Die PUTZTRUPPE “vögelt” bis zur Folter: 68/73er Polizistenmordfall PHK Finkh -4. Teil

“Vögeln” war das “geflügelte Wort” für die Verhörmethoden des Putztruppen-Triumvirats im 18. Kommissariat.  Finkh, Vogel und Loos, das passte sogar namentlich.  Nur Loos passte da nicht, aber dann doch, denn der war im Trio der Loser.  Hilfssheriff für’s Grobe. Für alles, was die Greif-Kommandos noch nicht abschließend bearbeitet hatten. Schläge in die Weichteile, nicht ins Gesicht, denn das hätte man dann auf den erkennungsdienstlichen Fotos gesehen und dann musste man ellenlange Erklärungen abgeben über die Ursachen von Hämatomen, Platzwunden usw. … Finkh und Vogel waren eher spezialisiert auf die Psycho-Spiele. Das stand ihnen auch zu in ihrem Dienst-Alter. Körpereinsatz hatten sie hinter sich. Das war etwas für den Nachwuchs,  der sollte sich austoben – oder halt für Loser wie Loos.

Carlos Nottraum-Ausflüge während der “Vögel”- Verhöre im Markuskrankenhaus, im Keller das Frankfurter Landgerichtes, im Klapperfeld, im alten Frankfurter Polizeipräsidium an der Friedrich-Ebert-Anlage, während des Schlagabtauschs von bösem und liebem Bullen halfen als Flucht nach Innen. Mit diesen Halbtraum-Ausflügen konnte Carlos Schmerzen mildern, sein Schweigen zu den Fragen nach den Rädelsführern besser durchhalten, den Angeboten von “Strafnachlass bei Kooperation” besser widerstehen  ….. 3 statt 5 Jahre, das war doch schon ein verlockender Rabatt.

Von den Prügelorgien der Greiftrupps unter die “schützenden Fittiche” Finks und Vogels entlassen zu werden schien ihm zunächst wie eine Rettung.  Koblenz, das war doch nicht nur die Erinnerung an die Operation im Bundeswehr-Krankenhaus, dieses Blutbad bei missglückter Anästhesie. Da war doch  … Carlos blitze der Phantomschmerz durch die Eier.  “Breit aus die Flügel beide, oh Jesu meine Freude!”, das hatte einer der Greifer angestimmt, während er mit drei weiteren Carlos Arme und Beine auseinanderzog und ein  fünfter  und sechster mit dem Gummiknüppel in die Weichteile drosch. Was war er damals so froh, dass er nicht in Koblenz bleiben musste und sofort nach Frankfurt überstellt wurde, wo ihn Finkh und Vogel maliziös grinsend empfingen: “Na, da haben die Koblenzer aber doch etwas über die Stränge geschlagen!” – “Die Samenstränge! Haha – naja, blöde Bemerkung! Haben Sie noch starke Schmerzen? Brauchen Sie vielleicht einen Arzt? Kein Problem, wir haben welche im Haus!”  Echt rührend diese Fürsorglichkeit. “Aber ist auch kein Wunder, Wunder! Was machen Sie auch in Koblenz?  Denen die Vereidigung versauen! Tausend Kameraden das Fest , die Stimmung vermiesen! Und dann die Kollegen in voller Montur durch die Stadt jagen! Ist doch verständlich, dass die sauer sind. Wochenende weg, Überstunden … “.

Koblenz, Bundeswehr, öffentliche Rekruten-Vereidigung, das war doch erst 76?` Das Blutbad war früher, 10 Jahre früher.  In der Stube hatten sich die Kameraden beschwert wegen seines Dauerschnarchens, das auch mit Handtuchschlägen nicht zu stoppen war.  Der Oberstabsarzt im Revier entschied: Knorpelbeseitigung. Nasenbeinbruchfolgen. Atemaussetzer. “Bevor der unter der Gasmaske abnippelt, ab nach Koblenz!”.

Im Panzergrenadier-Bataillon 362  hatte die “Deutsche Eiche”, ein Schüler des “Schleifers von Nagold”, einen Fähnrich in den NATO-Draht getrieben. Er blieb dort hängen und wurde, weil er trotz Anruf und Warnschuss versuchte weiter zu klettern, von einem Wachsoldaten erschossen. Carlos Freund Franz hatte  wie er als Offiziersanwärter den Kriegsdienst verweigert. Nein, er hatte nur gewagt, den Antrag auf Anerkennung als Verweigerer zu stellen. Die Verhandlung stand noch aus.

Die “Deutsche Eiche” fickte noch viele andere in den NATO-Draht, in den Wahnsinn im Bau. Jakob war einer davon:

Der Zucht entflohen

Der Flucht entzogen

 

Jakob haben sie gezogen

Schon lange vor der Bundeswehr

Wo ihn die Schleifer griffen

Er wurde lange vorher schon geschliffen

Und nicht gefragt

Willst du unter die Soldaten

Sie zogen und warfen ihn darunter

Er kam unter die Soldaten

Wie Kinder unter die Räder kommen

Dem Findelkinder- und Erziehungsheim

Entwachsen

Mit Fenstergittern in den Augen

Sie haben ihn gezogen

Mit Haut und Haaren

Mit Haut und Knochen

Sie krallten ihn zu unterjochen

Sie haben ihn belogen

Sie zogen ihm das Fell

Erst ganz langsam

Und dann schnell

Über seine Findelkinder-Segelfliegerohren

Da ist er so vor fast 40 Jahren

Mit heiligem Zorn fast zum Himmel gefahren

 

Erst sang er die alten Lieder

So lieb und treu wie die Alten sungen

Und als er dann entdeckte

Dass das Gitter nicht in seinen Augen steckte

Und er sich nach einem Fluchtversuch

die frischen Wunden leckte

Da sang er mit Inbrunst und Engelszungen

Soldatenlieder mit ganz neuen Texten

Gegen den Krieg und macht das Tor auf

Und nieder mit Stacheldraht und Todesstreifen

Er sang er schrie sie immer wieder

Er hat den Natodraht verflucht

Die Panzer- und die Ausgangssperren

Hat er laut lachend niedergesungen

Hat seinen Notausgang gesucht

Und ihn dann auch gefunden

Als wir ihn fanden

Draußen vorm Zaun

War er schon abgehaun.

Aber diese Fickerei bei der Bundeswehr war im Vergleich noch harmlos gegen das, was die Hauptkommissare Finkh und Vogel “Vögeln” nannten.  Wenn die beiden Carlos in der Mangel hatten, dachte der, es sei nicht mehr weit zu den Folterorgien im Klapperfeld vor 30 Jahren oder 40 oder 50. Waren es nicht schon 60? Während der Verhöre konnte Carlos ab einem bestimmten Punkt  nicht mehr genau sagen,  in welchem Zeitabschnitt er sich gerade befand.

„Kameradenschwein, so sagt man doch auf Deutsch? Oder nischt?

Weil isch meine Kameraden nischd verraten wollte, aben mir die GESTAPO-Leute die Zähne ausgetreten. Die Oden zerquetscht und die Aare ausgerissen ..-„   So, wie der die letzte Silbe jedes Wortes mit zwei und mehr Silben betonte und nach hinten hochzog, musste es ein Franzose sein.

Mit einer kurzen theatralisch eleganten Handbewegung, die so ganz und gar nicht zu seinem speckig abgeschabten Zweireiher und noch weniger zu seinem Narben übersäten Gesicht passte, riss ihr „Chauffeur“ sich  seine eklig-klebrige Frisur vom Kopf ….. eine Bewegung, die Carlos an die Szenen aus den Drei Musketieren erinnerte, wenn die vor ihrem KÖNIG bei der AUDIENZ die Hüte zogen und dabei einen Hofknicks machten….Hofknicks?  Den machten doch nur untergeordnete Hofdamen.  Jedenfalls gingen die Musketiere  bei ihren Ergebenheitsbezeugungen so weit in oder auf die Knie, dass sie dem König die Füße küssen konnten.

 

Der Schneider schüttelte seine Perücke aus, lies sie in den Schoß fallen und strich sich mit beiden Händen über die Glatze, während er das Lenkrad mit den Knien bewegte beziehungsweise festhielt.

 

„Vielleischt aben sisch die ERREN aus meinem Skalp ja noch einen Lampenschirm gebastelt, so wie der Doktor Mengele….

ihr kennt diesen Docteur nischt ?…

aber vielleischt abt ihr schon mal…diese Maschin gesehen  … ?  in die Bauerei ?

wie sagt man das rischdisch ?

in die Landwirtschaft?

Wenn in die Bauerei Pipi und Kaka de la vache gestreut in die Felder tut die Bauer das in Deutschland mit ein gros Maschin von Monsieur le Docteur Mengele….“

 

Er wurde ärgerlich, fing an zu stottern, mischte sein zunächst fast gestochenes Hochdeutsch immer mehr mit französischen Brocken, bis sich das Verhältnis umkehrte und er richtig wütend wurde.

Auf seine Passagiere?

 

Carlos beschlich ein beklemmendes Gefühl, er spürte seinen Puls bis in die Haarspitzen ..

Brennende Herrenhäuser,  Schreie, Wimmern, Heulen, messerscharfe Kommandos in unverständlichen Sprachen, Schüsse … flüchtende Frauen und Kinder, stürzende Pferde …. Seine Mutter hatte ihm die Bilder gezeigt, die ihr Großvater ab 1902 aufgenommen hatte, als Polen, Letten, Kaschuben, Litauer und Russen anfingen, sich am russisch-deutsch- baltischen Adel für die Jahrhunderte lange Sklaverei und Fronarbeit zu rächen. Carlos Vorfahren hatten dabei noch das Glück, dass der deutsche Kaiser sie gerade noch rechtzeitig als „Volksdeutsche“ aus Reval in das seit 1871 wieder deutsche Elsass geholt hatte, um dort die republikanisch-widerspenstigen Preußenhasser zu re-evangelisieren, zu re-germanisieren , „Eindeutschen“…  Sicher wusste der Schneider auch das …

 

„Egal, diese gros Maschin für l’Agriculture, comment s’apelle ?

Jauchesteuer? Scheißesteuer?

Non, pas la merde pour l’etat, pas les taxes !.

Miststreuer ? C’est ca ? Vous comprenez ? Oui, d’accord !

Isch abe in das Elsass in die Landwirtschaft gearbeitet, in Baden pres de Fribourg, in Menzenschwand in eine Uranium-Bergwerk, in Schwetzingen und apres in Schwaben, bei Pforze-eim und bei Möckemühle und in eine Mercedes-Fabrique in Basturqueeim … und der Docteur Mengele lebt wie der Gott in Frankreisch in Argentinien und seine acienda bezahlt er mit seine Miststreuer-Profit aus Deutschland.“

 

Der Schneider lachte kurz auf. Es klang fast wie Bellen. Wer bellt, der beiß nicht !?

 

Die Citroen-Maschine warf sich jetzt mächtig ins Zeug, ging majestätisch in die Kurven wie ein Dampfer auf hoher See. Den nicht blinden aber etwas sprachlosen Passagieren wurde dabei ziemlich mulmig. Obwohl der Schneider jetzt wieder die Hände am Steuer hatte. Das Gespräch während der Weiterfahrt in Richtung Paris wurde immer einseitiger. Hannes , Gerd und Carlos schwiegen. Nein, im Nachinein wußte Carlos, dass allein er und Gerd schwiegen.

Hannes sagte nur nichts.

 

Da war er wieder, dieser hermetisch verschlossene Raum, dieser  versteckte Innenhof, dieser Hochsicherheitstrakt, in den Hannes vielleicht noch Gerd, seinen „Zwillingsbruder“, aber ihn – Carlos nicht einließ. Das tat weh…war ihm etwa nicht zu trauen ? Wollte Hannes ihn schützen? Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!? Trotzdem …

 

Der Kartoffel-Zitronen-Schneider aus Marseilles kommentierte ohne seine im KZ „verloren gegangenen“ Zähne – überbrückte das Schweigen…

„abe ich eusch erschreckt ? Mit meine Glatze ? Mit dem zahnlosen Narbengesicht? Mit meinen Worten ? Ja, ich weiß, ihr seid ein anderes Deutschlande, ein neues, das macht mir offnung. Ihr konntet nischt aussuchen eure Eltern und die Großeltern. Vielleischt isch mache eusch Angst, solsch eine Gespenst wie isch, in einem Gangsterauto, wie Jean Gabin,- aber ohne Aare und ohne Bauch“

Er hoffte wohl auf ein Lachen, wenigstens einen Anflug von Lächeln, ein leichtes Grinsen. Aber die Drei saßen zwischen den geplatzten Kartoffelsäcken und den herumrollenden Zitronen am Boden versunken in den unergründlichen Citroenpolstern  und schwiegen mit niedergeschlagenen Blicken.

 

„In welchem KZ hat ihnen die GESTAPO die Zähne ausgeschlagen ?“

Woher Hannes jetzt den Mut nahm, den Zahnlosen zu fragen. War‘s der Mut der Verzweiflung ? War‘s die Angst vor drohender Vergeltung? Vielleicht würde der Schneider, beziehungsweise, das, was die GESTAPO von ihm übriggelassen hatte, sie allesamt an den nächsten Chausseebaum klatschen. Stoff für einen Fünfzeiler im Polizeibericht der Boulevard-Presse … oder auch ein größerer Aufmacher bei Le Monde:“Späte Rache eines Nazi-Opfers?“  Der Citroen hatte starken Seegang. Ein Gefühl wie auf der Titanic. Nur ohnen Tanzsaal und Orchester. „Spiel es noch einmal“. Nein das war der falsche, dieser andere Film, aber spielte der nicht auch in Frankreich. Algier ? Casablanca ! James Dean in der Hauptrolle ? Nee, es war Humphrey Bogard und Ingrid Bergmann … Und der Vichy-Franzosen-Flick hatte rechtzeitig die Seite gewechselt. „Hau matsch Watsch is it?“ übt ein altes jüdisches Ehepaar für das Land ihrer Rettung…

 

„Strutthof  en l‘ Alsace – und das Schlimmste war nischt einmal die GESTAPO. Das Schlimmste war die Behandlung dursch das normale Lagerpersonal.“

Der Schneider  hatte sich anscheinend wieder gefangen und zu seinen Deutschkenntnissen  zurückgefunden zu einem verblüffend umgangssprachlichen Erzählton, der im krassesten Gegensatz zum Inhalt stand:

 

„Das waren alles elsässische Nazis,- HIWIS, die ihre Landsleute am sadistischsten quälten .. elsässische Kommunisten, Leute aus der Resistance .. bevor die wegen der Unzuverlässigkeit der Vichy-Kollaborateure  ins REICH, in die KZs auf der reschten Rheinseite gebracht wurden….“

 

Hannes Augen waren zu schmalen Schlitzen geworden. Die Lippen zu Strichen.

 

Gerd suchte krampfhaft angestrengt seine mageren  Französisch-Kenntnisse  zusammen.  Man sah es an seinen bis zur Schläfe anschwellenden Halsschlagadern.

Die Stille war unerträglich.

Und Carlos wollte sich auf keinen Fall die Blöße geben und etwas aus dem Liliput-Dictionaire vorstottern.

 

Gerd schaffte es, und fragte  erst stolpernd nach den Kindern des Olymp, nach Gerard Philipp, nach Juliette Greco, Marcel Morceau,  Django Reinhardt, nach der Rolle der Piaf, die doch mit Vichy kollaboriert haben sollte … nach Johnny Stark und Mireille Matthieu, dem überzuckerten Piaf-Abguss für deutsche Kriegs- und Nachkriegsveteranen.  Und als dann der Schneider auch noch meinte, sie seien aber sehr gut informiert über “la grande Nation”, wurde Gerd tollkühn und erkundigte sich nach den Auftritten von Johnny Holliday im Olympia, und ob und wo man noch Karten bekommen könne und wie viel das kosten würde.. Carlos war diese gestelzte Konversation unendlich peinlich. Zumal alles etwas arg dick aufgetragen war, angesichts ihrer schwindsüchtigen Reisekasse, aber dann kriegte Gerd doch noch die Kurve zu den vordringlicheren Fragen. „Esceque vous savez un Hotel à Paris pas si chere pour nous ? «

 

Ein kleines Hotel auf der Seine-Insel ????(Mike Weiss eine) in der Rue … Sie sollten sich dort nur bei der Consierge melden und sagen, der Schneider aus Marseille hätte sie geschickt. Das würde reichen. Er bräuchte sie gar nicht selbst dort vorzustellen, das mache er immer so.

 

Trotz Carlos im hintersten Hirnwinkel nach wie vor schlummernden Verdachts, der Zahnlose könne sich eventuell doch noch an ihnen rächen und sie in Paris ins Verderben schicken – in die Pariser Unterwelt, nur ohne Jaques Offenbachs Libretto und seine neckischen Can-Can-Tänzerinnen .. trotz all dieser Befürchtungen stellte sich die Adresse als zwar nicht gerade 5 Sterne-Hotel aber dafür als kostenlose Bleibe für sie heraus. Ihnen stand die Welt ohne Geld offen. Paris graduite! Nur der Gedanke daran, dass  die französischen Ferien schon längst begonnen hatten und man auf der Rue Saint Denis mehr Deutsche als Franzosen  treffen  würde, trübte den Sonnenschein über der Seine etwas.  Dass sich die tieferen Gründe ihrer Reise bereits seit einigen Tagen an der bretonischen Küste mit ihren katholisch gestrengen Eltern züchtig vergnügen mussten, machte die Stimmung auch nicht besser. Obwohl die drei vergötterten Doppel D’s – Diane, Dominique und Dorothee Delbes, die sie als die Drei Musketiere aus der elterlich-züchtigen Gefangenschaft zu befreien gedachten, hatten ja drei Monate Sommerferien. Da war also doch noch genügend Zeit für Paris…auch wenn die Ferien daheim einen Monat kürzer waren …. Egal

 

Die Concierge meinte in gebrochenem Deutsch:

“ wenn der Schneider aus Marseille sie at empfohlen, ca fait rien! Combien d’jour?“

„ Pour troi!“

Hannes war am Zuge, der konnte am besten Französisch.

Logisch ! Karlsruhe lag doch in der französischen Zone! Ober wenigstens näher dran als Frankfurt. Carlos hatte mal eben Karlsruhe mit Baden-Baden verwechselt, von wo aus die Panzerverbände unter General Massue von Charles de Gaulle nach Paris abkommandiert wurden, um die Hauptstadt vor der Revolution zu retten und Carlos stürmte zusammen mit Tausenden von Studenten von Saarbrücken nach Forbach, um Danys Einreise nach Frankreich zu erzwingen. Er sah die Maschinengewehrnester der CRS ganz deutlich an den Hängen hinter dem Grenzübergang, man sollte sie wohl sehen. Man wollte sie damit einschüchtern, doch sie waren nicht aufzuhalten. Und Carlos schon gar nicht. Die beiden Beine in Gips nutzte er auf seinen Krücken wie Rammblöcke. Rammböcke, heißt das, du Dumpfbacke! Nein, es sah nur so aus. Er konnte damit riesige Sätze machen, die Krücken weit vorne aufsetzen, die Beine nachziehen bis sie fast waagrecht durch die Luft nach vorne flogen und dann mit den Krücken ruckartig abstoppen – keinen halben Meter vor der Dreifach-Kette der französischen Nationalgarde. Früher im Sportunterricht hatte er den Unterschwung nie richtig hinbekommen, aber nach 12 Wochen im Doppelgips war er da fast Olympia-reif

 

Hoppla, der Schneider war 1964 oder 65, das mit Dany war 68 ..

Schon wieder verirrt, verträumt.

 

 

In welchem Zeitabschnitt befand er sich jetzt?

Was wollte Vogel und wer war Vogel?

Wer war der Vogel hinter Vogel ?

So viel war Carlos trotz allen Nebels  vor Augen und im Hirn klar:

Es ging Vogel um seinen Kopf.

Aber womöglich ging es dabei auch um Vogels eigenen Kopf.

Was wusste Vogel von Finkh ?

Wusste Vogel von der Verbindung zwischen Hannes Schwarzmüller und Karl-Wilhelm-Friedrich Finkh?

Suchte Vogel im Rahmen des erneuten Ermittlungsverfahrens – nach der Entdeckung der Fälschung im Bekennerschreiben dieses Obdachlosen in Preungesheim?

Suchte Vogel nach Finkhs Mörder ?

Vermutete Vogel durch ihn, durch Carlos fündig zu werden, Hannes zu finden oder Gerd, die sie beide anscheinend bis heute nicht auseinander halten konnten oder wollten ?

Gerds Mutter war längst unter der Erde, Gerds Vater, der Pfarrer schon über 40 Jahre. Konnte man da noch taugliches DNA finden ?

Vielleicht.

Exhumieren ging immer noch. War aber doch etwas aufwändig.

Bei Hannes war es leichter möglich.

Hannia Schwarzmüller, seine Mutter lebte in der Nähe von Durlach in einem Altersheim. Dort könnte das BKA  mühelos ausreichend Proben besorgen, reine Routinesache, wie in jedem mittelmäßigen TATORT.

Und die Leiche oder zumindest Leichenteile des 1972 erschossenen vermeintlichen Hannes Schwarzmüller hatten die Dienste für weitere Ermittlungen sicher konserviert.

 

Was konnte Carlos gegenüber Vogel raus lassen, ohne Hannes oder Gerd zu gefährden? Weder von Gerd noch von Hannes gab es  seit diesem 2. Juni 1972 in Augsburg ein Lebenszeichen, aber welcher von den Beiden war in Augsburg erschossen worden ?

 

Egal,…

 

Und wenn du es dir aussuchen könntest ?

Stell mir nie wieder solch eine Frage!

 

Für Carlos waren sie eh Eines geworden.

 

Sein Zustand war instabil, aber Carlos war stabil genug, um zu wissen, dass sein Zustand instabil war. „Wir wissen nicht, was die Ursachen für Ihre Blackouts sind, ihren Gedächtnisverlust, ihre Gleichgewichtsstörungen, ihre Schwindelgefühle..“ , orakelten die Weißkittel, Halbgötter in Weiß ? Nö, das nicht. Von Oben herab nur deshalb, weil er lag und sie um ihn herum standen. Nur die leicht feixende Nachfrage, ob er „Wiederholungstäter“ sei, eine Frage, die ihm immer wieder gestellt wurde, machte ihn etwas unsicher. Offenbar konnten die Ärzte an Hand der Röntgenbilder und der Kernspintomographien die Spuren der verschiedenen öffentlich rechtlichen Kopfzerbrechen finden. Seine ebenfalls öffentlich rechtlichen Dauerbesucher ließen auch für die „Schneemänner“ den Rückschluss zu, dass es sich bei Carlos Gehirnerschütterungen, Schädel- und anderen Brüchen nicht um normale Arbeitsunfälle handeln dürfte.

 

Carlos Hirn arbeitete in Dämmerzustand, im Energiesparmodus, im Schonwaschgang. Langsam aber erstaunlich klar.

 

Er wusste, er konnte sich nicht lückenlos auf sich, auf sein Gedächtnis verlassen, brauchte Hilfskonstruktionen, um die mosaikstückartigen Erinnerungsfetzen richtig zu ordnen. Hatte nicht Vogel gesagt, er wolle ihm nur bei der Rekonstruktion seines Gedächtnisses behilflich sein ? Dieses hinterhältige Schwein. Unter Druck sollte er nichts ordnen sondern im Chaos Details verraten, die dann der Vogel professionell zusammensetzen würde…

 

Warum hatten die Ärzte nichts von seinen Doppelbildern erwähnt ? Von den gerissenen Sehnerven ? Das hätten die doch wissen müssen ! Oder doch nicht. War er im falschen Zeitabschnitt, traumwandelte er durch vergangene Ereignisse und hielt sie für gegenwärtig ?  Sein Halbschlaf produzierte Albträume, Wahnsinnsspiralfilme. Wenn die Ärzte jetzt seinen Doppelblick nicht erkannten, dann hatte er vielleicht gar keinen, dann war das alles nur Einbildung und über ihm hingen tatsächlich 8 Neonleuchten und nicht vier .. und Geraden wurden durch Schiefen gebrochen und rechte Winkel zu unrechten gedehnt oder gestaucht . Es gab keine wirklichen Parallelen. Hier im Krankenzimmer trafen sich diese Linien nicht erst in der Unendlichkeit. Die acht scheinbar parallel angebrachten Neonleuchten trafen sich bereits über dem Fußende seines Bettes. So gesehen war Rudolf Steiner mit seinem Waldorf-Anthroposophen-Humbug völlig überflüssig! Es gab überhaupt keine rechten Winkel.

 

Carlos versuchte verzweifelt aus der Waldorf-Spirale zu fliehen. Wann war das Jetzt ?

Er verwechselte Zeitabschnitte, kondensierte Ereignisse, übersprang Dekaden, weil sich die Polizeieinsätze kaum unterschieden. Eine Unterscheidungsmöglichkeit gab es selbst in den Albträumen: wenn ihm Gesichter erschienen, bevor der Knüppel zuschlug, konnte Carlos Szenen aus den 60ern und 70ern gealpträmt haben.

Waren in den Warrior-Rüstungen keine Gesichter mehr zu erkennen, dann mussten die Szenen aus den 80ern und 90ern stammen oder bereits aus dem neuen Jahrtausend

 

So what? Nemo Problemo!?

 

Von wegen !  Das Chaos in Carlos Kopf war unbeherrschbar. Er tauschte scheinbar oder tatsächlich austauschbare Figuren aus: Finkh erschien ihm als Vogel, Vogel als Loos oder allesamt wieder als die etwas blasseren anderen Mitspieler bei „Lieber Bulle, böser Bulle“, deren Namen sich in den Wolkenschleiern in Carlos angeschlagenem Hirn aufgelöst hatten. Nebelkrähen, die in diesigem Wetter am Straßenrand geduldig darauf warteten, dass die Raubvögel ihnen etwas Aas übrigließen.

 

Carlos wachte auf, verharrte aber vorsichtshalber in Scheinschlaf, vergewisserte sich durch die nur spaltbreitgeöffneten Augenlieder, ob er ungestraft die Augen öffnen konnte „Wie fröhlich bin ich aufgewacht, wie hab ich geschlafen so sanft die Nacht, hab Dank im Himmel oh Vater mein… „  Warum fiel ihm jetzt dieses frömmelnde Lied  ein, mit dem er als Kind schon zusammen mit der Muttermilch zwangsernährt wurde, ohne es freilich so zu empfinden. Da gab es noch keine Albträume, keine Angstattacken oder vielleicht doch….

Carlos riss sich aus den Kindheitserinnerungen, bevor sie ihn verschluckten und probierte mit aller Kraft den Einstieg in die noch beängstigendere Gegenwart.

 

Der Vogel schien ausgeflogen zu sein.

Oder war es Loos oder Finkh ?

In welchem Zeitabschnitt befand er sich gerade.

Sein Kopf rangierte 10, 20, 30 Jahre …

 

Das mit den Doppelbildern, mit dem gerissenen Sehnerv bildete er sich nicht ein, das war Fakt. Vogel war der jüngste in der Reihe. Carlos war sich fast sicher, es musste das Jahr 2006 sein. Er öffnete die Augen ganz weit, suchte sein Zeitraster, die Quadratreihen der Neonleuchten über sich, sah sie nur verschwommen, griff neben sich zum Nachttisch nach seiner Brille. Die Doppelbilder, die gestauchten rechten Winkel, die sich kreuzenden Parallelen waren weg,  klar doch, die Augenoperation war erfolgreich verlaufen. Carlos konnte wieder einigermaßen klar sehen.

 

Vogel war ausgeflogen. Zumindest flatterte dieser Leichenfledderer nicht mehr über ihm. Auch das ein Zeichen, dass er noch lebte. Vogel, dieser Aasgeier. Das Bild stimmte irgendwie schon.

 

Carlos spürte sich ab Bauchnabel abwärts verwesen.

Hatte er seine Beine noch ?

War sein Henkel wenigstens noch zum Entwässern zu gebrauchen ?

Ein prüfender Griff fand etwas Weiches, was leblos zwischen den beiden Säulen lag, die sich anfühlten wie Teig, wie ungebackene Brotlaibe und wahrscheinlich seine Beine waren.

Heute bleibt der Henkel trocken!

Ha, ha.

Das war überhaupt nicht lustig.

Wie sollte er mit diesem schlaffen Ding umgehen, wie sollte er gezielt Pinkeln, wenn er nicht Mal fühlen konnte, ob  dieses tote Stück Fleisch weit genug in der Urinflasche hing.

Und was war, wenn sich diese Taubheit weiter nach oben ausbreitete.

Vogel hatte ihm vielleicht was in den Tropf gespritzt, um ihn weich zu kriegen, seine Selbstkontrolle auszuschalten. War er nur deshalb rausgegangen, um auf die Wirkung zu warten?  Mal schnell auf ne Rindswurst und nen Kaffee  in die Kantine und dann stank er wieder so, wenn er sich über Carlos beugte.

 

Da beugte sich etwas über ihn. Vogel war es nicht.

Bilder, wie überbelichtete Dias. Blendend weiße helle Flecken. Verfinsterten sich plötzlich in dunkle Wolken, die sich zu Nasen, Mündern, Augen formten, Gesichter dicht über ihm, so dicht dass er sie nicht richtig erkennen konnte. Jetzt wieder blendendes Weiß, hochgeschlossene weiße Anzüge, Kittel ..er war wieder umzingelt von Schneemännern und dann kamen diese großen Ohren auf ihn zu, man wollte ihn abhören !

 

Carlos drehte den Kopf – versuchte ihn zu drehen. Es knirschte bedenklich, aber das Knirschen kam nicht von seinen Halswirbeln. Die knackten nur kurz und schmerzten leicht. Aber die Drehung reichte Carlos, um neben seinem ein zweites Bett zu entdecken, ebenfalls mit Galgen und Tropf ausgerüstet. Und was das knirschte, waren die Bettfedern dieses zweiten Bettes.

Carlos sah einen flachatmenden Blondschopf zwischen Kissen und Bettdecke liegen, der sich jetzt langsam zur Seite drehte und ihn mit stahlgraublauen Augen anstierte. Terence Hill-Verschnitt.

So ganz klar schien der Junge noch nicht bei sich zu sein.

 

Wo war Vogel, wo war Finkh, wo war Loos. Was war los.

 

Carlos beschlich das Gefühl, in eine Falle geraten zu sein. Bisher konnte er sich wenigstens nachts für ein paar Stunden der Beobachtung und der peinlichen Befragung durch die Kriminalen entziehen. Auch laut denken, fluchen und schreien, bis einer der Pfleger ihn zur Ruhe mahnte: „Wir können Sie auch gerne in die Geschlossene verlegen!“

 

Das reichte dann zur Beruhigung, denn Carlos wusste aus seinen goldenen Zivildienst-Zeiten, wie man mit auffälligen Patienten und dabei jedes Menschenrecht umging. Beschwerden erhöhten lediglich die Prügelfrequenzen und die Sedativdosierung. AOK hieß Alles Ohne Kontrollen.  Ombudsstellen, Patientenfürsprecher, solche sozialdemokratischen Mitbestimmungsspielwiesen waren in der Regel was für Privatpatienten und auch bei denen dienten sie mehr der Beruhigung von Angehörigen als der Abschaffung von Willkür. Bei besonders „querulatorischen“ Fällen schossen die Pfleger zum „Selbstschutz“ die Beruhigungsmittel mit einem Projektil auf ihre Delinquenten.

 

Carlos war schon froh, dass dabei nicht mehr ins Auge ging.  Szenen wie aus dem Schlachthof.  Die „Brüder“, wie sich die Pfleger in den Anstalten der Inneren Mission nannten, waren  eben beim Abfingern wesentlich sicherer als beim Abdrücken, obwohl besonders die Älteren direkt nach dem Morgengebet im Speisesaal vor wie nach dem Frühstück sich mit ihren Schießkünsten bei der Wehrmacht brüsteten. Für den Treppenjäger war das prustend spuckende Imitieren eines Maschinengewehrs die ritualisierte Einstimmung auf den Arbeitstag, Morgengebetsverlängerung: „ Und so hab ich dann einen Russen nach dem anderen kalt gemacht!“ Jeden Morgen ein „Unternehmen Barbarossa“. In seinen über 20 Inneren Missionsdienstjahren hatte er als Fortsetzung seiner abgebrochenen Äußeren Mission an der Ostfront offenbar große Teile der Roten Armee liquidiert. Morgen für Morgen mindestens Zehn ostische Untermenschen, mal 364, mal 20, und die , die er mit dem Nachtgebet noch erledigte noch nicht mal mitgezählt ergab das eine stolze Abschusszahl von über 60.000 … und das Haus hatte so ungefähr 40 Brüder und davon mindestens fünf „Barbarossa-KleinUnternehmer“

 

Der Treppenjäger sorgte für Ordnung in der Anstalt, in diesem Haus Gottes. Gleich nach den Russen beim Morgengebet stürzte er sich noch am letzten Stück Frühstücksbrot kauend auf sein tägliches Zweitopfer im Treppenhaus, den Trambahnmaler. Carlos hätte tagtäglich das Bild  dieses Trambahnmalers malen können. Es hat sich in sein Hirn gebrannt. Dieser weich wirkende hartnäckig versteinert still stehende Zeichner, der nicht von der immer gleichen Treppenstufe wich, auch wenn er sein Bild fertiggezeichnet hatte. Ein Bild, das einen weich wirkenden hartnäckig versteinert still auf der offen Plattform eines Straßenbahnwagens stehenden Mann zeigte, der einen Foxterrier wie sein Kind im Arm hielt, fast so wie der Zeichner seinen Zeichenblock, dessen oberstes Blatt mit dem fertig gezeichneten Bild er jetzt am rechten perforierten Rand mit dem Bleistift vorsichtig löste und es nach links umblätterte, wo es sich mit äußerster Vorsicht erst über und dann unter die vielen anderen Blätter mit den gleichen Bildern legte, um so dem nächsten Blatt, dem nächsten Trambahnfahrer mit Hündchen Platz zu machen …

 

Carlos hatte den Ton abgeschaltet, das Kreischen der Patienten, das Schreien der Pfleger, das Getrappel der Holzpantinen auf den Fluren, jetzt musste er nur noch den Geruch wegblenden – ein Szene voller Ruhe,  Adolf Menzel hätte das Licht und Schattenspiel mit diesem unverrückbaren verrückten verzückten Zeichner auf der Treppe  sofort gemalt. ..die Morgensonnenstrahlen im staubigen Dunst des Anstaltstreppenhauses. Der Tramfahrer hätte auch ein Heiligenbild von Caspar-David Friedrich abgeben können.. Delacroix hätte ihn als Spanier gemalt….

 

Mitten in diese Menzel-Friedrich‘sche Idylle stürzt der Treppenjäger auf sein Opfer, brüllt mit sich überschlagender Stimme, prügelt auf den Zeichner ein, zerrt an ihm herum, versucht ihn die Treppe hinunter zu drängen, kann ihn aber keinen Zentimeter bewegen. Der Trambahnfahrer stöhnt nur leise  unter den Schlägen , bleibt aber stehen wie ein Baum, eine Säule, bis zwei weitere Brüder dem Treppenjäger zu Hilfe kommen, dem Zeichner die Arme auf den Rücken drehen und ihn gebeugt von der Treppe weg in Richtung Keller zerren. Wenn er sich nicht zu stark wehrt, kriegt er die Sedierungsspritze schon auf der Treppe. Sonst folgt im Keller die Gitterzelle und aus sicherem Abstand der Fernbeschuss mit dem Projektil …

 

Es war zum Verrücktwerden.

 

Carlos kniff sich ins Ohrläppchen. Er hatte sich verträumt. Das war doch 1966 oder 67, als er mit einer Überdosis vergeblich die Flucht aus diesem evangelischen PsychoThriller versucht hatte. Heil- und Pflegeanstalten der Inneren Mission. Nieder-Ramstädter Heime. Der Name der Rose mit seinen bettelmönchigen Qualtingerszenen im Kloster Erbach war dagegen eine Kinderbelustigung. Wolfsrachen und Fischhäute, mehrfach behinderte Kinder mit heraushängenden Enddärmen, menschenähnliche Wesen, die sich beim Füttern in die Löffel verbissen, um den Pfleger nur für ein paar Sekunden länger bei sich am Bett zu halten, deren Gaumen und Gebisse zerstört waren, weil man den Biss nur mit dem Verkannten des Löffels gewaltsam öffnen und so den Löffel aus diesem Loch im Gesicht herausziehen konnte, um den Löffel und dann das beißende Loch wieder zu füllen oder das nächste urlautende Bett abzufüttern. Das alles war noch zu ertragen. Carlos lernte diese Fast-Menschen-Kinder kennen und auch fast lieben, wenn sie ihm grunzend mitteilten, dass sie sich freuten, wenn er an ihr Gitter-Bett kam. Unerträglich wurde es aber, wenn Carlos mit ansehen musste, wie die christlichen Brüder  diese Wesen schlugen und sexuell missbrauchten ….

 

Das Aufwachen nach dem missglückten Selbstmordversuch war genauso vernebelt wie jetzt, wo er sein Zeitregister an der Decke  nicht klar erkennen konnte.

Verlaufen, verfahren, verloren, verirrt ? Verträumt.

 

Hatte er im Schlaf gesprochen ?

 

Die Mittsechziger Phase war nicht so riskant. Hoffentlich hatte er von den Anderen nichts erzählt.

Carlos musste sich zukünftig noch schärfer kontrollieren. Kontrolliert schlafen ! Kontrollierter Halbschlaf.

Wie lange sollte das hier noch dauern? Das war Folter. Es reichte ihm.

Nicht nur, dass er nicht wusste, was dieser Vogel von ihm wollte. Er bekam keine Auskunft darüber, was mit ihm und wann es passiert war. Was man und wer was mit ihm vorhatte.

Und wenn sie ihm es sagten, konnte er ihnen glauben?

Natürlich nicht, und wenn doch, was nützte es.

Was war wahr, was stand fest?

Die Erde war fließendes Magma mit dünner abgekühlter Schale.

Alles war im Fluss. Die Kontinente drifteten auseinander und aufeinanderzu, unter- und übereinander , Italien schob sich unter die Alpen. Bayern versuchte die Zugspitze zu überwinden. Der ostafrikanische Graben wurde jährlich um einen Zentimeter breiter und so und so stand der Weltuntergang vor der Tür. Endete nicht der Mayakalender 2012 ? Mit einem Blick zur Decke in sein Neonlampenzeitraster wollte Carlos sich vergewissern wie viel Zeit ihm da noch blieb.

Er schaffte es nicht.

Hochnebel, ?

Eher wie Schlieren aus Flugasche, dunkelgrau.

Kam das jüngste Gericht etwa schon vorzeitig ?

Alles im Fluss, Nichts steht fest.

Auf nichts ist Verlass.

 

Nur dieser sau doofe, pseudoschlaue Spruch schien zu stimmen, den jeder Halbbildungsbürger bei allen unpassenden Gelegenheiten absonderte:

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Na, toll!

 

Zweiter Versuch.

Carlos suchte am Galgen, der nicht bis in den Nebel reichte, vorbei nach seinem Kalender.

Sonst konnte er ihn immer durch das Dreieck des Trapezgriffes orten.  Doch das Neonraster wurde von dunklen Wolken verdeckt, die durch das Krankenzimmer zogen.

Wolken im Zimmer?.

Das war hier doch keine Open-Air-Veranstaltung!

Er rieb sich die Augen, doch die Wolken blieben, wanderten mit seinem suchenden Blick.

Er schloss die Augen und wartete, öffnete sie wieder, der Nebel war noch da, aber etwas verschoben und heller.

 

Er schloss die Augen noch einmal und übte sich in Geduld.

Augen auf!

Wie bei einem Kindergeburtstag oder an Weihnachten bei der Bescherung.

Schöne Bescherung !

Er hatte die Wahl zwischen Schlaf in den Augen oder beginnendem grauen Star oder sowas.

Netzhautablösung, Glaskörpertrübung? …

Er entschied sich für nicht ausgewaschenen Schlaf, was ihm schon deshalb logisch erschien, weil seine Augen aus verschiedenen Gründen sehr stark tränten. Wohl auch in Schlaf. Er wischte sich erneut die Augen und …. hatte wieder freie Sicht. Carlos landete Punktgenau in einem Planquadrat seines Biografie-Registers an der Decke.

 

Da kommen Heimatgefühle auf.

Hier stimmten die Verhältnisse: zehn Mal zehn Zentimeter, so schätzte er zum ixten Mal, waren die Quadrate groß.

Gerade noch in Angst und Schrecken war Carlos wieder im beruhigenden AlltagAllnachtRhythmus seines Krankenlagers angekommen, Gefangenenlager würde die Sache nicht ganz treffen, aber irgendwie kam es ihm schon so vor …

Die vergitterten Neonlampen maßen  rund Dreißig Zentimeter auf zwei Meter. .

Die Dritte Leucht-Spur hätten sie sich sparen können, zweispurig ? Einspurig hätte auch gereicht. Oder war es tatsächlich nur eine Leuchtspur , nur er hatte wieder Doppelbilder ?

 

Carlos hatte seine Biografie in Zehnjahresabschnitte eingeteilt. Der Bereich der pränatalen Ereignisse zählte für im ersten neonQuadrat von 1936 – dem Jahr der Nazi-Friedensolympiade, mit dem Fackellauf-Erfinder und Lieblingvorturner des Führers Karl Diehm- bis 1946, 1946 bis 1956 mit den prägnanten Datum des KPD-Verbotes und des „Ungarnaufstandes“, 1956 bis 1966, dem nicht minder wichtigen Datum des Beginns seiner Bundeswehr-Karriere als Offiziersanwärter und Unteroffiziers-Ausbilder, von 1966 bis 1976, 1976 bis 86 , da war doch Tschernobyl, dann bis 96 …..,

Carlos konnte sich daran erinnern, dass er in einer vorherigen Wachphase kein Register für aktuelle und zukünftige Ereignisse angelegt hatte .. also musste 2006 und Folgende Jetztzeit sein.

 

Danach, also nach dieser Zeitrechnung konnte der Blondschopf neben ihm nicht Peter Jungmann sein.

Und nicht Finkh fehlte im Zimmer an seiner Seite sondern Vogel oder sogar dessen Nachfolger ?

Nein es musste Vogel sein, der gerade nicht da war. Vogel war in den Endsechzigern-Anfangssiebzigern noch ein Jungspund neben dem guten Bullen-Opa Finkh. Der Vogel war in den Siebzigern vielleicht noch keine 30 und jetzt  wie Finkh in den Siebzigern kurz vor der Pensionierung.  Warum war der Vogel so heiß auf ihn, auf Hannes und Gerd ?

 

Carlos wunderte sich über seine selbst im Halbtraum doch recht ordentlich funktionierenden analytischen Fähigkeiten. Er träumte schon davon, sich beim Träumen zu beobachten. So weit waren die Bullen gottseidank noch nicht. Noch war er , nein er fühlte sich manchmal wie der HERR SEINER Träume:..Traumhafte Selbstüberwachung! Selbstbeherrschung. Doch Carlos bekam manchmal richtig depressive Schübe beim Gedanken, nicht einmal mehr im Schlaf entspannen zu können. Immer auf dem Posten! Und meistens merkte er diesen Stress gar nicht.

Er überging ihn.

Das war mittlerweile alltäglich und allnächtlich.

LowLewel-Torture.

Trotzdem war es irgendwie beruhigend und so gesehen weder Alptraum noch Folter. Denn Carlos war erleichtert darüber, dass er sich im Traum noch kontrollieren konnte. Seine Befürchtungen, er könne im Schlaf Finkh, Loos oder Vogel zu viel erzählen, hatten sein Unterbewusstsein so tief geprägt, dass er selbst die Träume zensieren konnte.

Mensch bleib realistisch, das geht doch gar nicht.

Klar, was aber war , wenn das alles nur ein Traum war, wenn er sich doch nicht lückenlos kontrollieren konnte. Wie weit kann ich mich auf mich selbst noch verlassen ? Kann ich meinen Träumen trauen ? Meinen halbwachen Gedanken  ? Zwischendurch konnte er nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden, zwischen Wachheit und Schlaf..

 

Carlos begann sich wieder in den ihm schon vertrauten Traum-Gedankenspiralen zu bewegen, die immer enger wurden und ihm die Gurgel zudrückten: das Kind liest ein Buch mit einem Titelbild, das ein Kinds zeigt, das ein Buch liest mit einem Titelbild, das ein Kinds zeigt, das ein Buch liest mit einem Titelbild, das ein Kind zeigt beim Lesen eines Buchers mit einem Titelbild, auf dem ein Kind abgebildet war, das ein Buch liest …

 

Ich muss mich wecken ! Ich muss das nicht träumen!

Träumte er?

War er Escher ?

Hatte der sich nicht umgebracht, weil er aus seinen Labyrinthen nicht mehr heraus kam ?

Ich muss hier raus!

Aber wie?

 

Carlos durchstöberte sein Hirn auf der Suche nach Weckmitteln. Wachhaltemethoden, für die er keine fremde Hilfe brauchte. Wie hießen noch Mal die Wunderpillen , die er beim Abi eingeworfen hatte, nach durchpaukten und durchsoffenen Nächten?

AN1!

Nur hatte er jetzt keins.

 

Vor ihm stand der 24-Tonner… oder fuhr er ? Nee, der steeeeht.

 

Carlos fliegt durch eine Milchstraße voller Glasscherben … Ganz ohne Aufprall durch die Hülle der Paradieskugel…

war das das Schneetreiben,

wer hatte ihn durchgeschüttelt?

Carlos flog durch die Nacht des Alls.

….

mit dem überladenen LKW . Statt 7,5 Tonnen hatte er 8,5 geladen. Deinhard Lila, dem Lockmittel für die Kundschaft  am Stand der Deutschen Leasing auf der Hannovermesse.

Der Stand sollte längst stehen.

Er stand aber noch nicht.

„Wir können uns keine Konventionalstrafe leisten!“ brüllte der Chef durch die sich schon füllende Messehalle.

Nicht nur der Sekt fehlte.

8 Tonnen Deinhard Lila beim Großhändler in Mühlheim laden, ein halbe Tonne Schnittchen und Snacks beim Grossisten in Offenbach, letzte Deko-Drucke beim Siebdrucker in Bergen-Enkheim abholen.. Oh diese scheiß schönen Dorf-Gassen, verträumt und eng. Toll. Mach dir mal nen schönen Abend: Wendemanöver in der Fußgängerzone … Gottseidank um Mitternacht kaum mehr jemand in diesem Totehosenstadtteil unterwegs, nur ein paar Besoffene.  Aber die kamen mit Papierkörben, Blumenkübel und Sitzbänken immer gern unter die Räder. Super Schlagzeile für Bild Frankfurt „ Betrunkener von 8 Tonnen Sekt überrollt“ …Drei Stunden warten. „Die Sachen sind fertig, aber noch nicht transportfähig, die müssen noch trocknen!“ dröhnt es aus dem halbdunklen Kellereingang der Hinterhof-Druckerei. Eine zweite Stimme kommentiert: „ Sind wir auf die Arbeit, net auf das Flucht! Sigar! Sigar!“ Schwaden von Druckfarbenchemie wallten ihm entgegen, Carlos traute sich nicht durch die niedrige Tür. Wahrscheinlich wurden hier früher Kartoffeln, Rüben und Koks eingelagert. Der klapprigeTürrahmen sah noch so aus. Das war nicht nur Druckerschwärze. Kein Wunder, dass hier Griechen arbeiteten, Bückmäen wären noch besser geeignet gewesen..

 

Nix wie weg! Raus aus den Gassen. Autobahnauffahrt.  3 Uhr zwanzig, HR3 bis zum Anschlag. Bloß wach bleiben. Einreihen in die Schlange zwischen die 26-Tonner aus Holland, Italien, Türkei … und gleich im Stau.

Der LKW vor dir bewegt sich nicht, er steht und du stehst auch – bei laufendem Motor. Warum jetzt beim Vordermann im Stehen die Bremslichter aufleuchten ? Warum tritt der auf die Bremsen, wenn er steht? Und dann dämmert es dir in bleierner Zeitlupe: der Vordermann steht nicht, …. noch nicht., aber du fährst mit weit über Hundert auf den fast stehenden Vordermann auf. Und dann willst du blitzschnell bremsen und mitten in diesem Reflex denkst du in Zeitlupe nicht so schnell, Stotterbremse ? Hat dein Bock nicht ABS ? Warum kommt das alles in Zeitlupe in meinen Kopf? Da war doch schon vorher etwas, was blitzschnell gehen sollte, aber nur im Schneckentempo kam. …du gibst dir einen Stoß, willst dein Denken beschleunigen, denn du hast nur Bruchteile von Sekunden. Du musst schnell entscheiden.. Deine PS geben aber die notwendige  Beschleunigung nicht her.

Oder ist der Tank leer ?

Was Falsches getankt.

Hast nur Diesel und bräuchtest jetzt Super, nein Kerosin ! ….

Dann eben langsam – und wenn es nicht reicht, dann reicht‘s eben nicht.

Und du weißt, dass du nichts mehr ändern kannst.

Du bist plötzlich die Ruhe selbst – so ruhig, als wäre alles schon passiert – und deine zerquetschten Überreste würden gerade aus dem Führerhaus gekratzt.

Und dann trittst du seelenruhig auf die Bremse und weißt, dass du eigentlich schnell bremsen müsstest, um nicht auf den dicken Belgier vor dir aufzufahren.. und dass du eigentlich langsam stotternd bremsen müsstest, weil dich sonst 8 Tonnen Deinhard Lila durch die Frontscheibe schieben..

Und dann bremst du ganz schnell – Vollbremsung langsam stotternd, irgendwie Beides gleichzeitig.

Hinter dir krachen die 8 Tonnen Deinhard lila, eine halbe Tonne Schnittchen und ein Zentner Bleche mit Deko-Siebdrucken und blöden Sprüchen: „Leistung aus Leidenschaft“ .. mit Vollgas gegen die keinen halben Zentimeter dünne Rückwand des Führerhauses.

Sie krachen nicht, die Tonnen drücken eher gemächlich, behäbig und ihrer Kraft bewusst gegen die ängstlich ächzende Trennwand. Die Gurte sind zum Zerreißen gespannt wie deine Nerven und wenn sie reißen, dann wirst du von Sekt erschlagen- ein schöner Tod. Fast wie vorhin beinahe der Besoffene. Fernfahrer von Deinhard Lila erschlagen.  Nein zerquetscht. Prickelnd!

 

Und vorne ? Carlos sieht die Scheibe und den Belgier auf sich zukommen.

 

Er fliegt durch eine Milchstraße voller Glasscherben ganz ohne Aufprall durch die Hülle der Paradieskugel … durch nächtliches Schneetreiben ins All..

 

Blitzalptraum – Sekundenschlaf..

Carlos schreckt auf , bremst zitternd schweißgebadet.

10 Zentimeter trennen seine Flachschnauze von der belgischen Stoßstange.

 

Carlos wusste genau,  warum ihm die alten LKWs mit den langen Schnauzen lieber waren.

Oder wenigstens die Halbschnauzen von Magirus Deutz und Mercedes Benz.

Aber nein, wenn die Kings oft the Road die Füße mit dem Gaspedal schon fast im Arsch des Vordermannes hatten, brachte das eben anderthalb zusätzliche Lademeter…..mindestens.

 

Carlos, wie war das mit dem Wachbleiben ?

Den Auffahrunfall hatte er offenbar im Traum geträumt, sonst könnte er sich jetzt nicht zum Aufwachen ermahnen. Aber in der ersten Traum-Schlafebene könnte sich ähnlich katastrophales ereignet haben oder anbahnen. Gut, die Todesstrafe würden sie  nicht gleich wieder einführen, aber ein paar Jahre Knast sind auch nicht ohne  .. und das vielleicht nicht nur für ihn.

 

Was wollte Vogel von ihm ?

Nein, nicht wirklich von ihm, Vogel fragte immer öfter nach Hannes und Gerd, nach beiden.

Das waren die Opfer, über denen dieser Geier kreiste.

Er schien dabei Gerd für einen Decknamen von Hannes zu halten.

 

Dabei sollte es bleiben,

Carlos musste ihn darin bestärken.

Auch wenn er selbst nicht wusste, welcher von beiden in Augsburg erschossen worden war.

 

Was wollte er von den Beiden.

Vogel hatte schon ein paar Mal nach dem Kuvert gefragt, das Carlos nach Zürich gebracht und es Hannes oder Gerd am Flughafen Glattfelden übergeben hatte oder war es in Basel oder in Bern?

Die ICE-Fahrt nach Basel, die er mit einer Fahrkarte nach Zürich angetreten hatte, um eventuelle Verfolger abzuhängen …

 

 

Aber Vogel kreiste gerade nicht, die Luft war rein.

Carlos entspannte, sank zurück ins Kissen und ließ sich rückwärts in freien Fall durch die Atmosphäre gleiten. Carlos! Wach bleiben !  Bremsen, Reißleine, sonst öffnet sich der Fallschirm nicht und du machst den Möllemann! Carlos war zu schwach,  nicht unangenehm, er wollte, er konnte den warmen Lufthauch nicht verlassen, der ihn in den Schlaf streichelte. Flog er in Zeitlupe ?, segelte er ? Das war kein Fallen.. er glitt dahin…..  Wohin ?  Unter ihm gierte die Erde, wartete  auf seinen Aufprall… Da passiert nichts, du gleitest … Carlos glitt in den Schlaf ….  zurück hinters Steuer, nein das war kein Cockpit, er glitt hinters Lenkrad seines Siebenkommafünftonners.

 

Wach bleiben.

Eigentlich sollte ihn jetzt sein Beifahrer aufmuntern, – nein nicht streicheln, wachhalten! oder ihn ablösen.

Aber nicht nur die Schnauze fehlte an seiner Kiste, auch der Beifahrer war weggespart worden. Und meist schlief der , der Alte, bevor sie ihn rausgeworfen hatten. Das war soundso mehr ein Beischläfer. Wenn er Carlos nicht die Ohren voll sabbelte. Zum Schluss hätte Carlos ihn auch gar nicht mehr ans Steuer gelassen.

 

In die Ohrenkneifen bis der Schmerz nicht mehr auszuhalten ist. Das treibt die weißen Elefanten von der Fahrbahn.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

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