
Vorsicht! Noch nicht Korrektur-gelesen!
Carlos oder Karl, wie er als Dreihandkäshoch hieß, flog -die Beine nach vorne ausgestreckt- treppauf und landete, trotz enormem Druck auf der Blase punktgenau und gerade noch rechtzeitig vor der Tür des Etagen-Klos zwischen erstem und zweitem Stock. Knallte aber trotz Vollbremsung oder gerade deswegen mit dem Kopf gegen die Tür, so dass ihm die Splitter der eh schon weitgehend abgeblätterten grünen und jüngsten der 4 oder 5 Ölfarbschichten um die Ohren flogen. Aus dem Inneren des selten stillen Örtchens röhrte eine Bassstimme: „Besetzt!“. Dann folgten die ortsüblichen Tonfolgen bis zum erlösenden Rauschen der Wasserspülung und dem Klacken des mit „Ziehen“ beschrifteten zapfenartigen Porzellangriffes an der Kette des unter der Decke installierten gusseisernen Spülwasserbehälters. Mit dem Klacken vertieften sich jedes Mal die Schlaglöcher an der Klowand. Jetzt rauschte es etwas leiser aus dem Spülwassernachfüllhahn. Ob der Behälter einen Siphon hatte, daran konnte sich Carlos nicht erinnern. Vielleicht, um das Aufsteigen der Gerüche aus der Kloschüssel in den Wasserbehälter zu verhindern? Die Kloschüssel jedenfalls hatte ein Knie ….
Glücklicher Weile machte sich Carlos während seines Trippeltanzes vor der immer noch verschlossenen Klotüre keine weiteren Sanitär-Gedanken. Es hätte die vorzeitige unkontrollierte Explosion seiner Blase bedeutet. „Von einem auf das andre Bein …“ „Reiß dich zusammen!, Beiß die Zähne zusammen! Petz den Arsch zu!“ hörte er seine älteren Brüder kommandieren. Die hatten leicht reden, die standen hier nicht vorm Klo! „Nur nicht dran denken! Sonst geht es in die Hose!“
„Klopapier ist alle!“ dröhnte die Bass-Stimme wieder durch die Spalten der altersschwachen Türe. Scheiße!
Durfte Carlos nicht sagen, aber denken schon.
Einen Treppenabsatz Rückflug. Hoffentlich habe ich die Wohnungstür nicht zugeschlagen, den Weg zur Zeitungsablage versperrt. Hätte auch so und so keine Zeit mehr fürs Klopapier-Reißen. Zeitung unterm Arm. Nur das Darmstädter Echo, das Kasseler Sonntagsblatt, die Kirchenzeitung durfte man nicht! Um Himmels Willen! Und noch Mal den Höhenflug zum oberen Etagen-Klo. Und blos nicht die frischgebohnerten Treppenstufen berühren, da sieht man jeden Fuß- & Fingerabdruck. Auch die Rupfen-bespannten Wände des Treppenhauses durften nicht weiter gerupft werden. Die Bespannung hatte zwar die kurzzeitige US-Besatzung des alten Verwaltungsgebäudes der ehemaligen Kammfabrik überstanden, war aber nicht ganz ungerupft geblieben. Carlos wusste nicht, ob es sich bei den Löchern in dem aufgeklebten Sackleinen um Einschüsse oder Streifschüsse handelte. Oder nur um Kollateralschäden durch überstürzte Räumung der Büros zwecks Umwidmung in US-Offizierswohnungen. Und früher oder später zu zwangsbewirtschafteten Wohnungen für Ausgebombte, Flüchtlinge or other Displaced Persons und bleibewilligen Ex-Zwangsarbeitern oder asozialen Kinderreichen.

Natürlich war – wie in allen Albträumen Carlos – die Wohnungstüre verschlossen und die Blase drohte sich weiter aufzublasen und wie ein Luftballon zu platzen, die Hose zu sprengen. Wieder hörte er seine Brüder, jetzt wie sie ihn verhöhnten: „Bettpisser, Hosenscheißer!“ Noch war es nicht so weit, denn auch der Weg ins Bett war versperrt. Dann eben Weiterflug, nach unten, an der Hexe vorbei, durch die Haustür, das Hoftor, über die Straße und die Schlossparkmauer ins Gebüsch.

Los gings, die Beine steil nach oben, wie beim Unterschwung am Reck oder am Stufenbarren, den er in der Turnstunde mehr schlecht als recht gerade so packte, wenn er nicht von der Stange fiel: „Na, Speckie, Du bist zu fett!“ Die Turner-Riege lachte. Frisch, fromm, fröhlich, frei. Von wegen! Trotzdem, Du musst da durch! Er musste im Erdgeschoss an der Wohnungstüre der Hausbesitzerin vorbei, ohne von ihr geschnappt zu werden.

Doch die hatte -wie die Hexen in Grimms Märchen- über 90 Jahre alte knöcherndürre, spindeldünne Finger mit noch Mal so langen spitzen Fingernägeln, mit denen sie hinterlistig Kinder zum Zwetschgenkuchen-Essen lockte und nach ihnen grabschte, wenn sie ihrem Locken nicht folgten. Selbst wenn er den Weg in den Schlossgarten nicht packte, schien auch die Altpapiertonne neben den Torpfosten der Fabrikeinfahrt so unerreichbar. Jeder Ausbruchsversuch scheiterte an diesem verfluchten Klappfensterchen in der Wohnungstüre der Hexe. Beim leisesten Geräusch, jedem Windhauch im Treppenhaus ging das Kläppchen auf und die Spinnenfinger der Hexe schossen hervor und packten ihn. Jetzt wieder dieses kurze, quietschende Knarren der Scharniere. Schnell vorbei, bevor sie zu zuschnappt …. es ging nicht vorbei … sie packte ihn.

Doch dann donnerte eine Stimme aus dem Oberhaus, aus dem Fenster im zweiten Stock erst gegen den Fabrik-Schornstein, dann in den Hof und schließlich durch das Treppenhaus: „Jens-Karl-Dieter!“ Es war kein Ruf wie Donnerhall, er schrillte fast hysterisch hoch und hochdeutsch gebieterisch, französisch-Höfisch: „Allez vite!!“, „Sofort hochkommen!“. Und mindestens einer von den Dreien war gemeint.
Da ließ die Hexe los, denn sie fürchtete die drei Musketiere. Gegen die kam sie nicht an, wenn sie ihre zusammen fast halbstarke Dreier-Kette bildeten. Karl flog durch die Haustüre, wagte eine steile Rechtskurve, ohne mit den Händen an den eisernen Torpfosten an der Einfahrt hängen zu bleiben.
Karl konnte gerade noch vor einem riesigen Ungetüm notlanden, das schon zwei Hühner und zwei Schafe überrollt hatte. Aus dem Parterre-Fenster schrie die Hexe: „Moi Hinkel, moi Schääf! Zem Deiwel mid aisch!“
Karl erschrak. Aber nicht er und seine Brüder waren gemeint.
Nein, der schwarze Mann oben auf dem Ungetüm, der jetzt mit Apfelsinen und Bananen nach ihm warf und mit großen Block-Schokolade-Brocken. Karl wusste nicht, ob er in Deckung gehen oder sich nach den verführerischen Geschossen bücken sollte.
Er begann zu singen: „Hoch auf dem gelben Wa-agen, sitz ich beim Schwager vorn!“ Der Wagen war gar nicht gelb sondern grün-braun-schwarz, wie der Mann obendrauf. Und es war auch nicht sein Schwager und er hatte weder eine Peitsche noch eine Hippe. Auch keine Schippe. Der Wagen fuhr ja auch nicht mit Kohle oder Brennholz. Kein Holzvergaser! Dafür hätte er nämlich die Schippe gebraucht! „Vorwärts die Rosse traben“. Doch Pferde waren nicht zu sehen. Schon gar keine vorwärts trabenden. Rückwärts wäre ja auch blöd. Nur ratternde Räder mit Schutz-Ketten. „Räder müssen rollen für den Sieg!“, hatte er von seinen älteren Brüdern gehört. Das mussten diese Räder sein!
„Lustig schmettert das Horn!“ Bei Prinz Eisenherz schmetterte nur das Schwert. Martinshorn? Ein blöder Name weder sein Bruder Martin noch der Sankt Martin hatte ein Horn. Zumindest nicht an der Stirn oder auf dem Kopf.
Das LaLü, LaLa! tönte es von Süden, es näherten sich Blaulichter, Polizei im Kübelwagen und die Rettungssanitäter. Schafe und Hühner wurden auf Bahren weggetragen und der schwarze Schwager machte die Klappe oben auf dem Ungetüm knirschend und knarrend mit einem endlichen Knall zu.
Ich mache einen Unterschwung am langen Rohr des Ungetüms mit Schwung zum Aufschwung auf die Schlossparkmauer, die das teuflische Ungetüm zum Glück nicht gerammt hatte. Schnell über die schützende Mauer.
Dort standen drei Kerzen, die ich anzünde, damit die Russen nicht kommen und die Berliner nicht verhungern. Die heißen jetzt aber Amerikaner die Berliner! Diese flachgedrückten Kreppel, mit Schokolade oder Zuckerguss obendrauf. Die flogen mit Rosinen nach Berlin. Händchen falten, Köpfchen senken und an die Berliner denken! Leider fielen die Gedächtniskerzen beim Überschwung um.
Mir wurde etwas mulmig, weil doch jetzt die Russen kommen! Doch ich musste ganz schnell verschwinden. Auch wegen der schmerzenden Blase.
Kurz vor der Schlosspark-Orangerie, kurz vor der Klorangerie -ja, da gab es ein Klo mit automatischer Wasserspülung für das Grafenpippi- kurz vor der Klorangerie hört Karl ein Klopfen. Dann sieht er den Schlossgärtner hinter der Glastüre des Gewächshauses und entdeckt gleichzeitig seinen erblassenden Vater im Liegestuhl auf der Blumenwiese vor der Orangerie liegen.
Wie heißt es in dem Lied: „Der Mörder war immer der Gärtner!“ Auch wenn er noch so vertrauensvoll blickt. „Es dunkelt schon die Heide!“ kommt mir in den Sinn. „Heißt dass nicht „der Heide“? „War der schwarze Mann auf dem Ungetüm vielleicht ein Heide?“ Den müssen wir missionieren! dann wird er wieder weiß!
Der Gärtner lockt immer noch. Ich widerstehe und singe unser Erkennungslied: „Es waren zwei Königskinder …“ Loukardis, die Grafentochter meldet sich nicht. Karlukardis. Welch ein Paar! Ich taste mich im Dunklen durch die Büsche. „Der Wald steht schwarz und schweiget und aus dem Nebel steiget der weiße Neger Wumbaba!“ Wieso ist der plötzlich weiß? Auf dem Ungetüm war er doch schwarz! Der ist nur noch nicht bekehrt. Ich versuche mich mit altbewehrten Zaubersprüchen aus dieser Zwickmühle zu erlösen: Hokuspokus, Simsalabim. Da wird kein Wasser zu Limonade und kein altes Brot zu Fleischwurst. Aus Schwarz nicht Weiß. Und dann reime ich mich einfach und hoffentlich frei:
„Zwischen Tulpen und Narzissen
Vater auf dem Ruhekissen
zugedeckt mit Deck und Pfuhl
Beine hoch im Liegestuhl
wird er jetzt im Park geparkt
gegen einen Herzinfarkt
weil ihn seine bösen Knaben
beinah totgeärgert haben
Gnadenakt, ja so belohnen
vom Himmelhoch und von den Thronen
Kaiser, Könige und Grafen
ihre allertreuesten Braven
Spießbürger und Untertanen
um sie dann mit Trauerfahnen
letzten Endes zu ersticken
und darauf zur Hölle schicken
weil der Klotz am Bein sie hindert
weil er die Profite mindert
und im Himmel überwintert
die Haute Volée mit reichlich Kies
und dann schließt das Paradies
Petrus kann mit leisem Knirschen
von dannen pirschen ….
doch dann krachts
Mitternachts?
„Wunderschönen guten Morgen! Schlafen Sie ruhig weiter! Ich streiche nur die Fensterrahmen. Sie schlafen ja glücklicher Weise bei offenem Fenster. Bei solch einer Lüftung bleiben die Fensterrahmen auch gut erhalten!“ Der Mann vor dem Fenster strich seelenruhig weiter, Carlos Vermieter schob den Fensterflügel weit ins Zimmer, stieg auf das Fensterbrett, um von Innen weiter zu streichen. Hoffentlich fängt er jetzt nicht auch noch an zu tapezieren.
Ludwig Lückhardt, der Sohn des Metzgermeisters Wilhelm Lückhardt bemühte sich stets um ein akzentfreies Hochdeutsch, was er nicht immer schaffte. Die Metzgerei hatte er längst aufgegeben. Seine Gastwirtschaft „Zum deutschen Haus“ mit seinem großen Tanzsaal brachte genug ein. Ludwig ließ schlachten und liefern. Gastronom war er nur noch aus Liebhaberei und manchmal war er auch sein bester Gast. Lückhardt war hauptsächlich Hausbesitzer und Hausverwalter seines eigenen Hanauer Stadtteil-Teiles, des nach seinem Vater benannten „Lückhardt-Dorfes“. Spötter munkelten, dass die über die Kinzig zum Stadtteil führende Brücke nicht nach irgendwelchen Grafen, Fürsten, Herzögen und Kaisern sondern nach Wilhelm dem Metzger zu dessen Geburtstag „Wilhelmsbrücke“ getauft wurde.
Nicht, dass Carlos im Bett vor Schreck und vor Ludwig, dem Wohltätigen strammgestanden hätte. Brauchte er nicht. Ludwig war wie sein Vater Wilhelm und sein Großvater Friedrich fast immer wohltätig. Carlos musste für seine 3-Zimmer-110 Quadratmeter-Erdgeschosswohnung mit Wohnküche und Bad 350,-DM kalte Miete bezahlen. Eine in den 1970ern selbst für Arbeitslose noch leistbare Wohltat. Heizen mit Paletten und Abfallholz vom Sperrmüll, gesalzene Nudeln vom Diccounter, Wasser und Brot und wenig Spiele …
Carlos drehte sich unter seine Bettdecke. Kein Job, etwas Stütze … das Arbeitsamt und die erfolglosen Bewerbungsgespräche konnten warten. Sie raubten ihm zumindest nicht den verdienten Zweitschlaf.
Mit den Vermutungen, warum sich die Lückhardts und ihre Söhne Friedrich, Wilhelm, Ludwig, Otto, Karl, Josef … tauften, taufen ließen, begann er wieder einzuschlafen. Nicht so ganz. Er wachträumte nachsinnend weiter: waren das nicht blutrünstige Herrscher aus dem Hochadel. Doch das konnte bei den Lückhardts nicht sein. Vielleicht waren es Schutznamen in verschiedenen Herrschaftszeiten? Könnte sein. Karl der Große oder Karl Marx, wer war der Namenspate? Josef Göbbels oder Josef Stalin? Rückversicherung nach links und rechts.
Und war nicht Carlos Vormieter der Genosse Breideband, der letzte KPD-Vorsitzende des Stadtbezirks mit den vielen Industriebetrieben und den Kasernen? Der hatte ihm noch die Küchen-Einrichtung überlassen.
Carlos schlief langsam gedanken- und traumlos wieder ein. Bis ihn Schreie aus dem Treppenhaus wieder aus dem Schlaf rissen und Oma Prüfer mit der Jagdflinte durch den Flur brüllte: „Fucking Bastards, I’ll call the MP!“ Carlos riß die Tür auf. Zwei Nutten mit blutigen Hälsen fielen ihm wimmernd in die Arme. „Keine Polizei!“ Carlos schrie in den Flur: „Elli, ruf den Notarzt!“ Er hatte kein Telefon, Oma Prüfer schon. Dann fingen die Mädels stotternd an zu erzählen: „Die haben uns fullstoned erwürgt!“ Nicht ganz, aber was Carlos sah, reichte schon. …. Fortsetzung folgt
Jetzt wurde ihm erst richtig klar, warum ihm Elli vor ein paar Wochen bei Kaffee und Kuchen mit Verschwörermine gezeigt hatte, was da neben ihrer Wohnungstür hinter einem Blümchenvorhang versteckt stand: „Des hab isch noch von moim Alde, der hod se noch von vorm Kriesch, vor de Nazis unn die hawwe nix defu mitkrieht. Woann die kumme wärn um en ze hole, der hädd gschosse! Gut dass isch se noch hab. Seid de Lückhardt aach on die Amis vermiet, was mer nedd, was bassierd.“ Und jetzt war es passiert. Aber nicht zu zum ersten Mal: „Uffzähle? do reische die Finger nedd!“ Die weit über 80jährige kam richtig in Fahrt. Carlos kam Bonny & Clyde in den Sinn, war aber völliger Unsinn. Elli hatte zwar nicht sonderlich viel gegen Bankräuber, wenn es keine Toten gab: „Des trifft nedd die Falsche!“. Aber sie selbst und ihr Mann? Banlkraub? Sie hat in der Kantine der Milchwerke keinen Löffel mitgehen lassen, nicht Mal ein Stück Brot. Doch, da war noch was: „In de Kantine beim Hereaus hawwe mir als des iwwerische Brot beiseid gschafft und de Russe in die Baracke gschmuggelt. ….
FORTSETZUNG FOLGT demnächst
Damit HaBE sein ABS-olut NonProfit Internet-Projekt weiter betreiben kann, bittet er Sie/euch unter dem Kennwort:
“ABS-solution” um Spenden auf sein Konto Nr. 1140086 bei der VR-Bank Main-Kinzig-Büdingen , BLZ: 506 616 39
Spenden zur Unterstützung von Rema & Nasser im Slum von Kampala in Uganda bitte unter dem Kennwort „Rema“: SchulpatINNen gesucht in allen Ländern, die Ostafrika (neo)kolonial beGLÜCK(t)en & missionier(t)en. Ein so beGLÜCKtes Kind im Slum von Kampala will auf die Highschool, hat aber kein Schulgeld – barth-engelbart.de