Gendern! Oder: der Niedergang (m)einer Zeitung, der FR.

Gendern! Oder: der Niedergang (m)einer Zeitung, der FR.

(schreibt der Eschborner Historiker Herbert Steffes)

1967 kam ich nach Frankfurt, ließ die biedere Westfälische Rundschau in Dortmund zurück, ebenso das Westdeutsche Tageblatt (leider eingestellt) und die gute WAZ. In Frankfurt begann eine neue Zeit: durch die Frankfurter Rundschau, da ging die Sonne auf; für ein paar Jahrzehnte. Das ist nicht nur lange her – das ist vorbei. Von der FR, wie ich sie so lange sehr geschätzt habe, ist bis auf ein paar Restspuren nichts mehr übrig geblieben. Auch wenn die eine oder andere langjährige FR-Leserin den Glanz von damals noch auf die heutige Zeit meint übertragen zu können: das ist frommer Selbstbetrug.

Was ist geblieben? Ein paar wenige Autoren, die mir viel bedeuten – das tröstet mich immer wieder. Ansonsten? Eine gräßliche politische Linie voller Anpassungsartistiken, regierungstreue Glaubensbekenntnisse, US-Treue, große Distanz zu Rußland und den sonstigen üblichen Verdächtigen. Keine eigene Haltung mehr, wie das „früher“ selbstverständlich war: jetzt also z.B. Nawalny, bis zum Erbrechen. Kein Gedanke mehr an cui bono? Das Verdammungsurteil, das regierungsamtliche, wird voll übernommen. Gleichschaltung nannte man das früher.

Jetzt dann also Fluchtbewegungen mit der Herde: schäbiger Umgang mit der deutschen Sprache, „sc-h“ wird schamlos getrennt, Wortsilben ebenso, die Schriftsetzer der Vergangenheit hätten diesen Unsinn korrigiert. Heute völlig unzureichende Rechtschreibkünste bei den Textern, immer wieder – weil niemand mehr Korrektur liest (als Mensch, meine ich). Der Höhepunkt, neben dem Schwadronieren über Rassismus und behauptetem Antisemitismus (und was darunter vertrieben wird), jetzt also das Gendern. Der Gipfel der Dummheit, des gefühllosen Umgangs mit unserer Sprache. Warum? Vermutlich weil zu viele Sprach-Turn-Künstler, die nix zu tun haben (wahrscheinlich im wohlversorgten Staatsdienst) sich Gedanken darüber machen, „wie kann ich mich einbringen in die wirklich großen Probleme der Welt?“ Kein „Kampf“ für einen anständigen Mindestlohn, für Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge, für eine Alters- und Krankenversorgung, die für jeden einzelnen Menschen in unserem Lande selbstverständlich sein sollte, für bezahlbare Mieten für menschenwürdige Wohnungen, für den Schutz der Arbeitnehmer, der Betriebsräte, der Gewerkschaften, für Arbeitsschutz jeglicher Art, für Sicherheit der Arbeitsplätze, mit Tarifverträgen und wirklicher sozialer Sicherheit.

Nein – Gendern muß es sein. Jeder Depp ist eingeladen mitzumachen, seine verqueren Meinungen abzusondern, und die Texte  unlesbar zu machen – Texte, die vermutlich nur von anderen Personen gelesen werden… unter Schmerzen.

Aber – gibt es überhaupt Gründe, Frauen (oder das Weibliche) mehr nach vorn zu schieben? Haben wir nicht eine Bundeskanzlerin, eine Kriegsministerin, eine Euro-Kommissionspräsidentin, selbst vormalige Kriegsministerin? Ist die Politik dadurch besser geworden, daß Frauen ihren guten Namen dafür hergeben sollen? Ich würde es sehr begrüßen, wenn viel mehr Frauen mit Wissen, politischem Standort und Charakterstärke sich einbringen würden, eine bessere Politik zu machen: dieses Land hat das bitter nötig, daß endlich Politik für das Volk gemacht würde – „Volk“? Das sind wir alle, die 99%. Doch davon sind wir weit entfernt – es wird lieber mit Inbrunst gegendert: das tut nicht weh, da kann jeder mitmachen, seinen logischen oder Sprach-Senf dazu tun.

Dank unserer herrschenden Politiker- (und s.o. Politikerinnen-) Klasse wird eine verantwortungslose Politik gemacht, die uns mit Riesenschritten ins Verderben führt. Doch keiner schreit, stöhnt, leidet… oder beklagt sich. Eine Stimmung wie damals: „seit   5:45 wird zurück geschossen” .

Das ist das wirklich Traurige. Doch das Gendern bringt es sinnfällig auf den Punkt, das Absurde, das Hirnrissige, das Verantwortungslose. In diesem unserem Land, in unserer Jetzt-Zeit. Es schüttelt mich.

6.9.2020

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

Ein Gedanke zu „Gendern! Oder: der Niedergang (m)einer Zeitung, der FR.“

  1. Das mit der FR ist ein großer Verlust. Aber nur Teil des großen Zeitungssterbens allgemein und dem damit verbundenen Existenzdruck auf den Journalismus. Durch die FR und ihre Artikel zum Sturz des Shah 1979 wurde mein Interesse für Geopolitik geweckt. Damals waren die Artikel nicht oberflächliche, vorgeschriebene Texte ohne Inhalt. Da gab es noch Hintergrundinfos aus denen man den geopolitischen Zusammenhang ableiten konnte. Heute wäre das Verschwörungstheorie. Sehr Schade.

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