Der Tag an dem Tito nach Gründau kam

Wilhelm Pfannmüller, der spätere Bürgermeister Mittel-Gründaus, war Fußballer im Rot-Sportverein und einer der fähigsten Köpfe der Mittel-Gründauer Kommunisten. Bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo leitete er in Mittel-Gründau den Widerstand gegen die Nazi-Diktatur. Ab Ende der 20er Jahre terrorisierte die NSDAPdiese Hochburg der Kommunisten und Sozialdemokraten mit Hilfevon SA-Schlägertrupps aus Gelnhausen und Büdingen. 1933 gab es ganze 5 NSDAP-Mitglieder in Mittel-Gründau. 2 davon waren der aus Berlin kommende fürstliche Domänen-Verwalter und NSDAP-Ortsgruppenleiter und sein Sohn, der Fähnleinführer der HJ war, wobei der das Fähnlein lange alleine tragen musste, weil er mit seinem Hakenkreuz-Fähnlein allein war. Schon vor 33 versuchte die SA, die Schule – den ganzen Stolz der Mittel-Gründauer – zu erobern. Hier spielte sich das ganze soziale-demokratische Leben ab. Versammlungen, Seminare, Feiern, Hochzeiten … Auch die Linde auf dem (alten) Friedhof (am Kriegerdenkmal) war ihr Ziel. Hier hatten die Kommunisten ihre rote Fahne mit Hammer und Sichel gehißt. Die SA holte sie herunter und hißte dort dann die Hakenkreuzfahne. Die holten am nächsten Tag die Kommunisten wieder herunter und hißten wieder Hammer und Sichel. Während Wilhelm Pfannmüller mit dem Hissen der Fahne beschäftigt war, sammelten sich auf dem Friedhof SA-Leute, die sich zwar nicht in den Baum zu steigen trauten, aber sie wickelten Stacheldrahtrollen um die Friedhofslinde, um den Kommunisten Pfannmüller dort oben “auszuhungern”. Der war jedoch nicht zuletzt wegen seiner aktiven Mitgliedschaft im Rot-Sportverein so fit, dass er mühelos über die Stacheldrahtrollen springen konnte. Der Gutsverwalter war auf die Kommunisten besonders scharf, weil die die Landarbeiter bei ihren Lohnforderungen unterstützten. Gerade polnische Saisonarbeiter wurden in der Domäne mit absolutem Hungerlohn bezahlt, von dem auch noch Geld fürKost und Logie im “Polenhaus” abgezogen wurde. Die Nazis schleppten Wilhelm Pfannmüller ins Zuchthaus, er kam dann ins KZ Osthofen bei Worms, das Dr. Best, der Chef der neuen politischen Landespolizei des “Volksstaates” Hessen zur Einkerkerung der gesamten hessischen Opposition errichten ließ. Die in Mainz geborene Schriftstellerin Anna Seghers setzte dem Konzentrationslager Osthofen in ihrem im Pariser Exil geschriebenen und in Mexiko 1944 erstveröffentlichten weltbekannten Roman: “Das siebte Kreuz” ein literarisches Denkmal. Gestützt auf die Zeitungs- und Zeitzeugenberichte von Emigranten erzählt Anna Seghers die Geschichte der Flucht von sieben Häftlingen, von denen nur einer ins rettende Exil in die Niederlande gelangte. Am Beispiel der Reaktionen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen ihrer rheinhessischen Heimat zeichnet die Autorin ein authentisches Gesamtbild der Gesellschaft der mittleren 30er Jahren unter der Herrschaft der Nationalsozialisten. Im Roman heißt das Lager in literarisch gewollter Verfremdung “Westhofen” und steht als Symbol für Misshandlung und Ermordung in Konzentrationslagern schlechthin. Nach der Auflösung des KZ Osthofen auf Befehl des “SS-Reichsführers” Heinrich Himmler brachten die Nazis Wilhelm Pfannmüller in das KZ “Emslandlager”, wo das berühmte Widerstandslied “Wir sind die Moorsoldaten” entstanden ist. Wilhelm Pfannmüller hat es mit Sicherheit bei den Ausmärschen zum Torfstechen mit seinen Leidens-GenossINNen zusammen gesungen. 1944 wurde er, obwohl als Kommunist im NS-Jargon “wehrunwürdig”, zur Wehrmacht eingezogen in eine Strafkompanie, die die gefährlichsten Brückenkopfoperationen durchzuführen hatten und dabei meist und nicht selten durch das feuer der kommandierenden SS-Leute fielen. Wilhelm Pfannmüller kam mit einer solchen Strafkompanie nach Jugoslawien und konnte dort fliehen, desertieren. Er schloss sich in Jugoslawien der Partisanenarmee Titos an und kämpfte für die Befreiung Jugoslawiens in der Hoffnung mit einer siegreichen Befreiungsarmee auch seine Heimat befreien zu können. Als er in Jugoslawien von der Kapitulation hörte, bat er dort um seine Entlassung und ein Fahrrad und fuhr los: nur mit seiner Partisanenarmee-Uniform auf dem Leib. Wie lange er bis Mittel-Gründau brauchte, weiß ich noch nicht. Als er nach wahrscheinlich drei Wochen an einem Sommer-Sonntagnachmittag in Mittel-Gründau ankam, erfuhr er, dass die Fußballer in Niedergründau gerade ein Spiel hätten und die Familie auch dort sei, war er nicht mehr zu halten. Leute die dabei waren, berichten, es wäre nicht zu erkennen gewesen, was ihn am meisten nach Niedrgründau zog, und wer sich am meisten über seine heimkehr freute, die Familie oder die Fußballer. Wilhelm Pfannmüller wollte auf jeden Fall sofort mitspielen. Ob Tito dann mitspielen durfte, konnte ich auch noch nicht herausbekommen. Ach so. TITO. Ab diesem tag nannten sie ihn alle Tito. Und das mit Recht. Er trug nicht nur die gleiche Uniform. Er war auch genau so unbeugsam. Er beugte sich weder Roosevelt und Eisenhaueroder Adenauer noch Stalin und Walter Ulbricht.Er arbeitete für die Spruchkammer in Büdingen und wurde nach dem “Ochse-Schorsch”, Georg Jäger, der zweite Nachkriegsbürgermeister von Mittel-Gründau. Sportplatzbau, Dorfgemeinschaftshaus, Gemeinschaftskühlhaus imKeller der RaiffeisenGenossenschaft (der heutigen VR-Bank), Trinkwasserbrunnenbau, Flüchtlingsansiedlung, Jugendzentrum in der Alten Schule, Geldsammlung für ein Schwimmbad (das Geld wurde dann in den HallenbadZweckverband gesteckt und der kostenlose Schwimmbadbus für alle Mittel-Gründauer vertraglich gesichert). Anlage der Reizeberg-Siedlung, Flurbereinigung, Aussiedlung der Landwirtschaftlichen Betriebe/ Berghöfe, Steinbach-Korea usw….. So viel ich weiß wechselte Wilhelm Pfannmüller wegen seiner Differenzen zur Politik Stalins schon vor dem KPD-Verbot 1956 zur SPD. Wilhelm Pfannmüller hat nie viel von dieser Zeit erzählt. Nachdem er miterleben musste, wie seine Genossen jetzt in die gleichen Gefängnisse geprügelt wurden wie schon bei den Nazis – wurde Wilhelm Pfannmüller diesbezüglich noch schweigsamer. Um so hartnäckiger setzte er sich für seine Leute, seine Dörfler in Mittel-Gründau ein. Oft mit harter Hand, aber offen und fair.
Mindestens das Dorfgemeinschaftshaus sollte nach diesem tapferen Mann, diesem klugen und fleißigen und nicht karrieregeilenKommunalpolitikerbenannt werden: ein schöner Name wäre es auch noch:die “Pfannmüller-Halle” und eine Gedenktafel am Eingang wäre auch nicht schlecht. Damit wir und unsere Kinder auf die Frage eine Antwort wissen: “Ei wou leewe mir doann?!”

Wer zur Geschichte etwas beitragen will, Kritik hat, soll sich mailden bei HaBEbuechnerei@web.de .

Und es melden sich mehr als ich dachte .allein heute (10.7.) vormittag erhielt ich über 10 Anrufe und einige e-mails mit Ergänzungen, Korrekturen und Neuen Geschichten:

so über den bis 1933 (bis zu seiner Amtsenthebung duch die Nazis) im Hessischen Landtag aktiven kommunistischen Landtagsabgeordneten Heinrich Otto, der bis zu seinem Tod 1944 (wie er starb muss ich noch recherchieren) im Parée’schen Hof in Mittel-Gründau wohnte; Wie die SA einmal unfreiwillig die Hammer und Sichelfahne der Kommunisten mitt Stacheldraht beschützte, wie die Büdinger Polizisten Klapp und Kress -damals noch mit Pickelhaube – Wilhelm Pfannmüller frühmorgens in der Obergasse verhafteten. Beide Polizisten hatten wegen ihres Aussehens und ihrer Namen als Streifen-Duett den Spitznamen “KuK” (“Do vorn kimmt die KuK”, sie KuKten ja auch in alle Ecken. Deshalb gab Wilhelms Frau auch ihre KPD-Fahne bei den sozialdemokratischen Nachbarn ab, damit die sie verstecken sollten. Frau Uffelmann riss darufhin im Dachboden eine Diele raus, versteckte die Fahne dort und nagelte die Diele wieder fest. Man war sich selbst noch nach der Verhaftung vieler oppositioneller Bahnarbeiter, besonders aus dem Bahnbautrupp des Schachtmeisters Heinrich Schneider aus Mittel-Gründau, dem “Pech-Schneider”, eigentlich sicher, dass das mit dem Nazi-Spuk nicht lange dauern würde. Doch es dauerte noch länger und die Hausdurchsuchungen wurden noch schärfer. Es wurden sogar Leute verhaftet , wenn sie nur reglmäßig Kontakt zu Kommunisten gehabt hatten. So wurde ein Kollege von Wilhelm Pfannmüller mitten aus einer Kerb-Feier im Gasthaus Noss (der späteren Metzgerei Reichard in der Haingründauer Straße gegenüber vom Kriegerdenkmal) verhaftet: er sei KPD-Mitglied, das habe Pfannmüller bei den Verhören verraten. Tatsächlich wohnte der Kollege nur im gleichen Haus und der Gestapo ging es darum, die Mittel-Gründauer gegeneinander aufzuhetzen. Daraufhin holte Frau Uffelmann die KPD-Fahne heimlich aus dem Versteck auf dem Dachboden und verbrannte sie.

 
 

 

Notwendige Anmerkung im Nachhinein:

Dieser Beitrag entstand auf der Grundlage der Berichte einiger Dorfältester, Erzählungen längst verstorbener eingeborener Mitglieder der SPD bei den von mir seit 1994 organisierten monatlichen “Erzählabenden” im oberhessischen Dorf Mittel-Gründau, das 1972 /73 bei der Gebietsreform in die neuentstandene Groß-Gemeinde Gründau eingemeindet wurde.

Er ist unmittelbare Verschriftlichung von “oral history” und enthält so eine ganze Reihe von Fehlern, subjektiven Sichtweisen -in der Regel welche von Unten- . Ein folgenreicher Fehler war die Wiedergabe der Auskunft, Wilhelm Pfannmüller sei in das KZ Osthofen verschleppt worden. Eine zunächst stimmige Information, da alle Widerstandskämpferinnen aus Hessen Kassel nach Guxhagen in das dortige KZ Breitenau und alle aus Hessen-Darmstadt/Oberhessen ins KZ Osthofen verschleppt wurden. Der Verbleib Wilhelm Pfannmüllers wurde anscheinend im Dorf nicht bekannt und Wilhelm Pfannmüller bekam wie alle “Schutzhäftlinge” die Auflage, über ihre “Behandlung in der Schutzhaft” zu schweigen. Man nahm also an, dass er wie die anderen KPDler und SPDler nach Osthofen verschleppt wurde. Diese so entstandene Fehlinformation wurde vom ehemaligen Leiter der Gedenkstätte Osthofen übernommen und es kam zur Anfrage an mich nach Mittel-Gründau, ob ich nicht für die Gedenkstätte eine Biografie über Pfannmüller schreiben könne. In einem Buch sollten alle Häftlingsbiografien zusammengestellt werden. Da ich kein Historiker bin und mich mit einem solchen Auftrag als Hobby-Heimatkundler überfordert sah, schlug ich einen mit mir befreundeten Historiker vor und handelte für ihn auch ein Honorar aus. Aus verschiedenen Gründen verzögerte sich der vertraglich vereinbarte Auftrag. Man muss sagen, zum Glück, denn mittlerweile stellte sich heraus, dass Wilhelm Pfannmüller nicht in Osthofen, sondern im Polizeigefängnis in Büdingen in “Schutzhaft” von der GESTAPO “behandelt” wurde, nachdem er 1933 wegen Verteilens von Flugblättern mit der Aufforderung zum Generalstreik zum Sturz Hitlers festgenommen worden war. 1935 wurde er in Darmstadt wegen Hochverrats zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt und im Zuchthaus Marienschloss/Rockenberg eingekerkert. von dort aus wurde er ins KZ “Börgermoor” verschleppt …

Jetzt schreiben Dr. Manfred Köhler und ich – ganz ohne Honorar- nach langen Forschungen die Biografie des Widerstandskämpfers Wilhelm Pfannmüller.

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

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