Warum der KZ-Wächter Schreiner nicht in die Schlagzeilen kam

obwohl der Vollblut-Journalist Rolf Kotau einen Zeit- und Kronzeugen unter Exklusiv-Vertrag hatte. SPIEGEL, STERN und ZDF waren scharf auf die Story.  Der Hessische Rundfunk wollte sich der Sache annehmen. Doch der Bad Orber Bote (BOB) erteilte Schreibver-Bote. Der Chef fürchtete Verluste im Anzeigengeschäft. Und die Kollegen von der Rundschau, vom Tageblatt, vom Echo, vom Anzeiger: “Na, Kotty , wie lange fährste noch BOB?”-so wurde er bei den Lokal-Redakteur-Stammtischen gemobbt. Besonders im “BAMBI”, wo es keine Polizeistunde gab bis auch der Oberbürgermeister jenseits der Promillegrenze  frühmorgens das Lokal verlassen hatte.

Dem Pressehaus Naumann zum 50. Geburtstag eine vielseitige Short-Story  / Hier anklicken und dann die vollbebilderte Short-Story lesen

Sie handelt bereits im ersten Kapitel von den Anfängen eines Zeitungsverlages in Bad Orb und ist eine frei erfundene längere Kurzgeschichte mit dem Doppel-Titel “Ein schwarzer Halbtag im Leben des Redakteurs Rolf Kotau – oder – Warum der KZ-Wächter Hans Schreiner anlässlich des Volkstrauertages in Zweigesicht nicht in die Schlagzeilen kam”

Dem Pressehaus Naumann zum 50. Geburtstag eine vielseitige Short-Story

Hier der Titel aus der nhz-werkstatt  Dez. 87/ Jan. 88, dort noch unter dem Pseudonym “Carl Hanau” erschienen

und jetzt das erste Kapitel:

Kottys Frühstück

 

“Die Drecksau hat mir die Story geklaut!” Rolf Kotau knallte wutentbrannt den Kaffeelöffel auf den Frühstückstisch, daß die Tassen schepperten. Renate stürzte zur Küchentür herein, den frischgewickelten Jüngsten unter dem Arm: “Kotty, ist was passiert?” Und ob etwas passiert war. “Vier Wochen Recherche glatt am Arsch!”. “Kotty, schrei doch nicht so, die Kleinen schlafen noch!” Seine Frau schloß leise die Tür.

“Brunner, dieses Schwein!” Sebastian Brunner war natürlich kein Schwein sondern ein Kollege, mit dem er sogar zeitweise fast befreundet war, wenn es zwischen  Journalisten so etwas wie Freundschaft gab. Brunner hatte eine gute Nase für “Wächterpreis”-reife Geschichten. Er war eher eine Trüffelsau, die gerne in fremden Revieren wühlte und dabei meist auch fündig wurde. Es war nicht das erste Mal, daß dieser Raubkopierer die Vorarbeit der Kollegen auflagenschwächerer Regionalzeitungen nutzte, um dann Dank der schnelleren und besseren Technik der Rundschau den Rahm abzuschöpfen und mit fremden Schreibfedern als Pulitzeranwärter zu glänzen.

Keine Besonderheit, nur der tagtägliche Dauerspurt, bei dem Millimeter entschieden. Brunner hatte halt wie so oft den Rüssel vorn, um eine Nasenlänge, um Haaresbreite. Buissiness as usual, alles kein Grund zur Aufregung, schon gar nicht für Wutausbrüche.

Kotau versuchte sich zu beruhigen, lehnte sich zurück und probierte den Wiedereinstieg in das Morgenkaffeeritual: Ham and Eggs, Cornflakes, Joggingbrötchen, Joghurt, drei Tageszeitungen im Schnelldurchmarsch. Er schaffte es aber nicht.

Es hatte ihn erwischt. Er war existentiell getroffen. Immer wieder blätterte er zurück auf den Lokalteil der Frankfurter Rundschau: “Ex-Bürgermeister bediente sich selbst – 17.000 DM ‘Urlaubsgeld’ illegal aus der Joßgründer Gemeindekasse”

Brunner hatte nichts ausgelassen, bis in die letzten Einzelheiten glich der Artikel dem Inhalt seines Manuskriptes. Sein satter, fettbalkiger Aufmacher für diese Woche war damit gestorben.

Dabei hatte er alles so gut vorbereitet. Das erste Mal einen Beinahe-Exklusivvertrag mit einem Informanten abgeschlossen. Im Gegenzug für belastende Dokumente hatte er dem bankrotten Joßgründer Bärenwirt eine Dauerbelegung seines Ladens durch den Deutschen Journalistenverband in Aussicht gestellt, als Ersatz für das auslaufende Asylanten-Geschäft in diesem zum Hotel aufgeblasenen Dorfgasthaus. Die Urlaubsgeldstory wäre zwar nicht gerade seine “Stern”-Stunde geworden, auch nicht das erträumte Sprungbrett zu höchsten “Spiegel”-Weihen, aber immerhin wieder mal ein erfolgversprechender Anlauf zum Sprung in die Redaktionsetagen seriöser Tageszeitungen, vielleicht eine Sprosse weiter auf der Leiter zum Rundfunkhimmel. Er war schon einmal nah dran gewesen und dann bereits nach zwei Beiträgen abgestürzt. Und jetzt? Wieder daneben! Außer Spesen nix gewesen. Sprichwörtlich.

Kotaus Wut fand keinen Gegner, verpuffte mit wirren Gedankensplittern und verlor sich in zahlreichen Vermutungen über Undichtigkeiten an den Schwachstellen seiner Informationskanäle. Vielleicht hatte er ja selbst im Suff etwas ausgeplaudert.

Die letzten Wochen war er öfter in Gelnhausen im ‘Bambi’ hängengeblieben, in der Hoffnung den mitternachts gestrichen abgefüllten Bürgermeister Albertis anzapfen zu können. Im ‘Bambi’ war immer etwas zu holen. Die Pizzeria mit bester deutsch-italienischer Gerüchteküche hatte unter der Schirmherrschaft des obersten Bürgers der ehemaligen, schon 1937 Juden- freien Reichsstadt bis weit über die Polizeistunde geöffnet. Hier kotzten sich nach zwei Litern italienischem Roten die Schwarzen aus, brüderlich vereint mit Grünen, Blaugelben und Braunen. Hier wurden sie voll und ganz Mensch dabei, lagen sich lallend in den Armen und vermischten sich, wenn sie ihr Innerstes nach außen kehrten, zu einem kakifarbenen Brei. Nur Albertis, der alte Fuchs, behielt meist alles bei sich, hoch prozentige Getränke und Gerüchte, Informationen und Innerliches.

Innerliches gab er nur stocknüchtern von sich, wenn er sich im deutschnationalen Rausch befand und seine Wikingjugend und den Kyffhäuserbund beschwor …

Albertis hatte Kotau im Bambi bisher jedes Mal nach allen Regeln der kommunalpolitischen Kunst unter den Tisch gesoffen und mit ihm die weit trinkfestere Konkurrenz von Rundschau, Tageblatt und Boten. Da könnte es passiert sein. Eventuell auch im Lorbass oder im Merlin, den Musik- und Scene-Kneipen am Bahnhof, wo er zu vorgerückter Stunde nicht nur verpaßte Chancen ertränkte. Hier wurden auch nach mehr oder weniger erfolgreichem Teeny-Anbaggern die Kollegen sehr gesprächig und er nicht minder. Es hätte überall sein können.

Er gab resigniert die Suche auf. Lamentierte jedoch lautlos weiter. Wenn es nur ein kleiner Zweispalter gewesen wäre, ein an den Haaren herbeigezogener, aufgeblasener Aufreißer, bei dem es lediglich auf die Headline ankam, auf die ersten fünf fetten Sätze. Mehr lasen die armen Werbungsschlucker so und so nicht. Aber ausgerechnet diese Geschichte mußte ihm die Rundschau klauen.

Rolf Kotau sank in sich zusammen. Wie aus einem plattgestochenen Reifen entwich die Luft aus seinem Körper und säuselte schließlich nur noch ein leiser werdendes Echo durch die apatischen Lippen: “Vier Wochen Recherche am Arsch.” , wobei die Tonhöhe sich auf den Pegel seines Gemütszustandes und die anatomische Lage des Letztgenannten absenkte.

Kotaus leerer Blick durch die volle Kaffeetasse projizierte Gedanken auf die Schwelle der Küchentür. Seine Story war Makulatur. Gerade die, mit der er sich an seinem Schicksal hatte rächen wollen. Zumindest ein wenig.

Er wollte die Dorfkamarillia treffen, dei gesamte Provinzmafia an den Pranger stellen. Korruption, Vetternwirtschaft, illegale Schiebereien, das alles interessierte ihn in diesem Falle erst an zweiter Stelle. Er wollte Demütigungen heimzahlen. Am Arsch.

Am Arsch war schlimmer als fürn Arsch. Fürn Arsch, das war umsonst und daran war er gewöhnt. Auch was sein Gehalt betraf. Die meisten seiner Seitenfüller waren glatt fürn Arsch.

Bis auf das zusätzliche Zeilenhonorar waren sie ihm egal.

Aber selbst fürn Arsch waren sie nicht mehr. Früher, das heißt in der letzten Epoche der Menschheitsgeschichte, in der Reiß-zeit durfte er die Reklameseiten der Zeitungen zu Klopapier reißen, als Strafarbeit auf dem Treppenabsatz vor dem Zwischen-Etagenklo der elterlichen Wohnung oder hinter der verschlossenen Scheißhaustür bei endlos langen Sitzungen mit kaltem Hintern und frierendem Pimmel. Das Klo war seine Fliehburg vor väterlichen Prügeln und mütterlichen Klageliedern, sein Hort für das Aussitzen und Ausheulen schwerer Lasten im Kinderkopf.

Gleichzeitig war das bis auf mitunter gewalttätig drängelndes Türklopfen der Nachbarn und Geschwister  sonst sehr stille Örtchen gut geeignet für den Hinterkopf. Das Klo als Keimzelle seines intellektuellen Werdeganges. Hier hatte er Zeit zum Denken und Träumen. Auch zum ersten Reiben und Schäumen. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.

Die Gedanken sind frei, das Lied könnte Freiliggrath auf der Toilette geschrieben haben. Heute war selbst das Klo kein Freiraum mehr. Time is money! Oft hatte er noch beim Kacken die Manuskripte auf den Knien, das Mobilphone in der Linken zwischen Daumen und Zeigefinger, so, dass er mit dem Kleinen noch die Klopapierrolle stoppen konnte, um mit der Rechten drei Blätter Dreilagiges zu ergattern.

Klopapier! Vor fünfunddreißig Jahren war er schon weiter gewesen als heute: er durfte Zeitungspapier veredeln, jetzt stellte er lediglich das Vorprodukt für Klopapier her, das keiner mehr wollte, weil es zu glatt war. Zu glatt fürn Arsch und zu hart.

Wo bin ich bloß gelandet? Lohnschreiber für Scheißhausparolen. Er ließ seine miese Existenz an sich Revue passieren:

Rolf Kotau, ein mühsam auf jung getrimmter Mittvierziger mit dem reichlich verlebten Gesicht eines abgetakelten Versicherungsagenten. Sparporsche – Scirocco, drei Kinder, noch verheiratet und als “Chefredakteur” des Main-Kinzig-Kuriers sozusagen am Ende der Stehleiter. Ein Häufchen Elend, Scheiße!

Rolf Kotau richtete sich etwas auf, um sich innerlich wieder über den Schüsselrand hieven zu können, bevor er sich selbst in die Sickergrube beförderte. Wenn sich noch etwas ereignen sollte, wenn er noch Karriere machen wollte, dann jetzt: Aufsteigen!

Aufsteigen oder Untergehen. Oder Aussteigen. Nicht mit selbst-gestrickten Öko-Schafwollsocken, Naturkost und Früchtetee oder so, nein, durch die Frontscheibe oder aus dem Schlafzimmerfenster seiner noch nicht abgezahlten Eigentumswohnung, von wo aus es an sechs Stockwerken vorbei direkt auf das betonierte Parkdeck ging. Doch sein Aufschlag zwischen den getunten BMW’s und sonstigen tiefergelegten höheren Mittelklassewagen hätte nicht einmal seine eralbträumte letzte Schlagzeile gebracht, lediglich eine mickrige Meldung auf den Lokalseiten im Polizeibericht. Höchstens sein ‘Kollege’ vom Gelnhäuser Boten hätte mit der ihm eigenen Kopfgeldjäger- und Leichenfledderermentalität auch diesen ‘Fall’ für eine Balkenüberschrift ausgeschlachtet:

“Todessturz eines Chefredakteurs”. Wahrscheinlich nicht mal das. Das Piepsen der Armbanduhr riß Kotau aus seinem morgendlichen Wachtraum. Der Kaffee war mittlerweile kalt.

Die Zigarette lag mit schlaff herunterhängender Asche schon halb auf dem Tisch. Sinnbildlicher Ausdruck seiner seelischen Verfassung. Die Redaktionskonferenz konnte heiter werden.

 

Ob es daran lag, daß ihm die dritte Tasse Kaffee fehlte?

Rolf Kotau kam im Gegensatz zu seinem Scirocco nicht auf Touren. Der morgendliche Berufsverkehr floß stockend und stinkend an ihm vorüber. Was er sich sonst nicht leisten konnte, auf dem Weg zur Arbeit mußte er es, gegen den Strom schwimmen. Die Kurstadt Bad Orb – Redaktionssitz und Gerichtsstand des Main-Kinzig-Kuriers – bot wenig Arbeitsplätze. Er konnte morgens mit dem Bleifuß zur Arbeit fahren. Sorumgesehen eine Bestätigung des Wahlspruchs auf seiner Fondscheibe: “Freie Fahrt für freie Bürger!” Rolf Kotau träumte bei hundert Stundenkilometern. Nicht, daß er was gegen den Allgemeinen Deutschen Automobil-Club hatte, gegen den Motorsportverein, den Reit-, den Gesangs-, den Verkehrs- und Gewerbe-, den Kaninchen- und Geflügelzuchtverein, den Gebrauchshunde- und den Schachclub oder die Freiwillige Feuerwehr …. aber, daß seine Heckscheibe -sein Hirn manchmal auch- mit den Aufklebern sämtlicher Pipi-Vereine des Verbreitungsgebietes zugepappt war, nervte ihn bei jedem Blick in den Rückspiegel. “Kotty,” hatte Hase gesagt “das muß sein. Wir zeigen, daß wir immer am Ball sind!” Am Ball, der hat gut reden. Fußball, Handball, Basketball, Volleyball, Tischtennis,… – von nix einen blassen Dunst, aber Woche für Woche fünf ätzende Sportseiten. “Das wollen die Leute, Kotty! Und ohne die Vereine geht hier nichts.”

Kotau kam der Kaffee hoch. Zum Glück hatte er die dritte Tasse stehen lassen. Die hätte das Faß zum Überlaufen gebracht.

 

Einfahrt in Bad Orb. “Langsam fahren! Herzkranke!”

Zum Kotzen einladend.

 

Die ganze Geschichte soll noch folgen. Ich suche sie in den unergründlichen Tiefen meines Archivs. Sie stand schon Mal in ihrer Urfassung in der Neuen Hanauer Zeitung Nr. 40 Dez. 87 / Jan. 88 …  Die folgende Geschichte ist noch nicht korrigiert und lektoriert. Wer die Fehler findet, soll sie mir mailden oder kann sie auch behalten

„Wie Carlo Levi als Hanno Loewy nach Frankfurt kam“ HaBE ein HighMatt-Lesungsprogramm
Veröffentlicht am 17. Februar 2014 von Hartmut Barth-Engelbart
Dieser Titel ist echt gefälscht.  Ehrlich !  Levi kam nie nach Frankfurt. Auch nicht zur Buchmesse 1968. Und schon gar nicht als Hanno, Ronny oder Peter Loewy (trotz einer gewissen Ähnlichkeit):

Noch weniger zur Deutschlandpremiere der Verfilmung seines Buches “Christus kam nur bis Eboli” durch Francesco Rosi zehn Jahre später, 1978. Den Rosi-Film musste Carlo Levi sich auch nicht mehr ansehen. Obwohl Irene Papas ihm sicher gefallen hätte. Aber gepasst hätte sie ihm genauso sicher nicht, denn ihr fehlt das Animalische seiner helden- & hexenhaften Haushälterin. Es ist halt Rosis Film und nicht Levis. Die Papas wirkt viel zu geschminkt für den MezzoGiorno, für Lukanien, für Basilikata. Viel zu himmlisch, unerreichbar wie die Mutter Gottes.   Etwas irdisch-höllischer müsste es schon sein: der Bürgermeister Don Luigino könnte auch hier regieren, die Armutshäuser und -hütten von Grassano und Gagliano werden gerade in Gründau-Lieblos-Mitte ebenso lieblos abgerissen wie vor nicht allzu langer Zeit das Kalbfleisch-Unger’sche Renaissance-Gasthaus “Altherberge” oder der historische “Storchen”. Die Kneipen waren geheizt. Zuhause wars kalt. Eine Portion “Mutter Courage” hätte dem Film nicht geschadet, denn Basilikata liegt hinter Birstein genauso im Vogelsberg wie hinter Besen-Kassel im Spessart. Noch mehr Highmatt? Hundsrück, Eifel, Castrop-Rauxel? Gera oder Görlitz ? Bayrischer Wald, Hunger und Elend im Harz, Ohra et labora in der Hölle? Gagliano ist überall. Und Christus kam nicht nur nur bis Eboli, er kam überall nur bis Monopoly. Bis EZBankfurt und dort vertreibt er jetzt die kleinen Leute aus der Goldstein-Siedlung. Die heißt wirklich so! Was bitte haben kleine Leute dort auch zu suchen ? Es wird Zeit, dass die Eingeborenen im Kamerun den Chiefs von der GOLD-Pearl-AG zum Schürfen Platz machen. OK, das hat zunächst mit Angela Merkels CHEFSACHE-AFRIKA weniger zu tun. Aber der alte Frankfurter Proleten-Stadtteil Gallus-Kamerun ist rein immobilienmäßig gesehen eine wahre Goldgrube. Müssen nicht unbedingt Befreiungsbomber eingesetzt werden, Gentrification-Management, Mobilitätsberater, Edelsanierung und Abrissbagger reichen da vorläufig völlig aus. Rote Flora und ESSO-Häuser gibts da nicht (mehr)….  Und das Frankfurter Bahnhofsviertel ist ja auch keine Reeperbahn, kein Schanzenviertel, keine Hafenstraße … ein wenig Prenzl-Kreuz und Friedrichshain muss nun Mal auch in Frankfurt sein.

 

Nein, es soll auch keine Geschichte über den verblichenen Frankfurter Fress-Discounter Levi werden oder über Arbeitskleidung von Engelbert Strauss, weder über Jeans noch über Hanno, Peter oder Ronny Loewy – auch wenn es sich zunächst Mal so anhört. Keine antiautoritären Stubenrauch-Ernst-Reuther-Gesamt-Schüler, keine Alt68er SDSler oder exilierte Fritz-Bauer-Instituts- und jüdische Museumsleiter.

Nö. Klingt zwar alles sehr spannend. Könnte man auch viel zu erzählen. Würde bestimme ne Menge Nostalgiebedürfnisse rund um Bankfurt bedienen. Ließe sich auch besser verkaufen ….  Aber hier geht es nun Mal um HighMatt-Geschichten.

 

Also um welche, die man ganz entspannt, locker, ohne viel Bemühung um Hochkultur und Literaturpreise einfach so der Geschichte und der Reihe nach erzählt,  wie’s halt so war.

Auch wenns manchmal wie im echten Leben fürchterlich durcheinander geht: eben noch Loewy und dann schon wieder die Leviten lesen…

 

Ronny Loewy, dieser Wirbelwind, dieser Zwerg, der durch jede Polizeikette durchkam, weil er drunter durch passte. Ins SDS-Büro musste der zwei Mal reinkommen, bis man merkte, dass er da ist. Wenn er nicht so eine ätzende Stimme gehabt hätte , schrill quäkend.  Wahrscheinlich ist der auch mit seinem Polizeiketten-Unterlaufen in den Himmel gekommen, der rote Ronny. Unterm Schwert vom Erzengel Gabriel und dem Schlüsselbund von Petrus durch. Sagte ich Himmel? Nein, bestimmt nicht. Der Ronny kam in die Hölle, wunschgemäß.  Doch das wollte ich hier gar nicht schreiben, es kennt ihn ja auch kaum noch jemand.

Ich habe den Titel meiner Erzählung gefälscht, weil ihn  sonst niemand bei google oder anderen Suchmaschinen finden oder suchen würde.

Der richtige Titel heißt „“Wie Carlo Levi nach Lieblos kam“.  Und wer kennt schon Lieblos ? Senioren vielleicht aus der Werbung im Radio: „Möbel-Walther, an der A66 – Abfahrt Gründau-Lieblos“. Aber den gibt’s schon seit Jahren nicht mehr. Der heißt jetzt Höffner, aber sein Besitzer heißt Krieger – Spitzname „Dumping Krieger“, denn jedes Mal, wenn die Löhne wieder gesenkt werden sollen, kommt er mit dem eigenen Kampfhubschrauber angedüst..

 

Ganz weg ist der Walther aber noch nicht. Sein Sohn hat sich ins Küchengeschäft gerettet: „Küchen-Walther“ und den gibt’s auch noch in Lieblos oder nicht ? In Hanau gibt es ihn aber schon! Oder noch. Musterküchen Fachgeschäft.. Nee isser nich, aber so ähnlich..  Zurück zum Levi … Als Carlo Levi nach Lieblos kam…

Lieblos! Aliae jactae sunt . Dem Würfl würds gefallen.  Kriegt denn das Schlemmer-Wohlfühl-Fitness-Golf-Hotel„Hühnerhof“ den Spargel vom „Bauer Würfl“ ? Und die Erdbeeren? Egal. Jedenfalls stimmt jetzt wenigstens der Titel.

Wenn mich jemand verdächtigt, ich hätte hier so plagiatiert  wie das filosofierende zdf-Bertels-& PECHTelsmännchen mit seiner lusdischen 68er-Bashing-Vatermordsgeschichte “Lenin kam nur bis Lüdenscheid”, dann irrt der.  Meine Geschichte hat definitiv nichts mit dem Herrn von Bülow und seiner Badewannen-Nummer zu tun.

 

Doch der Levi wollte gar nicht nach Lieblos. Er wollte nach Gettenbach in die fürstlich Isenburg-Meerholzsche Domäne „Hühnerhof“, als da noch echte Landwirtschaft betrieben wurde, wo nach dem Krieg die Zwangsarbeiter nicht komplett durch Flüchtlinge erasetzt werden konnten. Der Domänen- Namen hat absolut nichts mit Hühnern oder Hähnen zu tun. „Hühnerhof“ ist nur der über Jahrtausende –naja, anderthalb Jahrtausende verballhornte eigentliche Name: der Hof hieß ursprünglich  ab rund 500 unserer Zeitrechnung „Hunnenhof“, weil hier um 436 das Heer des Hunnenkönigs Atila oder Etzel auf dem Weg nach Burgund über Worms nach Besanconne, in das reiche westliche Byzanz gelagert hat. König Etzel hat hier Hof gehalten …. Daher der Name „Hunnenhof“. Der jetzige Besitzer hat das gottseidank bisher ebenso wenig vermarktet wie die Tatsache, dass auf bzw. unter dieser riesigen Golf-und Wellnesss-Hotel-Anlage vor tausenden von Jahren schon die Kelten in den nach ihnen benannten Quellen wellten und in der jüngsten Steinzeit keine Kinzig- oder Gründautaler sondern Neandertaler hausten und die Kreuzbandscheiben-Keramiker ihre Tontöpfe brannten.

Zu viel HighMatt ?

 

Ehrlich, ich habe keinen durchgezogen. Den letzten Joint habe ich  um die 1975 gelöscht.

 

Noch was muss ich vorher beichten: Carlo Levi war es nicht selbst, der in den 50ern nach Lieblos-Gettenbach kam und sich später ärgerte, dass ihm die Leute am KaiserBahnhof in Gelnhausen nicht verraten hatten, dass er eine Station weiter hätte fahren müssen. Bis Mittel-Gründau.  Es war ein ungelernter 16jähriger Maurer aus Basilikata, der Arbeit gesucht hat  Ende der 50er des vergangenen Jahrhunderts … letztendlich haben da 4 Kilometer mehr oder weniger auch nichts ausgemacht. Bei der Anfahrt, fast vom Stiefelabsatz bis mitten in die  Mitte Europas! Auf den Spuren der Badoglio-Italiener, die eben nicht nur in Wolfsburg am VW-Werk weiterbauten. Die musten als Zwangsarbeizter für den Büdingen-Meerholzer Grafen schufften. Und was die net alles gefressen haben: alles was vier Füße hatte  oder auch nur zwei oder gar keine: Mäuse, Ratten, Frösche, Schnecken, Vögel jeder Größe … die machten auch vor Katzen nicht Halt. Hunger halt!

 

 

„Wie Carlo Levi nach Lieblos kam“ ist eine der vielen Erzählungen, die ich vor meine „Highmatt-Lesungen“ setze, bei denen ich  z.B. Ausschnitte aus Valentin Sengers „Die Buxweilers“, Carlo Levis „Christus kam nur bis Eboli“, Phillip Buxbaums „Odenwald-Geschichten“ und aus HaBEs Erzählungen „Lakonisches Lächeln“ , “Der weiße Stein von Hammersbach”, “Als der Bischof von Paris nach Steinbach kam” und aus dem Odenwald-HistoPolitKrimi “Der Damenschneider” vorlesen werde — logisch, nicht Steinbach am Taunus oder sonstwo es noch Steine und Bäche gibt, nein, Steinbach in Odenwald mit dem Schloss der Grafen von Erbach-Fürstenau, der karolingischen Einhards-Basilika, der Dorfarmut und den Zwangsarbeiterleichen in den Kellern der Reichen, in den Felsenkellern der Brauereien oder in den Grafen-Gruften unter der Stadtkirche, wo sie unter der Aufsicht des SS-Mannes und späteren Glockenspiel-Organisten vergraben wurden, der die Glocken zum Einschmelzen für den Endsieg abhängen ließ und das durch Spenden wiederkomplettierte Glockenspiel 1960 mit dem Lied “Üb immer Treu und Redlichkeit” einweihte.

So viel HighMatt musste schon mal sein. Kein Wunder, dass da die Kids anfangen zu kiffen.

Bevor ichs vergesse. Woher der Titel des Lesungsprogrammes stammt ?

Der Wetterauer Dialektiker, Dialektschriftsteller, Photograf und Journalist Kurt Sänger – nicht verwandt und nicht verschwägert mit Valentin Senger oder vielleicht doch, jedenfalls im Geiste verwandt- schreibt in seinem Portal:

http://www.highmatt.de/125011.html

HIGHMATT – Lebensbilder & Wörtergeschichten :

„Der Titel “Highmatt” – zuerst sind sie”high” dann “matt” – wurde von H.Barth-Engelbart, Gründau, 2003 geschaffen….“

Er stammt aus den Ingrid-undGerhard-Zwerenz-bevor– und Kurt-Werner-Sänger-benachworteten, bei ZAMBON verlegten „unter-schlag-zeilen“,

aus dem Gedicht:

Heimat

Was fällt ihnen

Zu Heimat

Ein?

Jede Menge zu

Einige high

Ein paar zu high

Und ich dazwischen

Ganz matt

HighMatt

Es highmattet aber noch weiter: “Doppelkopp – vom plötzlichen Tod eines FRedakteurs, der sich am Hanauer Brüder-Grimm-Denkmal mitten auf dem Marktplatz erhänkte” , das hatte er davon, dass er mehr recherchierte als in seinen Kopp und die Frankfurter Rundschau passte …..    und dann noch die Shortstory-Klassiker; “Ein schwarzer Halbtag im Leben des Redakteurs Rolf Kotau”, “Tally  im Berufsverkehr – die lange Geschichte einer kurzen Busfahrt zur Redaktion des Hanauer Anzeigers”, “Als Peter Kammer einmal unerwartet lange warten musste”, von den Hindernissen, die ein Mitfahrer gen Osten bei der humanitären Hilfe für die SOLIDARNOSC überwinden musste oder wie ein zdf-Frontberichterstatter nicht auf dem Schlachtfeld sondern schon im Hanauer Schlachthof scheiterte

 

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.