VerSchwendter verschwunden – HaBE ihm nachgerufen

VerSchwendter verschwunden, (zum 3 Todestag Prof. Dr. Dr. Dr. Rolf Schwendters)

Datei:Vienna 2011-09-01 Augartenspitz - Rolf Schwendtner (l) presenting readers on occasion of World Peace Day.jpg

 Rolf Schwendter, der gegen den Krieg trommelte … Wien 2011

HaBEs Katzenjammer
für Rolf Schwendter

File:Vienna 2013-03-13 'Salon für Kunstbuch' - Rolf Schwendter (l), Gerhard Jaschke.jpg

Dieses Bild aus wikipedia zeigt nicht etwa den zukünftigen Alterspräsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, sondern Rolf Schwendter bei einer trommellosen Lesung in Wien 2013

Prof. Dr.Dr.Dr. Rolf Schwendter (Scheßwendter) ist am Sonntag, dem 21.07. 2013 in Kassel gestorben

Der VerSchwendter ist verschwunden

 

Der VerSchwendter ist verschwunden
wie ich meine viel zu früh
Der VerSchwendter Isst nicht mehr
der Gourmet, der Gurumüh
der liebe Gott hat ihn gefressen
mit seiner allerliebsten
Zettelwirtschaft dort in Wien
Jetz isser hin
jetz isser fort
von Wien in Kassel
jetzt hammer den Schlamassel
vor ein paar Tagen
haben sie den Rolf gefunden
nur die Ruh, es war kein Mord
im Weidinger war alles abgegrast
nur eine Zeile war auf seinem Tisch geblieben
sein letztes Wort
in letzter Hast
ja ja VerSchwendtung wärs
glatt für die Katz
gewesen
hätt sie jemand vor seinem Tod gelesen:
 
“Ich bin nur kurz
grad Mal nach Graz gerast
ganz ungekämmt und ungeschoren
um dort die Katerstimmung
der versammelten Autoren
in Kraterstimmung umzupolen
zum KaterTotenTanz auf dem Vulkan…
ich bin gleich wieder da
mit meinen Katzenfutter-Tafeltüten
es braucht mich niemand abzuholen!”
 
Wer sich mit Katzenfutter selbst befriedigt
der muss auch nie mehr irgendwas verhüten

 

 
Das hat Rolf Schwendter nie geschrieben
Rolf Schwendter war ein VerSchwendter, er hat sich sehr ernsthaft nie sehr oder zu ernst genommen.
Und gerade das hat sehr viel mehr erschüttert als die Posaunen von Jerichow zu Fall bringen konnten.
Mit seinen Trömmelchen bestand niemals die Gefahr, dass er zum Pauker wurde.

Er wird sich mit Wolfgang Neuss treffen, unten am Lagerfeuer wie einst oben auf der Burg Waldeck und sie werden schon Mal ne Percussion-Formation aufziehen. es wird ein Höllenspektakel und einen Heidenlärm geben ….. und ich ?  Ich komme schon wieder mal zu spät

Und das ist es vielleicht, was so viele an ihm lieben:

http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/autoren/563442_Ein-grosser-Unorthodoxer-hat-uns-verlassen.html

(Wer hier das youtube-video mit Schwendters Version des “I can get no Satisfaction” nicht findet, kann es bei wikipedia ansehen)

Die Persiflage auf die Rolling Stones ist eigentlich keine, ist aber mit der fast linearen Übersetzung weiter Teile des I cant get no satisfaction unerreicht und bestätigt u.a. dass Rolfs minimalistische performance die Inhalte mehr in den Kopf als in den Bauch transportiert, was letztlich auch die Befreiung des Bauches befördert: man hört einfach genauer hin: es kann die Befreiung der Bäuche nur das Werk der Köpfe sein.. na ja. die Füllung der leeren Bäuche können leere Köpfe eben nun Mal nicht schaffen… Verkopft war  Rolf Schwendter weder 2008 in Marburg noch 1968 in Frankfurt. Er war auf unsrer Seite, als wir mit Thomas Weissbecker und Holger Meins zusammen die pardon-Redaktion stürmten. Bärmeier & Nickel wollten uns mit einer Schülerzeitung namens UNDERGROUND ködern und versprach der “werbenden Wirtschaft”, er wolle den aufbegehrenden Schülern, Lehrlingen und Studenten mit roten Ringelsocken und Rolling Stones und Mao-Fibeln die Mäuler stopfen.

 

Ich hätt so gern ihm noch was vorgelesen in seinem Wiener “Lese- und Stegreiftheater” , bei dem ich nie wussste, ob es nun greift im Stehn auf öffentllichen Plätzen oder ob es stets reif für den Steg ist. Es ist wohl das Eine nicht ohne das Andere  und es greift nicht mehr, wenn es sich an den Steg krallt…

 

Rolf … auf dem Jugendhof Dörnberg, in der Pupille in Frankfurt haben wir uns getroffen, aber nur kurz, weil du lieber im Studentenhaus, an der Bockenheimer Warte und noch lieber an der Hauptwache die Leute zusammentrommelassingsangeln wolltest.

 

Halt mir für meine BackmischungsPlastikeimer ausreichend Platz frei. Bitte nicht zu nah am Lagerfeuer. Dann trommeln wir zu Dritt gegen den alten Schritt und Tritt.

 

Und ich versprech dir, das wird ein schönes Leben nach dem Tod: Meine Trommelstöcke sind zersägte Laufstall-Streben.

Ich weiß, du hattest mir schon vor über 45 Jahren geraten statt laut zu Posaunen lieber leise zu Trommeln.

 

Jetzt trommle ich halt laut
und übe den
Neuss-Testamentvollstrecker.

Ich trommle laut

ich trommle laut

und wär so gern

Dein Wecker
Dein HaBE (22.07. 2013)
Mein Freund Rolf Schwendter war in den Jahren 1959 bis 67 Koordinator einer „Informellen Gruppe zu Wissenschaft und Kunst“, 1968–70 Mitarbeiter der Zeitschrift „song“, 1968–71 freischaffender Liedermacher und trat 1967 und 1968 auf den Waldeck-Festivals und 1968 bei den Internationalen Essener Songtagen auf. 1970 veröffentlichte er die Lieder zur Kindertrommel. Dabei setzte er auf eine „Antiästhetik, die sich den vertrauten Hörgewohnheiten entziehen sollte, um die notwendige Aufmerksamkeit zu erzielen“.
1971 erschien die erste Auflage seiner Theorie der Subkultur. Von 1971 bis 1974 war er Assistent am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg. Von 1975 bis zur Emeritierung 2003 war er Professor für Devianz-Forschung an der Universität Kassel.


Rolf war eine Zentralfigur verschiedener Bewegungen wie der Gesundheitsläden, der deutschen Antipsychiatrie und des Mannheimer Kreises „Kritische Psychiatrie“, des Theoriearbeitskreises Alternative Ökonomie in der Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise (AG SPAK). Er baute die „Sozialpolitische Gesellschaft“ auf, betreute das jährliche Mainzer Festival „Open Ohr“ und sang gelegentlich auf Tagungen in Evangelischen Akademien. Und bis zuletzt organisierte er am 1. September in Wien Lesungen zum Antikriegs-Tag.

Er war Mitbegründer des Ersten Wiener Lesetheaters und Zweiten Stegreiftheaters und des Vereins zur Förderung alternativer Kultur e. V. in Kassel, den Kasselänern meistens als „Offenes Wohnzimmer“ bekannt. Von 1992 bis 2002 war er Vorstandsmitglied der „IG Freie Theaterarbeit“ in Wien und von 2001 bis 2005 Präsident der Internationalen Erich Fried Gesellschaft.

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

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