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PUBLIKATIONEN

unter
schlag
zeilen

befreite worte
gebrochene reime
zur lage

 

ZAMBON-Verlag
ISBN 3-88975-107-5

» Vorwort
Rezensionen
Neue Hanauer Zeitung
» Frankfurter Rundschau



Das Gegenteil eines Innweltdichters

Hartmut Barth-Engelbarts Buch unter schlag zeilen – Befreite Worte, gebrochene Reime zur Lage

Ermutigung

Letzten Endes
geht alles
was nicht
gegen den Strom schwimmt
den Bach runter

Ein Lyrikband mit 313 Seiten Umfang – das ist für manchen Dichter bereits das komplette Lebenswerk. Für den vielschreibenden Hartmut Barth-Engelbart stellen gut 300 Seiten nur eine Etappe auf seinem künstlerischen Lebensweg dar. Denn dem Dichter, Musiker, Grafiker, Aktionskünstler und Lehrer aus Hanau gehen die Themen nie aus. Als »Gegenteil eines Innweltdichters« (Ingrid und Gerhard Zwerenz) denkt und schreibt er stets politisch. Dabei liegt der Rohstoff seiner Texte nicht nur auf der Straße, sondern auch in den Häusern, in den Parlamenten, in der Glotze und den anderen Medien, kurz: Hartmut Barth-Engelbart greift ins pralle Leben, um es parteiisch links aber parteilos zu kommentieren. Seine Texte sind daher oftmals direkt anlassbezogen – und das seit mehreren Jahrzehnten: Die Beiträge des Buches wurden zwischen 1966 und heute erstellt, der Schwerpunkt liegt aber eindeutig bei aktuellen Texten.
Dass er die wirklich wichtigen kulturellen Leistungen derer kennt, die vor uns waren, dokumentiert Barth-Engelbart an vielen Stellen, u.a. in dem Text »Vom Schreiben über Leichen«, in den er ganz beiläufig die Formulierung »um sechs, nach dem Krieg« einfügte; wen das nun an den braven Soldaten Schwejk erinnert – Volltreffer, um im soldatischen Jargon zu bleiben.
Ein kurzer Text mag Barth-Engelbarts Stil illustrieren, ohne freilich alle Facetten seiner Lyrik dokumentieren zu können. Unter dem Titel »Überforderung« schreibt er: »Nachdem / wir ihnen / den Krieg / ausführlich / erklärt hatten // erklärten / wir ihnen / im Anschluss / geduldig / die Menschenrechte // Doch dafür / hatten sie / dann / keinen / Kopf / mehr«. Das war 1991. Und was ihn zu diesem Text inspirierte, liegt wohl auf der Hand.
Dass die literarische Qualität der Texte nicht immer gleich hoch ist, ergibt sich bei anlassbezogenen Vielschreibern von selbst, wobei die kurzen Dichtungen oftmals einfach prägnanter und ansprechender sind als die teils mehrere Seiten langen Werke. Barth-Engelbart schreibt grundsätzlich konkret, lässt dabei durch den gezielten Einsatz von Schreibweise, Zeilenumbruch und Formulierung aber oftmals auch Raum für die Erforschung von Texten, was ihn dann völlig von Agitprop-Künstlern oder den Produzenten von wohlfeilen Werbesprüchen abhebt. Der Autor von »unter schlag zeilen« vermeidet stets die weinerlichen Peinlichkeiten oder weltverbesserischen Albernheiten, die die Werke schlechterer Dichter oft so unaushaltbar machen. Ein gewisses Grundniveau unterschreitet er niemals, davor schützt ihn schon seine lange Erfahrung bei der Bearbeitung von Buchstaben zu Worten und von Worten zu Texten. Noch eine kleine Kostprobe? Gerne. In dem Text »Auflösungsvertrag« gibt uns Hartmut Barth-Engelbart eine kurze und dabei höchst sinnmachende Kritik an der zu fremdbestimmter und teils sinnentleerter Arbeit geronnenen menschlichen Tätigkeit mit auf den Weg: »Hiermit / kündige ich / den Arbeitsverhältnissen // Sie haben sich / in ihrer Probezeit / nicht bewährt // Dass sie sich bessern werden / ist nicht zu erwarten«.
Was er aber mit der erläuternden Zeile »geschrieben 1996 anlässlich der Beerdigung Gottes« meint, das bleibt nebulös und offenbart einen geringen aber spürbaren Mangel. Denn da Karel Gott nicht gemeint ist, handelt es sich offensichtlich um Jenen, der da im Himmel thronen soll. Und entweder gibt es diesen, dann ist er nicht beerdigt. Oder es gibt ihn nicht, dann kann er nicht beerdigt werden. Hier wäre eine Erläuterung nicht schlecht, welcher »Gott in Frankreich« (so eine Textzeile) hier warum beerdigt wird. So würde man sich auch an anderen Stellen noch mehr Kommentare zu einzelnen Texten seines neuen Buches wünschen, denn viele der zahlreichen Gedichte entstanden aus sehr konkreten Situationen, die selbst gut informierten Mitmenschen nicht sofort in Erinnerung kommen oder die bei einem Nachlesen in einigen Jahren ihren heute offen liegenden Bezug nicht mehr haben werden. Und es kann an dieser Stelle auch diskutiert werden, ob wirklich jeder Text hat veröffentlicht werden müssen; wir können diese Diskussion aber auch sein lassen.
Aber nicht nur Gedichte enthält »unter schlag zeilen«, sondern auch zahlreiche Collagen und Titelbilder der nhz, bei der Hartmut Barth-Engelbart in früheren Zeiten aktiv mitarbeitete. Den Abschluss des Bandes bildet die Darstellung der Beschlagnahmung von 45 Gedichten durch die Polizei »wegen des Verdachts auf versuchte Volksverhetzung« bei einer der von ihm ins Leben gerufenen Hanauer Widerstandslesungen.
Das Vorwort stammt übrigens von keinen Geringeren als Ingrid und Gerhard Zwerenz, die Barth-Engelbarts Dichtung an Erich Fried erinnert. Ich spürte bei vielen Texten zusätzlich den Duktus von Peter Paul Zahl. Und selbst Bert Brecht mag bei den besonders guten Texten Pate gestanden haben, ohne dass der Augsburger imitiert worden wäre. So dürfen wir auf weitere Publikationen des aktionistischen vielschreibenden und gekonnt moralisierenden »Einzelkämpfers« (Ingrid und Gerhard Zwerenz) gespannt sein.

Martin Pechtold

Hartmut Barth-Engelbart: unter schlag zeilen - Befreite Worte, gebrochene Reime zur Lage; Frankfurt 2005, Zambon Verlag