberen linken Bildecke fast 45 Grad quer über die linke Bildhälfte bis zu der Baumreihe (Bildmitte unten links) neben der langgestreckten Zehntscheune am Altwiedermuser Weg, wo noch bis in die 1970er der Kornspeicher und die Mühle der fürstlichen Domäne stand.
Zur Vertiefung der folgende Artikel:
Gründauer Hunn-Flos, Hunn-Mühle & Hunn-Hof & die Christianisierung der Main-Kinzig-Gründau-Fall-& Semenbach-Nidder- & Nidda-Wetter-Region durch die Bischöfe von Worms & deren Rolle bei den Verhandlungen zwischen dem letzten weströmischen Kaiser AETIUS, den Burgundern & den Hunnen …

Der zum „Hühner-Hof“ verballhornte Hunn-Hof in den End-1980ern (Hier eine Sicherungs-Fotografie für HaBEs Weiterzeichnen bei schlechtem Wetter. Die Federzeichnungen und Aquarelle sind leider verschollen. Zu erkennen sind noch Teile der Hunn-Mühle (rechts neben dem nach dem 30jährigen Krieg wieder aufgebauten Fachwerkhaus) , der alleinstehende Schornstein der abgerissenen Brennerei und der Hunn-Mühlbach)
Nach dem Konzil von Nicäa 325 hatten die christlichen Missionare als quasi Staatsreligions-Vertreter auch in den „weströmischen“ Standorten den Vorrang vor jüdischen, Dionysos- und Mithras-Kulten erreicht, sie boten die fantastischsten Wunder an und waren gegen Verfolgungen gefeit. Sie konnten jetzt mit militärisch-staatlicher Rückversicherung auch die konkurrierenden „Heiligen Stätten“ des Dionysos- und Mithras-Kultes zerstören, überbauen, leicht verändert übernehmen. Noch schlimmer wurde das mit der „innerchristlichen Säuberung“ beim Kölner Konzil 346 (an dem der Wormser Bischof Viktor teilgenommen haben soll), als die Arianer ausgeschaltet wurden.
Zu den innerkirchlichen Säuberungswellen empfiehlt es sich, die Bücher Karlheinz Deschners zu lesen, besonders „Und abermals krähte der Hahn“ und „Die Kriminalgeschichte des Christentums“ Karlheinz Deschner – Wikipedia
Ab 1792 wurde das linksrheinische Gebiet des Bistums und Hochstiftes Worms von französischen Revolutionstruppen besetzt und bis 1801 nach und nach säkularisiert. 1803 hörte es endgültig auf zu bestehen. Der linksrheinische Diözesananteil wurde erst dem französischen Großbistum Mainz, dann den deutschen Bistümern Mainz und Speyer zugeschlagen, während der rechtsrheinische Teil bis 1827 als Vikariat Lampertheim fortbestand und später ebenfalls zum Bistum Mainz bzw. auch teilweise zum Erzbistum Freiburg kam. (aus wikipedia)
Der Wormser Paradiesschlüssel aus dem Bistumswappen blieb im Wappen des Groß-Herzogtums Hessen-Darmstadt erhalten, weil die Grafschaft Katzenellenbogen mit dem Wormser Schlüssel im Wappen Teil des Darmstädter Groß-Herzogtums und in dessen Wappen aufgenommen wurde.

Das Wappen des Bistums Worms, dessen Paradiesschlüssel sich im Gründauer Wappen wiederfindet:

Das halbierte Hähnchen stammt nicht aus dem preußischen sondern aus dem österreichischen Wappen, denn Mittel-Gründau gehörte mindestens ein Jahr zu Österreich. Na ja, vielleicht wollte der beauftragte Gebietsreform-Heraldiker aber auch nur dem preußischen Adler den Kopf nicht spalten. Diese Erklärung scheint logischer, denn die Grenze zwischen GH und KP, wie es duzende von Grenzsteinen belegen, zwischen dem Groß-Herzogtum Darmstadt und dem Königreich Preußen lief mitten durch das heutige Gründau. Und die Abkürzung GH & KP wurde von den Leuten zu Beginn des 19. Jahrhunderts so interpretiert: Großer Hunger / Kleine Portionen. Dazu gibt es auch ein schönes Lied (hier etwas „verhochdeutscht): „Kennst Du das Land, wo die Kartoffeln blühn, wo Mägd und Knecht die Wagen selber ziehn, Wo’s große Hunger gibt und nix zu fresse? Das ist das Land der blinde Hesse. (in der Hungersnot von 1818/1820 ff wurden in Hessen in den Dörfern und Städten die meisten Zugtiere geschlachtet. Deshalb wurden auch die ersten Fahrräder, die Holz- & Drahtesel als Transportmittel gebaut und wegen des Lärms der eisernen Felgen auf den städtischen Kopfsteinpflaster-Straßen der Fahrradschlauch erfunden)
Das oder der Hunn-Flos von Gründau wurde einerseits von Flößern zum Transport von Bauholz benutzt wie die Flöße im Gettenbacher Wald, die dann als Mühlbäche weiter geführt wurden bis zu Papier-, Getreide-, Säge-, Pfann-, Hammer-, Schrot-, Weiß-, Schwarz-, Bann-Mühlen usw., bis zu Fisch-zuchtteichen & Holzteichen für die Haltbarmachung der Baumstämme, besonders der Eichen, die dann nicht faulend als Grundmauer-Abschluss gebraucht werden konnten oder als „Gründung“ in sumpfigem Gelände …. Für all das war Wasserbau seit tausenden von Jahren schon überlebens-wichtig.
Bei der Christianisierung des Gründau- & Kinzig-Tales spielten die Wormser eine zentrale Rolle, lange bevor Kilian & Bonifatius die konkurrierenden Heiligtümer zerstörten, überbauten usw.
Aber auch bei der jüdischen Mission spielte Worms eine zentrale Rolle:

Warum die späteren Besitzer des Wohnhauses des Michelstädter Wunder-Rabbis Sekel Löb-Wormser daraus die Gaststätte „Zum wilden Mann“ machten und wann sie es machten, muss ich noch recherchieren. Ein antisemitisches Motiv würde ich ausschließen.


Worms war auch ein Mittelpunkt der jüdischen Missionstätigkeit bis ins 19. Jahrhundert. Nicht umsonst heißt der Michelstädter Wunder-Rabbi Löb-Wormser. Mehr dazu hier: HaBEs Ver-Führungen durch den Odenwald & besonders durch Michelstadt von den Kelten, Römern & Germanen, Nibelungen & Hunnen, Wehrwirtschafts- & anderen Führern bis heute – barth-engelbart.de
Ob und wann die umfangreiche Bibliothek des Sekel Löb-Wormser in die Michelstädter Bibliothek des Nicolaus Matz aufgenommen wurde, muss ich noch recherchieren. Nikolaus Matz stand als gebürtiger Michelstädter und Rektor der Freiburger Universität stets im Verdacht, ein früh konvertierter Jude zu sein. Vom Matzen-Bäcker zum Matz ist es nicht weit.
(Im „Damenschneider“ streiten ein NS-Biologe, Lorenz-Schüler & Hobby-Historiker und ein aus dem Exil zurückgekehrter säkularisierter jüdischer Historiker & Religionswissenschaftler darüber, ob Matz Jude oder Arier war)
Warum ich hier so ausführlich über Michelstadt schreibe, liegt daran, dass ich bereits als 12jähriger dort als Fremdenführer begonnen und mein Taschengeld verdient habe und daran, dass sich hier die beiden konkurrierenden „Nibelungenstraßen“ (B45 & B47) aus Worms kommend trafen und über die Höhenrücken oder über die schiffbare Mümling bis nach Obernburg/Seligenstadt gingen, dort den Main querten und anschließend eine der Kinzig-Furten nahmen, um über den Langenselbolder „Klosterberg“ die aus Frankfurt kommenden Königswege nach Leipzig, Prag, Moskau usw. über die Scheidwege am Stickelsberg (mitten auf dem heutigen Hecker’schen Golfplatz) zu erreichen. Eventuell hatten die Burgunder auch einige Flaschen für Attila im Gepäck, als sie den „Judengrund“ rechts liegen ließen und zusammen mit einem Wormser Kleriker am Hunn-Hof eintrafen.
Jetzt aber zurück ins Kinzig- & Gründau-Tal & zum Hunn-Flos

Teil eines Kobold-Steines, einer Mithras-Kult-Stele im Mittel-Gründauer Ahl, mit der „Perser-Mütze“ der Urahnen unserer Gartenzwerge und Till Eulenspiegels
Floß als Bezeichnung für einen Bachlauf stammt aus dem Althochdeutschen, jener Sprache, die die Leute, die Tuitsen, die Menschen aus dem gemeinen Volk in Teilen der heiligen römischen Reiches deutscher Nation schon vor Karl dem Großen sprachen, im Gegensatz zu dem klerikalen Kirchen-& höfischen Latein der Missionare und monarchischen Sachsen-, Friesen-, Sorben- und Slavenbezwinger und Spanien-„Befreier“ wie Karl Martell.
Zahlreiche Kilians-Flöße, wie der in Michelstadt/Odw erhielten ihre Namen erst im oder nach dem 8.Jahrhundert, aber immer noch mit dem Althochdeutschen „Floß“, das die wesentlich ältere Bezeichnung für einen Bach ist.
Die von Huhn abgeleitete Erklärung für „Hunn-Floß“ macht keinen Sinn, da Hühner -aus den ostasiatischen Gebieten in Zentral- & Nord-Europa eingeführt & eingekreuzt- erst im Hochmittelalter zum Zahlungsmittel der armen Leute wurde & wenn Huhn, dann der Gallus eine Rolle spielte, bei den verschiedenen Gallus-Märkten, die übrigens nicht immer nach dem St. Gallus benannt wurden. Für einen halben Gallus, für’n Appel & en Ei konnten sich die armen Leute bis hoch ins Spätmittelalter schon mal was kaufen, aber das Ei oder der Apfel als überregionales Zahlungsmittel? Auch Rührei hält sich nicht so lange:-0))) Und geschlachtete Hähnchen ohne Kühlbox? Oder eine Wagenladung voller lebender Hühner? Nicht nur Wölfe warteten auf solche Tiertransporte auf Eselskarren, hungrige Mäuler lagerten in den Gebüschen über den Hohlwegen und fraßen nach den Hühnern den Esel gleich mit auf …
Die Bremer Stadtmusikanten wären unterwegs von ausgehungerten Kinderbanden aufgefressen worden … Die Stadtmusikanten sind eher ausgesetzte , überzählige Kinder gewesen … wie Hänsel & Gretel … & Rotkäppchen…. Kinder, die der Rattenfänger von Hameln für die Kinderkreuzzüge rekrutierte & die dann fliehen konnten … Dass 400/500 Jahre später ganze Ortschaften von den Fürsten & Grafen an die Britische Krone verkauft und von Karlshafen nach Bremen und von dort nach Nordamerika verschifft wurden, ist eine Fortsetzung dieser Geschichte, die hier jetzt nicht auch noch erzählt werden soll.
Ausschnitt aus wikipedia zum Huhn:
Etymologie
Das meist als Tiername verwendete Wort „Huhn“ ist letztlich abgeleitet von der urindogermanischen Verbwurzel *kan- ‚singen, klingen‘ (lateinisch canō ‚ich singe‘). Im Urgermanischen entwickelte diese Wurzel sich auf Grund der germanischen Lautverschiebung (*k→χ→h) zu *hanô („Hahn“) und *hanjō („Henne“) und, durch den Prozess der Apophonie, auch zu *hōną („Huhn“).[3] Lateinisch wurde das Haushuhn bzw. der Hahn früher Gallus und das weibliche Haushuhn bzw. die Henne Gallina genannt.[4]
Der folgende Ausschnitt aus der Veröffentlichungen der „Nibelungenlied-Gesellschaft“ in Worms legt nahe, im Byzanz des Westens, in Besançon mit französischen Historiker-Kolleginnen zusammen die dortigen Archive zu durchkämmen. Dass zwei Gründauer SPD-Politiker die von ihnen recherchierten Quellenangaben mit ins Grab genommen haben, ist ein zusätzlich schmerzlicher Verlust.
ATTILA
UND ETZEL
Was man von den Hunnen erzählt
von Volker Gallé

Etzel sendet Botschaft nach Worms, ..
Hundeshagen Handschrift, 15. Jh. ..
(Hier HaBE ich mich gefragt, wo er bei dieser Botschaft gerade Hof hielt? Vielleicht auf dem Hunnen-Hof, der auf- und aus römisch-merowingischen Trümmern unweit des „Stickelberges“ einer frühkeltischen Ringwall-Bergsiedlung errichtet wurde, oder noch fast intakt genutzt werden konnte? Die in unmittelbarer Nachbarschaft liegenden Hügelgräber, die auf dem Stickelsberg gefundenen Steinzeit-Werkstätten weisen auf eine Besiedlung seit mindestens der Bandkeramiker-Kultur hin. Das auf dem Stickelsberg gefundene Bronce-Beil ebenfalls)
Die Hunnen richten Blutbäder an, sind zu Pferd tückisch schnell wie ein Pfeil – und äußerst schlecht gekleidet. Für den römischen Geschichtsschreiber Marcellinus waren sie nicht nur „die furchtbarsten aller Krieger, weil sie im Nahkampf mit der Waffe ohne Rücksicht auf sich selbst fechten“, sondern auch optisch ein Grauen. Das Reitervolk nahe des Eismeeres, schrieb er, trägt Gewänder, die aus Fellen von Waldmäusen zusammengenäht sind, und schützt seine Beine mit Ziegenfellen. Was für Marcellinus als eine barbarische Erscheinung galt, ist heute ein Trend: Eiszeit-Chic heißt das Mode-Thema für den Herbst 2003…Die Designer haben die Wildnis entdeckt, und überetzen sie in eine neue Mischung aus Folk, Fantasy und Military…Gefeiert wird der einsame Wolf, der Einzelkämpfer.“
So zu lesen in der „Welt am Sonntag“. Da die Hunnen nicht vom Eismeer stammen, sondern aus Mittelasien und sich irgendwo zwischen dem Pamir (Tadschikistan/Mongolei) und der Ukraine aus Nomadengruppen zu einem Kriegsheer zusammengefunden haben – das Eismeer liegt etwa 3000 km weiter nördlich – , sie der Propaganda früherer Zeiten weniger als Einzelkämpfer denn als Horden angsteinflößend waren und Ammianus Marcellinus, der Ende des 4. Jahrhunderts eine 31-bändige Geschichte des Römischen Reiches verfasst hat, wahrscheinlich nie einen Hunnen gesehen – sagt der Text – wie so häufig in der Rezeption – mehr über unsre heutige Zeit als über die historischen Hunnen aus.
Aber dazu später noch einmal.
In einem Interview spiegelt der amerikanische Sprachwissenschaftler und Kriegskritiker Noam Chomsky die Debatte um Saddam Hussein in dem seit Jahren geläufigen Vergleich von Saddam als „Reinkarnation von Attila dem Hunnen“. Grausamer Diktator, Asien, unbarmherzige Krieger ohne Todesfurcht, Bedrohung des Westens – das sind die Versatzstücke dieses Bildes. Interessant übrigens, dass die Deutschen – spätestens seit der Hunnenrede Kaiser Wilhelm II. beim chinesischen Boxeraufstand 1900 – selber im Westen „huns“ genannt werden, obwohl sie sich ihrerseits als Bollwerk gegen östliche Horden verstehen. Die Entmischung der östlichen Steppenvölker, zu denen Germanen, Slawen, Hunnen, Mongolen, Ungarn, Türken etc. gehören, diese Entmischung, die z.B. mit einer „Nordisierung“ der Germanen einhergeht, ist also – wie so vieles – ein Propagandaakt des 19. und 20. Jahrhunderts. Andrerseits stellt sich in der Tat die Frage, ob Attila ein Warlord wie Saddam war, der eine von imperialen Interessen Roms angeregt und gestützt, der andere von imperialen Interessen der USA. Vielleicht aber war Attila schon einen Schritt weiter, ein Staatsmann, der in einer Art „Pax hunnica“ im zerfallenden spätrömischen Reich für Integration und öffentliche Ruhe sorgte, zumindest bei seinen Verbündeten und in seinem Herrschaftsbereich.
In der Überlieferung zu Attila jedenfalls – so hat es der Germanist Helmut de Boor 1932 erstmals zusammengetragen – gibt es drei Stränge, zwei negative, nämlich den nordischen und den romanischen, und einen positiven, nämlich den westgermanischen, der sich in der mittelalterlichen Epik widerspiegelt (Nibelungenlied und Dietrichsepik) sowie vor allem in Ungarn fortsetzt und erhalten hat.
Im lateinischen Waltarius (9. oder 10. Jh.), im Nibelungenlied (um 1200) und im Rosengartenlied (13. Jh.), also etwa 400 Jahre lang, ist Attila/Etzel ein toleranter und höfischer Staatsmann Der Waltharius z.B. beginnt (Zeile 1 bis 10) mit einer Beschreibung eines hunnischen Landfriedens, der nur der „Pax romana“ vergleichbar ist:
Brüder, ein Drittel des Erdkreises trägt den Namen Europa,
welches mancherlei Völker nach Sitte, Sprache und Namen
scheidet, ferner nach Tracht und den Göttern , die sie verehren.
Wohlbekannt ist Pannoniens Volk in der Zahl der Bewohner,
das wir jedoch die Hunnen zumeist gewohnt sind zu nennen.
Dieses tapfere Volk, durch Kriegsmut und Waffentat glänzend,
unterwarf nicht allein die ringsum liegenden Länder,
sondern es drang auch vor zu des Ozeans Küstengestaden,
dem, der sich beugte, Bündnis gewährend, Empörer bezwingend.
Länger als tausend Jahre, so heißt es, währt ihre Herrschaft.“
Da wäre die Idee vom ewigen, tausendjährigen Frieden, die Mischung der Völker und das römisch-imperiale Prinzip: „dem, der sich beugte, Bündnis gewährend, Empörer bezwingend“. Im Nibelungenlied wiederholt sich dieses Bild, so z.B. in der 22. Aventiure „Wie Kriemhild von Etzel empfangen wurde“ (Strophe 1338 und 1339):
Vor Etzel sah man auf den Straßen viele kühne Ritter ganz unterschiedlicher Sprachzugehörigkeit reiten, eine große Menge Christen und Heiden…Viele Russen und Griechen waren dabei; Polen und Walachen sah man geschwind und kräftig auf ihren vorzüglichen Pferden vorbeireiten. All ihre Bräuche pflegten sie.“
Und dass Etzel auch persönlich ein höfischer Fürst war, beweist seine Gastfreundschaft, die auch schweren Konflikten standhält, so z.B. als Volker von Alzey bei einem Turnier einen hunnischen Ritter tötet. Etzel beschreibt den Vorfall als Unfall (Strophen 1895-1897):
Einem Verwandten des Hunnen, den er (Etzel) bei dem Getöteten stehen sah, riß er ein großes Schwert aus der Hand. Damit trieb er alle zurück; denn er war sehr zornig: „Wie würde ich meine Gastpflicht gegenüber diesen Helden verletzen, wenn ihr hier in meiner Gegenwart diesen Spielmann erschlüget“, sagte König Etzel, „das wäre Unrecht. Ich habe sehr wohl gesehen, wie er geritten ist, als er den Hunnen erstach, und dass es ohne seine Schuld beim Straucheln des Pferdes geschehen ist. Ihr müsst meine Gäste in Frieden lassen.“
Die Salzburger Germanistin Margarethe Sprigneth beschreibt den Hunnenhof in ihrem Aufsatz von 1996 so: „Sein Hof ist eine begehrte Ausbildungsadresse für die nachkommende Rittergeneration. Die offensichtlich gewaltfreie Koexistenz von Christen und Heiden demonstriert die religiöse und weltanschauliche Toleranz des Herrschers. Etzels Hofhaltung scheint vorbildhaft und erfüllt wie andere idealtypische Höfe der mittelhochdeutschen Epik die zeitgenössischen literarischen Standards.“ (S. 36/37) Etzel sei mit Karl oder Artus vergleichbar (S.36). Dazu passt der gotische, also germanische Name Attila, der nichts anderes als Väterchen bedeutet. Allerdings lässt das Nibelungenlied auch diesen scheinbar vorbildlichen Hof scheitern. Den Untergang der Burgunder und eines großen Teils der Hunnen kann auch der höfische Attila nicht verhindern.
Von der Literatur zur Geschichtswissenschaft: Dass zu Attilas Reich und Heer andere Völker, ja im wesentlich vermischte Gruppen – und wir wissen heute, dass es sich bei den Völkern des 5. Jh. eher um ethnisch gemischte Kriegergruppen handelte als um kulturell und sozial einheitliche Ethnien – dass zu Attilas Reich und Heer nicht nur Hunnen gehörten, beschreibt auch der Historiker Gerhard Wirth in seinem Atillabuch von 1999: „Neben Hunnen und anderen Stämmen ihres Untertanenverbandes, Goten, Gepiden, Skiren, gehörten zu diesem Heere auch Kontingente der Thüringer, dazu sicher Slaven aus dem Umfeld. Es wäre denkbar, dass die archäologisch fassbaren hunnischen Enklaven in Polen, Schlesien und der Slovakei zusätzlich auch als Aushebungs- und Werbezentren fungierten.“ (S.99)
Attila herrschte von 445 bis 453, die Hunnen bewegten sich ab 375 Richtung Mittel- und Westeuropa. Über diese Zeit gibt es nur römische oder griechische Quellen, eine hunnische Perspektive fehlt völlig.
Aus der allgemeinen Rezeptionsgeschichte der antiken Quellen wissen wir, dass dort nicht nur Eigenbilder auf die Fremden übertragen (Interpretatio romana) und politische Propaganda betrieben wurde, sondern das man auch literarische Topoi wie den von den Barbaren einfach wiederholte, ohne sie mit aktuellen Informationen zu vergleichen. Um so wichtiger ist also eine Bewertung der Quellen. In der Regel werden die Quellen als glaubwürdiger angesehen, die direkt aus der Zeit des Geschehens stammen und deren Autoren am Ort des Geschehens waren. Als „zuverlässig und unvoreingenommen“ (Springeth S. 30) gelten daher vor allem die Berichte des Byzantiners Priskos, der im Jahre 449 als Mitglied einer oströmischen Delegation längere Zeit am Hunenhof weilte und Attila persönlich kennengelernt hat. Persönliche Kenntnis hatte auch Cassiodor, der spätere Berater König Theoderichs. Der oströmische Geschichtschreiber Jordanes dagegen hat diese beiden Vorlagen 90 Jahre später in seine Geschichte der Goten übernommen und bearbeitet.
Der Hof Attilas und seine Kultur waren, wie Wirth und Howarth, dessen Attilabiografie von 2001 stammt, mit Blick auf die frühen Quellen übereinstimmend urteilen, römisch, bzw. griechisch geprägt. Persönlich, so Priskos, habe sich Attila durch seine Vorliebe für ein schlichtes Gewand vom Pomp seiner Umgebung abgehoben. Howarth weiter: „Er zeigte sich als fürsorglicher Vater und seiner Frau räumte er einen würdevollen Platz an seiner Seite ein. Seine engsten Freunde waren ihm restlos ergeben…Den Botschaftern gegenüber war er höflich und auch mit den Finessen der Diplomatie vertraut, selbst wenn er deutlich machte, dass er nur den, der die Gesandten geschickt hatte, als in jeder Hinsicht mit ihm gleichgestellt betrachten konnte. Er besaß Größe genug, nach einem Sieg Großzügigkeit walten zu lassen, selbst gegenüber einem korrupten und kriecherischen Möchtegernattentäter.“ (S. 99/100)
Im Nibelungenlied also und der mittelhochdeutschen Epik allgemein spiegelt sich also das Bild der authentischen frühen Quellen und die Perspektive der mit Attila verbündeten Germanen. Darin ist er vom Warlord bereits aufgestiegen zu einem imperialen Herrscher. In Mitteleuropa ist dieses Bild weitgehend untergegangen und wird erst durch die nach 1968 sich ständig verstärkende Kritik des Kolonialismus allmählich wiederbelebt. Erhalten hat es sich dagegen über alle Jahrhunderte hinweg in Ungarn, wo die historischen Hunnen ihren Siedlungsschwerpunkt hatten. Der Westen reiht die Ungarn (10. Jh./955 Sieg Ottos des Großen über die Ungarn auf dem Lechfeld) wie die Hunnen, Mongolen und Türken in die Reihe der Bedroher aus dem Osten ein, aber die Ungarn haben – anders als die Hunnen – eine eigene Überlieferung bilden können. So heisst es in einer ungarischen Quelle von 1358: „Die Magyaren, d.h. die Hunnen, haben auch zum 2. Mal Pannonien erobert. Der Herr hat also den Magyaren Pannonien zurückgegeben, so wie zur Zeit des Moses den Söhnen Israels sämtliche Ländereien des Kanaan vererbt wurden“ (Istvan Nemeskürty, 1996, S. 24).
Die Ungarn sprechen von einer 2. Landnahme. Die Abstammung der königlichen Arpaden wurde von Attila hergeleitet. Debatten zu diesem Thema gab es allerdings hin und wieder zwischen Adel und Klerus. Letzterer stellte dem Heiden Attila den christlichen König Stephan gegenüber. Im 15. Jh. (Howarth, S. 235), als Ungarn unter König Matthias Corvinus bis Böhmen expandierte, erlebte der Attilamythos eine neue Blüte. Auch in der Abwehr der Türken um 1670 wurden die Hunnen als Vorbild bemüht. „Ein bedeutendes Ereignis im kulturellen Leben Budapests war 1993 die Aufführung der Rockoper Attila“, berichtet Howarth (S. 237) schließlich. Und der Vorname Attila ist heute noch in Ungarn (siehe den Jazzer Attila Zoller) und in der Türkei (Torjäger von Türkgücü/Kreisliga Worms 02/03 = Attila Acar) beliebt.
Felix Dahns immer wieder verfilmter Roman „Kampf um Rom“ (1876) stellt die andere Seite dar. Dort sind es zwar die Goten unter Theoderich, die das spätantike Westrom erobern, aber in Italien erinnert man sich daran mit den gleichen Bildern und dem gleichen Schrecken wie an die hunnische Plünderung der antiken Stadt Aquileia, nördlich von Venedig. Für Westrom waren Germanen und Hunnen keine wesentlichen Unterschiede, zumal sie immer wieder in Bündnissen auftraten. Bei beiden Gruppen versuchte man zu zivilisieren. d.h. sie als Warlords gegen Feinde Roms einzusetzen und an den Grenzen anzusiedeln. Bis die Warlords der imperialen Strategie aus dem Ruder liefen und Rom heimsuchten.
Das Hunnenthema wurde im Italien der Renaissance wieder aufgenommen. „Zwischen dem ersten Viertel des 16. Jh. und 1632 sind etwa 20 Auflagen eines Werkes mit dem Titel „La Guerra D’Attila, Flagello die Dio“ (Der Krieg Attilas, Geißel Gottes) erschienen.“ (Howarth, S. 215) Das Bild von der „Geißel Gottes“ stammt übrigens von Isidor von Sevilla (560 –636, also über 100 Jahre nach Attila), geht auf den Propheten Ezechiel (7,10) zurück und verbindet sich mit dem Mythos vom Antichristen. Der Renaissanceautor Barbieri behauptet, Attila sei der Sohn eines Hundes und der Tochter eines ungarischen Königs gewesen, der wegen seiner Christenverfolgung berüchtigt war. Als Hintergrund der venezianischen Mode wird die Spiegelung der Zerstörung von Aquileia durch die Hunnen in der Bedrohung Venedigs durch die Türken vermutet. Attilabilder aus dieser Zeit zeigen ihn mit „kurzen Haaren, langen Ohren, einem Ziegenbart und einem herabhängenden Schnurrbart…Aus seinem Kopf wachsen zwei Ziegenhörner.“ (Howarth, S. 216) Fast wie der Teufel also.
1647 führen Schüler der königlichen, von Jesuiten geleiteten Schule von Rouen das Drama „L’Epée fatale ou le fléau d’Atiila“ (Das tödliche Schwert oder die Geißel Attila) auf. Die Legende vom unbesiegbaren Schwert Attilas – das erinnert sowohl an Siegfried als auch an die Artuslegende – stammt von Jordanes (Mitte 6. Jh., etwa 90 Jahre nach Attilas Tod). 20 Jahre nach der Aufführung von Rouen schreibt Pierre Corneille ein Attiladrama (1667/ 20 Aufführungen durch Moliére im Theatre Petit Bourbon). Darin schildert er ihn ganz treffend auf dem Weg vom Warlord zum Staatsmann. Dass er in der Überlieferung antichristliche Züge angenommen hat, führt Corneille darauf zurück, er könne wie die ihm verbündeten Goten Arianer gewesen sein. Als Problem stellte sich allerdings heraus, Attila in die Hauptperson einer Tragödie zu verwandeln: „Er war weder Christ noch alter Römer oder eine Gestalt aus der griechischen Mythologie. Er vertrat nicht einmal eine Sache, mit der sich das Publikum identifizieren konnte.“ (Howarth, S. 219)
Die nordische Tradition der Attila-Rezeption, die kaum auf historischen Originalkenntnissen beruhen kann, schildert den Hunnenkönig als goldgierigen, triebhaften Gewaltmenschen. In der „Edda“ (13. Jh./ob die Texte mündlich überliefert und damit älter sind, ist strittig, aber für unseren Fall auch unerheblich, da es spätantike Quellen gibt), in der „Edda“ beispielsweise tötet Atli Gudruns, d.h. Kriemhilds Brüder und wird dafür von ihr und Högnis Sohn erschlagen. Diese Überlieferung fußt offenbar auf der Geschichte vom Tod des betrunkenen Attila in der Hochzeitsnacht mit einer Burgunderprinzessin namens Hildiko (Kriemhild?). Erste Kerne dieser Geschichte erzählt Marcellinus, ausführlich wird dann Jordanes Mitte des 6. Jh. Vermutet wird hier als Hintergrund der Sage eine Rachegeschichte der Germanen, die sich von den Hunnen trennten oder zu ihren Gegnern wurden wie eben die Burgunder.
In der europäischen Literatur des 18. und 19. Jh. gibt es mehrere Attilabearbeitungen. Der Wiener Hofdichter Pietro Metastasio, der aus Assisi stammte, schrieb ein Aetius-Drama – Aetius war der Gegenspieler Attilas, der als römische Geisel am Hunnehof gelebt hatte. Dieses Aetius-Drama wurde 1732 im Theatre Royal am Londoner Haymarket aufgeführt. 100 Jahre später, 1832, wurde die Attila-Tragödie von Zacharias Werner ebenfalls in London auf die Bühne gebracht. Darin ist Attila ein gnadenloser Tyrann. Erfolgreich wurde die 1846 in Venedig (Teatro Fenice) uraufgeführte Attila-Oper Verdis, die in Aquileia nach dem Hunnensieg spielt. Verdi belebt die Legende von Papst Leo, der Attila nur durch Worte zur Umkehr aus Italien bewegt habe und spielt damit auf patriotische Gefühle seines Publikums und die Befreiung Italiens aus österreichischer Herrschaft an. „Howarth: „Für das zeitgenössische Publikum hatte diese Szene politische Bedeutung. Denn unter den Anhängern des Risorgimento war die Meinung weit verbreitet, dass Italien seine alte Größe nur unter einem liberalen Papst wiedererlangen konnte.“ (S. 224) Attila ist der Feind Italiens und wird am Ende besiegt, getötet.
Elf Jahre später, 1857 wird in Weimar Liszts „Die Hunnenschlacht“ – das meint die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern – uraufgeführt. Der hat das Thema laut einem Brief gewählt, weil er „reichlich Blech“ brauchte (Howarth, S.226). Vor allem den Ritt der Hunnen bezeichnet Howarth als geeignet für Filmmusik. 1917 wurde erstmals ein Hunnfilm gedreht, und zwar in Italien. Anfang der 20er Jahre folgten Fritz Langs „Nibelungen“ in Deutschland, die aufgrund des Drehbuchs seiner später bei den Nazis engagierten Frau Thea von Harbou bei den Hunnen das rassistische Raster „asiatischer Untermensch“ bedienen, ein Thema für sich, weil der aus dem katholischen Wien stammende Lang durchaus nationale Perspektiven mit seinem Film verband, dann aber wegen seiner jüdischen Abstammung in die USA emigrieren musste.
1954 spielt Anthony Quinn die Hauptrolle in einer frz-it. Filmproduktion unter dem Titel „Attila, die Geißel Gottes“. Darin ist Aetius ein blasser, überzivilisierter Römer, Papst Leo der christliche Retter und Attila ein jugendlicher Macho-Rebell, eine typische Quinn-Rolle, die auch in den Rock’n-Roll der Zeit passt. Diese Kriegerrolle kehrt heute wieder, wenn wir uns an das Modezitat vom Anfang erinnern und sie passt zum Grundmuster des globalen Neoliberalismus (der Einzelkämpfer). Sie kann aber auch mit Rebellion aufgeladen werden, so z.B. durch kulturelle Zitate aus dem Migrantenmilieu oder aus außereuropäischen Kulturen. Die Mittelalterband „Corvus Corax“ z.B. kleidet sich durchaus hunnisch, benutzt im Haarschnitt Glatze und Zopf, und bemüht archaische Musikelemente, u.a. mit Dudelsack und Trommel, aber eben nicht mit germanischer, sondern mit schottisch-keltischer Assoziation, was die Brücke zur Bikerszene möglich macht. 1998 übrigens ist auch ein historischer Attilaroman von Thomas R.P. Mielke bei Bastei Lübbe erschienen, ganz im Trend der Fantasy- und Rollenspielszene. Das Modezitat vom Anfang zeigt den Leerlauf dieser Wunschmaschine, die sich auch in Rinkes Nibelungen wiederfindet. Die RAF-Fantasien der Generation Golf träumen die Rebellion, zu der man sich selber nicht imstande sieht, warum auch immer. Daher die Oberflächlichkeit Kriemhilds und Giselhers, die von manchem Feuilleton so sehr beklagt wurde. Rinke spiegelt die Situation einer Generation. Und die Spiegelung führt in den Untergang, schließlich. Ein anderes Beispiel, wie die Kriegerrolle wieder aktiviert wird, ist die literarische Demonstration des virilen und vitalen Rebellen, wie sie z.B. der türkischstämmige Schriftsteller Feridun Zaimoglu in seinem Buch „Kanak Sprak“ entworfen hat (S.Gaschke, Zeit 21.8.2003, S.3). Auch das wiederholt die Geschichte. Die Black Panther um Eldridge Cleaver (Seele auf Eis) haben das selbe Spiel des supermaskulinen Kerls schon mal durchgespielt, allerdings nicht literarisch, sondern politisch und verloren: die Gewalt in dieser Gestalt hat die im rebellischen Impetus verborgene Solidarität, vor allem zu Frauen, Kindern und Alten, verraten.
Wenn der rebellierende Naturbursche wie der Warlord und der imperiale Staatsmann also skeptisch betrachtet werden müssen, nicht nur mit Blick auf den Missbrauch des Heldenbilds durch die Nazis, und dazu auch die skeptische Sicht des Männerbunds gehört, der ja auch der Demokratie ursprünglich zugrunde liegt, wie kann dann eine Revision des Attilabildes vorankommen, wie sie derzeit in der Forschung über die Steppenvölker geschieht? Zuerst einmal muss man die Volksvorstellungen des 19. Jh. revidieren: die Warlords, ob Germanen oder Hunnen, waren keine Stämme im Sinn der Ethnologie und auch keine Völker, sondern nach römischem Vorbild gestrickte Kriegergruppen. Dann muß der imperiale Friede auf den Prüfstand. Wenn es ihm nicht gelingt, kulturell kreativ zu werden, d.h. Kulturen zu vermischen, zu kreolisieren – was abseits der offiziellen Politik sowieso geschieht und die Geschichte antreibt -, wird seine Zivilisation an Bürgerkriegen und anderen Konflikten zerbrechen. Dem Einzelkämpfer schließlich fehlt das soziale Netz, die Kommunikation und Moderation gesellschaftlicher Prozesse. Alles in allem wird ein stärkeres Augenmerk für die Kultur benötigt, genauer gesagt ein Dialog der Kulturen, um Politik überhaupt möglich zu machen. Dafür also und nicht für eine späte Verherrlichung oder modische Zitierung Attilas ist eine Betrachtung und Revision des europäischen Attilabildes nützlich.
Und dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist – das hat unsere Umfrage unter den WZ-Lesern gezeigt. 91 haben sich an der Umfrage zu Etzel beteiligt. Davon hat die Mehrheit, nämlich 35, das traditionelle Bild, also die nordische und romanische Tradition, des grausamen Herrschers angekreuzt. 28 sahen einen leidenden Vater und 20 einen verliebten Narren – das ist vor allem Rinke, der Etzel im Rückzug auf die Familienrolle zeigt – und nur 8 den toleranten Herrscher, wie er vom mittelhochdeutschen Nibelungenlied gezeichnet wird. Aber wie sie gesehen haben, sind wir mit dem neuen Bild vom keineswegs finstren, sondern durchaus rationalen und diplomatischen Mittelalter – wie es Gerd Althoff, Jan-Dirk Müller und Otfried Ehrismann in die Diskussion gebracht haben – keineswegs am Ende der verstörenden Debatte über Gewalt und der Frage, ob es denn in Zukunft auch anders gehen könnte, z.B. über kulturellen Dialog, und wenn ja, wie sich denn dann die Politik verhalten müsste, um das zu befördern.
Attila jedenfalls ist keine Lösung, und schon gar nicht als Modetrend für den Herbst 2003.
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HaBE EIGENWERBUNG geschrieben: