Texte zum Jahrestag Tschernobyl /TschernoWyhl/ Tschernobiblis

Wladimir Tschernosenko war der Held von Tschernobyl

Er hat nach den Rettungsversuchen in Tschernobyl bis zu seinem Krebstod die Welt bereist und gegen die Atomprogramme geredet, gefleht, gekämpft.
Auf die Frage eines SIEMENS-Ingenieurs in Hanau, ob er nicht wüßte, dass deutsche AKWs sicherer seien, hat er geantwortet: “Das stimmt. Sie explodieren später.”
Ingrid & Gerhard Zwerenz haben mir in ihrer Antwort auf die JubiläumsTextsendung einen weiteren AKWSicherheitssatz von Wladimir Tschernosenko geschickt:
“Danke für die Sendung, der Mann wurde auch von uns hoch geschätzt. Gerade vor einigen Wochen, erwähnte ich ihn oft bei Veranstaltungen in Potsdam. Erinnerte mich eines anderen treffenden Satzes von Tschernosenko, er antwortete den hiesigen Großschnauzen, als sie sagten, 100 % ihrer Aufmerksam richteten sie auf die russische Atomkraft-Sicherheit: “50 % reichen, die anderen 50 widmen Sie Ihren eigenen Meilern”

Liebeserklärung

an einen strahlenden

Verlierer

Ich möchte

nicht erst

durch Tschernobyl gehn

Wladimir Tschernousenko

ihnen

den Spaltstofffluss

vorher abdrehn

Wladimir Tschernousenko

Ich möchte

bevor sie

die Wälder rasieren

verzeih, Wladimir Tschernousenko

sie durch das

Ozonloch

katapultieren

bevor wir plutoniumgesättigt verhungern

schutzlos verstrahlen, verglühn und erfrieren

Und hinter ihnen

könnte sich dann

die Erdenhülle regenerieren.

sie sollen im Nebel des Saturn

Profiten nachjagend

Runde für Runde

Rekorde brechen

zum Mars aufsteigen

und ihn erobern

sich hinter ihm finden

oder verlieren

Es soll noch passieren bevor Du gehst

bevor Dich die Mörder

ins Heldengrab legen

Wladimir Tschernousenko

Wenn wir es nicht schaffen

bevor Du gehst

dann bleibt mir Tschernousenko

nur eine wahnsinnige Hoffnung

Die stummen Schreie

der ungezeugt ungeboren schon toten

der toten noch lebenden

Tschernobyllionen

im Halbwertszeitkreis

des Sarkophags

wären nicht zu ersticken

in Massengräbern

zugebaggert mit Schweigeminuten

und Butterrationen

und Päckchen schickender

Selbstberuhigung

wären laut genug, uns zu wecken

bevor wir verrecken

uns zu lehren

uns zu wehren

umzukehren

Dein strahlendes Lächeln zu verstehn

Dir ins Leben zu folgen

und nicht in den Tod

Wladimir Tschernousenko

3.10.92 2.23.92

Zur Tagesordnung

Die Päckchen

sind verschickt

die Knochenmarkrationen

sind gespendet

die ausgewählte Leukämie

kriegt Chemotherapie

schnuppert Höhenluft

im Schwarzwald

und inhaliert

jodierte Brisen

an Nord- und Ostsee

der Rest glaubt

an die Heilkraft

der Ikonen

der heuchelnde Halbmast

zeigt wieder Flagge

strahlendes Wetter

vereint die Nationen

auf höchster Ebene

gerechte Verteilung

aktiver Ionen

Headline

verwurschtelte

Martyrien

verbleichende

Ladenhüter

die Trauerchöre

haben vor dem Ausklingen

des Requiems

noch vor dem letzten Akt

des Trauerspiels

die Koffer schon gepackt

die Moratoriumsschreie

liegen von uns

aufgenommen

als Konserven

im Archiv

Der nächste Reaktor

geht beben-

bombensicher

berstgeschützt

ans Netz

was dagegen?

die Energie

reicht grade noch

für eine letzte

nur noch eine

zappelnde Bewegung

wir hängen

wie leblos

in den Maschen

gefesselt und gelähmt

von der Hochspannung

vor dem nächsten

GAU

geschrieben 1995/96 zum zehnten Jahrestag von Tschernobyl

Der Gott der toten Schlote: ausgeräuchert

Von Hartmut Barth-Engelbart am Montag den 19. August 2002 um 23:31
für Breulhand
Ausgeräuchert-Der Gott der toten Schlote-Der Schlot ist tot. Er fraß die schwarz und braunen Kohlen. Nun danken wir dem lieben Gott,wir können uns erholen. Ein Atmen geht jetzt auf und ab und an durchs Land. Wir haben Zeitdank seiner treuen Hand.
Ausgeräuchert

-Der Gott der toten Schlote-

Der Schlot ist tot
er fraß die schwarz und braunen Kohlen
nun danken wir dem lieben Gott
wir können uns erholen
ein Atmen geht
jetzt auf und ab
und an durchs Land
wir haben Zeit
dank seiner treuen Hand
kein Smog mehr weit und breit
Jetzt rauchen halt
die Schlote
weit hinter unserm Horizont
und bringen als versprochen Brot
tagtäglich um die vierzigtausend Tote
als Opfer für den großen Gott
den Gott der toten Schlote

wir ahnen’s: hintern Weltenrand
da werden Kinder nicht sehr alt
das Elend lässt auch ihn nicht kalt
dann schickt er warme Suppen
und Socken und ein Kinderbett
und dann auch Friedenstruppen

Egal ob Gott in Frankreich wohnt
in England oder in Berlin
was unten aus den Schloten kommt
und was zuletzt die Toten lohnt
ist der Profit, ist der Gewinn
da hat der Tod doch einen Sinn

Der Schlot ist tot
Gott Money makes
the smoke go round
so stirbt Gott auch
mit Sicherheit
im Überlebenstrakt
zwar nackt
doch nicht allein
(wir dürfen alle bei ihm sein)
und auch nicht gleich
an seinem eignen
Rauch

10.07.2002

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.