Die Bundeswehr ist keine Lebens- sondern eine NahTodes-Perspektive

Mit Dieter verband mich eine tiefe Freundschaft seit meiner Kriegsdienstverweigerung als Offiziersanwärter in der Bundeswehr 1966, als ich in Frankfurt in der Rechtsanwalts-Kanzlei Raabe & Ormond im Gebäude-Komplex der Frankfurter Börse juristische Beratung für meine Kriegsdienstverweigerung suchte. Da traf ich Dieter Bott, der dort ebenfalls Beratung suchte für seine Verfahren, die Upper-Class-Eltern an einer Vordertaunus-Schule gegen ihn, den aktiven AUSSler, SDSler und NATURFREUNDE-Aktivisten losgetreten hatten: wegen der Schülerrevolten gegen die Wehrpflicht, den Vietnam-Krieg, die NotStands-Gesetze, für Aufklärung der NS-Verbrechen auch ihrer Lehrer (und Eltern!), für Sexualkunde, gegen den § 218 und den § 175 …

Dieter hatte mich schon lange auf seiner Kandidaten-Liste für seinen „Viva-Maria-Preis“. Jetzt ist er, ohne sich bei mir noch Mal abzumelden im jugendlichen Alter von 82 Jahren viel zu früh gestorben. Mit Ihm zusammen habe ich als Streetworker und Mitarbeiter des Jugendhauses Gallus im Kamerun Jugendarbeit gemacht u.a. an der Hellerhof-Schule in Kooperation mit den „Kameruner Rockers“ und ihren Chiefs „Prinz“ Peter Altmann, (Bild folgt noch) Klint & Knörndel, die auch den Wiederaufbau der „Alten Oper“ als Frankfurter Jungendhaus durchsetzen wollten und die Besetzung der Alten Oper dafür planten. Der damalige Frankfurter Jugenddezernent und Jugendamtsleiter Herbert Faller unterstützte uns, Dieter und mich dabei. Oberbürgermeister Rudi Arndt drohte aber damals, er “ würde lieber die Alte Oper in die Luft sprengen, als daraus ein Jungendzentrum zu machen!“. Daher stammt sein Spitzname „Rudi Dynamit“!

Dieter hat mich in den schwierigsten Zeiten nie im Stich gelassen, meine Kritik an der alten wie der „neuen“ Frankfurter Schule geteilt, die Mutation der Spontis mit Spott von Bott gegeißelt, meine Kurven im KBW etwas belächelt und mich zu meinem Austritt aus diesem Laden beglückwünscht. Dieter hat niemals Machtpositionen besetzen wollen, weder in Verbänden noch in Parteien und Gewerkschaften. Meine Wahl zum Fraktionsvorsitzenden der GRÜNEN im Main-Kinzig-Kreistag hat er so kommentiert: „Du wirst da noch Dein blaues Wunder auf einem NATO-grünen Fischerboot erleben!“ Beides kam dann auch: erst die Afghanistan-„Befreiung“, der Angriffskrieg gegen Jugoslawien mit dem Domino-Effekt in die weiteren Kriege, die Gehorsamkeitsprüfung des Volkes mit den Plandemie, der Aufstieg der blauen AfD und dann die NATO-Olivgrüne „Kriegsertüchtigung“

Lieber Dieter, Du solltest bei unserer „Anti-Kriegsfibel“ als Mitherausgeber und Co-Autor mitmachen. Ich wollte den „Viva-Maria-Preis“ dafür verwenden.
Wir wollten versuchen, diesen 3. Weltkrieg gemeinsam zu beenden. Zumindest dazu beizutragen. Und dann machst Du einfach Dein privates „Himmelfahrts-Kommando“ und das noch vor Himmelfahrt!! Aber ich weiß ja, Du findest es am Höllenfeuer viel schöner als da oben in der Eiseskälte. Grüß die Anderen und halte mir einen Platz am Feuer frei!
Ach, noch was: Du wolltest mir noch den Namen der dritten Bankfurter Trinkhallen-Kette verraten, deren Name zu einem hessischen Tu-Wort wurde.
Da versagen selbst Frankfurter Jung-Historiker-innen wie außen, selbst ihre Bücher über die Trinkhallen verschweigen den dritten Mann neben Jöst und Crome. Jösten geht nicht, cromen nur zur Not: „Isch crom e mol“ sagt der Vater, wenn er zum Kiosk Zigaretten holen geht. Und seine Alte, die Frau Rauscher kreischt ihm hinterher: „Mach mer blos koa Crome-Tuurn!“. So habe ich das notdürftig geschrieben, weil Du mir der dritten Mann bis heute verschwiegen hattest. Jetzt muss ich mich doch noch auf meine alten Tage durchs Frankfurter Stadt-Archiv wühlen, solange es nicht so absackt wie das Kölner Archiv in einen U-Bahnschacht ;-0))) „Schaumerma!“, hätte Trapattoni gesagt!
Ach Gott, ach Bott, jetz iss abber ma Schluss.
„Die Putztruppen“ mit noch mehr Klarnamen, Dokus, Bildern -erweiterte Fassung: – barth-engelbart.de
Den folgenden NochNichtNachruf habe ich nicht bei Josef Roth sondern bei Jürgen Roth aus der 2003 noch nicht mainstreamig völlig entzahnten TAZ geklaut:
Zigaretten, Frikadellen, Bott
Ein Mann, ein Geburtstag: Viva-Maria-Preis-Auslober Dieter Bott wurde 60
29.12.2003
Von
Längst hätte er sie in einem langen Monolog zur Sau gemacht
„Ein Bett gibt’s hier immer, komm vorbei!“ Die ein wenig dünne, dem Überzeugungsbass der Imponierredner entbehrende Stimme fährt in die Höhe, und im beinahe gleichen Augenblick kommt Dieter Bott am Telefon auf die Bild-Zeitung, den Sportwahnsinn und Adorno zu sprechen. Bei dem hat er, wie einige prahlerischen Tausendschaften der Republik, studiert und etwas gelernt, das fast 100 Prozent der heute so verhockten wie versorgten Adorno-Schüler entweder guten Gewissens verlernt oder nie beherzigt haben, beherzigt in einem Sinne, der in dem schönen Wort der Herzensbildung ausgedrückt ist – dass Bildung nämlich, bei aller begrifflichen Anstrengung, etwas mit Herz und nicht mit gebieterischem Auftreten, dass sie nichts mit Einschüchterung und Herrschsucht, sondern mit dem Gegenteil dessen zu tun haben sollte.
Dieter Bott hat von Adorno auch gelernt, dagegen zu sein, ab ovo. Nur der Geist der Negation bleibt in Bewegung. Der Düsseldorfer Privatgelehrte und Sportsoziologie, dessen nahezu unentgeltliche Seminare über Kritische Theorie und die „Sportifizierung“ der Gesellschaft an der Universität Duisburg aus Kostengründen gestrichen wurden, lebt in der Lichtstraße, hoch droben unterm Dach, wo sich in einer aus älteren Zeiten überdauernden WG-Atmosphäre Zeitungen stapeln, Exzerpte türmen und neueste Publikationen des so genannten linken Spektrums herumkugeln, zur präzisen Sichtung; nebst Prospekten und Broschüren aller Art, in denen sich die offizielle Öffentlichkeit mitteilt, damit sie von Dieter Bott in verqualmter Luft zerrissen wird.
Schopenhauer lebte an der Schönen Aussicht in Frankfurt am Main. Das passte nicht. Der Weltgrattler wäre in der Gasse mit Namen „Im Trutz Frankfurt“ besser aufgehoben gewesen. Dieter Bott allerdings wohnt geistesaffin – als unbeirrbarer Aufklärer, den nicht mal die Not oder die Angst (vor Arbeitslosigkeit, vor Ächtung durch seine ehemaligen Frankfurter Grünen-Bekannten) aus den Schuhen der Kritik wirft, sofern die Metapher hier durchgeht. Dieter Bott hätte sie längst in einem seiner legendären Monologe am Kneipen- oder Küchentisch zur Sau oder doch zur friedlichen Schnecke gemacht. Denn so groß Bott als Redner ist, so großmütig ist er als empathischer Charakter und als unwillentlich komischer Parleur, dem bevorzugt die stehenden Redewendungen beglückend freestyleartig durcheinander rauschen. „Dem werde ich mal richtig Licht einschenken“, hab ich ihn mal sagen hören, und ich war froh, das zu hören.
Dieter Bott ist alles, was Joschka Fischer nicht ist, und er ist nichts, was Michael Rutschky wurde, mit dem er in Jugendjahren im Freibad herumhing. Er ist weder Essayist noch Politiker. Er schreibt keine Regierungskolumnen und redet kein Blech. Er hat mich auf einen recht vergessenen Roman von Joseph Roth hingewiesen, wofür ich ihm auch dankbar bin, und er hat mir mehrmals ein Frühstück kredenzt, das ich kaum angemessen genießen noch würdigen konnte, weil derweil seine Ausführungen, in deren „Verlauf“ (J. Fischer) zirka eineinhalb Schachteln Zigaretten Marke Attika Extra Long dran glauben mussten, zu einnehmend waren.
Vor zehn Jahren hat Bott sein kleines Erbe gestiftet und den Viva-Maria-Preis ausgelobt, „für linke und radikale Gesellschaftskritik und Projekte, denen die gesellschaftliche Anerkennung verweigert wird“, wie einer seiner bis heute auf der Schreibmaschine getippten Rundbriefe kundgab. Preisträger waren u. a. Christian Schmidt, der in der Titanic Matthias Horx zerlegt hatte, und Wolfgang Pohrt.
Nun ist Bott am 25. Dezember sechzig Jahre alt geworden, und er möge bitte mindestens noch mal die Hälfte draufpacken. Einer, der den Mistladen namens Gesellschaft eigentlich nicht aushält und sich dennoch unvermindert an der Analyse der alltäglichen Katastrophe versucht, ohne zu resignieren, darf sich nicht wundern, wenn man ihn, der meint, per Geburtszufall mehr oder weniger mit Jesus konkurrieren zu müssen, ein paar durchgefeierte Tage später mit Girlanden behängt. Das sei hiermit geschehen, dem Fetisch Aktualität entgegentretend und zu Ehren des augenblicklich arbeitslosen „Lehrmeisters der Kritischen Theorie“, wie das Düsseldorfer Stadtblatt terz den „Antiklerikalen“ und „Anarchisten“ anlässlich seiner Geburtstagsfete zu Recht taufte.
In zwanzig Jahren aber, beim Achtzigsten, erbitte ich mir einen Großraumteller mit Dieter Botts hausgemachten Frikadellen. Die sind fast noch einen Deut schärfer als Adornos gesamte Theorie, die Bott weiterträgt, weil sie hilft, nicht dumm zu werden.
JÜRGEN ROTH