Förderkonzept

Hartmut Barth-Engelbart, Gründau, 25.04.1992

Einige Gedanken

zum Förderkonzept

der Gebeschusschule im sozialen Brennpunkt Hanau-Lamboy

(Teil I)

Vorbemerkung:

Meine Kenntnisse im Bereich der sozio-kulturellen Bedingungen im Einzugsbereich der Gebeschusschule stammen nicht nur aus meiner aktuellen Tätigkeit als Honorarkraft im Rahmen des Garantiefonds-Förderunterrichtes für Aussiedlerkinder sondern aus meiner ehrenamtlichen pädagogischen Arbeit im Lamboy-Tümpelgarten-Gebiet von 1975 bis 1982. In dieser Zeit war ich in der Erwachsenenbildung, in der Kinder- und Jugend-, in der Resozialisierungsarbeit in diesem Viertel tätig. Sprachunterricht, Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfeunterricht, Musik- und Kunsterziehung sowie Polytechnik waren dabei die Schwerpunkte.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Sozialberatung.
Eine weitere Quelle meiner Kenntnisse sind Untersuchungen über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Beschäftigten aus dem Lamboy-Tümpelgarten, die in drei Hanauer Betrieben arbeiteten, bei der Dunlop AG, der Dekalin und der Molkerei Hanau-Unterreichenbach. Die letzte Untersuchung zusammen mit Beschäftigten und Betriebsräten der Firmen habe ich kurz vor der Übernahme der Dunlop AG durch den japanischen Sumitomo-Konzern abgeschlossen. Schwerpunkt dabei war die Auswirkung der Schichtarbeit und der Vollkontischicht bei den Hanauer Reifenwerken auf die Beschäftigten und ihre Familien sowie die anstehenden Auswirkungen der “Japanisierung” der Arbeitsbedingungen bei Dunlop.

» Die Lage im Einzugsgebiet der Gebeschusschule

a) Theater/Musik/Pantomime/Hörspiel (CD-,Cassettenproduktion)

Das Erlernen des Mediums Sprache bedient sich verschiedener Medien: Theater, Musik, darstellende Kunst -Pantomime, Hörspiel etc, wobei die Arbeitsergebnisse :Theatervorstellungen, Pantomimen, Hörspiele, usw. als Ziel mit modifizierten Qualitätsansprüchen im Vordergrund stehen. Gelernt wird die Sprache nebenbei. Bewertet wird nicht der Spracherwerb, die Sprachkompetenz sondern das Produkt. Bewertet wird nicht mit Noten und Zeugnissen, der Maßstab ist der Spaß, die Lust der Kinder beim Arbeiten und die der Zuschauer, Zuhörer. Zum Einsatz kommen dabei gleichberechtigt nonverbale Fähigkeiten: Geräuschproduktion, Musik, kreativer Umgang mit verschiedenen Materialien (Bühnenbilder, Kostüme etc). In vielen Bereichen haben dabei Kinder, die sprachliche Schwierigkeiten haben, Vorteile, da sie notgedrungen andere Kommunikationsstrategien entwickeln mussten (Pantomime z.B.).

Bei der Erarbeitung der selbstgesteckten Ziele ist der Spracherwerb unvermeidlich. Sprachbarrieren werden spielend genommen.
Bei Musik verhält es sich ähnlich.
Die Aktivierung anderer Ausdrucksmöglichkeiten und Bewußtseinsschichten und ihre Anerkennung schafft Selbstbewußtsein und Motivationsschübe auch in Feldern, die nicht schwerpunktmäßig in diesen AG’s bearbeitet bzw. genutzt werden.

b) Tanz- und Musik AG’s

Tanzgruppen, die sich am jeweils gängigen, beliebtesten Musikmaterial orientieren, sind geeignet, nicht nur den Bewegungsdrang zu befriedigen, Rhythmusgefühl und Musikalität zu fördern, die Kinder sich wohlfühlen zu lassen, sie verschaffen auch außerhalb der Schule, Selbstbewußtsein, Prestige, (dabei ist es völlig gleichgültig, was man persönlich von den vielen Jazz-Gymnastik-Gruppen, von Aerobic u.a. hält) . Es geht hier auch nicht um eine irgendwie “objektiviert richtige” musik-ästhetische Erziehung (Klassik für Kinder contra Pop-Schrott). Die Kinder sind auch bei der Musik zumindest zunächst dort abzuholen, wo sie sich befinden (auch dann, wenn es nicht unbedingt “meine Musik” ist.).
Der Vorteil der Orff’schen Instrumentariums liegt nicht bei der möglichst schnellen Hinführung der Kinder zu Orff’schen Oratorien, sondern in der Einfachkeit ihrer Handhabung und der breiten aktiven Teilnahme der Kinder beim Musikmachen.

c) Werkstatt

An diesem Punkt möchte ich gern noch etwas mehr in die Details gehen.
Hier liegt es offen auf der Hand, welche Fähig- und Fertigkeiten in einer solchen AG entwickelt und gefördert werden können: Planungskompetenz, Abstraktionsvermögen, geometrische, mathematische Denkmuster und Lösungsstrategien, Sprachkompetenz, praktische Fertigkeiten, Einkaufen, Bestellen, Material- und Werkzeugbeschaffung (“Es geht auch ohne Klauen!”). Eine Fahrrad AG muß Angebote beinhalten, die die Kinder ohne den erhobenen pädagogischen Zeigefinger motivieren: Fahrräder reparieren, , frisieren, selbst bauen, outfiten etc.
Eine solche AG muß flexibel auf die Bedürfnisse der Kinder reagieren können, und eben nicht nur Fahrrad AG sein, wenn die Kinder ihre Scateboards und anderes zur Reparatur bringen, bzw. anderes bauen wollen. Daß die Fahrräder verkehrssicher sein müssen, muß bei der Arbeit selbst entwickelt werden, da die Kinder außerhalb der Schule zum Teil mit abenteuerlichsten Geräten herumfahren.

Eine solche AG bietet unzählige Möglichkeiten ganzheitlichen Lernens, fächerübergreifend Mathematik/Physik (Wie funktioniert eine Übersetzung, wie kann ich leichter fahren, wie schneller etc.)
Heimatkunde/Verkehrserziehung( Radwegererkundung im Stadtviertel, Herausfinden von Schwachstellen, Verbesserungsvorschläge an die Stadt…..
Learning by teaching: selbstorganisierter Radfahrunterricht, Verhehrsunterricht für die ersten Klassen, Anlegen von Übungstrecken mit selbstgebauten Verkehrszeichen.

Zur Material- und Raumfrage:

Die Gebeschusschule hat im Keller noch diverse bisher ungenutzte Räume (mit direktem Zugang zum Schulhof).
Bei der Materialbeschaffung ist eine Patenschaft mit der Hanauer Stadtreinigung möglich, da einige Eltern dort arbeiten und der Sperrmüll ungeahnte Ersatzteilmengen birgt. Auch die Frage der Werkzeugbeschaffung wäre über Sachspenden von Firmen im Einzugsgebiet sowie von Eltern (und Lehrern) zum größten Teil zu lösen, ohne daß auf die Schule und den Schulträger größere Kosten zukämen.

Vom Haben und Machen

Die Konkurrenz der Kinder untereinander (aber auch der Eltern) bezüglich der Ausstattung mit unbedingt notwendigem oder weniger notwendigem (Statussymbole) ist für viele ein Handicap. Sehr viele Familien können die Ausrüstungsstandards nicht finanzieren, bei anderen ist die Ausstaffierung Zuwendungsersatz. Das Lernen in der Werkstatt bietet da Kompensationsmöglichkeiten, weg vom Ab- und Überfüttern, vom Nicht-haben-können zum Selbstmachen und zum Geben-können. Der negative Nimbus des Selbstgebastelten aus dem sattsam bekannten und wg. mangelnder Möglichkeiten vorherrschenden Papierwerkelns tritt hier in den Hintergrund. Ohne Papier/Schere/Leim und Wasserfarbe mit ihren Möglichkeiten, die sie den Kindern bieten, denunzieren zu wollen, geht es bei der “Werkstatt” um auch außerhalb der geschützten Schulsphäre anerkannte handfeste Gebrauchsgegenstände.

Teil II

Schulgarten/ Schulküche/ Erfahrungen mit Kleintierhaltung in der Frankfurter Grundschule am Biedenkopfer Weg/ Abschied von der Lesefibel – eine Lanze für den Einsatz “gemäßigter Comics” beim Lesenlernen/ Grundschule in Konkurrenz zu neuen Medien/ Kreativer Umgang mit neuen Medien im Grundschulbereich/ Religions-, Weltanschauungs-, Ethikunterricht: Gedanken zu einem nicht ausgrenzenden Religionskunde-Unterricht in mulikulturellen Grundschulen/ Behindert zu frühes Thematisieren religiöser, weltanschaulicher Unterschiede die Integration? Die Fortsetzung ist in Arbeit…praktisch und theoretisch.

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