Dieser Beitrag ist leider -wie viele andere Lokal- & Regional-Geschichten, die ich nach unseren monatlichen Erzählabenden von 1994 bis 2016 aufgeschrieben hatte mit der Einstellung des GT-extra-online verschwunden, soweit ich sie dort vermeintlich sicher gepostet hatte.
Das Fachwerkhaus unten ist das „Polackenhaus“. An der Westseite befand sich das Mühlrad. Die Oma Wehner steht auf dem schon zugeschütteten Mühlbach

Oberhalb des Mühlgrabens steht das erste „Schweizerhaus“, das der Büdinger Fürst für die Milchwirtschafts-Fachkräfte bauen ließ. „Schweizer“ wurden die ChefmelkerINNEN genannt. Früher waren das aus der Schweiz angeworbene Melker. Daher stammt der Name
Verloren ging die Geschichte des Backhaus-Bäckers Merz, der mir im Backhaus von der Flucht einiger Jugendlicher -möglicher Weise noch HJ-Pimpfe- aus dem Getreidespeicher der Domäne erzählte, als sie versucht hätten, 1943/44 im so genannten „Polacken-Haus“ nachts ein paar polnische Mädchen „zu besuchen“, aber unglücklicher Weise neben den Schlafplätzen der Alten landeten, die die Einbrecher dann gejagt haben. Die flohen auf das schon etwas morsche Dach des benachbarten „Schafhofes“ und stürzten mitten in den Schafstall in den „Bockmist“. Sie blieben bis ins Morgengrauen im Stall bei den sich wieder beruhigenden Schafen – aus Angst vor Strafe für die „Rassenschande“.
Kann sein , dass der Merze Heiner die Zeit verwechselt oder zwei „Polackenhaus“-Besuche vermengt hat: Denn nach der Befreiung der polnischen Zwangsarbeiter, die zu über 80 Personen im „Polacken-Haus“ bis 1945 eingepfercht waren, wurde das „Polackenhaus“ wieder „zwangsbewohnt“ mit Flüchtlingen, Vertriebenen. Die waren zwar nicht mehr so kostengünstig für die fürstliche Domäne wie die polnischen Zwangsarbeiter aber immer noch billiger und dankbarer als die Eingeborenen. Die „Besuche“ der eingeborenen Jungs bei den nicht minder hübschen Flüchtlings-Mädchen waren aber immer noch so riskant wie früher, denn die Schlafstellen waren nur mit Pferdedecken getrennt, Gemeinschafts-Plumpsklo gabs und -Küche auf dem Hof … und das Dach des Schafhofes war noch morscher.
Seinen Namen hatte die ehemalige Domänenmühle und der Kornspeicher nicht erst von den polnischen Zwangsarbeitern. Der stammte schon aus der Zeit vor der Unterbringung der „Fulda-Mädels“ beim „Arbeitsdienst“ auf der Domäne. Die Fulda-Mädels waren billiger als die bis dahin auf dem Kornspeicher untergebrachten polnischen Saison-Arbeiter.

Eine Ecke der in den 1990ern abgerissenen Feldscheune am rechten Bildrand, Das „Polackenhaus“ wurde schon Mitte der 1970er abgerissen. Es stand dort, wo jetzt links die Hecke steht
Erst 17 Jahre nachdem ich diesen Artikel geschrieben habe, habe ich entdeckt woher das Missverständnis bei den Besuchen im „Polackenhaus“ stammte: die Besuche fanden erst in den späten 1940ern oder Anfangs-50ern statt. Alle dort eingepferchten Flüchtlinge wurden in Dorf als „Polacken“ bezeichnet, egal, ob sie aus dem Sudetenland, aus Ostpreußen, aus Schlesien oder Pommern stammten.
Zum „Torbogen-Katarrh“ später und zum Backhaus und dem warmen Löschsand auf seinem Dachboden auch und zu den „Schäferstündchen“ und wo sonst noch Kinder gezeugt wurden….