Ein Dorf im Aufstand für Demokratie, viele müssen auswandern, bekommen Berufsverbot & Zuchthaus. Mittel-Gründau revoltiert weiter, arbeitet für den Verfassungsschutz – als Zusatz-Kollektiv-Strafe wird 1830 & 1850 die Dorfschule jeweils für 2 Jahre geschlossen, weil sie keine guten Untertanen produzierte.

bis 1911 hatte Bismarck die Mittel-Gründauer Feuerwehr schon unter die Pickelhaube gebracht. Und unter ein „Heimatfront-Kommando“. Da funktionierte nach den „Sozialisten-Gesetzen“ die Herstellung von Untertanen durch ausgediente Unteroffiziere in der Schule schon erheblich besser. Obwohl es die Freiwillige Feuerwehr im Dorf schon über 100 Jahre früher gab, gilt bei der Feuerwehr 1911 als Gründungsjahr. Ab dann wurde uniformiert gelöscht. Damals galt es wie heute: „Helden tagen Uniform!“. Vor dem Feuerwehr-Geräteschuppen auf dem Schulhof werden 1914 die Helden für den Heldentod im ersten Weltkrieg rekrutiert.


Einer davon , Heinrich Otto kommt zurück und baut zusammen mit dem Haingründauer „Marine-Hannes“ den Arbeiter-, Bauern- und Soldatentrat im Gründautal auf. („Marine-Hannes“ wird Johannes Weinel genannt, weil er am Matrosenaufstand in Kiel teilgenommen und so den 1.Weltkrieg mit beendet hat.) Heinrich Otto wird Vorsitzender des Kleinbauernverbandes und KPD-Landtagsabgeordneter.

Zur Geschichte der Mittel-Gründauer Feuerwehr: Die Freiwillige Feuerwehr Mittel-Gründau wird an ihrem 100. Geburtstag am 24.7. 2010 mindestens 173 Jahre alt oder jung. – barth-engelbart.de und zur jüngeren Geschichte des Dorfes: Mittel-Gründaus Dorftreff, die Alte Schule wurde ersatzlos enteignet – Zerstörung kommunaler Demokratie – barth-engelbart.de

Letztes Lebenszeichen des Mittel-Gründauer Lehrers, Schriftführers und Parlamentärs der Oberhessischen Bauern beim Aufstand 1830. Nach ca. 15 Jahren Zuchthaus musste er nach Berufsverbot als Knecht und seine Frau als Magd arbeiten. Ob und wie sie an der 1848er Revolution teilgenommen haben, ist unklar. Der Anführer der Oberhessischen Bauernaufstände von 1830, Tobias Meininger wurde 1848 führendes Mitglied des „Demokratischen Vereins Mittel-Gründau“, dessen Eingaben und Resolutionen als „zu radikal & majestätsbeleidigend“ vom Parlamentspräsidium nicht zugelassen wurden. Erhalten sind sie nicht, jedoch aus den erhaltenen Begründungen für die Ablehnungen kann auf ihren Inhalt geschlossen werden. Eine Resolution aus Mittel-Gründau ist erhalten geblieben, die der Schriftführer des „Demokratischen Vereins Mittel-Gründau“, der Lehrer Bernhard Kaffenberger verfasst hat:

Mittel-Gründau: ein ganzes Dorf arbeitet für den Verfassungsschutz

Mittel-Gründau: ein ganzes Dorf arbeitet für den Verfassungsschutz
Main-Kinzig-Kreis – Gründau
Geschrieben von: Hartmut Barth-Engelbart
am: Sonntag, 30. August 2009 um 22:41 – im GT-extra, Gelesen: 6688 mal

(Nachbemerkung zu Tobias Meininger: er schenkte ca. 1870 der Gemeinde Mittel-Gründau für den Bau einer neuen Schule das Grundstück, einen Großteil seines Bauerngartens an der Kirchgasse/Haingründauer Straße. Auf dem Bild rechts unten die Sandstein-Torpfosten markieren die alte Einfahrt zum Meininger-Hof. Rechts neben dem Schulgebäude verlief der Mühlgraben (der den Bauerngarten teilte) und dahinter befand sich noch in den 1960ern der Schulgarten, der später asphaltiert zur Schulhoferweiterung wurde. Der dort stehende Feuerwehr-Geräteschuppen wurde zur Pausenhalle umgebaut. Am rechten Bildrand ist die Außen-Toilette, das Plumps-Klo der Schule zu erkennen, das in den 1970ern durch ein WC im Schulgebäude ersetzt wurde)

Hier hat die Gemeinde vergessen : 1904 Bau des neuen Treppenhauses und des Schlauchtrocken-Turmes der Freiwilligen Feuerwehr, der auch als Kirchen- und Feuerglockenturm genutzt wurde, Jugend-Zentrum, Kriegsgefangenenlager, Rekrutierungszentrum für den 1. Weltkrieg …


Sie haben richtig gelesen! Das ganze Dorf hat für den Verfassungsschutz gearbeitet und versucht, einen Putsch gegen die Demokratie zu verhindern.

Wer mit dabei war ? Das steht alles in den Akten: alles was in Mittel-Gründau und den Nachbarorten Rang und Namen hatte: Kalbfleisch, Weinel, Dauth, Noß, Meininger, Hölzinger, Lott, Geiß, Wagner, Mohn, Schmidt, Betz, Jäger, Günther, Volz, Birkenstock, Reuß, Pfeifer, Hainbuch, Hartwig, Schwinn, Burghardt, Herle, Achtzehnter, Schwarzhaupt, Eckart, Wiegand …..

Ja, auch hier haben Sie richtig gelesen: der spätere Schuh-Fabrikant BIRKENSTOCK verhalf der Revolution in Mittel-Gründau in die Puschen!

siehe dazu auch: Birkenstock begann in Mittel-Gründau zu Latschen: warum verschweigt das Schuh-Imperium das? – barth-engelbart.de

Birkenstock brachte in Mittel-Gründau die Revolution in die Puschen – barth-engelbart.de

Birkenstock: die Unterstützer der oberhessischen Bauernaufstände & der 1848er demokratischen Revolution konnten nicht ahnen, dass ihre Erben Gewerkschaftsfeinde werden. – barth-engelbart.de

Was hat Mittel-Gründau mit der „Birkenstock-Generation“ zu tun ? – barth-engelbart.de

Das Kämpfen für den Verfassungsschutz war aber bereits vor 160 Jahren.

Die Mittel-Gründauer haben nicht nur ihren Abgeordneten demokratisch gewählt und seine Arbeit unterstützt. Sie haben sich selbst aktiv in die Politik eingemischt, ihren Abgeordneten mit dem Einbringen von Petitionen und Anträgen beauftragt, die sie vorher in ihrem „Demokratischen Verein“ diskutiert und beschlossen hatten. Die Anträge aus Mittel-Gründau waren dabei so radikal demokratisch und sozial, dass die Parlamentspräsidenten sowohl in der Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche als auch im Hessischen Landtag ihre Behandlung nicht zuließen. Von den Mittel-Gründauer Anträgen an beide Häuser konnte bisher kein einziger wieder gefunden werden. Nur die Antworten auf die Anfragen des für Mittel-Gründau zuständigen linken Abgeordneten Dr. Christian Heldmann, warum die Anträge aus Mittel-Gründau nicht behandelt würden, sind noch zu finden: die Auskunft der Sitzungs-Präsidenten lautete jeweils, die Anträge aus Mittel-Gründau seien „zu radikal demokratisch“ , „zu radikal sozial“, „zu majestätsbeleidigend“ usw… Deshalb wurden die Anträge auch nicht in die Protokolle aufgenommen und verschwanden in der Versenkung. Der Frankfurter Historiker Dr. Manfred Köhler hatte bei einer Veranstaltung zum 150. Jahrestag der 1848er Revolution in der historischen Alten Schule Mittel-Gründau entsprechende Zitate aus den Antworten auf die Heldmann-Anfragen vorgetragen.

Die großen Plakate & Transparente: „Revolution in Mittel-Gründau“ habe ich leider nicht mehr. Es gibt noch (noch nicht eingescannte) Fotos von der Alten Schule mit dem nachts beleuchteten 2X3 Meter großen Transparent über dem Schuleingang „Revolution in Mittel-Gründau“ flankiert von der rot-weißen hessischen und der schwarz-rot-goldenen Bundesfahne. Lieder der 1848er Revolution durfte ich beitragen. Es war der kulturelle Rahmen der Radio-Sendungen und Vortragsreihe zur 1848er Revolution, die ich mit Dr. Manfred Köhler über Jahre bestritt – im Odenwald, an der Bergstraße, in Rheinhessen, in der Wetterau, im Vogelsberg, in Büdingen, Düdelsheim, Gelnhausen, Hanau …

Bei dieser Veranstaltung der IAS („Initiative Alte Schule“) 1998 zeigte Dr. Köhler neben den auch aus Mittel-Gründau stammenden Forderungen der Oberhessischen Bauernaufstände von 1830 auch die einzige noch erhaltene 1848er Resolution des Mittel-Gründauer „Demokratischen Vereins“ zur Unterstützung der Reichsverfassungskampagne.

Mittel-Gründauer Resolution zur Verteidigung der demokratischen gesamtdeutschen Verfassung

204. öffentliche Sitzung (der Paulskirchen-Nationalversammlung in Frankfurt/Main)
vom 23. April 1849

Hohe Nationalversammlung!

(übergeben von dem Abgeordneten Heldmann)

Auch wir, die Mitglieder des hiesigen Vereins, erheben unsere Stimme, um vereint mit den anderen Vereinen, ja mit dem ganzen Volke, den Volksvertretern zuzurufen:
Haltet fest an der Verfassung, die Euer Werk, mit der Ihr stehen und fallen werdet, und welche zu verteidigen das ganze Volk fest entschlossen ist!
Wagt nicht den törichten Versuch einer Vereinbarung mit den Fürsten und sprecht entschieden das Recht der Nation aus, aus ihrer Mitte ein verantwortliches Oberhaupt zu wählen!
Hört auf die Stimme derer, die Euch berufen. Die ihre Ehre, ihre Freiheit in Eure Hand gegeben! Handelt im Sinne und nach dem Willen des Volkes, und seid versichert, dass das Volk dann auch Eurem Rufe folgen und mit allen Mitteln zur Durchführung unserer gerechten Sache Euch unterstützen wird.

Mittelgründau, den 19ten April 1849

Der Vorstand des Vereins
B. Kaffenberger
H. Schwinn
Bürgermeister Günther
Kalbfleisch
Johannes Lott

Bei dieser Resolution des „Demokratischen Vereins Mittel-Gründau“ ging es um die Unterstützung der Wahl eines Staatsoberhauptes, das dem Parlament verantwortlich und von diesem auch abwählbar sein sollte. Die Gegenposition forderte die Wahl eines nicht mehr absetzbaren Fürsten als Staatsoberhaupt, das auch dem Parlament nicht verantwortlich sein und jede parlamentarische Entscheidung durch ein absolutes Veto blockieren können sollte.

Die Mittel-Gründauer hatten diesen pseudodemokratischen Schwindel zu Gunsten des Adels schnell durchblickt… Bereits Ende April 1849 versuchte das deutsche Volk seine demokratische Verfassung gezwungener Maßen mit Waffengewalt gegen preußische Monarchisten und Militaristen und ihre Hilfstruppen zu verteidigen. Gewürdigt wurde die Teilnahme nicht weniger Gründauer an der Reichsverfassungskampagne zur Verteidigung der ersten deutschen Demokratie bisher nur einmal: in der Festschrift „750 Jahre Niedergründau“ macht sich der Autor eines Artikels zu diesem Thema über die Teilnehmer lustig. Es ist der gleiche Zungenschlag, der auch im Bericht über den Bauernaufstand 1830 in Niedergründau den Ton angibt.

Die folgende Unterschriften-Liste unter der Resolution zum Kampf um die demokratsiche Verfassung besagt, dass über 80 Familienvorstände (damals nur die Männer!) für ihre Familien mit unterschrieben haben. Die Familien waren damals größer als heute, 5 bis 10 Kinder waren die Regel. So wurde die Resolution von wahrscheinlich weit über 500 Mittel-Gründauern unterstützt. Wobei der Lehrer Bernhard Kaffenberger die Resolution als Vorstandsmitglied und Schriftführer des „Demokratischen Vereins“ verfasst haben dürfte. Dafür wurde er 1850/51 zunächst nach Darmstadt strafversetzt, dann ins Zuchthaus gebracht und dann zur Auswanderung in die USA gezungen. Sein UrUrUrUrEnkel Richard Kaffenberger hat sich vor einiger Zeit aus den USA per internet beim Verfasser dieses Artikel gemeldet und sich alle Geschichten um seinen Vorfahren schicken lassen

(Unterschriften des Vorstandes des „Demokratischen Vereins Mittel-Gründau“ vom 23. April 1849, die Erstunterzeichner)

B. Kaffenberger
H. Schwinn
Bürgermeister Günther
Kalbfleisch
Johannes Lott

Weitere Unterschriften unter der Mittel-Gründauer Resolution vom April 1849: (Günther, Johannes Lott, H. Schwinn und Kaffenberger haben damals wohl doppelt unterschrieben)

B. Kaffenberger
Bürgermeister Günther
Tobias Meininger II
Heinrich Reuß
Wilhelm Meininger I
Heinrich Boller
Friedrich Weinel I
Friederich Hoenstein
Edgar Wagner
Philipp Burkhardt
Freiedrich Jäger
Peter Gärtner (?)
Peter Herle
Konrad (?) Herle
Georg Lott II
Friedrich Meininger II
Johannes Geiß
Johs Lott
Friedrich Lott
Balthasar Glock
Friedrich Meininger 6
Konrad Mohn
Johannes (?) Schmidt
Christian Mohn
Friedrich Hölzinger
Gabriel Altvater
Konrad Heinbuch
Friedrich Diederich
Wolf Geiß
Heinrich Volz
Conrad Lott
Johs Altvater
Christian Eckart
Tobias Geiß
Wilhelm Meininger III
Heinrich Käufig (?)
Johannes Birkenstock
Wilhelm Reuß
Johannes Pfeifer
Heinrich Wiegand II
Johannes Mohn
Gabriel Schmidt II
Heindrich Eckart
Christian Betz
Friedrich Dauth II
Johs. Dauth III
Heinrich Geiß
Heinrich Weinel II
Heinrich Meininger
Konrad Mohn
Georg Dieterich
Peter Henning
Johannes Schmidt II
Heinrich Hölzinger V
Heinrich Jäger
Gottfrit Eckart
Johannes Jäger
Peter Jäger
Georg Lott I
Johs. Schwarzhaubt
Wilhelm Dietrich
Friedrich Weinel II
Konrad Boller
Georg Achtzehnter
Heinrich Schwinn
Johannes Wolf
Heinrich Noß
Heinrich Rühl
Heinrich Weinel I
Johs. Schmidt III
Peter Bieber
Peter Wagner
Wilhelm Meininger IV
Conrad Birkenstock
Johs. Pfeifer II
Georg Geiß
Heinrich Mohn
Johs. Meininger IV
Friedrich Hartwig
Johs. Meininger 5
Peter Hartwig
Johs. Hartwig
J. Schwinn

Dass Mittel-Gründau in der Weimarer Republik im Widerstand gegen den Faschismus eine hervorragende Rolle spielte, habe ich in verschiedenen Artikeln geschildert. Die Links dazu folgen in den nächsten Tagen.

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

Ein Kommentar zu „Ein Dorf im Aufstand für Demokratie, viele müssen auswandern, bekommen Berufsverbot & Zuchthaus. Mittel-Gründau revoltiert weiter, arbeitet für den Verfassungsschutz – als Zusatz-Kollektiv-Strafe wird 1830 & 1850 die Dorfschule jeweils für 2 Jahre geschlossen, weil sie keine guten Untertanen produzierte.“

  1. Bei allem Respekt vor dem Freiheitsmut der Aufständischen… . Von heute aus jedoch zu fragen, ob das eine gute Idee war mit den Parteien und dem Wählen. Ja, leicht gesagt anno 2025, sind am Ende doch immer alle schlauer. Nun ein drittes Mal, dreimal groß gebeutelt, 1914, 1933, 2020.

    Sagen, was ist: Show gelaufen, die Feudalaristokratie hat gesiegt: WHO, WEF, Billyboy, Klausi-Mausi, der Fürst Merry Larry von Schwarzenstein.

    Und sie wählen und wählen und wählen so brav, wie der Volkswagen einst gelaufen ist. Als der Wolfsburg-Laden noch lief. Was von solchen kirchgläubigen Trotteln halten?

    Aber so ist es, die Welt dreht sich nicht nur, sie bewegt sich auch fort, ewige Herausforderung: „Ihr werdet sein wie Gott!“ Nur hat er nicht gesagt wann. Oh, wie gut, daß niemand weiß, daß er Rumpelstilzchen heißt. Aber wir sind dabei, es herauszufinden: Wer billiger herstellt, muß billiger verkaufen. Und Leute entlassen.

    Nein, nicht Rumpelstilzchen, PLEITEGEIER heißt du!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert