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Über der Schilderung der "technischen Daten", über dem Referieren von Bauanleitungen habe ich fast vergessen, über die für mich elementarste Erfahrung zu schreiben, die ich bei der Arbeit mit dem Hunderterfeld machen konnte: die Kids lernen im Vorübergehen und sie lernen weitestgehend selbstbestimmt. Sie bestimmen ihr Tempo, ihre Zeiten, Zeitpunkt und Länge der Session. Kein Erwachsener redet ihnen dazwischen und sie kommen überglücklich und ausgeglichen vom Hunderterfeld, berichten freudestrahlend von ihren Entdeckungen, davon, was sie ganz alleine vollbracht haben. Es sind keine Kiks, die kämen von außen und sie werden getreten. Es ist eine Mischung aus Fallen, Fliegen und Springen, was die Kinder erleben. Sie merken, daß sie selbst etwas verstehen, begreifen, entdecken können und sie lernen, es ihren nächsten Bezugspersonen mitzuteilen, damit die sich mit ihnen freuen können.
Das ist es, was die autonome Arbeit mit dem Hunderterfeld dem Reichenschen Anlauttabelle so ähnlich macht. Bei der Arbeit mit dem Reichenmaterial kommen die Kinder genauso ins Fallen, Fliegen und Springen. Sie haben bei mir striktes "Leseverbot", sie müssen schreiben und sich an das Verbot halten, was eigentlich nur das laute Vorlesen betrifft (dieses zutiefst mittelalterliche Zwangsritual zum Vorführen von Schwächen, Schüren von Konkurrenz und Diskriminierung von "Schwachen"). Welch ein Heidenspaß, dann trotzdem plötzlich lesen zu können. Das verschmitzte Griensen, wenn Sandra, Derya oder Celil und Ferhat trotz desd Verbotes erste Wörter und Sätze Lesen und von mir in allem Ernst verwarnt werden: "Wer hat euch das erlaubt?" "Niemand!" "Wer hat euch das beigebracht?" "Niemand, wir uns selber!" Da war niemand mit dem Nürberger Trichter am Werk. Die Kinder strotzen in diesem Augenblick vor Selbstwertgefühl, Selbstbewußtsein. Und das strahlt aus in alle anderen Bereiche. Ein erster (?) selbständiger Schritt, ein wenn nicht alles, so doch vieles entscheidender Schritt, wie der Sprung ins Wasser und die erste Schwimmbewegung, die das Kind spüren läßt, daß es damit angefangen hat zu schwimmen. Nein, es schwimmt bereits, ab dann kann es nur noch länger, besser, schöner schwimmen. Ein erster Schritt? Lehrer sollten sich und ihre Rolle nicht so maßlos überschätzen und sich überlegen worin ihre positive Funktion bestehen kann. Reichen hat schon richtig gesagt, die positive Funktion des Lehrpersonals liegt im qualifizierten Nichtstun. Entscheidend sind die Zurverfügungstellung von authentischem Material, von strukturell stimmigem Material, authentisches Erleben, wirkliche Ereignisse, Grenzerfahrungen und Sicherheitsgurte (Hilfestellungen, Aufgefangen werden, Initialzündungen, Anstöße, Angebote) und ein klar umrissener kleiner Kanon an obligatorischen Anforderungen, der die Eigeninitiative der Kinder nicht verschüttet. Wer meint, dies seien Allgemeinplätze aus dem kleinen Einmaleins der Pädagogik, der sollte seine Unterrichtspraxis überprüfen.
Die gemeinsame Herstellung von Unterrichtsmaterialien im Unterricht selbst, bietet den Kindern neben der Steigerung der Identifikation mit ihrer Schule, ihrer Klasse, ihrem Material, die mittlerweile seltene Gelegenheit, Arbeit, Produktion als sinnvollen, konstruktiven Prozeß selbst erfahren zu können und Erwachsenen bei der Arbeit über die Schulter schauen zu können. So wichtig die Produkte selbst sein mögen, das Wichtigste ist ihre Herstellung, ihre Entstehung durch Arbeit. Hierbei lernen die Kinder, hierbei entstehen tatsächliche, inhaltlich gefüllte, begriffene Begriffe in den Kinderköpfen (in den Köpfen der Erwachsenen ist das nicht anders). Die Entstehung des Rechenmaterials ist mindestens so wichtig für das Lernen der Kinder wie die spätere Benutzung. Es ist eine wesentliche Erfahrung für die Kinder, zu sehen und zu wissen, daß etwas speziell für sie gemacht und wie es gemacht wird und, daß sie selbst dazu beitragen können. Daß dabei als nicht zu unterschätzender Nebeneffekt die Geldbeutel der Eltern geschont werden, spielt ebenso eine Rolle wie die Entlastung des Schuletats, der bei der Eigenproduktion von Lehr- und Lernmaterial thematisiert wird. Die Kinder machen sich dabei ganz ernsthafte Gedanken über ihre Schule.
Ein wesentlicher Grundgedanke bei der Entwicklung des freien Surfens im Hunderterfeld ist die Einsetzbarkeit des Materials im jahrgangsübergreifenden (und offenen Angebots-) Unterricht. Die Kinder sollen je nach individuellem Entwicklungsstand in die Spirale einsteigen können und sie weiterentwickeln. Im Hunderterfeld wie in seiner besonderen Form des Zählkastens sind die Strukturen zu entdecken, die die Kinder bis weit über das 4. Schuljahr brauchen. Und vom zweidimensionalen freien Surfen im Hunderterfeld ist es ein Katzensprung zur dreidimensionalen Millionenraumfahrt. Der Millionenraum laßt sich spielend mit den Hunderterbausteinen entdecken, durchkreuz- und -queren und erforschen.
Im Hunderterfeld sind die Zahlen sowohl kardinal als ordinal. hier bauen sich Kinder die Hundert als Reihenfolge und als Menge auf. Manche beginnen den Aufbau schon mit einer beliebigen Zahl im oberen Zehnerbereich und plazieren die anderen Zahlen beim Sortieren schon an den ungefähr zu erwartenden Positionen. Möglicherweise haben diese Kinder die Zahl als Symbol für eine bestimmte Menge schon begriffen oder aber sie verfügen über ein forografisches Gedächtnis oder beides. Beim Zählkasten wird mir die enorme Abstraktionsleistung der Kinder immer wieder deutlich, wenn aus der 43 plus der 21 eine 64 wird und dabei die 21 nicht mit eins anfängt sondern mit 44 und nicht mit 21 endet sondern mit 64.
Mehmet zählt noch immer (am Anfang des zweiten Schulhalbjahres der zweiten Klasse) seine Aufgaben an den Fingern ab. Ich lasse ihn -zugegebenermaßen mit gemischten Gefühlen, denn die "Zeit" drängt- weiter zählen. Er erarbeitet sich zusammen mit seinem besten Freund zur Zeit das Einmaleins mit zwei, vier und acht. Wenn ich ihm Multiplikationsaufgaben stelle, rechnet er sie mit Hilfe der Tabelle. Er will aber lieber andere Aufgaben rechnen: "Barth-Engelbart, mach mir Plus- und Minusaufgaben!" Er bekommt sie. Aber es sind die Falschen: Aufgaben im Bereich bis Hundert. "Barth-Engelbart, die sind so schwer!" Er rechnet eine Kolonne und teilt mir dann mit, daß er sich jetzt selbst welche macht: Plus- und Minusaufgaben im Bereich bis zehn, manchmal bis zwanzig. Er rechnet mit den Fingern und mit dem Zählkasten und sichert sich so seinen Mengenbegriff. Mittlerweile ist Mehmet in diesem Bereich so sicher, daß er sich mit Ufuk an die Tafel stellt und ihm beim Rechnen hilft, ihm erklärt, wie es geht. Beide lassen sich vom fortlaufenden Unterricht nicht im Geringsten stören. Nach zwanzig Minuten haben beide eine Kolonne von zwölf Aufgaben an die Tafel und dann in ihr Heft geschrieben. Sie zeigen mir voller Stolz ihre Ergebnisse. Ufuk, der von seiner Entwicklung her langsam "schulreif" wird, hat mit Mehmet zusammen sein bisher längstes Stück konzentrierter Arbeit mit Spaß, Erfolg und Stolz hinter sich gebracht. Er hat dabei alle Fünfer spiegelverkehrt geschrieben. Mehmet erklärt ihm, wie die Fünf richtig geschrieben wird und Ufuk korrigiert die Fehler, ohne wie sonst so oft zu schreien, wenn man ihm sagt, er habe es ganz toll gemacht aber er solle noch einige Sachen verbessern, ohne sein Heft zu zerreißen. Mehmet hat wirklich verstanden, was er rechnet, weil er es Ufuk erklären kann und Ufuk hat einen geduldigen Lehrer gefunden und beginnt zu rechnen und zu verstehen. Einen Tag später zeigt Ufuk mir eine Reihe von Aufgaben, die er sich selbst ausgedacht hat. Vor drei Wochen konnte Ufuk noch nicht bis zwanzig zählen. Jetzt zählt er nicht nur bis zwanzig. Daß Ufuk im Moment solche Schritte machen kann, liegt nicht nur an Mehmet. Es liegt auch daran, daß er zur Zeit seine eigene Schule hat: er ist im Überprüfungsverfahren zur Ermittlung von Lernhilfebedarf und seit dem ist er wie ausgewechselt. Und ich habe keine Zeit, diesen Wechsel zu stabilisieren. Vielleicht schafft es Mehmet - im Spagat, denn er orientiert sich mittlerweile stärker an fortgeschritteneren Kindern: er hat ohne mein Wissen sein Schreibheft komplett gefüllt mit Plus-und Minusaufgaben im Breich bis hundert, zu Hause, in der Schule, im Flur vor dem Hunderterfeld. Er meldet sich mit Lars vom Unterricht ab, bewaffnet mit einem Taschenrechner; "Barth-Engelbart, wir rechnen draußen mit der Maschine!" Nur zu, Mehmet!
Dieser Beitrag wurde geschrieben als Bestandteil eines Buches über die Neugestaltung der Eingangsstufe in Hessen. Es sollte im Beltz-Verlag erscheinen.
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