Kardamilli

Kardamili
Dein Name
fließt
wie Milch und Honig
über meine Lippen
Karda
das trockene Flussbett
mit seiner glitzernd
weißgeschliffenen Fracht
aus den schroff gebrannten Bergen
die über dir
über dich wachen
 
mili
Olivenfelsen
Eukalyptusriesen
im karamelfarbenen
Licht der Abendsonne
das Glockengeläut
und das zufriedene Blöken
der Schafherden
die dich durchziehen
 
Gelb braun grau verschmelzen
deine zerfallenden Häuser
und Ställe im dunkelwerdenden
öligen Grün der Orangenhaine
der kalamisgesäumten Weingärten
 
Du verbirgst
unter Staub und Kistenstapeln
hinter Wolldeckenstützen
und hängenden Bündeln
von Tee und Gewürzen
die vergangene Pracht
deines byzantinisch-osmanischen
Reichtums
 
Nur wer die Augen schließt
und riecht und schmeckt
der hört das Wasser
über die zerbrochnen Räder
deiner Mühlen rauschen
nur wer verweilt
im hitzeflimmerden
Kieselstrom
dein Gold aus den Bergen erahnt
und unter seinem Schweiß
die glühenden Steine
für einen Augenblick
erblühen
von deinem Wein
sich in die Nächte tragen
und den lauen Küstenwind
der rotgold zerfließenden Sonne
mit seinen salzigen Haaren
spielen lässt
 
der kann dich
sehen
und lieben
 
Du bist eins
 
zerrissen nur
wenige Wochen im Jahr
wenn der stinkende
grölend rasend
krachende Stahl-Tross
aus dem Norden
Dich in zwei Straßenränder
zerschneidet,
abhakend
vollfressend
und kotzend
ahnungslos
 
Manchmal
bildet
Reisen
nur neue Schrottplätze
und Mülldeponien
 
1985/86