Die Langenbergheimer, Marköbeler, Eckartshäuser, die Kalbacher und Lorbacher und die Altwiedermuser Bauern wollten nicht losschlagen bevor sie sich mit den Mittel-Gründauer Bauern beraten hatten. Mittel-Gründau war der Versammlungsort, wo die Forderungen diskutiert und vom Mittel-Gründauer Lehrer Paul Nagel niedergeschrieben wurden. Erst dann ging es los Richtung Büdingen, wo die Bürger den Aufständischen die Stadttore öffneten und sie mit Jubel empfingen (das vielleicht auch aus Angst vor Plünderungen).
Darauf muss auf dem Kulturwanderweg hingewiesen werden, auch darauf, dass die Birkenstocks 18/19 Jahre später als Demokraten an der 1848er Revolution teilgenommen haben* Sie waren Mitglieder des Demokratischen Vereins Mittel-Gründau und haben mit ihrer Unterschrift bekundet:
„Auch wir, die Mitglieder des hiesigen Vereins, erheben unsere Stimme, um vereint mit den anderen Vereinen, ja mit dem ganzen Volke, den Volksvertretern zuzurufen:
Haltet fest an der Verfassung, die Euer Werk, mit der Ihr stehen und fallen werdet, und welche zu verteidigen das ganze Volk fest entschlossen ist!
Wagt nicht den törichten Versuch einer Vereinbarung mit den Fürsten und sprecht entschieden das Recht der Nation aus, aus ihrer Mitte ein verantwortliches Oberhaupt zu wählen!
Hört auf die Stimme derer, die Euch berufen. Die ihre Ehre, ihre Freiheit in Eure Hand gegeben! Handelt im Sinne und nach dem Willen des Volkes, und seid versichert, dass das Volk dann auch Eurem Rufe folgen und mit allen Mitteln zur Durchführung unserer gerechten Sache Euch unterstützen wird.„
Das war genauso entschlossen wie 19 Jahre zuvor:

Diese Forderungen ergingen natürlich nicht nur an die Büdinger, denn der Bauernaufstand hatte Zulauf auch aus den Hoheitsgebieten derer von Goertz, von Riedesels, von Solms-Wernigerode, usw. … . Georg Büchner nahm mit den Anführern des Aufstandes Kontakt auf und ließ den „Hessischen Landboten“ 1834 durch die mittlerweile zum Teil wieder auf freiem Fuß befindlichen Aufständischen über den Main, die Kinzig und durch den Vogelsberg nach Gießen schmuggeln.

Im Laufe des Aufstandes kam auch noch die Forderung nach Pressefreiheit hinzu, was die Bauern aber zunächst als Forderung nach Freiheit von Auspressung missverstanden und so sofort dafür waren. Ihr Schriftführer , der Mittel-Gründauer Lehrer Paul Nagel ** kam wegen seiner illegalen Verhaftung als Parlamentär bei der Übergabe der Forderungen am Tor des Büdinger Schlosses nicht mehr dazu, den Bauern die Bedeutung von „Pressefreiheit“ zu erklären. Die meisten von ihnen konnten soundso nicht lesen.
Nach dem Anführer der Bauernaufstände, Tobias Meininger, heißt die Adresse des Meininger-Hofes im Volksmund bis heute nicht Bachgasse 1 oder (wie früher vor der Zwangs-Eingemeindung nach Gründau) Hauptstraße 1. Sie heißt einfach „Bei’s Tobiasse“ und die Nachfahren des Tobias heißen nicht Georg oder Heinrich … Meininger -sondern „Tobiasse Schorsch“ & „Tobiasse Heiner“ … Ein weiterer wichtiger Grund für dieses „Gedenken“ dürfte sein, dass Tobias Meininger ca. 1873 der Gemeinde seinen Bauerngarten für den Bau einer neuen Schule geschenkt hat.

Besonders erwähnenswert auf dem Kulturwanderweg ist das, weil die Mittel-Gründauer Bauern schon zwei Jahre vor dem Hambacher Fest und dem in Hanau Wilhelmsbad als Pioniere der Demokratie handelten. Diese Haltung der Mehrheit in Mittel-Gründau, die schon in den (teilweise wg. der Angst vor neuen Bauernkriegen erfolgreichen) Protesten der Mittel-Gründauer Bauern vor den Reichskammergerichten in Wien, Regensburg und Wetzlar gründeten, wurde weitergetragen in die 1848er Revolution, bei der Verteidigung der „Paulskirchen-Verfassung“ gegen die konstitutionellen Monarchisten, beim „Unterlaufen“ der „Sozialisten-Gesetze“ mittels Gesangsverein und Freiwilliger Feuerwehr, in die Revolution von 1918 und die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenträte, in den Widerstand gegen den aufkommenden Faschismus, in den demokratischen Wiederaufbau nach 1945, bei der Abstimmung zur demokratischen Kontrolle

der Schwerindustrie in Hessen und deren Überführung in Gemeineigentum , beim Widerstand gegen die Zerstörung des Dorfes, seiner Infrastruktur und seiner Demokratie durch die Gebietsreform, die die Bewohner des Dorfes zu einer jederzeit überstimmbaren Minderheit machte. Drastisches Beispiel dafür ist die Zerstörung des sozialen, politischen, kulturellen, historischen Mittelpunkts des Dorfes durch den Verkauf der Alten Schule – gegen den erklärten Willen der Mehrheit im Dorf und des Ortsbeirates … dieses Drama wurde fortgeschrieben durch die über Jahre durchgeführte „Dorferneuerung“, bei der ein „neuer Dorftreff“ als Ersatz für die „Alte Schule“ versprochen, gemeinsam erarbeitet & geplant und dann nicht verwirklicht wurde …
- *die Birkenstocks sind Mitunterzeichner der Resolution des Mittel-Gründauer Demokratischen Vereins: (die ist mit den Unterschriften im Original erhalten und liegt im Bundesarchiv Außenstelle Ffm : BAA Ffm DB 51/442, Nr.7793)
- Mittel-Gründauer Resolution zur Verteidigung der demokratischen gesamtdeutschen Verfassung
- 204. öffentliche Sitzung (der Paulskirchen-Nationalversammlung in Frankfurt/Main)
- vom 23. April 1849
- Hohe Nationalversammlung!
- (übergeben von dem Abgeordneten Heldmann)
- Auch wir, die Mitglieder des hiesigen Vereins, erheben unsere Stimme, um vereint mit den anderen Vereinen, ja mit dem ganzen Volke, den Volksvertretern zuzurufen:
- Haltet fest an der Verfassung, die Euer Werk, mit der Ihr stehen und fallen werdet, und welche zu verteidigen das ganze Volk fest entschlossen ist!
- Wagt nicht den törichten Versuch einer Vereinbarung mit den Fürsten und sprecht entschieden das Recht der Nation aus, aus ihrer Mitte ein verantwortliches Oberhaupt zu wählen!
- Hört auf die Stimme derer, die Euch berufen. Die ihre Ehre, ihre Freiheit in Eure Hand gegeben! Handelt im Sinne und nach dem Willen des Volkes, und seid versichert, dass das Volk dann auch Eurem Rufe folgen und mit allen Mitteln zur Durchführung unserer gerechten Sache Euch unterstützen wird.
- Mittelgründau, den 19ten April 1849
- Der Vorstand des Vereins
- B. Kaffenberger
- H. Schwinn
- Bürgermeister Günther
- Kalbfleisch
- Johannes Lott
- Bei dieser Resolution des „Demokratischen Vereins Mittel-Gründau“ ging es um die Unterstützung der Wahl eines Staatsoberhauptes, das dem Parlament verantwortlich und von diesem auch abwählbar sein sollte. Die Gegenposition forderte die Wahl eines nicht mehr absetzbaren Fürsten als Staatsoberhaupt, das auch dem Parlament nicht verantwortlich sein und jede parlamentarische Entscheidung durch ein absolutes Veto blockieren können sollte.
- Die Mittel-Gründauer hatten diesen pseudodemokratischen Schwindel zu Gunsten des Adels schnell durchblickt… Bereits Ende April 1849 versuchte das deutsche Volk seine demokratische Verfassung gezwungener Maßen mit Waffengewalt gegen preußische Monarchisten und Militaristen und ihre Hilfstruppen zu verteidigen. Gewürdigt wurde die Teilnahme nicht weniger Gründauer an der Reichsverfassungskampagne zur Verteidigung der ersten deutschen Demokratie bisher nur einmal: in der Festschrift „750 Jahre Niedergründau“ macht sich der Autor eines Artikels zu diesem Thema über die Teilnehmer lustig. Es ist der gleiche Zungenschlag, der auch im Bericht über den Bauernaufstand 1830 in Niedergründau den Ton angibt.
- Die folgende Unterschriften-Liste unter der Resolution zum Kampf um die demokratsiche Verfassung besagt, dass über 80 Familienvorstände (damals nur die Männer!) für ihre Familien mit unterschrieben haben. Die Familien waren damals größer als heute, 5 bis 10 Kinder waren die Regel. So wurde die Resolution von wahrscheinlich weit über 500 Mittel-Gründauern unterstützt. Wobei der Lehrer Bernhard Kaffenberger die Resolution als Vorstandsmitglied und Schriftführer des „Demokratischen Vereins“ verfasst haben dürfte. Dafür wurde er 1850/51 zunächst nach Darmstadt strafversetzt, dann ins Zuchthaus gebracht und dann zur Auswanderung in die USA gezungen. Sein UrUrUrUrEnkel Richard Kaffenberger hat sich vor einiger Zeit aus den USA per internet beim Verfasser dieses Artikel gemeldet und sich alle Geschichten um seinen Vorfahren schicken lassen
- (Unterschriften des Vorstandes des „Demokratischen Vereins Mittel-Gründau“ vom 23. April 1849, die Erstunterzeichner)
- B. Kaffenberger
- H. Schwinn
- Bürgermeister Günther
- Kalbfleisch
- Johannes Lott
- Weitere Unterschriften unter der Mittel-Gründauer Resolution vom April 1849: (Günther, Johannes Lott, H. Schwinn und Kaffenberger haben damals wohl doppelt unterschrieben)
- B. Kaffenberger
- Bürgermeister Günther
- Tobias Meininger II
- Heinrich Reuß
- Wilhelm Meininger I
- Heinrich Boller
- Friedrich Weinel I
- Friederich Hoenstein
- Edgar Wagner
- Philipp Burkhardt
- Freiedrich Jäger
- Peter Gärtner (?)
- Peter Herle
- Konrad (?) Herle
- Georg Lott II
- Friedrich Meininger II
- Johannes Geiß
- Johs Lott
- Friedrich Lott
- Balthasar Glock
- Friedrich Meininger 6
- Konrad Mohn
- Johannes (?) Schmidt
- Christian Mohn
- Friedrich Hölzinger
- Gabriel Altvater
- Konrad Heinbuch
- Friedrich Diederich
- Wolf Geiß
- Heinrich Volz
- Conrad Lott
- Johs Altvater
- Christian Eckart
- Tobias Geiß
- Wilhelm Meininger III
- Heinrich Käufig (?)
- Johannes Birkenstock
- Wilhelm Reuß
- Johannes Pfeifer
- Heinrich Wiegand II
- Johannes Mohn
- Gabriel Schmidt II
- Heindrich Eckart
- Christian Betz
- Friedrich Dauth II
- Johs. Dauth III
- Heinrich Geiß
- Heinrich Weinel II
- Heinrich Meininger
- Konrad Mohn
- Georg Dieterich
- Peter Henning
- Johannes Schmidt II
- Heinrich Hölzinger V
- Heinrich Jäger
- Gottfrit Eckart
- Johannes Jäger
- Peter Jäger
- Georg Lott I
- Johs. Schwarzhaubt
- Wilhelm Dietrich
- Friedrich Weinel II
- Konrad Boller
- Georg Achtzehnter
- Heinrich Schwinn
- Johannes Wolf
- Heinrich Noß
- Heinrich Rühl
- Heinrich Weinel I
- Johs. Schmidt III
- Peter Bieber
- Peter Wagner
- Wilhelm Meininger IV
- Conrad Birkenstock
- Johs. Pfeifer II
- Georg Geiß
- Heinrich Mohn
- Johs. Meininger IV
- Friedrich Hartwig
- Johs. Meininger 5
- Peter Hartwig
- Johs. Hartwig
- J. Schwinn
**der Schriftführer und Parlamentär der aufständischen Bauern, der Mittel-Gründauer Lehrer Paul Nagel und seine Ehefrau wurden 1854 nach Paul Nagels über 15jähriger Haft und anschließender Arbeit als Knecht und Magd zur Auswanderung in die USA gezwungen
Dank an den Frankfurter Historiker Dr. Manfred W. Köhler, der bei seinen Recherchen zur Geschichte der Demokratie in Hessen den Verbleib Paul Nagels nach seiner Zuchthaushaft klären konnte. Auch die Mittel-Gründauer Resolution an das Paulskirchen-Parlament hat er gefunden, sowie die Reaktionen des Parlamentspräsidiums auf die Anfragen des Abgeordneten Dr. Christian Heldmann, warum die Anträge aus Mittel-Gründau nicht behandelt würden. Die Anträge sind allesamt nicht erhalten, vom Präsidium vernichtet worden. Allerdings ist den erhalten gebliebenen Antworten auf die Heldmann-Anfragen zu entnehmen, dass das Präsidium die Anträge nicht zur Befassung freigegeben hat, „weil sie zu radikal und majestätsbeleidigend“ seien.

Quellen:
HaBEs Bildarchiv & Artikel zum Thema auf der Seite www.barth-engelbart.de. Bei Eingabe des Suchbegriffs „Oberhessische Bauernaufstände, Paul Nagel, Mittel-Gründau“ findet man über 150 Artikel (inklusive nicht weniger interessantem „Beifang“)
„Hanau im Vormärz und in der Revolution 1848/49“, Hanau 1980, Hrsg. Kulturamt Hanau / Historisches Museum , darin besonders H.G. Semmel : „Bauernaufstände in der Provinz Hanau …“
Bundesarchiv Außenstelle Frankfurt/Main : BAA Ffm DB 51/442, Nr.7793
Hess. Staatsarchiv Wiesbaden
Hess. Staatsarchiv Darmstadt
Archiv des Heimatmuseums Niedergründau
„Actenmäßige Geschichte der Räuberbanden an den beyden Ufern des Rheins“, Cöln 1804
mehrere Jahrgänge der Publikation des Gründauer Geschichtsvereins: „GRINDAHA“ (hier besonders die Briefe des Reichskammergerichtes an die in Wien randalierenden Mittel-Gründauer Bauern unter der Anführung durch Karl Meininger und an die Fürsten mit der Aufforderung, den Bauern ab und zu Zugeständnisse zu machen, sonst drohten neue Bauernkriege)
(von solchen Szenen in Wien und den Aufforderungen an die Fürsten berichtet Werner Troßbach ausführlich:
Werner Troßbach „Soziale Bewegung und politische Erfahrung -Bäuerlicher Protest in hessischen Territorien 1648-1862, Weingarten 1987
Manfred W. Köhler „Im Feuer der sozialen Republik – Lebensbild des demokratischen Achtundvierzigers Christian Heldmann (1808-1866) „, Hessische Historische Kommission Darmstadt 1998, Band 14 (dieser 738 seitige Band enthält über 150 Seiten mit weiteren Quellen)
Der EBOLA-beschleunigte Inflations-Galopp macht das „Leben“ im Slum von Kampala noch höllischer. Rema kann Hüttenmiete, Schulgeld, Lebensmittel nicht mehr bezahlen
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