Eskalierende Gewalt

Der Aufschrei
der Leistungsbüttel
hallt
durch den Blätterwald
kreischt aus der Röhre
flimmert exotisch
über den Bildschirm

Die Welt geht unter
zumindest aber
ein Weltbild

Ausgerüstet
mit schwersten Waffen
Notenbüchern
Zeugnisformularen
und Bußgeldtournistern
ziehen sie
täglich an die Front
Schulkampf

Schulhöfe
sind
Selektionrampen
geblieben
die deutsche
Industrie Norm
hat sich schon
vor der Schädelform-
vermessung
als viel zu starr
erwiesen
um den Arbeitssklavenmarkt
bedarfsgerecht
und passgenau zu füllen

der Kinderkopf
als Bildungsziel
betrommelfeuert
und behämmert
gedrückt
gepresst
gerichtet
und betrichtert
bis er paßt

Anforderungsprofile
kreischen sich
cd-gesteuert
in der Schuldrehbank
durch Fleisch und Blut
durch Bauch und Herz und Hirn
und Knochenmark

Rauhreif

Der Rauhreif um deine Augen
ist abgefallen seit
Du einmal
die kalte Dusche
ins Gesicht mir hieltest

Gesund war es für mich
ernüchternd
denn ich meinte Dich zu kennen
und sah dich nur
wie ich dich sehen wollte
und wollte mich
an dich
verschenken

Und so erfrischt
tu ichs nicht

Du sollst mich haben
wenn du mich haben willst
wenn du vor Lust auf mich
überschäumend
überquillst

Ich tue kalt
und sehne mich nach dir
brennend heiß
und will
Vergangenes vergessen
was ich nicht weiß
das macht mich –

halt

Maut drauf

Ein Hartz-Gedicht von Hartmut Barth-Engelbart

Maut drauf
– wie HARTZ
– noch HÄRTZER wird

Dein frisch geschulter
HARTZberater
Von der Arbeitsargentur
Die Mischung zwischen COP und Pater
Sagt stur
Nen Job kriegt nur
Wer wirklich Arbeit will
Dem helfen wir
Aus dem Schlamassel
Zur Arbeit geht’s
Von Hanau ab nach Kassel
Nach Köln und Mannheim, Offenburg
Bei MediaMarkt in Magdeburg
In Bamberg und in Hof.

Kinder sind wie Bäume

Kinder sind wie Bäume
Bäume sind wie Kinder
Sie brauchen Schlaf und Träume
und ganz allein Zusammensein
den dunklen Wald, versteckte Winkel
und große helle Räume
Und wer sie zwingt zu blühen
im Herbst oder im Winter
der kann sich noch so mühen
Kinder sind wie Bäume
Bäume sind wie Kinder
Lässt du den Bäumen
Zeit zum Träumen
dann sind die Blüten
nicht mehr weit
sie kommen von alleine
wie Kinder auf die Beine

2001, für Meryems Poesiealbum geschrieben

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Kardamilli

Kardamili
Dein Name
fließt
wie Milch und Honig
über meine Lippen
Karda
das trockene Flussbett
mit seiner glitzernd
weißgeschliffenen Fracht
aus den schroff gebrannten Bergen
die über dir
über dich wachen

mili
Olivenfelsen
Eukalyptusriesen
im karamelfarbenen
Licht der Abendsonne
das Glockengeläut
und das zufriedene Blöken
der Schafherden
die dich durchziehen

Gelb braun grau verschmelzen
deine zerfallenden Häuser
und Ställe im dunkelwerdenden
öligen Grün der Orangenhaine
der kalamisgesäumten Weingärten

Du verbirgst
unter Staub und Kistenstapeln
hinter Wolldeckenstützen
und hängenden Bündeln
von Tee und Gewürzen
die vergangene Pracht
deines byzantinisch-osmanischen
Reichtums

hoarfrost

The hoarfrost arround your eyes
has fallen to the ground
since rain came down
and made me cold

I made come down this rain
I know it was my fault
and it’s been wholesome for my brain
and my behaviour
was childlike, not adult
but i can’t change myself
a false show i can’t make
cause i’m in love with you

You are the one
I‘m looking for
to make forget
all things that passed
I want to give all me to you

You said
I’ll never get the chance

So rain is changing into snow

Heidelberg

Heidelberg
auf deinen Brücken
stand ich
den schalen Nachgeschmack
glänzender Feste
im Gaumen
den beklemmenden Rauch
deiner engen Altstadt
atmend
und deiner Schönheit
nicht gedenkend
Heidelberg
du grausame Schöne
zerschneidest mir mein Ich
läßt mich den Mittelpunkt
das Gleichgewicht
verlieren
und meine Gedanken
den Neckarwellen gleich
in ein Meer
von Heimweh fließen –
Wohin?
Ich kannte mein Ziel
doch du bringst mich ab
vom Wege
und fesselst mich
wie eine Frau
für vierundzwanzig Stunden
Und mittags
Heidelberg und abends
und nachts
auf deinen Brücken
stehe ich
den schalen Nachgeschmack
glänzender Feste
den Rückblick
deiner Augen
im Nacken
den beklemmenden Rauch
deiner engen Altstadt
zitternd fiebernd
röchelnd atmend
und deine Schönheit
nimmt mich in ihre
feuchten kalten Arme
deckt über mich
ihr Nebelschleierhaar
das mir im Fallen noch
den Blick
zum Sternenhimmel
nimmt

Flucht nach vorn

Du hockst mir gegenüber

hämmerst in die Tasten

Wie lang schon hör ich dieses „Pling“

am Ende deiner Zeilen

ohne auszurasten

mir rattern Zahlen durch den Kopf

Das Telefon, ein Kunde schreit nach Ware

Ich schleime unverbindlich höflich in die Muschel

und hock dir gegenüber. Wie viel Jahre?

und deine Finger tanzen endlos auf dem Kasten

Ach täten sie nur einmal nach mir tasten

ich tastete dann auch

ein Stück

zurück

zum Glück

das Telefon,

ein Kunde schreit nach Ware

die Akten deckeln mein Gesicht

Bummsfallera

Der Bahnhofsmetzger
erdolcht
mit seinem Zweispitz
eine Hackse
nach der anderen
und starrt
mit glasig dicken Augen
schweißtriefend
vor sich auf die
fleischfressende Schlange

der gegrillte Schweinebauch
verschmilzt
mit seinem

“Bitte, ein Rindswurst”
zwei fragende
Mandelaugen
blicken schüchtern
knapp über die Theke

“Hier esse odder mitnemme?!”

Der Siamese
geht vor
drei bewaffneten Zentnern
in Deckung
und schüttelt verängstigt
den Kopf

“Mit ein Brötchen, bitte.”

“Des werd immer
schlimmer
mit denne Törke!”
röhrt der Hacksentöter
in die Bahnhofshalle

Zwei sich kreuzende Mißverständnisse

wohl kaum

Abfertigung im Morgengrauen

Schreibmaschine schreiben
Zahlenreihen knollen
in den Ladeprotokollen
bis die vierunndzwanzigtonner
ihre sechsundzwanzigtonnen-
übervollen
zwischen zwei halb drei
nachts von der Rampe holen
und dann außer ein paar Knollen
Lappen, Knast und Kopf riskieren

so lange darfst du bleiben
dir die Wartezeit vertreiben
mit Schreibmaschineschreiben
und nebenbei
beim Fakturieren
in der Hitze
nicht den kühlen Kopf verlieren
und dabei Stück für Stück
von Morgengraun zu Morgengrauen
innerlich erfrieren

1981