HaBEs Sternstunden 7.: Inklusion bis zum Sterben nach einem Freudenschrei

1974.  über diese Zeit habe ich erst 10 Jahre später wieder geschrieben: mein damaliger Schulleiter hatte gerade wieder ein Kind bis zum Selbstmordversuch getrieben. Nach 10 Jahren gelang es, zusammen mit couragierten Eltern diesen Kinderquäler -leider nach oben- zu stürzen. Er wurde in den vorzeitigen Ruhestand befördert. Die Kinder haben es -traumatisiert zwar, aber – überlebt.

Titelmontage HaBE ich wie immer gemacht, bei der nhz über 30 Jahre. Einige meiner früheren Fotomontagen aus den 60er und 70ern wurden neben John Heartfield in Ingolstadt ausgestellt.

Dass der Schulleiter  den Aufbau einer GEW-Schulgruppe verbot und nachdem er das nicht konnte, ihr das Mitteilungsbrett verweigerte, ist weniger schön und auch keine Sternstunde. Auch die Begrüßung: „Den linken Schuh ziehen Sie gleich aus!“  und „Die Rahmenrichtlinien und sonstigen sogenannten REFORM-Kram von der Uni können Sie vergessen!“, war nicht sonderlich ermutigend. Beton-SPDler wäre geschmeichelt gewesen.  Dagegen war der echte rechte Rudi Arndt ein „Linksradikaler“. Auch keine Sternstunde, eher eine Mondfinsternis.

Noch schlimmer war das Verbot meiner Elternabende im Schulhaus. Wir mussten in eine Gaststätte ausweichen. Aber das kam erst nach der Gründung der GEW-Schulgruppe, meiner Wahl zum GEW-Vertrauensmann und zum stellvertretenden Personalratsvorsitzenden im Studienseminar, meinem “Aufstieg” als Vertreter des Ausschusses junger Lehrer und Erzieher (AjLE) in den Hessischen GEW-Landesvorstand und dem Rauswurf des Schulleiters aus meinem Unterricht. Und das kam so: na ja, erst später…

Die Bauern aus dem Schuleinzugsgebiet z.B. die aus Nieder-Issigheim usw… brachten Wurst-Konserven, Kartoffeln, Obst, auch Mal ein geschlachtetes ausgenommenes, gefiedertes Huhn ….

Sie wollten damit erreichen, dass ihre Kinder wegen ihres Dialektes keine schlechten Noten bekamen. Das sei so üblich in Bruchköbel-Süd. …

Erst nachdem sie merkten, dass ich mit den Kindern auch Dialekt redete, ihre Beiträge in Dialekt auch gut bewertete, brachten sie die Wurst nicht mehr deshalb mit.

Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass ich meinen Chef aus meinem Klassenzimmer rausgeschmissen habe. Das WARUM verschaffte mir hohes Ansehen in der Kleinstadt bei Hanau. Rektor Schmidt kam wie üblich unangekündigt in den Unterricht. Ich ließ ein Kind im Unterricht immer in sein Pausenbrot beißen, wenn es offensichtlich Hunger hatte. Denn in Köpfe über hungrigen Mägen geht nichts rein, außer Essen. Das einzige „Gastarbeiterkind“ in der Klasse wurde dann nach Biss in sein Pausen-Brot von Rektor Schmidt am Ohr gepackt, das Ohr so lange gedreht, bis es sich bückte und das Kind dann in gebückter Haltung zum Papierkorb gezerrt und gezwungen, das Brot auszuspucken. Da habe ich den Schulleiter angeschrien, er solle sofort das Kind los- und den Klassenraum verlassen. : „Das werden Sie noch bereuen! Das hat ein Nachspiel!“ Beim folgenden Elternabend stellten sich alle Eltern hinter mich, beschlossen aktiv zu werden. Bis auf die Eltern eines Kindes, die- wie ich erst viel später erfuhr- Mitglieder der DKP waren. Sie wussten, dass ich damals im KBW sehr aktiv war und damit zum Klassenfeind gehörte.

Seit diesem Elternabend, bei dem Rektor Schmidt eingeladen war und Stellung nehmen sollte, aber nicht erschien, waren Elternabende meiner Klasse in der Schule verboten. Der Hausmeister machte einfach die Türen nicht auf.  Dann gab es Elternabende im Exil, zeitweise sogar in der Gesamtschule Bruchköbel-Nord und der dort vorgelagerten Grundschule-Nord unter der Leitung des Reformpädagogen Heimo Eiermann.

Wie sich der Betonkopf Schmidt den idealen Lehrer vorstellte, zeigte ein Referendars-Kollege, der Sohn des Rektors der Hanauer Schule am Schlossplatz, Herr Pastor.  Vom Flur aus konnte ich genau in seinen Klassenraum sehen, direkt auf sein Lehrerpult und seinen Sessel. Dort lag er mit auf das Pult gelegten Füßen, las Bild-Zeitung und ließ die Klasse „stillarbeiten“. Aus versicherungstechnischen Gründen war er auch Mitglied in der GEW, aber er beteiligte sich nicht an der Arbeit der GEW-Schulgruppe.

Was aber war die Inklusion bis zum Sterben?

Ich hatte einen Schüler mit Glasknochen-Krankheit in der Klasse zusammen mit 30 weiteren Kindern.  Max war sehr aufmerksam., lernte schnell. Aber wir mussten alle sehr vorsichtig mit ihm umgehen. Er war nicht glücklich darüber, dass wir ihn alle nur mit Samthandschuhen anfassten.

Wir bereiteten einen Unterrichtsgang in den Bruchköbeler Wald vor. Max wollte unbedingtt mitkommen. Die Kinder organisierten einen Leiterwagen. Max wurde dort reingesetzt und gezogen. Er jubelte. Als sich dann abwechselnd bei einer Gefällestrecke größere Kinder vor ihn setzten und mit Füßen und Deichsel den Wagen lenkten und mit ihm abwärts rauschten, schallten Freudenschreie durch den Wald. Schreie, die ich nie vergessen werde.

6 Wochen später starb Max. Rektor Schmidt wollte mir die Schuld an seinem Tod in die Schuhe schieben.  Bei der Beerdigung bat ich Max’ Eltern um Verzeihung. Sie fielen mir fast um den Hals und bedankten sich bei mir: „Wir haben unser Kind niemals so glücklich erlebt, wie nach diesem Waldausflug!“

Noch heute läuft diese Leiterwagen-Abfahrt mit Max vor meinen Augen ab wie ein Film. Und ich höre seine Freudenschreie.

Das war eine Sternstunde.

Fortsetzung folgt in ein paar Tagen

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

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