Fahndung nach verlorenen HaBE-Kurzgeschichten, Artikeln, Gedichten aus dem Archiv des Gelnhäuser Tageblattes
Eine der Kurzgeschichten ist die der Auswanderung eines der ersten Nachkriegs-„Gastarbeiter“ aus dem Mezzogiorno. Er landet als 15jähriger auf dem Gettenbacher „Hühnerhof“, der Domäne der Grafen von Büdingen-Meerholz. Auch die vorläufige Endfassung dieser Geschichte ist mit dem internet-Archiv des GT-Extra/GT-online verschwunden. Ich bitte alle hier Lesenden um Mithilfe bei der Suche nach den Texten, um so Geschichte(n) von unten mit zu schreiben. Denn viele dieser Texte sind auch Ergebnisse von „oral history“, der die Herrschenden die Aufnahme in die geschriebene Geschichte verweigern.Das geht so weit, dass auf die Berichtenden Druck ausgeübt wird, die Verschriftlichung ihrer Berichte nicht zu unterschreiben. Damit wird verhindert, dass diese Berichte den Status „wissenschaftlicher Dokumente“ erhalten.Eine „Geschichtsbereinigung“, die sicher nicht nur im Gründau-Tal praktiziert wird und wurde.
Wie Carlo Levi nach Gründau-Lieblos kam
Diese Geschichte HaBE ich noch nicht im internet, wohl aber Giancarlo aus einem Kaff in der Nähe von Matera erzählt, als ich ihn in der Sauna im Hühnerhof traf. Hühnerhof ? Ja, ich weiß, das hat überhaupt nichts mit Hühnern zu tun, das ist eine ehemalige fürstlich Isenburg-Büdingen’sche oder -Meerholz’sche Domäne, heute ist es ein Golfhotel und die Eigentümer wissen nicht einmal woher der Name kommt. Woher auch ? Aus Bayern eingewandert, wie die Ureinwohner aus Thüringen oder dem Hanauer Land. Der Name dieses Hofgutes kommt vom Hunnenhof, denn hier hat um 450 König Attila, König Etzel Hof gehalten bevor er nach Worms und nach Burgund zog. Hier wo die Kelten in ihren heiligen Quellen wellten und später die Hunnen Hof hielten, nach denen im 5., 6. oder 7. Jahrhundert der spätere Mühl-Bach „Hunn-Flos“ genannt wurde, wo Steinzeitmenschen ihre Stich- und Stechwerkzeuge am Stickelsberg herstellten, die dann 5 867 Jahre später beim Bau der „Heldmann-Bahn“ gefunden wurden, wo der Mithras-Kult von römischen Eindringlingen verbreitet und von nachfolgenden christlichen Eroberern bekämpft wurde. Dort am „Kolbenstein“, dessen Flurname auf die Mithras-Säule, den Bildstock noch hinweist über der heiligen Quelle am alten Kirchweg, wo die Bandkeramiker ihre Scherben über die Äcker verstreuten, neben Glas- und Kupferhütten, ja dort, wo Gülle, Herbi- und Pestizide aus Massentierhaltung und Energiemaismonokulturen die Auwiesen und Bäche vergiftet und die Frösche mit Antibiotika versorgt und die Störche wie die Raubvögel deshalb so pumperl-gsund und rundum immun sind …… Das ganze Tal leuchtet im Frühjahr drall Gelb. Nicht vom Raps für BIO-Diesel! Der Löwenzahn zeigt an, was hier nicht nur an Nitrat ins Trinkwasser versickert und die Restfische in den Bächen gegen Kinderkrankheiten stark macht. Wenn die Gülle versickert ist und man den Flugzeuglärm und die Autobahngeräuschkulisse vergisst oder wegschiebt, dann ist das Gründautal stellenweise Idylle pur, lieblich, so lieblich wie einst der Ort Lieblos. Denn Los bedeutet Ort, und das Dorf Wasserlos im benachbarten Spessart heißt nicht si, weil es dortt kein Wasser gäbe, nein, gerade das Gegenteil. Und Lieblos ? Das ist oder genauier gesagt das war ein lieblicher Ort. Viel ist davon nicht mehr übrig, vom alten Dorf neben dem Boomtown mit BAUHAUS und MEDIA-MARKT und Möbel Höffner. Doch es gibt noch Ecken, die ihn erahnen lassen: den lieblichen Ort. So soll ihn einst Barbarossa getauft haben, als er von Frankfurt nach Gelnhausen in seine Kaiserpfalz an dieser Stelle unterhalb des Herzberges vorbei ritt oder in der Sänfte getragen wurde…… Kaiser Napoleon blieb lieber im Nachbar-Winzerdorf, in Rothenbergen im Gasthaus Fass und ließ sich dort von den aufmüpfigen Bauern die Kriegskasse für den Russlandfeldzug aus dem Keller rauben….Die Mondschein-Kleinbauern hier sind schon denen in Basilikata ähnlich. Wortkarg gegenüber Neuzugezogenen, sie prüfen über 25 Jahre, ob Du eingemeindet werden kannst… und dann erzählen sie Dir erst von ihren Geschichten…
Jetzt aber zurück zu Carlo Levi und Giancarlo Dimauro! Wie schon gesagt, diese Geschichte HaBE ich noch nicht im internet, wohl aber Giancarlo aus einem Kaff in der Nähe von Matera erzählt, als ich ihn in der Sauna im „Hühnerhof“ traf. Bei der Reha im Golfhotel. Er gesetzlich, ich privat. Es soll ja auch kein neues Drehbuch für Francesco Rosi werden oder war es Pasolini ? Und Irene Papas kann die Hauptrolle auch nicht mehr spielen. Schade! Da war sie noch besser als in „Alexis Zorbas“ mit Mikis Theodorakis Evergreen.…. ich werde die Geschichte hier in den nächsten Wochen weitererzählen. Keine Bange, es ist keine Persiflage. Ich versuche mich auch nicht an einer deutschen Version von “Christus kam nur bis Eboli”…da ist schon Mal einer in Lüdenscheid dran gescheitert. Der selbsternannte Philosoph Pecht von Bertelsmann und nicht Christus oder war es Jesus ? Aber Giancarlo kam tatsächlich aus Kalabrien nach Gettenbach. Bist du doch keine Italiener! Giancarlo kommte aus Basilikata! Ja doch! Aber warum ? Weil hier bis 1945 italienische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter für den Hochadel schuffteten, die der “Führer” von Mussolini geschenkt bekommen hatte, wie die, die das VW-Werk in Wolfsburg aufgebaut haben…. Ein paar haben diese Arbeitseinsätze tatsächlich überlebt und sind dann nach dem Krieg wieder zurück über Napoli, Ancona, Bari, Brindisi … und daheim haben sie manchmal etwas von Deutschland erzählt. Nicht viel , aber wenn einer auswandern wollte oder musste, dann haben in diesem Dorf zwei Rückkehrer etwas von einem Hühnerhof erzählt, wo man sicher Arbeit findet, weil die jetzt keine Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen mehr haben. Fremdarbeiter wurden sie genannt, Gastarbeiter später… aber Gäste ? Lässt man Gäste für solchen Hungerlohn arbeiten, Spargelstechen ? „Dehaam habbe die doch iwwerhaupt nix ze beiße, die kenne froh soin… und die komme doch immer widder …freiwillisch! “ brüllten da gestandene alte SA- und SS-Kameraden und einige Ex HJ-Pimpfe stimmten mit ein… so muss es gewesen sein ? Oder ?…..
Und was sagt der Chor der Überlebenden, der Kriegsheimkehrer unten am Stiefel?
Abba schaumerma, vielleischt aben die jetzt welsche von den Osten, die fast nix kosten. ….. Abba probiers, Giancarlo, kannst Du Mauern ! Kennst Du Alta Mura ? ! Kannst Du Mauern sogar ohne Zement…..
Dass er beinahe Gettenbach auf Sizilien gesucht hat, erzähle ich auch…auch warum ! Nun, Carlo Levi kam eigentlich nicht nach Lieblos, auch stieg er nicht ortskundig in Mittel-Gründau aus dem damals noch dampfgelokten Bummelzug der Heldmann-Bahn von Gelnhausen nach Giessen, … … Auch landete er nicht erst in der schon 1937 judenfreien alten Barbarossastadt und ging auch nicht zu Fuß vom neoromanischen KaiserWilhelm-Bahnhof durchs Ziegelhaus über die Alte Leipziger-Barbarossa-Berlinerstaße die Schmidtgasse hoch, dann noch vorm Metzger links ab am Hotel Fürstenhof vorbei über die Röthergasse, am Breitenbacher Hof, dem Pali vorbei unterhalb der Weißen Kautschuk-Villa der „VERITAS“-Gründer, er ließ auch nicht die alte Rote-(Haken-)Kreuz-Station rechts am Hang liegen und das Kreiskrankenhaus, querte nicht das US-Kasernengelände, hinterging es auch nicht über den Herzberg. Nein er passierte den Röther Wartturm nicht, nahm nicht die Alte Gelnhäuser Straße am Hang auch nicht die neue napoleonische Alte Leipziger Straße an den Neuherbergen vorbei, ging nicht die schnurgerade Strecke der Heerstraße, deren Trasse die Kinzig- und Seitentalbauern dem französischen Kaiser im Sumpf aufschütten mussten… Ja. es war nicht Carlo Levi. Es war Giancarlo Dimauro, der Aus- oder Einwanderer aus dem Mezzogiorno, diesem elenden Kaff südlich von Matera. Der marschierte diesen Weg nach Gettenbach. Carlo Levi kam nur als Buch dorthin, wo die ausgebombten und ausgelagerten ADLER-Werke ihre Schützenpanzer mit Häftlingen aus dem KZ-Hinzert im Park des fürstlichen Jagdschlosses montierten. Gettenbach ist lang und dasd Buch kam nicht bis an die Fischteiche der Fürsten, vor denen links im Wald die KZ-Baraken unter dichten Eichenkronen versteckt lagen. Das von Pasolini verfilmte Buch Carlo Levis kam nur bis zum Hühnerhof. Dort, wo GIancarlo in den frühen 60ern gemauert und gefließt hat. Giancarlo hat es verschlungen. Das heißt, seine Kinder und die Enkel haben ihn damit gefüttert, denn Giancarlo ist sozusagen doppelter Analphabet. Italienisch kann er weder richtig schreiben noch lesen und Deutsch schon gar nicht. Also, etwas schon, aber für’s Bücherlesen reicht weder das Eine noch das Andere.. Doch wozu hat man Kinder und Enkel.
Dass Giancarlo sich im Gründautal zuhause fühlt – mittlerweile – das hat etwas mit der Geschichte diese Tales zu tun, denn die ist mit etwas Zeitverzögerung der lukanischen Geschichte sehr ähnlich. Was dort das Brigantentum und etwas Mafia und Cosanostra und die Identifikation der kleinen Bauern und Pastori mit diesen ehrenwerten Gesellschaften ist, das war im Gründautal die Verehrung des Schinderhannes, der Spessarträuber, der Vogelsberger Bummser, der WasserRebellen …. der blühenden Hehlerei bis in die 1980er Jahre … das war der Widerstand gegen die napoleonische Besatzung, obwohl die den Menschen zunächst mehr Freiheit gab, als die Grafen, Fürsten, Herzöge, Könige und ihre Maitressen … aber Freiheit wovon und für wen ? Die Rechnung für die kleinen Leute, die sich noch als Kanonenfutter der Fürsten gegen Napoleon mit in die Völkerschlacht geworfen hatten, geworfen wurden …. die Rechnung folgte auf den Fuß: und die Bauern wehrten sich und die kleinen Handwerker und auch schon die Arbeiter… stürmten die Zollämter und die Maschinen … in Heldenbergen, Langenbergheim, Alt- und Neuwiedermus, Mittel.-Gründau, Haingründau, Büdingen, Düdelsheim, …. Die Fürsten warfen die Bauern und die rebellierenden Handwerker und Arbeiter in die Zuchthäuser und gaben widerwillig neuere ständische Verfassungen heraus. Die Besitzbürger konnten schon von den napoleonischen Freiheiten profitieren und später nach den Bauernaufständen auch von den „liberaleren“ ständischen Verfassungen, in denen sie mehr Stimmrechte hatten als bisher…, es gab auch zunächst in der „Franzosenzeit“ weniger Zölle wegen der von oben verfügten Auflösung der Kleinstaaterei… aber die Kriegs- und Zwangsdienste drückten, und da kamen die Schinderhannesse gerade recht….
HIER FEHLEN NOCH UNGEFÄHR 145 weitere GRÜNDAUER GESCHICHTEN, die noch nicht eingegeben worden sind… kommen aber in den nächsten Wochen noch rein … wo noch viele zu finden sind, das ist die internet.Seite vom GT. Hier HaBE ich rund 80 Mittel-Gründauer Geschichten veröffentlicht.