Wie die Hanauer Brüder-Grimm-Märchen-Festspiele Kinder und Erwachsene mit Rassismus, Nationalismus und Chauvinismus stopfen:

Ein Leserbrief an die Frankfurter Rundschau und den Hanauer Anzeiger

betr.  “Bremer Stadtmusikanten” in der Hanauer Brüder-Grimm-Märchen-Festspiel-Inszenierung des Autors und Regisseurs Michael Dackner

Wie die Hanauer Brüder-Grimm-Märchen-Festspiele Kinder und Erwachsene mit Rassismus, Nationalismus und Chauvinismus stopfen:

Die Bremer Stadtmusikanten kämpfen in Hanau gegen eine Räuberbande aus Chinesen, Russen und Italienern. Die wackeren deutschen Volkshelden, zwar alt und tatterig, sind dennoch an der Heimatfront für den Heimatschutz und den Volkssturm zu gebrauchen, so wie früher schon der Uropa mit dem letzten Aufgebot gegen die rote und gelbe Gefahr und die verräterischen Italiener, die bekanntlich Spagettifresser, Messerstecher, Neapolitanische Taschendiebe und Mafiosi sind. Unterstützt werden die rüstigen Rentner bei ihrem wackeren Kampf gegen die ausländischen Räuber von der Staatsmacht: einem lustig blaulichtbehirnten Polizisten und einem hirschgeweihten Förster. Beide etwas doof, wie halt “die Beamten” so sind, aber treuherzig und FreundundHelfer.

Haben schon die Brüder Grimm die Volksmärchen mit einer höflichen Reinigung hoffähig gemacht, die drastischsten Passagen wider die Obrigkeit herausgenommen und nur noch die lusdischen Burlesken drin gelassen z.B  in des Kaisers neue Kleider, im gestiefelten Kater  oder die vorchristlichen Figuren uminterpretiert und gedreht: z.B. bei Frau Holle und aus den positiven Figuren im christlichen Sinne negative gemacht z.B. die Hexen ..

so vernichtet die Version des Regisseurs und Autors Michael Deckner die bei den Gebrüdern Grimm noch rudimentär zu erkennenden Elemente von Aufbegehren des niederen Volkes gegen die weltliche wie geistliche Obrigkeit, die Pfeffersäcke, die Raubritter, den Adel….

Gerade bei den Bremer Stadtmusíkanten sind diese Elemente eigentlich nicht wegzensierbar- aber Deckner schafft es trotzdem sie auszublenden: die überausgebeuteten Arbeitstiere sollen noch nicht einmal im Alter aufs Altenteil gehen dürfen, sondern sie werden bis zum Umfallen angetrieben und wenn sie umfallen, geschlachtet. Heute heißt die abgeschwächte Form Rente mit 67.  Bei den NAZIS hieß das Vernichtung durch Arbeit und wurde systematisch bei russischen Kriegsgefangenen angewendet. Nicht weit von Hanau entfernt im STALAG Wegscheide oder in den Außenlagern des KZ-Hinzert in den Ysenburg-Büdingenschen Wäldern oder in Rüstungsbetrieben in den Altkreisen Hanau, Gelnhausen und Schlüchtern, so wie in Frankfurt im KZ-Katzbach in den Adlerwerken. Es waren aber auch italienische Zwangsarbeiter, die Mussolini an Hitler verkauft hat. Von den beim Boxeraufstanbd von General von Waldersee zusammengeschossenen chinesischen Sklaven in der deutschen Kolonie Tsingtau ganz zu schweigen.   Jetzt werden aus den Opfern in Hanau bei Deckner Täter gemacht und sie werden zum Verstecken der wirklichen Räuber benutzt.

Aus dem Volksmärchen mit dem legendären Kern vom Aufbegehren der armen Leute gegen die durch ihre (Fron-)Arbeit reichgemachten Zunft-Bürger, Großbauern, adligen Großgrund”besitzer” und halsabschneiderischen Bannmüller, Händler und Manufakturbesitzer und gegen die marodierenden Raubritter, aus diesem verzweifelten Aufbegehren wird ein nationalistischer ComicStrip gemacht, in dem zum Schluss die armen deutschen Volksgenossen mit staatlicher Unterstützung das Haus der Chinesen, Russen und Italiener besetzen. So haben sich manche Mitläufer vor 60 Jahren die Eroberung des Lebensraums im Osten auch vorgestellt.

Was die staatliche Hilfe bei der Haus-Besetzungsaktion betrifft, wird in dieser Inszenierung doppelt gelogen: nicht der beinamputierte Volkssturm hat die Nachbarländer, die Häuser der Russen und auch der Italiener besetzt sondern es waren die stärksten Staatsorgane: die Wehrmacht, die SS, die Gestapo… klar, ohne die “einfachen Soldaten”, ohne den sagenhafte Landser hätten die Nazis den Krieg nicht führen können…  aber vorne weg marschierten die Herrenreiter : zum Beispiel die vom Hoch-Adels-Regiment “Graf” . Und “hinterm ersten deutschen Tank kommt der Chef der Dresdner Bank” begrüßten die einfachen Soldaten die ankommenden Chef-Arisierer, die eigentlichen Besetzer. und anschließenden Besitzer..

Aber in der Inszenierung steckt eine weitere Lüge: die beiden so positiv dargestellten etwas tumben Staatsdiener waren zu der Zeit der Entstehung des Volksmärchens, diejenigen, die die armen Leute gejagt und niedergeschossen haben: die fürstlichen Förster und Jäger, die Jagd machten auf die armen Bauern, die sich die Schwarzkittel und das Rotwild vom Hals und von ihren Felder fern-halten wollten, die das Wild abschossen, wenn es sich in ihren Feldern für die fürstliche Jagd vollfraß. Während die kleinen Bauern kaum Fleisch zum Essen hatten. Wer sich wehrte und das Wild schoss und mit Fallen fing, wurde als Wilddieb ins Zuchthaus geworfen oder bei den Verfolgungen erschossen. Die Jäger und Förster jagten Wild- und Holzdiebe, Menschen, die von ihren Holzrechten Gebrauch machten, die ihnen die Fürsten absprachen… Jäger und Förster jagten die Wanderburschen, sprachen Wanderverbote aus, weil die Wanderburschen Nachrichten aus Portugal, Spanien, Italien und der Schweiz nach Deutschland brachten, wo sich die armen Leute von ihren Tyrannen befreit hatten…

Und hier bei den Märchenfestspielen treten diese FürstenLandsknechte als Helfer der Armen auf.

Jedem mittelmäßig gebildeten Menschen fällt auf, dass der von den Jägern gejagte Kuckuk als Freiheits- und Wanderburschen-symbol dem französischen Coq entspricht, der als Hahn auf dem Freiheitsbaum sitzt wie im Lied der Kuckuck. Und im Märchen sitzt das nicht Mal mehr halbe alte Hähnchen ganz oben und schreit wie das Freiheitssymbol der französischen Revolution so laut, dass die Räuber fliehen. Diese ganz tiefe und stärkende und befreiende Symbolik des Volksmärchens hat der Hanauer Regisseur im Eilmarsch zu den Spitzeneinschaltquoten niedergetrampelt. Wahrscheinlich sogar ganz unabsichtlich, ohne einen Hintergedanken. Aber so ein paar Gedanken und Hintergedanken sollte sich ein Regisseur schon bei seinem Stoff machen. Sonst landet man bewußtlos im reißenden natonalistisch-rassistisch-chauvinistischen Mainstream. Und so geht in Hanau nicht nur die “Kultur” baden, so gehen  die Kinder den Bach runter. Es gibt im Umkreis von Hanau so gut wie keine Grund-Schule, die ihre Kinder nicht komplett zu den Märchenfestspielen schickt.
Mit einem solchen Theaterstück könnte man schon im Kindergarten den Nachschub für die friedenserhaltenden Truppen an inneren und äußeren Fronten rekrutieren. Gemeinsame Gefahrenabwehr! Was in der Inszenierung noch gefehlt hat – kann ja in der nächsten saison nachgeholt werden: der Räuberhauptmann müsste der Dieb von Bagdad sein,  aber nicht so goldig wie der Kleine Muck sondern eher wie ein Frankenstein-Bin-Laden Verschnitt mit Turban. Und historisch wärs ja auch: die Türken waren schon vor Wien damals und in Untertürk- und Bad Dürkheim. Und gerettet hat uns der Adel: Prinz Eugen der edle Ritter!!  Ganz zu schweigen von Kaíser Rotbart lobesam, der den Türken halbiert im Heiligen Land, das man ja befreien musste. Bis Nidda warn sie doch schon die Muslime, deshalb trägt das Stadtwappen bis heute noch schwer an dem Halbmond mit Stern!!!  Der Räuberhauptmann mit Saraziner-Dolch und Turban, der oberschlimmste Räuber ist ??? ein bitterböser Islamist – das muss man nicht sagen, sieht man dann ja am Kostüm..  Das wär mit Hans Rosenthal gesagt: Echt SPITZE !!!
Aber so wie es jetzt schon war, war es voll ausreichend.  Der Chinese nímmt uns ja auch jetzt das Öl weg und deshalb wird das Benzin so teuer. Und der Russe treibt den Gaspreis… Räuber eben… Wieso waren eigentlich keine Polen und Rumänen dabei ? Sollte man sich für die nächste Spielzeit vornehmen und Erika Steinbach zur Uraufführung als Ehrengast einladen..

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

Ein Gedanke zu „Wie die Hanauer Brüder-Grimm-Märchen-Festspiele Kinder und Erwachsene mit Rassismus, Nationalismus und Chauvinismus stopfen:“

  1. Die ersten Absätze dieses “Leserbriefes” liest man noch mit Interesse…
    Dann wird´s ganz schnell zu viel des Ergusses und man will garnicht mehr wissen, was der Leser uns eigentlich sagen wollte… zuviel intellektuelles Geschwafel!!
    In der Kürze liegt die Kraft!

    Erika Döring

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