„Enrico schreibt keine Liebesbriefe“, eine Geschichte für Kinder von 8 bis 88 & HaBEs Briefe an Peter Härtling

Und ganz am Ende mein Brief an Peter Härtling, der den Hanauer „Lamboy-Kids“ eine Lesung aus seinem Buch „Ben liebt Anna“ versprochen und dann sein Versprechen nicht gehalten, sondern nur eine Postkarte geschickt hat

Enrico schreibt keine Liebesbriefe

Enrico hatte schlechte Laune,

als er am Montag in die Schule kam.

Es waren noch fünfzehn Minuten

bis zum Klingeln.

Özgür wollte mit Enrico spielen.

Aber Enrico drehte sich um

und ging weg, in die hinterste Ecke

des Schulhofes,

wo die Mülltonnen standen.

Enrico wollte alleine sein.

Und er wollte nicht mit Katja

gesehen werden.

„Hoffentlich ist sie krank

und kommt heute nicht in die Schule!“,

dachte er.

Alle Kinder der Bieber-Klasse

waren schon da.

Nein, doch nicht alle.

Katja fehlte noch.

Und Fred.

Daß Enrico nicht auf der Treppe

vor der Eingangstüre saß,

war ungewöhnlich.

Sonst war er immer der Erste

und saß bei jedem Wetter

zusammen mit Fred und Katja

auf den breiten Stufen.

Und das war gut so.

Die Drei waren wie wandelnde

Stundenpläne und Hausaufgabenhefte,

sie wußten die neuesten Nachrichten

aus dem Viertel, die wichtigsten Fußball-

und Basketballergebnisse.

Sie wußten, welche Stunden ausfielen,

ob es Hitze- oder Kältefrei gab

und welche Lehrerinnen

wo Vertretung machten.

Besonders Enrico hatte lange

vor dem Klingeln regelmäßig

die zuverlässigsten Tips

für das schnelle Nachholen

vergessener Hausaufgaben.

Auch jetzt riefen einige Kinder nach ihm.

Özgür sagte: „Der ist bei den Mülltonnen!“

Kalle, Nazmir und Matze rannten

über den Schulhof in die Ecke,

wo Enrico hinter den Mülltonnen stand.

„Hey, Rico, bist du krank oder was?“

„Komm, wir spielen noch eine Runde Caps!“

„Oder wartest du vielleicht

auf deine Katja?“,

fragte Matze.

„Hau ab, du Spasti!“, schrie Enrico,

„Was hab ich mit Katja zu tun?“

Enricos rechter Fuß schoß

hinter einer Mülltonne hervor

und traf Matze am linken Bein.

Matze jaulte laut auf.

Enrico war nicht stärker als Matze.

Aber er war schneller

und konnte besser zielen.

Es gab eine richtige Prügelei.

Kalli stürzte auf Enrico,

um ihn festzuhalten.

Nazmir hielt Matze fest.

Matze trat nach Enrico.

Nazmir wollte Matzes Tritt stoppen,

traf dabei aber Kallis Knie.

Kalli schlug zurück.

Es krachte, autschte, schrie und krisch.

Özgür beobachtete das Knäul

aus Füßen, Armen, Bäuchen, Fäusten,

Beinen und Köpfen von der Treppe aus.

Er schüttelte den Kopf.

Was war bloß mit Enrico los?

Enrico war sonst meist

einer der Ersten,

die Streit schlichteten

Enrico, Fred und Katja,

die drei Musketiere.

Warum will er nichts mehr

mit Katja zu tun haben?

In der ersten Pause wollte Özgür

Enrico fragen.

Jetzt traute er sich nicht.

Er wollte ihn nicht noch wütender machen.

Zum Glück kam Fred gerade

durch das Schultor.

Fred sah, was in der Ecke

bei den Mülltonnen passierte,

rannte los und warf sich

zwischen die Streithähne.

Er schlug nicht, er trat nicht.

Er hielt Enrico und Matze nur

an den Armen fest

und zog sie auseinander.

„Fragen und Reden

statt Schlagen und Treten!“

Fred brüllte nicht.

Er sagte die wichtigste Schulregel

langsam, deutlich und ruhig,

aber laut genug,

daß Özgür es noch an der Treppe hörte.

„Enrico, was ist passiert? Was ist los?

Warum schlagt ihr euch?“,

fragte Fred abgehackt

und etwas außer Atem,

wobei er mit den Füßen Kalli und Nazmir

auf Abstand hielt.

„Komm, sag schon was!“

Die Vier gleichzeitig in Schach zu halten,

das war selbst für Fred,

den Büffel fast zu viel.

Als er losließ fing Enrico an zu weinen.

Matze grinste.

Die anderen guckten weg.

Sie hatten Enrico noch nie weinen sehen.

Da klingelte es.

Matze, Kalli und Nazmir rannten

naßgeschwitzt zur Eingangstüre.

Fred blieb bei Enrico.

Er legte ihm den Arm um die Schulter

und redete leise auf ihn ein.

Sie kamen langsam näher,

Enrico konnte kaum reden,

er schluchzte

und Özgür verstand nur ein paar Worte:

„…Katja.. Zettel…Briefe…“

Özgür wußte immer noch nicht,

was mit Enrico los war.

Erst in der großen Pause

erzählte ihm Fred,

was Enrico am Wochenende erlebt hatte.

Enrico schwieg.

Und Fred durfte es nur Özgür erzählen.

Niemand sonst sollte es erfahren.

„Katja können wir vergessen,

wenn das stimmt,

was da in dem Brief steht.“,

sagte Fred.

„Was für ein Brief?“

Özgür kappierte nicht gleich.

Fred malte ein Herz in die Luft.

„Ach so!“

Aber Özgür

wollte den Brief gar nicht sehen.

Sein Kopf war zu voll.

Nein, nicht sein Kopf, es war der Bauch,

eher noch ein Stückchen darüber,

es war so als würden die Rippen zu eng.

Etwas rumorte in ihm,

er wußte nicht genau was es war.

„Vielleicht habe ich Gestern

etwas falsches gegessen?“

Die dritte Stunde hatte längst begonnen,

beim gemeinsamen Frühstück

im Klassenzimmer brachte Özgür

keinen Bissen herunter.

Dann kam der Montagskreis.

Worüber die anderen

mit Frau Bachmann redeten,

bekam Özgür nicht mit.

Er sah seiner Klassenlehrerin

zwar ins Gesicht,

aber sein Blick ging durch sie hindurch,

durch die Tafel, sogar durch die Wand.

Özgür sah neblig verschwommen

wie Fred in Zeitlupe

über den Schulhof rannte und sich

mit einem langgezogenen Kampfschrei

zwischen die prügelnden Kinder warf.

Das war fast wie ein Karatefilm.

Wie Fred das alles schaffte,

ohne auszurasten?

Vielleicht kam es daher,

daß er größer und stärker war als Özgür.

Im Spaß kämpften sie öfter gegen ihn,

vier oder fünf gegen einen.

Fred war eigentlich zu alt

für die vierte Klasse.

„Doppelt gemoppelt hält besser!“,

brummelte Fred, wenn ihn jemand

nach seiner zweiten Runde

in der ersten Klasse fragte.

Warum der sitzen geblieben war,

konnte sich Özgür nicht erklären,

die meisten Kinder der Bieberklasse

hatten es so und so vergessen.

Fred war manchmal

beinahe wie ein Erwachsener,

nur viel lustiger.

Obwohl er fast jeden Blödsinn,

jeden Kinderkram mitmachte,

konnte man über alles mit ihm reden.

Vielleicht gerade deswegen.

Nur wenn es am Wochenende

zuhause Stunk gegeben hatte,

war Fred nicht ansprechbar.

An diesem Wochenende mußte für Fred

offenbar alles ganz gut gelaufen sein.

Mitten im Karatefilm

tauchte der weinende Enrico

aus dem Nebel auf

und verschwamm vor Özgürs Augen.

Wenn man zu lange

mit offenen Augen träumt,

ohne mit der Wimper zu zucken,

fangen die Augen an zu tränen.

Große türkische Jungen weinen nicht.

Diesen Spruch hatte Özgür

von seinem Dede.

Enrico kam aus Italien

Dürfen italienische Jungen weinen?

Özgür wußte noch genau,

wie Katja und Enrico Freunde wurden.

Katja war im ersten Schuljahr erst später

in die Bieber-Klasse gekommen.

Sie kam von ganz weit

hierher nach Deutschland.

Aus Tatschikistan – ,

das war noch weiter als Samsun

oder Ankara

und Samsun war sehr sehr

weit weg von hier.

Mit dem Auto brauchte man

fast vier Tage,

hatten ihm seine Eltern erzählt.

Aber das ging jetzt nicht mehr,

weil bei Nazmirs Oma gerade Krieg war

und die Autobahn war voll

mit Panzern und Soldaten.

Dort, wo Katja herkam, war kein Krieg,

die hatten da nur wenig Arbeit.

Na ja, Arbeit gab es da schon,

aber kein Geld.

Katjas Urururururopa war vor 300 Jahren

nach Rußland ausgewandert.

„Aus Langgöns.“,

meinte Katja,

„Ein kleines Dorf bei Gießen.“

Das war nicht weit von Hanau entfernt.

Und vor 300 Jahren hatte es in Langgöns

für zu viele Leute

zu wenig zu essen gegeben.

Katja konnte unendlich viele Geschichten

von früher erzählen,

obwohl sie damals

gar nicht mit dabei war.

Da hätte sie ja

300 Jahre alt sein müssen.

War sie aber nicht.

Sie war zwar schon elf

und ein Jahr älter als Özgür,

aber keine 300 Jahre.

Ihre Ananne hatte es ihr erzählt,

und die wußte es von ihrer Babanne.

„Vielleicht wandere ich

in dreihundert Jahren auch aus,

nach Samsun,

wenn es in Hanau

mal nichts mehr zu essen gibt“.

Özgür erschrak.

Er wußte nicht, ob er diesen Satz

nur gedacht oder laut gesagt hatte.

Er blickte vorsichtig in die Runde.

Alle saßen noch im Kreis.

Frau Bachmann sagte gerade,

Nazmir solle übersetzen,

was Fatmir auf Albanisch gesagt hatte.

Fatmir war neu in der Klasse.

Ohne Dolmetscher

ging in der Bieberklasse oft gar nichts.

In der zweiten Klasse

wußte Özgür noch nicht was das heißt.

Ein Dolmetscher

war für ihn ein guter Basketballer,

der immer ein dolles Match spielt.

Jetzt wollte er

richtiger Dolmetscher werden.

Özgür mochte den Türkischunterricht

nicht sehr gerne.

Zweimal nachmittags drei Stunden.

Und die Lehrer waren so streng.

Özgürs Dede sagte jedesmal,

wenn er sich beschwerte,

das sei doch gar nichts,

seine Lehrer zuhause in Samsun,

wären noch viel strenger gewesen.

Mit Stockschlägen auf die Finger.

Die deutschen Lehrer sollten das

besser auch so machen.

Daß er Samstags

manchmal lieber nicht

in die Koranschule gehen wollte,

traute er sich niemandem zu sagen.

Er hatte oft kaum noch Zeit

für seine Freunde, für Fußball,

und für das Sasspielen.

Heimlich wünschte er sich ein Keyboard.

Und in der fünften Klasse

sollte er mit Englisch anfangen,

so richtig mit Noten,

mit Diktaten und Grammatik.

Wenn das so weiter geht,

platzt mir bald der Kopf.

Türkisch war freiwillig,

er hätte sich abmelden können.

Aber Fred hatte ihm gesagt:

„Mensch Özgür, wenn du später mal

in der Türkei für eine Deutsche Firma

arbeiten sollst,

oder du mußt zum Bürgermeister,

dann brauchst du doch Türkisch,

sonst verstehen dich die Leute

in Samsun nicht..!“

Fred hatte einen Onkel oder zwei

in Amerika,

die sprachen alle Englisch

und nur wenig Deutsch.

Manchmal bekam Fred von ihnen

ein Paket mit tollen Sachen,

T-Shirts und auch mal einen Basketball.

Aber nie einen Brief, nur Postkarten.

Eine hatte Fred ihm mal gezeigt.

Da stand drauf:

Hy Fred, how are you?

Best whishes for your anniverseriy

from uncle Ted

sonst nichts.

Freds Ami-Onkels waren bei der Army

und sind nicht lange in Hanau geblieben.

Und Freds dritter Onkel

war auf einer großen Baustelle

in Jordanien.

Der konnte weder Arabisch,

noch Französisch

und auch kein Englisch.

„Der kann nur mit seinem Chef

und seinen drei deutschen Kollegen reden.

Meine Tante schickt immer Videos

nach Jordanien.

Aber auf die Dauer ist das ziemlich blöd.“

Die nächste Baustelle,

wo Freds Onkel arbeiten soll,

ist in der Türkei bei Izmir.

„Entweder können die Türken

dort Deutsch

oder mein Baustellen-Türkisch

reicht dort genau so aus

wie in Frankfurt.“,

hat Freds Onkel gesagt.

Wenn Fred von seinen Onkels erzählt,

muß man höllisch aufpassen.

Fred kommt selbst oft durcheinander.

Sein neuer Papa arbeitet in Frankfurt

am ICE-Tunnel

und lernt gerade Albanisch und Polnisch.

Sein letzter Papa

war lange Zeit bei Dunlop

und jetzt schafft er in Berlin.

Dort hat er auch eine neue Freundin,

die kommt aus Vietnam.

Neulich hat Fred die Geschichte

vom Turmbau in Babelsberg erzählt.

Der wäre fast eingestürzt,

weil ein türkischer Ingenieur

nicht richtig Türkisch sprechen konnte

und ein polnischer Vorarbeiter

kein Albanisch verstand.

„Für gute Arbeit brauchst du heute

drei Sprachen mindestens!“,

sagte Fred

und klang dabei wie ein Alter.

Das hatte Özgür zu denken gegeben.

Und wenn er nach 300 Jahren

dann nach Samsun auswandern müßte,

wollte er nicht wie Katja dastehen

und noch nicht einmal mehr

Bahnhof auf Türkisch verstehen.

Katja konnte kein Wort Deutsch,

als sie aus Tatschiukistan

nach Hanau kam.

Flughafen verstand sie gerade noch,

Airport verstand sie besser,

denn sie war mit ihren Eltern

von Ulan-Bator nach Frankfurt

geflogen und auf dem Flughafen

wird viel Englisch gesprochen,

überall auf der Welt.

Aber sonst verstand sie nichts.

Nur Katjas Oma konnte außer Russisch

und Tatschikisch

noch eine Sprache sprechen,

die klang so ähnlich wie Hessisch.

Wenn sie mit ihrem bunten Kopftuch

im Supermarkt einkaufen ging,

sah sie fast aus

wie eine türkische Frau.

Özgür fand es lustig,

wenn Katjas Annanne das R

in seinem Namen rollte:

Özgürrr.

So gut konnte das nur noch seine Oma.

Als Katja in die Bieberklasse kam

hat Enrico ihr

beim Schreibenlernen geholfen,

als allererster.

Manche Jungen hatten damals gekichert.

Özgür nicht,

aber irgendwie komisch fand er es auch.

Als er Enrico fragte, warum er das tut,

warum er einem Mädchen hilft,

hatte Enrico erst nur

mit den Schultern gezuckt,

„Warum? Ist doch normal? Oder?“

Ganz so normal war das

auch in der Bieberklasse nicht,

die Jungen spielten zwar

immer mit den Mädchen zusammen,

aber Matze und seine Freunde

machten oft Stimmung gegen die „Weiber“

und kamen sich dabei ganz groß vor.

Einmal hatte es darüber Streit gegeben,

ob Mädchen in der Fußballmannschaft

mitmachen könnten.

Matze hatte behauptet,

es gäbe eine Regel, daß Mädchen

nicht Fußball spielen dürften,

weil es ja ein Mannschaftssport sei

und kein „Frauschaftssport“.

Weil Enrico sich für gemischte

Mannschaften einsetzte,

hatte Matze ihn Mamasöhnchen genannt,

er solle doch lieber mit den Mädchen

Barbie spielen statt Fußball.

Da platzte Enrico der Kragen

und er hat sich mit Matze geprügelt,

bis Fred eingriff. 

Auf dem Nachhauseweg

nach dem Fußballspiel

hatte Enrico Özgür dann

eine lange Geschichte erzählt

von seiner Mutter,

als sie von Bari, von Italien

nach Deutschland kam.

Mein Vater war schon ganz lang

in Hanau bei den Reifenwerken.

Er hat meine Mutter

in Bari geheiratet.

Da war er in Italien

bei meiner Oma und meinem Opa

im Urlaub.

Er hat Mama gleich

mit nach Hanau genommen.

Und hier war es für sie ganz schlimm.

Sie hat kein Wort verstanden,

sie war den ganzen Tag allein.

und dann hat ihr eine Nachbarin geholfen.

Sie haben zusammen Deutsch gelernt,

Lesen und Schreiben,

wenn mein Papa auf der Arbeit war.

Und wie sie das erzählt hat,

hat sie geweint.

Und da habe ich ihr versprochen,

daß ich das auch so machen will

wie ihre Nachbarin,

anderen helfen

und nicht Messerstecher sagen

und Spagettifresser oder Kümmeltürke.“

Enrico machte eine Pause

und holte Luft.

So viel hatte er seit Monaten nicht mehr

an einem Stück erzählt

schon gar nicht von sich

und seinen Gefühlen.

Er räusperte sich und schluckte,

dann erzählte er weiter:

„Sie hat mir gesagt,

wenn ein Kind Hilfe braucht

und du kannst ihm helfen,

dann mußt du es auch machen! „

Enricos Stimme klang anders

als sonst.

So als ob ihm etwas

im Hals stecken geblieben wäre.

„Und dann hat sie noch gesagt,

alle Kinder sind Kinder vom Gott,

egal woher sie kommen.“

Dann hat Enrico auf dem ganzen Weg

nichts mehr gesagt.

Brauchte er auch nicht.

Durch die Köpfe der beiden Jungen

zogen so viele Gedanken,

die brauchten Platz und Ruhe.

Erst im Hochhaus vor der Aufzugstür,

als sie lange warten mußten,

sagte Enrico kurz:

„Jetzt weißt du,

warum ich das so mache!“

Enrico hat Katja geholfen

und Özgür hat einfach mitgemacht.

Sie haben zusammen gespielt

und zusammen gelernt,

gespielernt und gelernspielt.

Und dann kam Fred noch dazu

und hat auch mitgemacht,

aber nicht,

weil seine Mutter ihm das gesagt hätte.

Katja war gut im Rechnen.

Fred nicht.

Katja hat Fred

bei den Rechenaufgaben geholfen.

Zuerst wollte Fred sich

von einem Mädchen nicht helfen lassen.

Aber dann hat er gemerkt,

wie gut er rechnen konnte,

wenn Katja ihm die Aufgaben erklärte.

So waren sie Freunde geworden

oder Freundinnen,

„Weil Katja ein Mädchen ist,

heißt das Freundin.“,

hatte ihm Enrico erklärt,

also waren sie auch Freundinnen.

Und dann kam dieses Wochenende.

Am Freitag nach der Schule

hatte Enrico in seinem Mathebuch

einen Brief gefunden.

In großen Druckbuchstaben stand da:

„Hallo Enrico!

Ich habe gesehen,

wie Katja viele Zettel geschrieben hat.

Sie hat sie in alle Schulranzen gesteckt.

Einen Zettel

habe ich auch bei mir gefunden.

Er steckt in diesem Briefumschlag.

Ich habe die ganzen Zettel

wieder eingesammelt

und in die Papiermülltonne geworfen.

Hoffentlich habe ich keinen vergessen.

Ich finde das ganz gemein von Katja.

Du hast ihr doch immer

so viel geholfen.

Ich verrate den anderen

nichts von den Zetteln.

Ein guter Freund

Unterschrift:  X X X

Auf den Zettel, der dabei lag,

war ein Herz mit einem Pfeil gemalt.

In dem Herz stand in Schreibschrift

Enrico + Katja

und darunter:

Enrico ist in Katja verliebt.

Enrico hatte sofort

Katjas Schrift erkannt.

Sie hatte bestimmt heimlich

und ganz schnell geschrieben

oder vielleicht langsam

und unter dem Tisch.

Denn die Buchstaben

waren nicht so schön

wie sie Katja sonst schreibt.

Es war eine richtige Zitterschrift

Vielleicht hatte sie

vor Angst gezittert.

Fred zeigte Özgür den Zettel

und den Brief in der zweiten Pause.

Enrico bat sie,

erst nach der Schule den Brief zu lesen,

weil er nicht wollte,

daß die anderen etwas merkten.

Katja kam an diesem Montag

tatsächlich nicht in die Schule

Kein Kind sagte etwas über die Zettel.

Der gute Freund,

der Enrico den Brief geschrieben hatte,

hatte bestimmt alle Zettel erwischt.

Enrico beruhigte sich.

Matze kam in der letzten Stunde

an Enricos Tisch und sagte:

„Enrico, du warst heute morgen

nicht so gut drauf.

Was war denn los?“

Enrico antwortete nicht.

Matze hielt ihm die Hand hin:

„Das mit dem Tritt ans Schienbein

war nicht so schlimm.

Ich hab in der Pause

schon wieder Fußball gespielt.

Braucht ihr heute nachmittag

noch jemanden in eurer Mannschaft?“

Özgür hörte zu

und bekam ganz große Ohren.

Warum wollte Matze plötzlich

in ihrer Mannschaft spielen?

Katja war doch dabei und Spresa.

Matze wollte sonst nie

in einer Mannschaft mitspielen,

in der auch Mädchen mitmachten?

Sie hatten doch eine „Frauschaft“.

Irgend etwas stimmte da nicht.

Nach der Schule

setzte er sich mit Fred und Enrico

am Sportplatz auf eine Bank.

Özgür fragte Fred nach dem Zettel

und dem Brief.

Özgür sah ihn sich

noch einmal ganz genau an.

„Enrico, das ist nicht Katjas Schrift.

Da hat jemand

Katjas Schrift nachgemacht!“

Fred sah Özgür über die Schulter:

„Klar,

die Schrift ist nicht so verwackelt,

weil Katja Angst hatte.

Da hat jemand gezittert,

weil er Katjas Schrift

nachmachen wollte!“

„Aber wer war es?

Oder war es vielleicht doch Katja?

Vielleicht ist sie heute

nur nicht in die Schule gekommen,

damit du nichts merkst.

Damit du sie nicht fragen kannst

weil sie dann einen roten Kopf bekommt?

Oder stottert, weil sie aufgeregt ist?“

Die drei Jungen starrten

– die Köpfe in die Hände gestützt –

vor sich hin

und schwiegen.

Dann sagte Fred leise:

„Ich glaube, wir sollten…

„Was?, fragte Ozgür.

„Ach nix, ich hab nur gedacht…“

Fred winkte ab

und bohrte mit den rechten Schuh

Löcher in den Kies vor der Bank.

„Am besten, wir besuchen sie einfach.“

Enrico überlegte.

„Nein, das geht nicht.

Ich kann Katja jetzt nicht fragen.

Wenn sie wirklich in mich verliebt ist,

wird sie auch nichts sagen.

Aber sie wird sauer sein,

weil sie meint, daß ich glaube,

daß sie die Zettel geschrieben hat.

Und wenn sie nicht in mich verliebt ist,

wird die auch sauer sein.

Dann will sie bestimmt nichts mehr

mit uns zu tun haben.

Fußballspielen können wir dann abhaken.

Und alles andere auch.

Das Blöde ist, daß ich Katja…,

Ach, ihr wißt ja bescheid.“

Klar wußten Özgür und Fred,

daß Enrico Katja sehr gut leiden konnte.

Es war sogar etwas mehr

als nur sehr gut leiden.

Aber Özgür

hörte Enrico überhaupt nicht zu.

Özgür dachte nach

und guckte dabei genau so

wie vorhin beim Montagskreis.

Diesmal aber nicht

durch Frau Bachmann hindurch

sondern durch die Grasbüschel

am Rand des Fußballfeldes.

Özgür hatte einen Verdacht.

Wer in der Bieberklasse

hatte ein Interesse daran,

daß Enrico und Katja

keine Freunde mehr waren?

Özgür dachte weiter nach

und hätte beinahe

laut einen Namen gerufen.

Er biß sich auf die Unterlippe.

Wenn es der falsche Name war?

Wenn er den Falschen verdächtigte?

Özgür wollte erst ganz sicher sein.

Er wußte wie das ist,

wenn man für etwas büßen muß,

was man nicht getan hat.

Seinen älteren Bruder Mehmet

nannten die Leute im Viertel

wochenlang Schläger und Kinderquäler.

Er sollte einen kleinen

kurdischen Jungen so geschlagen haben,

daß er bewußtlos ins Krankenhaus mußte.

Mehmet ging deshalb tagelang

nicht mehr in die Schule

und durfte nicht mehr

beim Basketball mitspielen.

Die Polizei war in ihre Wohnung gekommen

und hatte ihn mitgenommen.

Selbst als der kleine Junge

wieder aus dem Krankenhaus kam

und der Polizei sagte,

daß Mehmet es nicht war,

sondern drei große Jungen,

die er noch nie gesehen hatte,

blieb Mehmet im Viertel

immer noch „der Schläger“ für die Leute.

Das war schlimm.

Erst wenn er ganz sicher war,

würde er einen Namen nennen.

Er wollte Beweise finden.

Und er konnte sie finden.

Das Blatt, auf dem der „gute Freund“

den Brief an Enrico geschrieben hatte,

war aus einem Schreibheft herausgerissen.

An der linken unteren Ecke

fehlte ein Stück.

Und dieses fehlende Stück

mußte noch in einem Schreibheft

in der Bieberklasse zu finden sein.

Der Zettel mit „Enrico + Katja“

und dem Herz war von einem Spiralblock

mit Karoblättern abgerissen.

Morgen wolllte er nachsehen,

wer in der Bieberklasse

einen solchen Block benutzte.

Ozgür hatte den Dedektivplan für Morgen

schon fertig im Kopf,

als Fred und Enrico ihn anstießen:

„Hey, schläfst du?

Wir müssen nach Hause!“

Özgür zuckte zusammen.

„He? Ach ja!…

Aber wartet mal.

Ich habe einen Plan für Morgen.“

Und dann erzählte er

auf dem Heimweg den beiden,

was sie morgen zu tun hätten,

um den wirklichen Brief-

und Zettelschreiber herauszufinden.

Özgür wollte sich als allererstes

um die Hefte und Blöcke kümmern,

von denen er sicher glaubte,

daß er dort die Beweise finden würde.

Am Dienstag Morgen warteten Enrico,

Fred und Özgür vor der Schule

als ob gar nichts passiert wäre.

Katja war wieder nicht da.

Enrico war unsicher,

ob sie sich wegen der Zettel

nicht in die Schule traute

oder ob sie wirklich krank war.

Matze kam über den Schulhof geschlendert.

Er blieb kurz vor ihnen stehen,

schaute alle drei der Reihe nach an

und fragte:

„Ist Katja noch nicht da?

Na, vielleicht ist sie ja krank.

Hat sie gestern

bei eurer Mannschaft mitgespielt?“

Fred und Enrico

taten ganz uninteressiert,

Ozgür antwortete

mit angestrengt ruhiger Stimme:

„Nein, wir waren Zehn gegen Elf

und haben trotzdem gewonnen.

Du hast nichts verpaßt,

es war ja nur Frauenfußball!“

Das saß.

Matze schluckte zwei mal,

bevor er betont locker antwortete:

„Wenn ihr einen Ersatzmann braucht,

könnt ihr mir ja bescheid sagen.“

Özgür wollte gerade noch sagen,

daß sie keinen Ersatzmann

sondern eine Ersatzfrau bräuchten,

aber seine Worte

wurden vom Schellen übertönt

und vom lauten Geschrei

mit dem die Kinder

aus dem Schulhof

auf die Eingangstüre zustürmten,

so als wenn es nicht Schöneres gäbe

als Schule.

Matze blieb auf der Treppe

zum dritten Stock

dicht bei Enrico, Fred und Özgür.

Er fragte, wie sie gespielt

und wie hoch sie gewonnen hätten,

nach Sturmspitze und Abseitsfallen.

Er redete ununterbrochen:

„Ich spiele jetzt auch im Verein.

Nächstes Wochenende

haben wir ein Turnier.

Ich bin im Sturm rechtsaußen..“

Özgür hörte nicht richtig hin.

Er dachte nur daran, wie er am besten

an die Schreibhefte kommen könnte.

Nach dem Morgenkreis

las Frau Bachmann eine Geschichte vor.

Nach der Geschichte

sollten sich alle Kinder

die wichtigsten Sachen

schnell aufschreiben und dann

die Geschichte nacherzählen.

Zunächst sollten sie aber

nur die Stichworte sammeln.

Die Schnellsten sollten

den anderen Kindern

beim Sammeln helfen.

„Besser kann es nicht kommen.“,

dachte Özgür.

Er gehörte mit Enrico

zu den besten Erzählern.

Auch beim Schreiben.

Also konnten er und Enrico

an alle Tischgruppen gehen

und die Hefte beim Helfen untersuchen.

Da sie letzte Woche schon einmal

eine Nacherzählung geübt

und die Regeln aufgeschrieben hatten,

konnten sie ohne Verdacht zu erregen

auch in den Heften zurückblättern

und nach der linken untern Ecke suchen.

Özgür sprach kurz mit Enrico:

„Sag allen, sie sollen noch mal

die Heftseite mit den Regeln

für die Nacherzählung suchen.“

Fred, der beim Schreiben

nicht der Schnellste war,

sollte sich später in Mathe

um ein kariertes Blatt kümmern,

auf die bewährte Betteltour:

„Haste mal en Blatt für mich,

ich hab mein Matheheft vergessen?

Nein,

mach bloß dein Heft nicht kaputt, Mann,

mir reicht ein Blatt von deinem Block!“

hier fehlt doch die Fortsetzung und das vorläufige Ende mit dem „Zwieback“ und der „Hexe vom Naxos“ und wie sie den Briefschreiber doch noch gefunden haben. Ja, und ist Katja jetzt zurück nach Kasachstan? Ja, ja , sie kam nämlich nicht aus Tadschikistan sondern aus Alma Ater. Oder war es Omsk oder Samarkand oder Taschkent, was hier kaum jemand kennt? Oder war es vielleicht Usbekistan? Irgendein Stan war es auf jeden Fall. Wenn Du Enrico heute in einem seiner Lokale triffst und ihn fragst, er weiß es auch nicht mehr. Aber Pakistan, Afghanistan und Kurdistan war es ganz bestimmt nicht, da gibt es keine Wolga-Deutschen. Oder nur ganz wenige …

HaBEs Briefe an Peter Härtling, den Ersten, der der Zweite ist, konnte er 2001 noch lesen (die vorher von den Lamboy-Kids handgeschriebene Einladung ist leider verloren gegangen)

Lieber Herr Härtling,

vor mir liegen viele mir liebe und wichtige Dinge. Ich fange mit einer Postkarte an, die mir heute wieder in die Hände fiel, als ich nach meiner walisischen Nichte in einer Schublade des Küchenschrankes suchte und auch fündig wurde, zumindest ihre Adresse -also die meiner Nichte- habe ich gefunden und dann eben noch diese Postkarte, 80 Pfennig , ungestempelt (!), handschriftlich datiert vom 12.5.97. Ich hatte sie damals den Lamboy-Kids vorgelesen und sie dann enttäuscht beiseite gelegt. Die Schreibwerkstatt bekam ihren dritten Preis leider ohne Lesung mit Peter Härtling und seiner Anna. Die beiden Kolleginnen, die die Schreibwerkstatt mit mir betreuten, haben unsere Schule verlassen und ich habe vergessen, mich noch einmal zu melden. Denn ihre Postkarte war ja keine generelle Absage…..

Jetzt laufen die Vorbereitungen für den 90sten Geburtstag der Gebeschusschule im sozialen Brennpunkt Hanau-Lamboy und ich habe wieder eine Bitte, ob Sie am Geburtstag im Spätsommer 2002 oder um ihn herum in unserer Schule lesen würden und wenn, wieviel wir dafür bezahlen müssten.

Wir sind gerade dabei den musischen Schwerpunkt unserer Grundschule mit über 85% Kindern nichtdeutscher Muttersprache trotz erheblich verschlechterter Bedingungen über die Runden zu retten und trotzalledem noch auszubauen.

Eine Lesung mit Ihnen würde uns dafür Impulse geben, abgesehen davon, dass die Kinder Benn und Anna lieben. …

Mit freundlichen Grüßen

Hartmut Barth-Engelbart

Für Peter Härtling: HaBE statt eines lyrilobhudelnden Nachrufes eine Ausladung

Peter Härtling war kein Bertelsmann, war keine kultur-zeitgeistig 3saturierte SOROS-Marionette, so what?

HaBE meinen nicht abgesendeten Brief von Ende Mai 2017 an Peter Härtling gefunden:

Lieber Peter Härtling,

nach langem Überlegen, nach langen Gesprächen mit Horst Bingel bei meinen Hanauer Widerstandsschreibungen, die er im Gegensatz zu Dir als politischer Lyriker, Erzähler und Vorleser, als auch noch im hohen Alter politisch Parteiergreifender aktiv unterstützt hat – habe ich mich entschlossen, Dich nicht einzuladen.

Warum?

Nun, die gemeinsamen Waldspaziergänge zur Starbahn-West, Deine Unterstützung für die Forschung nach dem Züblin-KZ im Walldorfer Wald, wo über 1700 ungarische jüdische Mädchen in ihren Sommerkleidern gezwungen wurden, dem „Führer“ für seine „Wunderwaffe“ -den Überschalljäger ME 262 im alliierten Bombenhagel die erste Startbahn des FRAPORT zu bauen, – was Malte Rauch unter dem Titel „Die Rollbahn“zu einem seiner besten Dokumentarfilme gemacht hat- – Nein, nicht Du hast das KZ gefunden, es waren drei junge linke Gesamt-Schüler, einer davon war Jossy Oswald. Dein Einsatz für Umweltschutz und gegen Krieg im Allgemeinen .. das war es nicht. Auch nicht, dass Du Dich für die Flüchtlinge eingesetzt hast, nachdem Deine Stimme gegen den Überfall auf Jugoslawien, gegen den Überfall auf den Irak, gegen den Überfall auf Libyen, gegen den Überfall auf Syrien nicht zu hören war. Oder habe ich da was überhört? Ich finde Deine literarische und praktische Unterstützung für syrische Flüchtlingskinder so wie meine auch richtig. Die Slogans .“Kein Mensch ist illegal“, die Aktionen zur Rettung der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer müssen wir unterstützen. Nur , wer so wie Du, die aktuellen Angriffskriegsbeteiligungen und Aufmärsche der Bundeswehr im Rahmen der NATO nicht öffentlich angreift und behindert, dessen Flüchtlingsunterstützung  droht zur eigenen Seelenrettungsaktion, zum Alibi zu verkommen und sie ist makaber zynisch.

Mag sein, dass die Main-Stream-Medien Deine Apelle gegen die deutschen Völkerrechts- und Menschenrechtsverletzungen schon so unterdrücken wie die Jean Zieglers.

Nur, Noam Chomsky, Jean Ziegler u.v.a.m.  waren bereit, schon 2011 mit mir zusammen ein Buch mit Aufrufen, Texten, Gedichten, Analysen gegen den Überfall auf Libyen herauszubringen. Deine Antwort auf meine diesbezügliche Anfrage steht bis heute noch aus. (Das Buch kam unter die startenden Räder der Aufklärungs- Tornados und  scheiterte dann an Terminfragen und der abgebrochenen Telekommunikation mit z.B. der im Goethe-Institut in Tripolis gebliebenen Prof. Renate Eisel).

Aber doch gegen die logistische Unterstützung des IS durch den BND hättest Du spätestens mit Deinem Buch „Djadi, Flüchtlingsjunge“ öffentlich protestieren müssen und können.

Aber .. oder habe ich da vielleicht schon wieder was überhört? War es vielleicht wieder der Russe, wie damals 1944 in Chemnitz? Ich frage Dich ja nicht nach einem Tatsachen-Roman über das segensreiche Wirken des Papas von Erika Steinbach im besetzten Warthegau, der dann ja „aus dem Lebensraum im Osten heimatvertrieben“ wurde, so wie Zigtausende von verführten Neusiedlern, flurbereinigten deutsche Kleinbauern und ihrem Tross.

Nein, das war es nicht. Darüber hätten wir vortrefflich streiten können. Nicht auf der Feier aber danach, beim Frühstück in der Mittel-Gründauer Büchnerei.

Der Grund für diese Ausladung ist eine anderer.

Meine Grundschulkinder haben Dir zwei Geschichten geschickt, lange bevor sie das „Ben liebt Anna“ von Dir gelesen und gehört hatten. Nicht ich sollte ihnen das Buch vorlesen. Du hattest versprochen, ihnen es -quasi als Belohnung für ihre selbstgeschriebenen, selbsterzählten Geschichten eigenmündig vorzulesen.

Du hast nicht Wort gehalten. Stattdessen kam von Dir eine Postkarte mit einem gemalten Gänseblümchen drauf und der Bemerkung, Du könntest aus Termingründen nicht kommen.

Nun, die Kinder haben gewartet, sie sind fast unendlich geduldig.

So, wie sie auch bis heute noch darauf warten, dass an der von ihnen nach ihrer „Volksbefragung“ und „Kinderzählung“ geplanten, entworfenen, und als Modell bereits realisierten … und dann mit erheblicher Abweichung tatsächlich gebauten, Zeltplanen-überdachten-beschatteten „Schwarzenberg-Arena“- ein versprochenes Schild angebracht wird, auf dem steht, wer dieses Projekt geplant und entworfen hat. Die Architekten und Baufirmen im Rahmen der „Sozialen Stadt“ waren sehr unsozial/asozial und haben die Kinder betrogen und belogen. So was vergessen Kinder nie! Könnte sowas auch zur „Politikverdrossenheit“ führen, zur Hinterfragung „unserer Werte“!?

Und jetzt kommst Du!

Nein, Du kommst eben nicht!

Du bist nicht gekommen,

die Grundschul-Kinder sind aber mittlerweile abgeschoben, umgekommen, umgekommen worden…   

Gut, ein großer Teil der Kinder hat es geschafft, trotzdem sie aus dem „Sozialen Brennpunkt Hanau-Lamboy“ kommen, 36 verschiedene Akzente sprechen, Migrationshintergrund haben, Lehren erfolgreich abzuschließen, Entzugsprogramme zu absolvieren, Lehramt zu studieren, IngenieurINNEN , Karosseriebauer, Gärtner, Sozialarbeiterinnen, Biologen, Facharbeiter … zu werden, auch leider auf dem Strich zu landen oder im Kleindealermillieu, es aber immer wieder versuchen, da rauszukommen. Ja, die vielen, die nicht abgeschoben wurden.

Nur was ist mit denen, die abgeschoben wurden?:

Hülya, die mit ihren kaum 7 Jahren beim Hochwasser der Kinzig mehrere Kleinstkinder aus dem überfluteten  Asyl-„Heim“ an der Donaustraße aus der Scheißbrühe rettete, die aus den Kloschüsseln wie Fontänen spitzte: Sie wurde abgeschoben in die Türkei – nach Kurdistan,

der kleine Mehmet (oder hieß er Mahmud?) mit seinen kleinen Geschwistern, die er -auch die Babys- immer in den Chor mitschleppte („Damit die schon jetzt hören, wo sie später Mal mitsingen und Trommeln!“) in den Jemen, Ob diese Kinder die NATO&Israel-unterstützte Bombardierung durch die Saudis überlebt haben?

Rahema wurde in Richtung Ruanda-Burundi abgeschoben, zusammen mit ihrem auf der „Reise“ in einem Flüchtlingslager im Sudan nach einer Vergewaltigung durch einen Lagerwächter geborenen Kind auf die letzten 1600 Kilometer Weg machen, jetzt hungern sich die beiden durch den Süd-Sudan in Richtung Uganda,

Arta nach Sarajewo, wo sie sich den Mond durch die zerbombte Kellerdecke anschauen kann, „Der Mond schaut auf uns nieder, auf Menschen, Schwestern, Brüder, durchdringt mit mildem Licht – die Wände und die Räume, begleitet unsre Träume, . Er geht, doch er verlässt uns nicht!“.  So haben die Kinder das Matthias Claudius-Lied mit mir zusammen ergänzt und umgeschrieben. Das Lied hat Arta („Mein Lieblingslied!“) gegen meine Anweisung mit nach Hause genommen. „Arta, wenn Du die Liedermappe mit nach Hause nimmst und sie dann beim Konzert vergisst, dann … „. ….  Ich wusste nicht, dass sie nicht die „Asylunterkunft“ in der Möhnestraße in Hanau sondern Sarajewo meinte. Am nächsten Tag war sie in Polizeibegleitung unterwegs nach Sarajewo

Rasim sollte nach Bosnien-Herzogewina abgeschoben werden. Er brauchte 2 Jahre, bis er unter dem Tisch hervorkam, wo er heimlich kopfzerfetzende Kriegsbilder malte. Rasims vaterlose 11köpfige Familie schaffte es in einer Nacht-und Nebel-Fluchtaktion -von uns noch rechtzeitig vor den öffentlich besoldeten Abschieberbanden gewarnt – mit Unterstützung der Groß-Sippe in ein Flugzeug nach Atlanta … (Seinen Brief aus Atlanta an mich hatte ich Dir in Kopie geschickt – auf Antwort warte ich bis heute vergeblich!).

usw. …..

Ehrlich gesagt, so schön wie Deine Erzählung „Ben liebt Anna“ auch ist, „Enrico schreibt keine Liebesbriefe“, was die Kinder mit mir zusammen geschrieben haben, (sie haben und ich habe abwechselnd erzählt und so lange aufgeschrieben, bis die Kinder selbst schreiben konnten), diese Geschichte finden die Kinder in vielen Grund- und Sekundarstufen-Schulen, ja, auch in veritabelen Gymnasien, wie der Maria-Ward-Schule in Aschffenburg, dem Einstein-Gymnasium in Maintal realistischer, schöner,  – nun es hat auch mehr fast grausame Stellen, die aber traumatisierte Kriegskinder sehr gut verstehen können, wenn die akuten Traumata etwas bearbeitet sind. „Die „93 Stickers für Giovanna“ atmen eben auch den Achselschweiß von Vollconti-Schichtarbeit und prekärer Beschäftigung, ein Geruch in dem die Kinder zuhause sind.

Im Gegensatz zu Professor Bastian und Karl Adamek, der die „Lamboy-Kids“ als Ehrenmitglied in die „Menuhin-Stiftung“ aufnahm, im Gegensatz zu den Frauen des ZONTA-Clubs, die die „Lamboy-Kids“ 2006 sponserten, kam von Dir kein Cent, kein öffentliches Wort zur Unterstützung der Weiterführung dieses 1991/92  in der Hanauer Gebeschus-Grundschule begonnenen Projektes: der schließlich 120köpfige Chor, die Percussion-Formation, das Gitarren-Ensemble.

Dein Wortbruch gegenüber diesen Kindern ist der Grund, warum ich Dich nicht zu meinem 70. einlade.

Ich möchte Dir für den „Schubert“ danken, der mich während meiner Arbeit am „Erbsenzähler“ sehr inspiriert hat. Die Alt-Wiener Atmosphäre hast Du so schön geschildert, dass ich mit Schubert durch Wien schlendern kann, mit all seinen üblen Gerüchen vom Stephansdom bis zum Naschmarkt, bis hin nach Ottakring und in die anderen erst später eingemeindeten Dörfer und Kleinstädtchen… Bis hin nach Ybbs, wo Fanny in der Irrenanstalt der Stadt Wien endet, die zwischen Gregor Mendel, Dr. Hans Kudlich und Richard Wagner als gefeierte Mezzo-Sopranistin und „gottbegnadete“, von den Wienern abgöttisch geliebte & gefeierte Tänzerin schizophren wird. „Trizophren“!

Auf meine Manuskript-Module-Sendungen aus der Kindergeschichte „Funny und die Salzdiebinnen von Wien“ kam von Dir auch kein Kommentar.

Leider.

Vielleicht lade ich Dich dann doch zu meinem 75. ein oder suche Dich wieder in Mörfelden-Waldorf heim.

Oder Du lädst mich ein zu deinem 85. Nächstes Jahr!? Oder Übernächstes?

Ich würde mich freuen.

Liebe Grüße

HaBE

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

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