Fahrradwerkstatt

Planungsansatz Schuljahresbeginn 1995/96
Hartmut Barth-Engelbart

Fahrrad- und Spielzeugwerkstatt

In der Fahrrad- und Spielzeugwerksatt sollen die Kinder der Gebeschus-Schule lernen, ihre Fahrräder, Roller, Skateboards, Dreiräder etc. zu reparieren, aus Alteilen neue zu bauen, gebrauchte Ersatzteile einzubauen, ihre Fahrräder verkehrstauglich und sicher zu machen. Je nach Alters- und Entwicklungsstufe sind die Ziele der AG zu modifizieren. Die Kinder sollen lernen, mit einfachen Werkzeugen umzugehen, Spielgeräte auseinander zu nehmen, zusammenzusetzen etc. Sie sollen dabei einfache physikalische Gesetze kennen lernen und last not least Spaß dabei haben.
Im Vordergrund steht das Mitmachen, das gemeinsame Arbeiten, die kreative Anwendung von Werkzeug, Material, von “Abfall”. Die Materialien für die AG können in Zusammenarbeit mit den Familien, mit befreundeten Schrotthändlern, mit der Hanauer Stadtreinigung gesammelt werden. Auch das Werkzeug kann aus diesen Quellen organisiert werden. Über die Jugendverkehrsschule und die Verkehrswacht können wir eventuell einen Grundstock von neuem Werkzeug erhalten.

Die Werkstatt setzt an verschiedenen Punkten an:

  • das technisch-handwerkliche Interesse
  • das Bedürfnis tatsächlich benutzbare Dinge herzustellen
  • Kinder dürfen oft nicht mit ihrem neuen Spielzeug “spielen”, d.h. daran herumbasteln, es auseinandernehmen, weil es so teuer war.
  • mit selbst gebautem Spielzeug, das zudem nichts kostet, spielen die Kinder oft viel lieber.
  • die Anerkennung auch durch Erwachsene, wenn die Kinder für den “Ernstfall” arbeiten
  • ansatzweise Nivellierung sozialen Gefälles; hier können auch Kinder glänzen, die nicht mit dem dicksten BMX⁄MTB⁄ usw. auftrumpfen.
  • auch wer kein Geld hat, kann sich hier ein Fahrrad bauen, ein Skateboard zusammenstoppeln usw.

Die spielerisch-ernste Arbeit in der Werkstatt hilft Sprachbarrieren zu überwinden, fördert Sprachkompetenz wie nonverbale Kompetenzen, fördert soziales Verhalten, Eigeninitiative, selbständiges Arbeiten, Planen, Problemlösen, die Fähigkeit zu Arbeitsteilung und Kooperation.

Sie führt weg vom reinen Konsumverhalten und vom Ex- und Hopp-Bewußtsein. In der Gebeschus-Schule dürfte ein Leitmotiv der Mittel-Gründauer Fahrrad- und Moped-Werkstatt nur eine geringere Rolle spielen: “Selbstbauen ist besser als Klauen”. Die Mittel-Gründauer Werkstatt, die ich seit über einem Jahr mit durchschnittlich 15 Teilnehmer⁄inne⁄n betreue, arbeitet jahrgangsübergreifend mit Kindern und Jugendlichen, die z.T. schon in die Nähe des kleinkriminellen Milieus gerutscht waren oder zu rutschen drohten.

Hier herrscht das Prinzip learning by doing, learning by teaching: Viertklässler betreuen Erst- und Zweitklässler, Gymnasiasten, Real-, Haupt- und Berufsschüler arbeiten mit den “Zwergen”.

Nochmals betonen möchte ich die Komponente “soziales Lernen”, Einübung von sozialem Verhalten, das sich zwingend aus dem Werkstatt-Charakter des Unternehmens ergibt: die Kinder sind aufeinander angewiesen, unterschiedlichste Kompetenzen kommen zum Tragen, niemand hat einen Besitzstandsvorsprung, die meisten Werkzeuge sind nur gemeinsam sinnvoll einzusetzen etc.
Der Konkurrenzdruck und Riegenzwang, der Aufstiegsgedanke bei Klassen und Meisterschaften fällt im Gegensatz zu vielen Sportangeboten weg, was für viele Kinder im Lamboy als Gegenerfahrung wichtig ist, weil hier “naturgemäß” nur die “Kings” und “Queens” überleben. “Wer zuerst schlägt, hat die größte Chance!”, dieses flach-darwinistische Motto überschattet mittlerweile die meisten Sportarten, die in immer schärferer Gangart betrieben werden.

In der Werkstatt ergibt sich die Chance für die Kinder, nicht nur soziales Verhalten gepredigt zu bekommen. Hier können sie den Nutzen sozialen Verhaltens unmittelbar spüren, selbst erfahren. Selbst der zeitweilige Ausschluss aus der Werkstatt geschieht nicht nach “höheren Gesetzen” sondern nach der Maßgabe, daß unsoziales Verhalten die Arbeit am lohnenden Ziel erschwert und verhindert.
Die Kinder kommen meistens einsichtig, ohne Selbstwertverlust zurück, weil sie sich nicht dem – durchaus wohlmeinenden- Diktat eines Betreuers⁄in sondern der sinnvollen Struktur einer Werkstatt unterordnen, bzw. einordnen. Abgesehen davon, daß die Werkstatt (ohne Termindruck und Perfektionsansprüche) für alle Gefühlslagen und Temperamente genügend Arbeitsplätze und Spielräume lässt. Daß eine Fahrrad- und Spielzeug-Werkstatt auch Familien mit geringerem Einkommen entlasten kann, ist ein nicht zu unterschätzender Punkt. Die in Mittel-Gründau überzählig produzierten Fahrräder gingen als Geschenke oder zu symbolischen Preisen an Kinder aus den einkommensschwächeren Familien, wobei diese Kinder jeweils in die Arbeit einbezogen waren (das verhindert den Gesichtsverlust, die Verletzung der Selbstachtung, die Werkstatt ist eben kein karitatives Unternehmen). Neumaterialien der Werkstatt werden in Gründau aus Spenden der Erwachsenen finanziert, die ihre Fahrräder zur Wartung und Reparatur in die Werkstatt brachten/bringen.

Realisierungsmöglichkeiten

Die Werkstatt ist so gut wie aus dem Stand zu verwirklichen.
Benötigt würden dazu die Arkaden im Vorderhof, ein paar alte Fahrräder und eine handvoll einfache Werkzeuge, für die ich zur Not in Vorlage gehen könnte. Der Vorderhof bietet ideale Arbeits- und Probefahrtmöglichkeiten, da er gut zu übersehen ist. Bei Regen könnte unter den Fahrradständerdächern, in den Arkaden und im hinteren Flur gewerkelt werden, ohne größeren Putzaufwand zu schaffen. Das Werkzeug und die Ersatzteile, die Halb- und Fertigprodukte können in den Arkaden gelagert werden. Die Werkstatt braucht keinen Zugang zum Werkbereich im Keller, was die Schwundrate dort nicht vergrößern würde.

Entwicklungsmöglichkeiten

Durch die Einrichtung der Werkstatt im Vorderhof wäre nach einer Aufbau und Festigungsphase die Öffnung der Werkstatt zum Stadtteil hin möglich. Denkbar wäre die Einbindung der Spielstube, der Nachbarschaftshilfe, der Horte im Stadtteil usw.

Kooperationsmöglichkeiten

Nach Gesprächen hat das ehemals städtische Spielmobil Interesse an einer Zusammenarbeit gezeigt. Wir können von dort defekte Pedalos und andere reparaturbedürftige Spielgeräte erhalten. Das Spielmobil ist an der Abnahme von “Produktionsüberschüssen” interessiert.
Eine Schrottfirma im Lamboy hat mir materielle Unterstützung zugesagt, wenn die Fahrradwerkstatt realisiert werden sollte. Ebenfalls Interesse an einer Unterstützung zeigen Mitarbeiter der Hanauer Stadtreinigung (reparierbare Zwei- und Dreiräder, Spielzeug und Sportgeräte). Sehr wahrscheinlich werden aber die Spenden aus der Elternschaft der Schule völlig ausreichen, um die Werkstatt mit gebrauchten Ersatzteilen usw. auszurüsten. Für den Fall der Überfüllung ist die Zusammenarbeit mit der Schrottfirma und der Hanauer Stadtreinigung sehr hilfreich, damit nicht aller Schrott des Stadtteils in der Schule verbleiben muss.

Personelle Ausstattung

Für den Fall, daß die Werkstatt nur für die 3. und 4. Klassen angeboten werden soll und nicht mehr als 15 Kinder daran teilnehmen, ist die Betreuung der AG durch eine Person ausreichend. Sollten mehr Kinder sich für diese AG melden, müsste man entweder nach einem Halbjahr wechseln oder von außerhalb eine⁄n ehrenamtliche⁄n Betreuer⁄in dazu gewinnen (Eltern⁄ arbeitslose Jugendliche etc.).

Mittel-Gründau, 24.08.95