& video-Bericht von der 90. Demonstration gegen den Gazakrieg

Liebe DPGler, liebe Palästina-Interessierte, liebe Freundinnen und Freunde,
am Samstag in Bremen die 90. Demonstration gegen den genozidalen Krieg und den zunehmenden Terror der „Siedler“-banden in der Westbank, die unterstützt von Polizei und geschützt vom Militär immer mehr Menschen aus ihren Dörfern und von ihrem Land vertreiben, was mittlerweile im deutschen Fernsehen des ZDF am 15.7. um 21.45 in den Nachrichten deutlich und ungeschminkt berichtet wird. Mit wie immer mehreren Hundert Teilnehmenden wurden deutlich wie nie über die Verbrechen des israelischen Militärs und die Doppelmoral der deutschen Politik mitten auf Bremens voller Haupteinkaufsstraße mehrere Reden gehalten. Dazu gibt es wie immer den eindrucksvollen Film von Marlies und Sönke Hundt in voller Länge . Es wurde auf der Demo auch die unglaublichen Pläne eines „Konzentrationslagers“, oder wie der verharmlosende Titel des israelischen Verteidigungs-Ministers Katz es nennt, eine „Humanitäre Stadt“, ein Transferlager/ Ghetto für Hunderttausende, was israelische Journalisten wie Gideon Levy oder der israelische Menschenrechts-Anwalt Michael Sfard als klares und offen formuliertes Kriegsziel der ethnischen Säuberung beschrieben und auch im Deutschlandfunk am 12,7. Hanna Resch zu der Frage veranlasste, „was eigentlich noch passieren muss, bis die deutsche Politik sich wieder an unsere Verfassung erinnern und merken, dass die bedingungslose „Staatsraison “ mit den Grundwerten konfligiert, denn diese konkrete Projekt erinnert an die dunkelste Phase deutscher Geschichte, an Konzentrationslager“.
Am Sonntag hatten wir eine weitere Spontandemonstration am Bahnhof angeläßlich der verschärften aktuellen Situation des Hungers im Norden Gazas. Ein Video auch von dieser Demo mit wieder mehreren Hundert Teilnehmern folgt.
Angesichts der in den letzten Tagen weiter verschärften Hungerpolitikstrategie, was in Norden Gazas zur völligen Verhinderung der Möglichkeit Nahrung zu finden führte, des generellen Verbots im Meer zu fischen und zu baden und damit weitere Verschärfungen sind auch die Äusserungen von Ärzten, die ihre Erfahrungen schildern fast nicht auszuhalten. In den Aussendungen der Paläst. Botschaft geht es genau um diese Situationen in den noch einigermaßen funktionsfähigen Kankenhäusern, in denen Ärzte um das Leben von Kindern mit beschränkten Mitteln ringen und nicht selten unter Bombadierung. Dazu wieder fast nicht zu ertragende authentische Beispiele von Ärzten.
1. Gaza. Kriegsgeräusche. Bericht von der 90. Free-Gaza-Demo

Liebe Palästina-Interessierte und Trauernde,
Die Teilnehmer der Free-Gaza-Demonstration setzten sich auf die Straße. Aus den Lautsprechern ertönten ohrenbetäubende Kriegsgeräusche aus Gaza. Seit 90 Wochen nun tobt der Vernichtungskrieg – und seit 90 Wochen organisiert die Palästinensische Gemeinde Bremen ihre Kundgebungen und Demonstrationen. Detlef Griesche von der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft zitierte in seiner Rede die Berichte aus israelischen Medien von den jüngsten Plänen der israelischen Militärs: die Einrichtung von Ghettos und von Konzentrationslagern. Die Rede zum Download hier: http://dpg-netz-bremen.de/wp-content/uploads/2025/07/Rede-detlef-griesche-bei-der-90.pdf
Das Video hier: https://youtu.be/THQXqHVUVXs?si=V9bVOopMBuLw7KlG
oder hier auf unserer homepage: http://dpg-netz-bremen.de/
2. Aussendungen der Palästinensischen Botschaft Wien A47/2025: Katholische Kirche in Gaza bombardiert; Israelische Armee stiehlt hunderte Esel aus Gaza; drei übersetzte Beiträge zur Hungersnot in Gaza und deren Auswirkungen, am Fri, 18 Jul 2025 von Martha Tonsern (martha.tonsern@palestinemission.at)
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„Die heutige Ankündigung der EU ist wie ein Verrat an uns und an den Menschen in Gaza. Wir haben in Brüssel gesessen und den EU-Beamt*innen erzählt, was wir erlebt haben: Kinder, die aus Trümmern gezogen wurden, Familien, die ausgelöscht wurden, Krankenhäuser, die unter Beschuss standen. Wir haben geglaubt, dass die EU für die Menschenrechte eintritt, und wir erwarteten Taten. Doch während die EU verhandelt, um grundlegende Hilfsgüter nach Gaza zu bringen, bombardiert Israel weiterhin rücksichtslos Zivilist*innen. Menschen zu ernähren, während sie bombardiert werden, ist keine Lösung. Und während Diplomat*innen in den Sommerurlaub fahren, was soll ich da meinen Kolleg*innen sagen, die immer noch unter Beschuss in Gaza arbeiten?“
Dr. Graeme Groom, britischer Orthopäde, der mehrmals auf medizinischen Hilfsmissionen in Gaza war, am 15. Juli 2025, nachdem die Europäische Union sich erneut weigerte, in Anbetracht der – in einem eigenen Prüfbericht festgestellten – Menschenrechtsverletzungen in Gaza und im Westjordanland mittels Aussetzung des EU-Assoziierungsabkommens gegen Israel vorzugehen.
„Jeder einzelne Patient und jede einzelne Patientin, die ich hier sehe, befindet sich derzeit in einem Zustand des Verhungerns. Und, wissen Sie, ich kenne den Hunger. (…) Was ich hier sehe, sind Menschen, die ihre Proteinspeicher und ihre Fettspeicher vollständig aufgebraucht haben, die buchstäblich nur noch Haut und Knochen sind, wie ich es bisher nur in Lehrbüchern und Geschichtsvideos gesehen habe.“
„Ich habe die Krankenstationen hier für unterernährte Kinder besucht. Es ist ein Horrorszenario mit kleinen Kindern, denen es eigentlich gut gehen müsste, die jedoch langsam dahinschwinden, während ihre Eltern nicht wissen, was sie tun sollen, und manchmal bereit sind, das Risiko einzugehen, zu diesen GHF-Hilfsstellen zu gehen, um zu versuchen, ihre Kinder zu ernähren.“
„Ich habe aufgehört, Kinder, die ich sehe, zu fragen, ob jemand bei ihm ist oder ob es jemanden gibt, der für es da ist. Wissen Sie, es ist so viel los, dass wir wegen dieser Massaker buchstäblich Dutzende von Patient*innen auf einmal bekommen. Manchmal brauchen wir jemanden, der Blut für einen kleinen Ein- oder Zweijährigen spendet, der auf dem Boden liegt. Und wenn ich dann frage: „Wo ist die Familie dieses Jungen?“ „Wo ist die Familie dieses Mädchens?“, bekomme ich oft die gleiche Antwort: „Dr. Tarek, das ist ein verletztes Kind, keine überlebende Familie.“ Sie sind oft zu jung, um zu verstehen, dass ihre Eltern tot sind. Aber sie sitzen da und strampeln, sind verwundet. Wissen Sie, wir haben so viele gesehen. Erst vor zwei Tagen habe ich zum Beispiel ein Kind gesehen, bei dem mehr als die Hälfte der Körperoberfläche verbrannt war, und ich suchte nach jemandem, der sie trösten konnte, aber es war einfach niemand da, und so nahm ich sie auf den Arm und hielt sie ein paar Minuten lang fest, bis jemand anderes kam, um sie zu halten, damit ich mich wieder meinen anderen Patient*innen widmen konnte. Alles, was ich denken konnte, war, dass es zu diesem Zeitpunkt Zehntausende von Kindern in Gaza gibt, die einen oder beide ihrer Familienangehörigen verloren haben.“
„Jeder Tag hier scheint ein neues Beispiel für die Abgründe menschlicher Grausamkeit zu sein, wenn es um Männer, Jungen, Frauen und Kinder geht, insbesondere um die Kleinsten. Ich glaube, jeder Arzt und jede Ärztin, die in Palästina operieren und arbeiten, werden Ihnen sagen, dass der Krieg gegen die Kinder auf allen Ebenen das Erschütterndste, das Schrecklichste an unserer Arbeit ist.“
Dr. Tarek Loubani, kanadischer Notfall-Arzt, seit Juni als Freiwilliger im Nasser-Krankenhaus, im Interview mit Democracy Now am 14. Juli 2025
„Ich bin zu der unausweichlichen Schlussfolgerung gelangt, dass Israel einen Völkermord am palästinensischen Volk begeht. Da ich in einem zionistischen Elternhaus aufgewachsen bin, die erste Hälfte meines Lebens in Israel verbracht habe, als Soldat und Offizier in der israelischen Armee gedient habe und den größten Teil meiner beruflichen Laufbahn damit verbracht habe, über Kriegsverbrechen und über den Holocaust zu forschen und zu schreiben, war dies eine für mich sehr schmerzhafte Schlussfolgerung, die ich so lange wie möglich vermeidet habe. Aber ich halte seit einem Vierteljahrhundert Vorlesungen über Völkermord. Ich erkenne einen, wenn ich ihn sehe.“
Omer Bartov in seinem Kommentar in der New York Times, 15. Juli 2025. Bartov gilt als einer der weltweit führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet des Holocausts und als Experte für Völkermord.
„Im Gazastreifen gibt es keinen sicheren Ort. 20 Monate intensiver Angriffe haben das schützende Umfeld für Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen zerstört. 134 105 Menschen, darunter über 40 500 Kinder, haben kriegsbedingte Verletzungen. Ungefähr 25 Prozent von ihnen haben neue Behinderungen, die eine akute und kontinuierliche Rehabilitation erfordern. Bei über 35 000 Menschen wird davon ausgegangen, dass sie aufgrund von Explosionen erhebliche Hörschäden erlitten haben. Zehn Kinder pro Tag verlieren ein oder beide Beine.“
Global Protection Cluster (ein Netzwerk von NGO‘s, internationalen Organisationen und Einrichtungen der Vereinten Nationen), 15. Juli 2025
„Hala Adel Al-Shurafa, jene Frau, die nach einem israelischen Luftangriff unter den Trümmern eingeschlossen war, ist tot. Gestern erreichten Angehörige Hala unter dem Beschuss israelischer Quadrocopter und fanden sie lebend, eingeklemmt unter einem Betonblock. Sie sagte ihnen, sie würde versuchen, durchzuhalten. Als sie heute Morgen zurückkehrten, war sie tot. Das Schicksal der anderen Menschen in den unteren Stockwerken des fünfstöckigen Gebäudes ist noch unbekannt. Hala Adel Al-Shurafa war eine Ingenieurin aus dem Stadtteil Al Zarqa in Jabalia im nördlichen Gazastreifen.“
Muhammad Al Shareef, palästinensischer Journalist, 16. Juli 2025
„Vor ein paar Monaten tauchte das Bild eines kleinen Mädchens auf, dessen Körper blutüberströmt war. Sie hatte auf der Straße gespielt und trug noch immer ihre rosa Rollschuhe. Einen Tag später tauchte ein weiteres Bild auf, diesmal von einem Jungen, der regungslos daliegt. Auch er hatte noch seine grün-blauen Rollschuhe an. Gestern war es eine ältere Frau, die ihre Arme um den leblosen Körper ihres Mannes schlang und sich weigerte, ihn loszulassen. Und heute war es ein alter Mann, der über den Leichnam seiner Frau weint.
Was ich nicht begreifen kann, ist, wie so etwas immer wieder passieren kann. Als ob jede Version der Trauer gelebt werden muss. Als ob jede Variante des Verlusts ausgeschöpft werden muss. Wir sind von der Tragödie zur Wiederholung übergegangen, von der Trauer zum Wahnsinn. Wir stecken in einem Kreislauf fest, der durch nichts und niemanden durchbrochen wird.“
Haya Abu Shammala, (vormals) Studentin der englischen Literatur an der Islamischen Universität von Gaza, 14. Juli 2025
Sehr geehrte Damen und Herren,
gestern wurden bei einem israelischen Luftangriff auf die einzige katholische Kirche in Gaza drei Menschen getötet und zehn weitere verletzt, darunter auch der Pfarrer der Gemeinde, Gabriele Romanelli.
Nach Angaben der katholischen Hilfsorganisation Caritas Internationalis handelt es sich bei den drei Opfern um Saad Salameh, den 60-jährigen Messdiener der Kirche der Heiligen Familie, Fumayya Ayyad, eine 84-jährige Frau, die in einem Caritas-Zelt auf dem Kirchengelände psycho-soziale Betreuung erhielt, als sich die Explosion ereignete, und Najwa Abu Daoud, 69, die in der Nähe von Ayyad saß.
Ibrahim Saqallah, Sanitäter im nahegelegenen Al-Ahli Krankenhaus, berichtete, dass etwa zehn Menschen verwundet wurden, einige davon schwer. Die Verletzungen wurden durch Schrapnelle einer explodierenden Artilleriegranate verursacht.
Durch den Beschuss der Kirche wurde auch ihr Gelände beschädigt, in dem Hunderte von Palästinenser*innen, darunter Kinder und Behinderte, während des 21-monatigen genozidalen Krieges Zuflucht gefunden haben.
Attallah Terzi, eine vertriebene 75-jährige Christin, die jetzt in einer Schule neben der Kirche untergebracht ist, wurde Zeugin der Tötung einer Frau, die einem Mann im Rollstuhl half, und einer weiteren Frau, deren Kopf von einem Stein getroffen wurde, der aus der Kirchenmauer geschleudert wurde. Sie sah auch, wie ein junger Mann von einem Granatsplitter getroffen wurde. Der Pfarrer der Gemeinde, Gabriele Romanelli, war ihm zu Hilfe geeilt, ehe er selbst verletzt wurde.
Gabriele Romanelli, ein Argentinier und seit 2019 Pfarrer der Gemeinde, weigerte sich zu Beginn des genozidalen Krieges, Gaza zu verlassen. Er telefonierte ab dem 9. Oktober 2023 bis zu dessen Tod mit Papst Franziskus, der sich jeden Abend zur selben Zeit meldete, um sich über die Lage zu erkundigen und den Gemeindemitgliedern Mut zuzusprechen.
Die katholische Kirche zur Heiligen Familie wurde nicht zum ersten Mal von der israelischen Armee angegriffen. Am 16. Dezember 2023 wurden zwei katholische Gemeindemitglieder, eine Mutter und ihre Tochter namens Nahida und Samar Khalil Anton, auf dem Gelände der Kirche von israelischen Scharfschützen regelrecht hingerichtet. Die Tochter wurde bei dem Versuch getötet, ihre ältere Mutter zu retten, die von Scharfschützen erschossen worden war. Sieben weitere Personen wurden angeschossen und verletzt. Alle hatten auf dem Kirchengelände Zuflucht gesucht.
Am selben Tag wurde das Kloster der Schwestern von Mutter Theresa (Missionarinnen der Nächstenliebe), das sich auf dem Kirchengelände befindet, von einer von einem israelischen Panzer abgefeuerten Rakete getroffen. Der Generator, die Treibstoffvorräte, die Solarzellen und die Wassertanks des Gebäudes wurden zerstört, das Gebäude unbewohnbar. Der Konvent beherbergte und pflegte über 54 Menschen mit teilweise schweren Behinderungen.
Palästinensische Christ*innen, Kirchen und christliche Einrichtungen blieben von den israelischen Angriffen nicht verschont, im Gegenteil: mittlerweile wurde jede kirchliche Einrichtung in Gaza angegriffen und beschädigt oder vollkommen zerstört.
Zum Weiterlesen:
Zur Situation der christlichen Bevölkerung in Gaza
Von Martha Tonsern, 4. Oktober 2024
https://www.palestinemission.at/single-post/zur-situation-der-christlichen-bev%C3%B6lkerung-in-gaza
Die Christinnen und Christen in Gaza, die in Kirchen Zuflucht suchen, sehen einem weiteren Weihnachtsfest unter Beschuss entgegen
Nach wiederholten israelischen Angriffen auf die historischen Kirchen im Gazastreifen trauern die vertriebenen PalästinenserInnen um ihre Angehörigen und die Freude über die verloren gegangene Weihnachtszeit.
Von Ruwaida Kamal Amer, 972Mag, 24. Dezember 2024
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Israelische Armee stiehlt hunderte Esel aus Gaza
Nach Angaben des israelischen Fernsehsenders Kan 11 wurden von der israelischen Armee Hunderte von Eseln aus Gaza gestohlen, abtransportiert und in eine israelische Organisation namens Let’s start over gebracht, die nach eigenen Angaben in Moshe Harot im Süden von Tel Aviv „Pflege und Rehabilitation für Esel“ anbietet. Auf der Website der Farm werden die Tiere als Opfer eines „psychologischen Traumas“ dargestellt, die einer besonderen Behandlung bedürfen.
Von dieser israelischen Farm aus wurden zahlreiche Esel aus Gaza zu Tierheimen in Europa weitertransportiert. Wie der israelische Sender Kan berichtete, ist am 18. Mai 2025 die erste Lieferung von 58 Eseln vom Flughafen Ben Gurion zum Flughafen Lüttich in Belgien und dann zu Tierheimen in Frankreich und Belgien gebracht worden. Das Tierheim La Tanière – Zoo Refuge in der Nähe der französischen Stadt Chartres feierte die Eseln als Symbol für „Mitgefühl und Zivilisiertheit“. Jeder Esel bekam eine „Geschichte von der Flucht aus der Hölle“. Ihre ehemaligen palästinensischen Besitzer*innen wurden nicht erwähnt.
Die israelische Organisation Let’s start over besteht darauf, dass die Esel vor Misshandlung „gerettet“ wurden und hat offen erklärt, dass die Tiere nicht zurückgegeben werden. „Wir werden nicht zulassen, dass die Esel nach Gaza zurückkehren, und wir werden daran arbeiten, die dort verbliebenen Esel zu holen, damit sie nicht beim Wiederaufbau eingesetzt werden können“, so der Direktor der Organisation.
Die israelischen Behörden haben versucht, das Vorgehen zu rechtfertigen, indem sie behaupteten, die Esel zeigten Anzeichen eines physischen und psychischen Traumas, weil sie von den vertriebenen Palästinenser*innen überlastet werden. Abgesehen davon, dass es – gelinde gesagt – bizarr anmutet, dass Esel aus Gaza „gerettet“ werden, da man sie als „traumatisiert“ ansieht und ihnen Mitgefühl entgegenbringt, während man diesen Schritt für die Menschen in Gaza keineswegs vollzieht, wäre es auch einmal untersuchenswert, wie viele Tiere eigentlich durch die neuerdings so tierliebende israelische Armee getötet wurden.
Zusätzlich sind zwei Faktoren ausschlaggebend, warum diesem Thema Aufmerksamkeit entgegengebracht werden muss:
Erstens haben israelische Soldaten die Esel aus Gebieten, die sie im Gazastreifen eingenommen haben, geplündert. Nach internationalem Recht wird die gewaltsame Beschlagnahmung von Zivileigentum während eines bewaffneten Konflikts als Kriegsverbrechen eingestuft.
Zweitens: Israels Bombardierungen haben die Infrastruktur des Gazastreifens zerstört, Straßen ruiniert und nur wenige funktionierende Fahrzeuge übriggelassen, während die Blockade des palästinensischen Gebiets die Beschaffung von Treibstoff für den Transport verhindert. Esel haben die Lücke gefüllt und werden für den Transport von Gütern und Menschen eingesetzt, die täglich auf der Suche nach Lebensmitteln, Wasser und Treibstoff sind; um Verwundete zu Krankenhäusern zu bringen und um Kinder und Habseligkeiten zu transportieren, wenn die israelischen Streitkräfte abermals tausende Menschen zum Verlassen eines Gebiets zwingen. Eselsmilch ist eine der letzten verfügbaren vitamin- und nährstoffreichen Lebensmittel in Gaza, die Kindern helfen kann.
Der palästinensische Tierarzt Saif Alden drückte es folgendermaßen aus: „Diese Esel sind das letzte Bindeglied zwischen den Menschen und den grundlegenden Dienstleistungen, die sie dringend benötigen. (…) Wir haben in Gaza Esel gesehen, die Leben gerettet haben – sie haben schwangere Frauen zur Entbindung ins Krankenhaus gebracht, Verletzte in Sicherheit getragen; sie sind jenen zur Seite gestanden, die alles verloren haben, und sie haben Wärme gespendet, wenn es kalt war. Sie geben, ohne eine Gegenleistung zu verlangen.“
Dr. Alden und sein Team betreiben eine Klinik, in der seit dem Ausbruch des genozidalen Krieges in Gaza im Oktober 2023 mehr als 7 000 durch israelische Angriffe verletzte Esel und Tausende anderer verletzter Tiere behandelt wurden. Am 13. März 2025 wurde die Klinik von der israelischen Armee bombardiert und zerstört. Dr. Alden und sein Team machen trotzdem weiter – sie versuchen, verwundete Tiere zu verarzten, durchkämmen die zerstörte Landschaft nach zurückgelassenen Tieren, nehmen Anrufe von Besitzer*innen kranker und verletzter Esel entgegen und reagieren auf Anfragen zur Rettung von Tieren selbst aus den gefährlichsten Gebieten.
„Wenn wir ihnen helfen, retten wir nicht nur ein Leben, sondern bewahren ein heiliges Band zwischen Mensch und Tier. Wir halten die Hoffnung am Leben“, so Dr. Alden.
Rifat Kassis, palästinensischer Menschenrechtsaktivist und Mitbegründer von Kairos Palestine, schrieb in einem Kommentar am 15. Juli 2025:
„Damit hat Israel erneut bewiesen, dass es sich um einen Staat handelt, der auf moralischen Widersprüchen beruht: er ist in der Lage, tiefe Empathie gegenüber Tieren zu zeigen, aber er verabsäumt es, Palästinenser*innen auch nur das geringste Mitgefühl entgegen zu bringen. Esel werden aus dem belagerten Gaza in die Tierheime in Europa evakuiert, während die Besitzer*innen, die ihre Esel unter Bombardierung gefüttert, gepflegt und an ihrer Seite geschlafen haben, entweder im Moment verschleppt, unter den Trümmern begraben oder bombardiert werden.
Esel haben jetzt Pässe. Und vielleicht auch eine gute Zukunft. Und vielleicht schicken „progressive“ demokratische Länder ihnen weiches Heu, in Solidarität mit den „Kriegsopfern“. Tierrechtsgruppen und -organisationen werden Spenden sammeln, Geschichten veröffentlichen und berührende Aufnahmen von glücklichen Gaza-Eseln posten, die freudig in die europäische Sonne blinzeln. Unterdessen bleiben die Kinder von Gaza, deren Gliedmaßen verstümmelt, deren Herzen und Nerven zerschmettert wurden, und die ihre Familien verloren haben für Israel unsichtbar. Sie werden nicht als Opfer angesehen, sie haben kein Recht auf Trost, Schutz oder gar Empathie. Sie haben keinen europäischen Zufluchtsort und keine Rettungsflugzeuge oder Autos, ja nicht einmal mehr ein Eselkarren.
Vor nicht allzu langer Zeit beschrieb ein israelischer Minister die Palästinenser*innen als „menschliche Tiere“. Darüber waren wir wütend. Jetzt frage ich mich aber in bitterer Ehrlichkeit: Vielleicht hätten wir besser Tiere sein sollen. Nicht weil die Beschreibung weniger beleidigend ist, sondern weil die Tiere zumindest Mitgefühl, Empathie und Überleben bekommen.
(…) Man präsentiert uns nun das Bild von Israel als „humanitären“ Staat, weil sie Esel in der Luft transportieren, während sie Zivilist*innen am Boden bombardieren. In unserer George Orwell-Welt sind alle Wesen gleich.
Aber manche, so scheint es, sind evakuierbarer als andere.“
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Informationen entnommen aus:
‘The last thread connecting people to services’: Why vets are risking all to care for Gaza’s donkeys
The Guardian, 15. April 2025
Israeli army stole donkeys from Gaza; transported them to France
Middle East Monitor, 15. Juli 2025
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In der heutigen Aussendung finden Sie drei übersetzte Beiträge, in denen es um die Auswirkungen der Hungersnot in Gaza geht.
Im ersten Beitrag berichtet UNRWA-Sprecherin Juliette Touma über ihre Erfahrungen mit Hungersnöten und deren Auswirkungen auf die Kinder und stellt die Frage, wieviele Kinder in Gaza noch verhungern müssen, ehe die Welt bereit dazu ist, zu handeln.
Im zweiten Beitrag geht es um einen neuen Bericht von Defense for Children International Palestine (DCIP) und Doctors Against Genocide, in dem aufgezeigt wird, dass die israelischen Behörden vorsätzlich den Hunger als Methode des Völkermords einsetzen, was zum vermeidbaren Tod und zum Leid von palästinensischen Kindern im Gazastreifen geführt hat und negative Auswirkungen für kommende Generationen haben wird. Diese Auswirkungen sind bereits jetzt unumkehrbar.
Im dritten Beitrag berichtet die junge Autorin Donya Abu Sitta darüber, dass die Hungersnot in Gaza dazu geführt hat, dass mittlerweile zwei Drittel aller Blutspenden als unbrauchbar klassifiziert werden. Das Blut der Spender*innen weist aufgrund des permanenten Hungerns und der Mangelernährung extrem niedrige Hämoglobin- und Eisenwerte auf, was es für Bluttransfusionen unbrauchbar macht.
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Die Hilfe für die hungernden Kinder in Gaza steht vor den Toren Gazas. Lasst sie rein!
Israel blockiert die Einfahrt von 6 000 UNRWA-Lastwagen in den Gazastreifen, während Kinder vor Hunger sterben. Die Welt kann immer noch eine noch größere Katastrophe verhindern, wenn sie sich endlich entschließt zu handeln.
Von Juliette Touma, +972Mag, 15. Juli 2025
(Originalbeitrag in englischer Sprache und dazugehörendem Bildmaterial: https://www.972mag.com/gaza-starving-children-aid-unrwa/)
In letzter Zeit habe ich mehr als sonst an Adam gedacht.
Ich traf Adam 2018 in der jemenitischen Hafenstadt Hodeidah, die damals belagert und schwer bombardiert wurde. In der baufälligen Krankenstation lag Adam: 10 Jahre alt und nur etwas über 10 Kilogramm schwer. Er konnte weder sprechen noch weinen, sondern gab bei jedem Atemzug nur einen heiseren Laut von sich. Ein paar Tage später starb Adam an Unterernährung.
Ein paar Jahre zuvor rief meine Kollegin Hanaa eines Nachts aus Syrien an. Sie war in Tränen aufgelöst und konnte kaum ein Wort sagen. Schließlich erzählte sie mir, dass Ali, ein 16-jähriger Junge, gestorben war – auch er an Unterernährung, in einer weiteren belagerten Stadt, gefangen in einem Krieg, den er nicht verursacht hatte.
Am nächsten Morgen sagte mein Vorgesetzter, ein Epidemiologe, zu mir: „Dass ein 16-jähriger Junge an Unterernährung stirbt, sagt eine Menge aus. Er ist praktisch ein Mann. Das bedeutet, dass es in diesem Teil Syriens überhaupt keine Nahrung mehr gibt.“
Zurück im Jemen, in einem der wenigen funktionierenden Kinderkrankenhäuser in der Hauptstadt Sana’a, erinnere ich mich an einen Gang durch die Kinderstation während des Höhepunkts eines Choleraausbruchs. Jungen im Alter von 15 oder 16 Jahren kämpften ums Überleben. Sie waren so schwach und ausgemergelt, dass sie sich kaum in ihren Betten drehen konnten.
Diese Bilder und Geschichten haben mich über die Jahre hinweg verfolgt, wie viele von uns, die in schweren Hunger- oder hungerähnlichen Situationen gearbeitet haben.
Im Jahr 2022, als ich den Gazastreifen noch regelmäßig besuchen konnte, hielt ich an UNRWA-Schulen an und traf auf Kinder – makellos gekleidet, gesund aussehend, lächelnd, wissbegierig, auf dem Schulhof zu Musik auf und ab springend.
Damals stand der Gazastreifen bereits seit mehr als 15 Jahren unter einer Blockade. Dennoch gab es Lebensmittel, die über Israel importiert oder vor Ort angebaut wurden. Auch die UNRWA leistete Nahrungsmittelhilfe für mehr als eine Million Menschen.
Und so wurden die Bilder von Adam und Ali in den Hintergrund gedrängt – bis sie wieder auftauchten.
Wie lange noch?
Vor einigen Wochen haben unsere Teams in Gaza damit begonnen, alarmierende Fotos von abgemagerten Babys zu schicken. Nach Angaben der WHO starben während der israelischen Blockade zwischen März und Mai mehr als 50 Kinder an Unterernährung, und die Zahl der unterernährten Kinder steigt weiter rapide an. Seit dem 24. Januar hat die UNRWA in seinen Kliniken und medizinischen Zentren mehr als 242 000 Kinder untersucht und damit mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter fünf Jahren im Gazastreifen erfasst. Eines von zehn untersuchten Kindern ist unterernährt.
Eines von ihnen ist Ahlam, erst sieben Monate alt. Ihre Familie wurde seit Beginn des Krieges jeden Monat vertrieben, immer auf der Suche nach einer Sicherheit, die es nicht gibt. Wie viele Babys in Gaza ist ihr kleiner Körper geschwächt; ihr Immunsystem ist durch Traumata, wiederholte Vertreibung, Mangel an sauberem Wasser, schlechte Hygiene und sehr wenig Nahrung zerstört.
Trotzdem könnte Ahlam überleben. Aber wird sie das?
Im Gazastreifen sind therapeutische Lebensmittel und Medikamente Mangelware. Die israelischen Behörden haben eine strenge Belagerung verhängt, die die Einfuhr von Lebensmitteln, medizinischen Hilfsgütern, Nahrungsmittelhilfe und sogar Hygieneartikeln wie Seife blockiert. Obwohl die Blockade manchmal gelockert wird, darf das UN-Hilfswerk (UNRWA), die wichtigste humanitäre Organisation in Gaza, seit über vier Monaten keine Hilfsgüter mehr einführen.
Letzte Woche ist Salam, ein weiteres kleines Mädchen, an Unterernährung gestorben. Sie war erst ein paar Monate alt. Als sie unsere Klinik erreichte, war es bereits zu spät.
Am 10. Juli wurden acht Kinder getötet, als ein israelischer Luftangriff die Klinik traf, in der sie auf Nahrungsmittelhilfe warteten. Eine meiner Kolleginnen fuhr ein paar Minuten später an der Klinik vorbei. Sie erzählte mir, dass sie Mütter sah, die stumm weinten und in den Abgrund blickten, genauso wie Adam es tat.
Warum sollten Babys im 21. Jahrhundert an Unterernährung sterben, vor allem, wenn diese völlig vermeidbar ist?
Die UNRWA hat mehr als 6 000 Lastwagen mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Medikamenten, die direkt vor den Grenzen des Gazastreifens warten. Außerdem haben wir mehr als 1 000 medizinische Fachkräfte, die Jungen und Mädchen im gesamten Gazastreifen mit lebenswichtigen Nahrungsmitteln versorgen können. Wir sind bereit, kleinen Kindern wie Ahlam zu helfen.
Inmitten des täglichen Livestreams der Gräueltaten aus Gaza kann man nicht anders, als sich zu fragen: Wie viele Ahlams und Salams müssen noch sterben, bevor die Welt handelt?
Wie lange müssen wir noch auf einen Waffenstillstand warten, damit keine Bomben mehr auf ausgemergelte, sterbende Kinder fallen?
Juliette Touma ist UNRWA-Direktorin für Kommunikation in allen Einsatzbereichen. Sie hat den Gazastreifen vor und während des Krieges mehrmals besucht.
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Neuer Bericht „Starving a Generation“ von DCI und Doctors Against Genocide: Israel setzt Hunger als Mittel des Völkermords ein
Die Organisation Defense for Children International – Palestine (DCIP) hat in Zusammenarbeit mit der Organisation Doctors Against Genocide einen Bericht veröffentlicht, in dem aufgezeigt wird, dass die israelischen Behörden vorsätzlich den Hunger als Methode des Völkermords einsetzen, was zum vermeidbaren Tod und zum Leid von palästinensischen Kindern im Gazastreifen geführt hat und negative Auswirkungen für kommende Generationen haben wird.
DCI Palestine und Doctors Against Genocide, 24. Juni 2025
(Vollständiger Bericht in englischer Sprache und dazugehörendem Bildmaterial: https://assets.nationbuilder.com/dcipalestine/pages/5323/attachments/original/1750777756/Starving_a_Generation.pdf?1750777756)
„Starving a Generation: Israels Hungerkampagne gegen palästinensische Kinder im Gazastreifen“ dokumentiert 33 Fälle von hungernden Kindern, die von DCIP-Mitarbeiter*innen im Gazastreifen zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 21. Mai 2025 gesammelt wurden.
In neun dieser Fälle starben die Kinder. Diese Kinder, die alle an Unterernährung starben, waren zwischen einer Woche und zehn Jahren alt. Drei Beispiele dazu aus dem Bericht (Seite 12):
„Ich wurde zusammen mit meinem Mann und meinem einzigen Sohn Anwar in das Al-Shifa-Krankenhaus verlegt. Wegen der Belagerung durch die Armee gab es keine Muttermilch, und hatte ich keine Milch in den Brüsten, weil es an Nahrung fehlte und die Einfuhr von Hilfsgütern blockiert wurde. Mein Sohn weinte die ganze Nacht vor Hunger. Seine Temperatur stieg an und er bekam Krämpfe als Folge davon. Er verstarb vier Tage später.“
Die Mutter von Anwar Mustafa Al-Khudari, er starb am 14. Februar 2024. Er wurde drei Monate alt.
„Mein Sohn Musab war mein erstes Kind. Im Kindergarten war er intelligent und aufgeweckt. Alle seine Lehrer*innen lobten ihn. Er war gesellig und spielte mit seinen Klassenkameraden. Er fuhr gern mit dem Fahrrad. Er liebte Erdbeeren und Bananen.“
Die Mutter von Musab Salem Abu Asr, er starb am 11. Februar 2024. Er wurde vier Jahre alt.
„Sahar konnte nicht gestillt werden, weil es im gesamten nördlichen Gazastreifen keine Nahrung gab – und es gab auch keine Babynahrung. Sie war dehydriert, also brachte ich sie ins Kamal Adwan Krankenhaus und sie wurde auf die Intensivstation gebracht, wo sie zehn Tage lang an der Beatmungsmaschine hing, bis sie starb. Ich hatte noch nicht einmal eine Geburtsurkunde für sie bekommen.“
Der Vater von Sahar Tawfiq Al-Zabda, sie starb am 28. Februar 2024. Sie wurde einen Monat alt.
Von den anderen 24 Fällen, die dokumentieren, dass die Kinder immer noch an den Folgen des Hungers leiden, sind 14 unter einem Jahr alt, fünf sind Kleinkinder und fünf sind im Schulalter. Fünf der Kinder leiden an chronischen Krankheiten. Diese Fälle stellen nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Zahl dar, da Israels fortgesetzte Bombardierung, Belagerung und Behinderung der Hilfe eine umfassende Dokumentation unmöglich gemacht haben.
„Die Welt hat seit den Anfängen des israelischen Völkermordes in Gaza in Echtzeit zugesehen, wie palästinensische Kinder verhungern, und sich geweigert, etwas zu unternehmen, um ihr Leben zu retten“, so Miranda Cleland, Advocacy Officer bei DCIP und eine der Autorinnen des Berichts. „Dieser Bericht enthält 33 Fälle von Kindern, deren Leben durch den Hunger für immer verändert sein wird – oder beendet wurde. Der Hunger, der heute im Gazastreifen herrscht, wird über Generationen hinweg bleibende, katastrophale Auswirkungen auf palästinensische Kinder und Familien haben.“
„Es könnte nicht deutlicher sein: Israel beabsichtigt, die Palästinenser*innen auszuhungern, um sie zu vertreiben und zu vernichten“, sagt Kathryn Ravey, Advocacy Officer bei DCIP. „Israel bricht alle Regeln, die zur Verhinderung und Bestrafung von Völkermord aufgestellt wurden, und die internationale Gemeinschaft lässt dies nicht nur zu, sondern profitiert aktiv von Israels Völkermord, sowohl durch den Verkauf von Waffen als auch durch die fortgesetzte Erleichterung des Handels und des diplomatischen Schutzes.“
Die Organisation Doctors against Genocide hat einen umfassenden Abschnitt über die verheerenden medizinischen, entwicklungsbezogenen und psychologischen Folgen des Hungers bei Kindern verfasst. Sie warnen vor den langfristigen und oft irreversiblen Folgen wie Wachstumsverzögerungen, neurologischen Schäden, geschwächtem Immunsystem und dauerhaften kognitiven Beeinträchtigungen:
„In kognitiver Hinsicht beeinträchtigt akuter Hunger die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis und die psychomotorischen Funktionen, insbesondere bei Kindern. Verhaltenssymptome wie Reizbarkeit und Apathie sind häufig, und Kinder werden schnell träge und teilnahmslos (nicht ansprechbar). Säuglinge und Kleinkinder, vor allem solche, die sehr dünn („verschwindend“) sind, haben manchmal geschwollene Körper aufgrund von Kwashiorkor (eine potentiell tödliche Form eines Protein-Energie-Mangelsyndroms, die vorwiegend Säuglinge und Kleinkinder betrifft) oder sind kleiner als normal für ihr Alter („verkümmert“).
Die langfristigen Auswirkungen von Unterernährung im Kindesalter sind tiefgreifend und oft irreversibel (Suryawan et al.,2022). Mangelernährung in der frühen Kindheit, insbesondere während der kritischen ersten 1 000 Tage von der Empfängnis bis zum Alter von zwei Jahren, kann zu dauerhafter Verkümmerung und beeinträchtigtem Wachstum führen, das auch mit einer späteren Ernährungsrehabilitation nur teilweise aufgeholt werden kann. Die Folgen für die neurologische Entwicklung sind besonders schwerwiegend: Kinder, die früh unter Mangelernährung leiden, weisen häufig niedrigere IQ-Werte, schlechte schulische Leistungen und anhaltende Verhaltensstörungen auf.
Diese Leistungsdefizite und anhaltenden Verhaltensauffälligkeiten sind häufig mit Veränderungen der Gehirnstruktur und -funktion verbunden, die durch bildgebende Verfahren und kognitive Tests dokumentiert wurden. Dazu gehören ein verringertes Hirnvolumen, eine beeinträchtigte neuronale Konnektivität und eine abnorme Myelinisierung (Entwicklung der Nervenzellen).
Frühe Fehlernährung kann langfristige epigenetische Veränderungen verursachen, die die Entwicklung von Genen beeinträchtigen, die für Aufmerksamkeit, Lernen und Handlungsfähigkeiten wichtig sind. Die Auswirkungen dieser Defizite gehen über den Einzelnen hinaus und tragen zu einer geringeren wirtschaftlichen Produktivität, einer höheren Belastung des Gesundheitswesens und der Fortsetzung des generationenübergreifenden Armutskreislaufs bei.“ (Bericht Seite 19)
„Schauen Sie sich die leeren Augen des Kindes an“, sagt Dr. Ahmed Al-Faraa, Leiter der Kinderheilkunde am Nasser-Krankenhaus in Khan Younis, wo viele der in dem Bericht genannten Kinder behandelt werden, in einem Interview mit Doctors Against Genocide über den zweijährigen Amro, einen Patienten mit schwerer akuter Unterernährung. „In diesen Augen sehen Sie viele Fragen: Wo ist meine Mutter? Wo ist mein Vater? Welches Verbrechen habe ich begangen, um so bestraft zu werden? Kinder wie Amro können nicht weinen. Das Personal, das sich um Kinder wie ihn kümmert, weint aufgrund der Traurigkeit, die sie für ihn empfinden.“
In dem Bericht wird festgestellt, dass israelische Streitkräfte und Politiker systematisch und absichtlich Nahrungsmittelproduktions- und -verteilungssysteme angegriffen, humanitäre Konvois attackiert und die Einreise von Hilfsgütern in den Gazastreifen blockiert haben. Der Bericht dokumentiert auch den Tod von Kindern in Gebieten wie dem nördlichen Gazastreifen, die völlig von Hilfsgütern und Lieferungen abgeschnitten waren. Familien berichten, dass sie ihre Kinder nicht ernähren konnten, da die Mütter selbst zu unterernährt waren, um zu stillen, und keine Säuglingsnahrung zur Verfügung stand.
Die wichtigsten Ergebnisse des Berichts lauten wie folgt:
- Eine Hungersnot herrscht im Gazastreifen mindestens seit Anfang 2024, als die ersten palästinensischen Kinder aufgrund der israelischen Abriegelung des nördlichen Gazastreifens verhungerten.
- Das Verhungernlassen von Kindern ist ein Schlüsselmechanismus in Israels Genozid, von Beginn an waren bestehende und zukünftige Generationen von palästinensischen Kindern und Familien im Visier.
- Die Weigerung der internationalen Gemeinschaft, die Hungersnot auszurufen, die völkermörderischen Absichten der israelischen Behörden anzuerkennen und Israels Belagerung zu beenden, hat den Weg für das Verhungern weiterer Kinder geebnet.
- Palästinensische Neugeborene, Säuglinge und chronisch kranke Kinder sind am stärksten von den Folgen der Unterernährung und Dehydrierung bedroht.
- Die Hungersnot, die jetzt in Gaza herrscht, wird sich auf Generationen von palästinensischen Kindern und Familien negativ auswirken.
Die Beweise für die Absicht der israelischen Behörden, die Palästinenser*innen im Gazastreifen auszuhungern, wurden seit den Angriffen vom 7. Oktober 2023 von den israelischen Behörden selbst klar artikuliert. Seitdem hat die israelische Politik ihren Worten Taten folgen lassen und den Palästinenser*innen in Gaza den Zugang zu Lebensmitteln, Wasser, Strom, Treibstoff, Medikamenten, humanitärer Hilfe und anderen Gütern und Dienstleistungen verweigert. Diese Politik, die von unerbittlichen Luft- und Bodenangriffen begleitet wird, ist eine vorsätzliche Verletzung des internationalen Rechts und findet vor den Augen der Weltöffentlichkeit statt.
Die führenden Politiker*innen der Welt haben es versäumt, sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen, um palästinensische Kinder und Familien vor dem Verhungern in der von den israelischen Behörden verursachten Hungersnot zu schützen. Jeder Augenblick, in dem dieses Versäumnis fortbesteht, wird eine ganze Generation palästinensischer Kinder für die kommenden Jahre beeinträchtigen. Die Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit der Kinder sowie auf ihre Entwicklung werden noch jahrzehntelang zu spüren sein. Die Folgen dieser bewusst herbeigeführten Hungersnot für die palästinensische Gesellschaft in Gaza sind bereits jetzt unumkehrbar.
Die rechtliche Analyse im Bericht kommt zu dem Schluss, dass Israels Aushungerungspolitik Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord darstellt.
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Gaza geht das Blut aus
Wir sind nicht mehr in der Lage, unsere Verwundeten durch Blutspenden zu retten. Die Hungersnot hat unser Blut unbrauchbar gemacht.
Von Donya Abu Sitta, Aljazeera, 12. Juli 2025
(Originalbeitrag in englischer Sprache: https://www.aljazeera.com/opinions/2025/7/12/gaza-is-running-out-of-blood)
Ich wohne in der Nähe des Nasser-Krankenhauses im Westen der Stadt Khan Younis. Fast jeden Tag höre ich verzweifelte Blutspendeaufrufe aus den Lautsprechern des Krankenhauses. Das ist schon seit mehr als einem Jahr so.
Das Krankenhaus ist wie andere kaum noch funktionierende Gesundheitseinrichtungen in Gaza regelmäßig mit Opfern der anhaltenden israelischen Luftangriffe überfüllt. Seit Ende Mai hat es auch viele Opfer aufgenommen, die von israelischen Soldaten bei der Verteilung von Hilfsgütern erschossen wurden.
Ich hatte schon einmal Blut gespendet, und ich hielt es für meine Pflicht, dies wieder zu tun. Also machte ich mich eines Morgens letzten Monat auf den Weg zum Nasser-Krankenhaus.
Während mir Blut abgenommen wurde, wurde mir so schwindelig, dass ich dachte, ich würde ohnmächtig. Meine Freundin, die Krankenschwester Hanan, die an der Blutspendeaktion teilgenommen hatte, eilte zu mir und legte meine Beine hoch, um die Blutzufuhr zu meinem Gehirn zu erhöhen, bis ich mich besser fühlte. Sie untersuchte mein Blut und kam nach zehn Minuten zurück, um mir mitzuteilen, dass ich an schwerer Anämie und Unterernährung litt. Mein Blut enthielt nicht die für eine Spende erforderlichen Mindestnährstoffe.
Hanan erklärte mir, dass mein Fall keine Ausnahme sei. Sie erklärte mir, dass die meisten Menschen, die das Krankenhaus zum Blutspenden aufsuchten, aufgrund der anhaltenden israelischen Blockade und des Mangels an nahrhaften Lebensmitteln wie Fleisch, Milch, Eiern und Obst an Blutarmut und Unterernährung litten. Zwei Drittel der im Krankenhaus gespendeten Blutkonserven weisen extrem niedrige Hämoglobin- und Eisenwerte auf, was sie für Bluttransfusionen unbrauchbar macht.
Anfang Juni erklärte Dr. Sofia Za’arab, die Leiterin des Labors und der Blutbank, gegenüber den Medien, dass der Mangel an gespendeten Blutkonserven ein „kritisches“ Niveau erreicht habe und das Leben von Patient*innen bedrohe, von denen viele dringend Bluttransfusionen benötigten. Für den gesamten Gazastreifen werden täglich 400 Einheiten benötigt.
„Wir haben das Gesundheitsministerium im Westjordanland kontaktiert, um Blutkonserven zu einzuführen, jedoch verhinderten die Besatzungsbehörden deren Einfuhr [nach Gaza]“, so Dr. Za’arab.
Nach der gescheiterten Blutspende kehrte ich niedergeschlagen nach Hause zurück.
Ich wusste, dass die Hungersnot mir zu schaffen machte. Ich habe sehr viel Gewicht verloren. Ich leide unter ständiger Müdigkeit, chronischen Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen. Selbst wenn ich meine journalistischen Artikel schreibe oder studiere, muss ich kurze Pausen einlegen.
Aber die Offenbarung, wie schlecht es um meine Gesundheit bestellt ist, hat mich wirklich erschüttert.
Seit Monaten essen meine Familie und ich wegen der astronomischen Kosten für Mehl nur noch Nudeln und Reis. Wir essen eine Mahlzeit am Tag, manchmal sogar nur eine halbe, damit meine jüngeren Geschwistern mehr zu essen haben. Ich mache mir Sorgen, dass sie unterernährt sind. Sie haben auch sehr viel Gewicht verloren und fragen ständig nach Essen.
Seit Israel am 2. März die vollständige Blockade verhängt hat, haben wir kein Fleisch, keine Eier und keine Milchprodukte mehr gesehen, und auch davor haben wir nur selten etwas bekommen.
Nach Angaben der Gesundheitsbehörden im Gazastreifen sind seit Beginn des israelischen Völkermordkrieges mindestens 66 Kinder verhungert. Nach Angaben von UNICEF wurden allein im Mai mehr als 5 000 Kinder zur Behandlung von akuter Unterernährung in Gesundheitseinrichtungen im gesamten Gazastreifen eingeliefert.
Selbst wenn einige dieser Kinder wie durch ein Wunder gerettet werden, werden sie nicht die Möglichkeit haben, gesund aufzuwachsen, ihr volles Potenzial zu entwickeln und ein stabiles, sicheres Leben zu führen.
Aber abgesehen von der Angst, die ich angesichts der Folgen des Hungers für meinen Körper und den meiner Familienangehörigen empfinde, schmerzt mich auch, dass ich es nicht geschafft hatte, den Verwundeten zu helfen.
Ich wollte denjenigen helfen, die an Kriegsverletzungen leiden und im Krankenhaus um ihr Leben kämpfen, weil ich ein Mensch bin. Schließlich ist der Drang, einem anderen Menschen zu helfen, einer der menschlichsten Instinkte, die wir haben. Solidarität ist das, was unsere Menschlichkeit ausmacht.
Wenn man ein Leben retten will, aber daran gehindert wird, bedeutet das, dass sich ein ganz neuer Horizont der Verzweiflung aufgetan hat. Wenn man mit dem Wenigen, das man hat – in diesem Fall mit einem Teil von sich selbst – helfen will, aber abgewiesen wird, hinterlässt das einen Schmerz in der Seele.
Seit nunmehr 21 Monaten werden uns alle unsere im internationalen Recht verankerten Menschenrechte verweigert: Das Recht auf Wasser und Nahrung, das Recht auf Gesundheitsversorgung und Wohnen, das Recht auf Bildung, das Recht auf Bewegungsfreiheit und Asyl, das Recht auf Leben.
Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem uns sogar der Drang, das Leben anderer zu retten, das Recht, menschliche Solidarität zu zeigen, verweigert wird.
All dies ist kein Zufall, sondern Absicht. Der Völkermord tötet nicht nur Menschen, er zielt auch auf die Menschlichkeit und Solidarität der Menschen. Von der Bombardierung von Wohltätigkeitsorganisationen und Garküchen bis hin zur Ermutigung von Menschen, Messer zu tragen und Banden zu bilden, um Lebensmittel zu rauben und zu stehlen – die starke Solidarität, die das palästinensische Volk durch diesen Völkermord – durch 75 Jahre Leid und Enteignung – getragen hat, wird direkt angegriffen.
Es mögen Risse in unseren gemeinschaftlichen Banden entstehen, aber wir werden sie reparieren. Wir sind eine große Familie in Gaza, und wir wissen, wie wir uns gegenseitig heilen und unterstützen können. Die Menschlichkeit des palästinensischen Volkes hat immer obsiegt.
Donya Abu Sitta ist Autorin, Übersetzerin und Englischlehrerin. Sie hat vor kurzem ein Medizinstudium begonnen. Sie hat als Übersetzerin und Autorin für den Hult Prize, Youth Innovation Hub, Science Tone, Eat Sulas und Electronic Intifada gearbeitet.
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Bitte hören Sie nicht auf, über Gaza zu sprechen.
Mit allen guten Wünschen
Martha Tonsern