Wann ist Mal wieder richtig Backfest, ….

Daheim-dehoam: vom Torbogen-Katarrh übers Pol(lack*)enhaus in den Schafstall in Mittel-Gründau / nicht nur für Heinrich Merz

*so nennen noch heute die Meddel-Grenner Alten den in den 1970ern abgerissenen Kornspeicher/die Mühle der Domäne, in dem die polnischen SaisonarbeiterINNEN ebenso eingepfercht wurden wie die zu Zwangsarbeitsdienst auf dem Hofgut eingesetzten „Fulda-Mädels“, die Töchter der durch „Flurbereinigung“ und den „NS-Hellmuth-Plan zur Bekämpfung der Armut in der Rhön“ enteigneten Kleinbauern. Nach 1939 wurden die dann noch billigeren polnischen Zwangsarbeiter eingepfercht. Auch das war namensgebend. Als nach 1945 über 300 Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten nach Mittel-Gründau geschickt und von den Alteingesessenen als „Polacken“ bezeichnet wurden, hat sich der Hausname weiter verfestigt. Die Flüchtlingsfamilien lebten nur durch Pferdedecken voneinander getrennt im Kornspeicher. Gemeinschaftskochstellen, Gemeinschafts-Plumps-Klos auf dem Hof. Und als Arbeitskräfte waren sie fast so billig wie die polnischen Zwangsarbeiter. In der Festschrift zur 800-Jahrfeier des Dorfes wird das „Polackenhaus“ 2019 verschleiernd als „Wohnhaus der Arbeitskräfte der Domäne“ bezeichnet.

Dieser Beitrag ist leider -wie viele andere Lokal- & Regional-Geschichten, die ich nach unseren monatlichen Erzählabenden von 1994 bis 2016 aufgeschrieben hatte, mit der Einstellung des GT-extra-online verschwunden, soweit ich sie nur dort vermeintlich sicher gepostet hatte.

Bild oben: das krüppelgewalmte „Pollackenhaus“, unterm Westgiebel leider verdeckt die Reste der Domänenmühle und die Oma mit Hund direkt auf / in dem ehemaligen Mühlgraben. Hinter ihr das heute noch erhaltene Schäferhaus, links neben ihr das Dach des Schafstalles

Bild unten: direkt oberhalb des Mühlgrabens das erste „Schweizer-Haus“ im KdF-Stil, verdeckt das „Pollackenhaus“ komplett. Über dem Hühnerstall der Schweizer-Familie ist der Giebel der Zehntscheune der Domäne zu sehenRechts hinter den Bäumen das Dach der großen Feldscheune

Das oben war die Geschichte des Backhaus-Bäckers Merz, der mir im Backhaus von der Flucht einiger Jugendlicher -möglicher Weise noch HJ-Pimpfe- aus dem Getreidespeicher der Domäne erzählte, als sie versucht hatten, 1943/44 im so genannten „Pollacken-Haus“ nachts ein paar polnische Mädchen „zu besuchen“, aber unglücklicher Weise neben den Schlafplätzen der Alten landeten, die die Einbrecher dann gejagt haben. Die flohen auf das schon etwas morsche Dach des benachbarten „Schafhofes“ und stürzten mitten in den Schafstall in den „Bockmist“. Sie blieben bis ins Morgengrauen im Stall bei den sich wieder beruhigenden Schafen – aus Angst vor Strafe für die „Rassenschande“ und gingen gleich in die Schule. Dann stank der Klassenraum wie ein Schafstall:-0)))

Kann sein , dass der Merze Heiner die Zeit verwechselt oder zwei „Pollackenhaus“-Besuche vermengt hat: Denn nach der Befreiung der polnischen Zwangsarbeiter, die zu über 80 Personen im „Polacken-Haus“ bis 1945 eingepfercht waren, wurde das „Pollackenhaus“ wieder „zwangsbewohnt“ mit Flüchtlingen, Vertriebenen. Die waren zwar nicht mehr so kostengünstig für die fürstliche Domäne wie die polnischen Zwangsarbeiter aber immer noch billiger und dankbarer als die Eingeborenen. Die „Besuche“ der eingeborenen Jungs bei den nicht minder hübschen Flüchtlings-Mädchen waren aber immer noch so riskant wie früher, denn die Schlafstellen waren nur mit Pferdedecken getrennt, Gemeinschafts-Plumpsklo gabs und -Küche auf dem Hof … und das Dach des Schafhofes war noch morscher.

Seinen Namen hatte die ehemalige Domänenmühle und der Kornspeicher nicht erst von den polnischen Zwangsarbeitern. Der stammte schon aus der Zeit vor der Unterbringung der „Fulda-Mädels“ beim „Arbeitsdienst“ auf der Domäne. Die Fulda-Mädels waren billiger als die bis dahin auf dem Kornspeicher untergebrachten polnischen Saison-Arbeiter.

Dieses Bild entstand erst nach dem Abriss des „Pollacken-Hauses“ in den 1970ern. Die Tuja-Hecke markiert bis zur Bildmitte ungefähr den Grundriss. Über zwei Wochen brauchten die Abriss-Bagger, um das Haus auseinanderzureißen. Ob Erich Hahn den Auftrag zum Abriss bekam, muss ich noch klären.

Vergessen hatte ich noch den „Torbogen-Katarrh“ (der hat nichts mit dem fast gleichnamigen Scheichtum zu tun!):

Der Merze Heiner hat mir erzählt, dass er genau wüsste, wer oben im warmen Löschsand im Backhaus über dem Ofen gezeugt worden sei. Der Sand habe zwar geknirscht, habe etwas wundgerieben, doch sei dort deshalb niemand verschont geblieben. Die Zeugungsanbahnung habe aber meist im Torbogen der Domäne begonnen, wo dann zumindest der Regen die entblößten Körperteile nicht nass machen konnte. Die danach auftretenden Erkältungen wurden im Dorf deshalb „Torbogen-Katarrh“ genannt. Nicht wenige Kinder in Mittel-Gründau wurden deswegen nicht geboren sondern gebacken. Ob die „Back-Gretel“ nicht nur für die Back-Ordnung sondern auch für die Vergabe der Zeugungsplätze über dem Backofen verantwortlich war, blieb bisher ungeklärt. In den 1960ern kam noch ein regensicherer Knutschplatz im Dorf dazu: das nur schlecht einsehbare Wartehäuschen an der Bushaltestelle

Dem Heinrich Merz ins Meddel-Grenner Herz, ins Unterdörfer Backhaus nachgerufen

Veröffentlicht am  von Hartmut Barth-Engelbart

Meddel-Grenn,

des hodd soi Herz

des leit koan Schdoaworf weit vumm Backhaus

iwwerm Mihlbach oan de Kerschgass

wo des Backfescht jedes Joahr

wie die Schul noch unser woar

Hoinrisch, saach mer doch wie werds

negscht Joahr ohne Disch,

de Merz

en Bäcker wie mern hald sou hodd

Ach, verzähl mer bloß koa Ferz

Un beiß isch noi ins frische Brot

schmeck isch, riesch isch:

Was, de Heinrisch?

Noa, der is ned dod!

Wenn morgens früh

dicke graue Bauch

Rauchschwaden

mit dem Backhaus Dampflock fahrn

aus knackendem Reißig und dürren Sträuchern

die Flammen die Buchenbrocken anfeuern

und mich durch mein Schlafzimmerfenster einräuchern,

vertraute

Laute

von Heizern und Bäckern

den Brotschieber scheuern

und mich ganz umsonst zur Frühschicht weckern

hör ich mich nicht fluchen,

hör ich mich nicht meckern

obwohl ich kein Frühaufsteher bin

ziehts mich sofort dort hin

zum Backhaus

dann denk ich an Dich

Ach Heinrich,

Du hast mir das Grenner Platt

wie mers in Meddel-Grenn sou hat

noch lang nicht richtig beigebracht,

ich hab bei Dir noch rund

so um die 300 Stund

Nachhilfe gut

und ich hab vergessen Dich zu fragen

und jetzt kannst Du mir es nicht mehr sagen

wer da für Dich die Vertretung macht

Du hast mir auch noch lange nicht

alle Geschichten vom Dorf erzählt

die Du mir Jahr für Jahr

und Fest für Fest

so fest versprochen hast

vom Polenhaus, vom Torbogen-Katarrh

und wie die Nacht bei den Schafböcken war

vom sandig warmen Liebesnest

unterm Dach überm Ofen –beim Backhausfest..

Und wer dort so alles gebacken wurd

die Giesel, de Walter, die Lisbet, de Kurt ..

Ich hab nicht Mal ein halbes Duzend

von Deinen Geschichten aufgeschrieben

Ach Heinrich, wärst Du noch etwas geblieben

und hättst für unser Dorf-Geschichten-Buch

die schönsten ausgewählt,

und sie beim Stenger noch einmal erzählt

Ja, ja, ich weiß –
die Erzählabende waren nicht Dein Ding.

Beim Backen nach dem dritten Bier,

mit Worschdbrod zwischen den Rippen

geschwitzt Geschwätz, Gebabbel, das ging

Dir besser von den Lippen

Ach Heinrich,

Hoinrisch

Hoiner

Meddel-Grenn,

des hodd soi Herz

goanz midde drinn…

Du bist und warst

und bleibst ein Teil davon

und deshalb auch in meinem

Ich werde nie vergessen,

wer mich, wer uns so aufgenommen hat

im herzlich rauhen Grenner Ton

in Grenner Platt

in Meddel-Grenn

de Merze Hoinrisch,

de Merze Hoiner

war einer

davon

Du bleibst

in Deinen Geschichten

in meinen Träumen

seh ich Dich immer wieder

in der Backhaustüre stehn:

Du hast mir zwei Brote

zurückgelegt

und da war

Meddel-Grenn

für mich daheim

und das war schön

Dein

Hartmut Barth-Engelbart

Warum ein Australier zum Auto rennt, wenn das Mittel-Gründauer Backfeuer brennt – barth-engelbart.de

Als ich vor Jahren Mal einen Abend für de Alten im Dorf mitgestalten durfte und die Geschichten vom Torbogen-Katarrh und dem warmen Löschsand auf dem Backhaus-Dachboden erzählte, fingen die älteren Frauen an zu quietschen bis hin zu Lachkrämpfen. Das war echt schön. Einige fanden’s nicht so schön. Aber das ging im Beifall unter.

LesPaul-Rockwood-Gitarre & 1944er SONNENBLUMEN-Öl-Stilleben von Carl-Max Rebel & UHER-Royal & SCHNEIDER-Stereo für Rema & Nasser zu verkaufen –

Der EBOLA-beschleunigte Inflations-Galopp macht das „Leben“ im Slum von Kampala noch höllischer. Rema kann Hüttenmiete, Schulgeld, Lebensmittel nicht mehr bezahlen

Wer das UHER-Gerät und die anderen Antiquitäten nicht braucht, kann gerne auch so etwas spenden: Entweder über den gelben PayPal:-((-Spendenknopf hier rechts oben, (dabei werden allerdings Gebühren abgezogen). Deshalb besser auf mein Konto bei der VR-Bank Büdingen-Main-Kinzig / IBAN: DE66 5066 1639 0001 1400 86   / unter dem Kennwort: „Rema“

oder mich zu einer enGAGEierten Lesung mit oder ohne Musik einladen h.barth-engelbart@gmx.de

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

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