HaBE zum Pyrrhussieg des Feminismus beigetragen

den folgenden Artikel der Diplombiologin Christel Bu chinger habe ich aus dem FREIDENKERbrief raubkopiert. diese Raubkopie ist ein sehr spätes “Schuldbekenntnis”. Denn nach meiner Kriegsdienstverweigerung in der Bundeswehr als Reserveoffiziersanwärter, Zeitsoldat und Uffz-Ausbilder, nach zivilem Ersatzdienst und anschließender Schriftsetzer-Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau wurde ich als kurzzeitiger Berufsschüler in den 5-köpfigen Bundesvorstand des Aktionsausschusses der Unabhängigen und Sozialistischen Schüler gewählt. Der AUSS war eine Gründung des SDS unter KD & Frank Wolf und dementsprechend patriarchalisch besetzt: 4 Schüler und eine Schülerin. Die ist heute eine der von Christel Buchinger geschilderten Postfeministinnen.

Als mir 1969 Inge Hornischer vom Frankfurter Frauenrat den Zutritt zum Kolb-Keller, dem Treff des Frauenrates verweigerte, obwohl ich ihr doch als engagierter Anti-Macho bekannt war, verstand ich die Welt nicht mehr und ich habe lange Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gebraucht, um Inge Hornischer, die Anwältin der Frauenhäuser zu verstehen.

Demokratie – Medien – AufklärungWeltanschauung & Philosophie

Pyrrhussieg des Feminismus

16. Juni 2018

WebredaktionArbeiterbewegung, Feminismus, Frauenbewegung, Marxismus, Neoliberalismus, Sozialismus

Aus: „FREIDENKER“ Nr. 2-18, Juni 2018, S. 33-38, 77. Jahrgang

von Christel Buchinger

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts nannte ich mich mit Stolz Feministin. Heute frage ich mich, ob ich das weiterhin tun kann. Kann man als Linke, als Marxistin heute noch Feministin sein?

Damals bestand ich darauf, dass im Kampf für eine bessere Welt Frauenverachtung und -unterdrückung nicht übersehen, dass die Lage, die Probleme, Wünsche und Forderungen der Frauen zur Kenntnis genommen werden.

Überall, wo Menschen entrechtet, geknechtet und ausgebeutet werden, trifft es Frauen schlimmer und doppelt; sie werden millionenfach versklavt, vergewaltigt, verstümmelt, ermordet. Alles, was je Menschen angetan wurde, erleiden Frauen bis heute – nicht selten von ihren eigenen Männern.

Selbst in den modernen Demokratien, ja selbst im realen Sozialismus mit hoher Frauenerwerbsquote und Aufstiegschancen hatten Frauen nicht die gleichen Rechte und Chancen wie Männer. Grund genug für uns sozialistische Feministinnen, aktiv zu werden, Frauensolidarität zu proklamieren und zu leben. Mit unserer Forderung, die Hälfte der Unterdrückten und die Hälfte derjenigen, die die Veränderung der Gesellschaft bewirken wollen, zur Kenntnis zu nehmen, trafen wir in linken Organisationen allerdings auf wenig Verständnis.

Erst mit dem Sozialismus werde sich auch die Situation der Frauen grundlegend ändern lassen. Bis dahin solle der gemeinsame Kampf mit den Männern um das Recht auf Arbeit für Frauen, auf Kinderbetreuungsmöglichkeiten und gleichen Lohn für gleiche Arbeit ausreichen. Von der DKP über die SPD bis zu den Gewerkschaften war dies – mit einigen Modifikationen – die Haltung.

Von Patriarchat – gar innerhalb der Organisationen – zu reden, führte mindestens zu Stirnrunzeln. Unausgesprochen war Konsens, dass männliche Gewalt in den Familien, Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper, andere sexuelle Orientierungen, männerdominierte Strukturen und Kulturen allenfalls Nebenthemen waren. Auch über Gewalt an Frauen in den eigenen Reihen sollte nicht gesprochen werden.

Sozialistische Feministinnen oder feministische Sozialistinnen saßen so zwischen zwei Stühlen, mindestens. Aber so schlecht war das gar nicht, wir waren dadurch auch eine Art Schnittstelle, die die Kapitalismuskritik in die Frauenbewegung trug und die vernachlässigten Frauenthemen in den linken Organisationen auf die Tagesordnung setzte. Die Frauenbewegung war politisch breit und der Antikommunismus weniger ausgeprägt als anderswo. Wir fühlten uns in Frauenzusammenhängen wohl in der Politik. Eine ganz neue Erfahrung für uns; das Klima war freundschaftlich, selbst wenn Tränen flossen. Wir hörten einander zu. Die Konsensorientierung war ausgeprägt und wir schafften es auch immer, einen Konsens zu finden (Zumindest im Saarland war das so). Frauensolidarität war die Grundlage unserer Kämpfe.

Feminismus – Neoliberalismus

Heute nennt sich Hillary Clinton Feministin. Die Alpha-Mädchen, die in die höheren Sphären der Einkommen eindringen möchten, die Schauspielerinnen auf dem roten Teppich, die gegen ihre sexuelle Ausbeutung demonstrieren und Feministinnen, sofern sie tough sind, sind in den Medien Thema. Nur noch wenig hören und lesen wir von linkem, sozialistischem, marxistischem Feminismus. Und auch dieser scheint die soziale Dimension des Feminismus weitgehend aufgegeben zu haben oder aufgeben zu wollen.

Der Neoliberalismus hat anscheinend die Frauenträume erfüllt, selbstoptimierten Alpha-Mädchen steht die Welt offen. Patriarchat oder Kapitalismus behindern Frauen nicht mehr, heute ist ihnen alles möglich, wenn sie sich nicht selbst im Weg stehen. Das ist die neoliberale Erzählung. Hat sich der Feminismus vom Neoliberalismus einkaufen lassen? Ist er mitschuldig an seinem Sieg und seiner andauernden Hegemonie? Und wenn ja, wie konnte es dazu kommen?

Die Ursachen sind vielfältig, einige sollen hier genannt werden. Zum einen liegen sie in der Frauenbewegung selbst. Die US-amerikanische Feministin Nancy Fraser erkennt im Rückblick (Neoliberalismus und Feminismus: Eine gefährliche Liaison, Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2013), „dass die Bewegung zur Befreiung der Frauen gleichzeitig auf zwei unterschiedliche Zukünfte hindeutete. Zum einen ging es um Emanzipation, partizipatorische Demokratie und soziale Solidarität, aber es gab auch den Wunsch nach den Segnungen individueller Autonomie, vermehrter Wahlmöglichkeiten und Karriere. Der Feminismus war ambivalent, in der Folge konnte er zwei verschiedene Wege gehen, zweierlei Gestalt annehmen.

Durch den raschen Siegeszug des Neoliberalismus wurden die Wünsche nach Autonomie, Wahlmöglichkeiten und Karriere in den Vordergrund geschoben und vielfach erfüllt. Die anderen Ziele gerieten mit den sozialen Bewegungen, mit denen sie hätten durchgesetzt werden können, ins Hintertreffen, wenn nicht gar in Vergessenheit“.

Hinzu kam: die Frauenbewegung zerlegte sich selbst. Plötzlich drängten sich Diskussionen auf, dass nicht alle Frauen gleich betroffen seien – was niemand behauptet hatte. „Wir Frauen“ – das sollte nicht mehr gesagt werden, denn „DIE FRAUEN“ gäbe es nicht, daher wären auch keine Forderungen für alle Frauen aufzustellen. Schließlich seien Frauen nicht nur sexistisch unterdrückt, sondern auch als Farbige, Jüdinnen, Migrantinnen, Arbeiterinnen, Lesbierinnen, Transidenten.

Ein Allgemeinplatz, der zur Theorie hochstilisiert wurde. An der Unterdrückung schwarzer Frauen und Migrantinnen seien die weißen Frauen schließlich beteiligt, deshalb sollten sie schweigen, wenn es um deren Interessen ging. So was wie Frauensolidarität sei nicht möglich. „Intersektionalität“ beschrieb die Mehrfachunterdrückung, sperrte sich aber gegen die politische Umsetzung, ja behinderte die Entwicklung von Politik insgesamt, weil sie Forderungen tendenziell zerfledderte und antimobilisierend war.

Der Spaltpilz zerlegte die Frauenbewegung in ihre Atome. Aus Feminismus wurden viele Feminismen, jeder ging seiner Wege. Die Frauenbewegung als politische Akteurin verlor so massiv an Bedeutung, jedoch diffundierten feministische Ideen in die Gesellschaft. Dabei verloren sie ihren inneren Zusammenhang.

Nancy Fraser sprach in einer Arbeit aus dem Jahr 2009 von einer „Fragmentierung der feministischen Kritik“, wodurch der von der Frauenbewegung hervorgehobene Zusammenhang von ökonomischer, institutioneller und kultureller Kritik auseinander gefallen sei (Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte, Blätter 8/2009). Der Feminismus wurde zum Bauchladen, aus dem sich jede/r bedienen konnte. Und der Neoliberalismus bediente sich reichlich.

Krise der sozialistischen Bewegung

Die Krise der sozialistischen Strömung, die sich im Niedergang des Sozialismus und der Selbstaufgabe der Sozialdemokratie durch die Hartz 4-Gesetze und Kriegsbeteiligungen zeigte, schwächte die sozialistischen, marxistischen Teile der Frauenbewegung, und das waren jene, die vor allem soziale Themen bearbeiteten, das waren die Aktionsorientierten und so verschwanden die öffentlichen Aktionen und zuletzt die Bewegung selbst.

Das „Projekt, die Gesellschaft so zu gestalten, dass auch Frauen aufrecht und sinnvoll darin leben könnten“, so Frigga Haug im Argument 281 („Feministische Initiative zurückgewinnen; eine Diskussion mit Nancy Fraser“) und der „daraus folgende Anspruch, dass es mit Gleichstellung nicht getan ist, sondern eine andere Gesellschaft braucht, rutscht zunehmend ins Abseits“.

Kämpfe um Umverteilung wurden durch Kämpfe um Anerkennung verschiedener Identitäten verdrängt, die Lesben- und Schwulenbewegung nahm ihren Aufschwung. Die Kritik der politischen Ökonomie wurde durch Kulturkritik ersetzt. Die Kritik am Ernährerlohn und der daraus resultierenden Unterbezahlung der Frauen wandelte sich in den Wunsch nach bedingungslosem Eintritt in die Erwerbsarbeit. Der Neoliberalismus nahm dankbar an und senkte die Ernährerlöhne, ohne allerdings die Unterbezahlung der Frauen zu beenden.

Die Europäische Union förderte großzügig Projekte zur Eingliederung von Frauen, die Feministinnen organisierten Weiterbildung für Berufsrückkehrerinnen, Beratung für Existenzgründerinnen, IT-Schulungen und Mikrokredite (dabei war auch die Autorin). Frauen besetzten massenhaft Arbeitsplätze in den einfachen Dienstleistungen, die Erwerbsbeteiligung stieg und es stieg auch die Zahl der Erwerbsstunden, die eine Familie leisten muss – sicherlich Ausdruck und Grund vieler Burn Outs. Die Umverteilung der Arbeitszeit hat nur zwischen Frauen stattgefunden, dort verschwanden Ganztagsstellen zugunsten von Teilzeit.

Zwischen Frauen und Männern blieb es, wie es war, wenn man davon absieht, dass viele Männerlöhne drastisch sanken und die Erwerbstätigkeit der Frauen für das Überleben der Familie notwendig wurde. Durch das Sinken der Männerlöhne wurden – ein Treppenwitz der Geschichte – Frauenberufe in Pflege und Bildung attraktiver für Männer, ihr Anteil stieg. Umgekehrt ist dies wegen des massiven Abbaus der Arbeitsplätze in den Männerberufen nicht der Fall.

Im IT-Sektor durften sich dann Frauen und Männer gleichermaßen an der schönen neuen ungeregelten Freiheit des neuen Arbeitsmarktes erfreuen. Heimarbeit, Unterbeschäftigung, Unsicherheit, Hire and Fire, unterbrochene Erwerbstätigkeit – hier sind die Merkmale des ehemaligen Frauenarbeitsmarktes zu finden. Und hier zeigt sich, warum der EU und dem Neoliberalismus insgesamt die Einbeziehung der Frauen in die Erwerbsarbeit so wichtig war.

Ideologische Offensive, soziales Rollback

Das neoliberale Projekt begann zunächst damit, Führungsfiguren der neuen sozialen Bewegungen zu gewinnen und deren Expertise und Zugang zu den anvisierten Gruppen zu nutzen. Am offensichtlichsten gelang dies bei den Grünen und jenen politischen Akteuren, die bei den Grünen landeten, aber auch Kommunisten trugen ihr Scherflein bei. Die Grünen waren es auch, die sich als politische Vertretung der Frauen und eines Teils ihrer Forderungen anboten und auch die anderen Strömungen der neuen sozialen Bewegungen in das Projekt des Neoliberalismus integrierten: Jugendliche, Studierende, die ökologische Bewegung und sogar Teile der Friedensbewegung.

Es wurden jene Forderungen aufgegriffen, die leicht zu erfüllen, die aber auch überfällig waren. Aber mit keiner Gruppe konnte ein so breiter Einfluss gewonnen werden, wie mit den Frauen, nämlich auf 50 Prozent der Bevölkerung. Wenn man die anderen Gruppen hinzuzählt, ist ersichtlich, in welcher Breite die neue Ideologie wirken konnte. Die großen personellen Überschneidungen zwischen den Gruppen hatten überdies den Effekt, dass der Neoliberalismus auf die Einzelnen von mehreren Seiten einwirkte.

Auch die SPD trug ihren Teil bei. Einerseits ging es darum, die Kernbelegschaften in den Schlüsselindustrien zu beruhigen. Sie sollten vom neoliberalen Angriff auf die sozialen Rechte – vorerst – ausgenommen werden. Der Verrat der SPD an ihrem Klientel fand eher bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verwaltungen und Kommunen, der privatisierten Staatsbetriebe, den Beschäftigten in der Bildung (vor allem an den Unis), im Gesundheits- und Pflegebereich, bei den BerufsanfängerInnen, den Geringqualifizierten und den prekär Beschäftigten statt.

Der Frauenanteil ist hier hoch. Diese Frauen haben den Gewinn an Freiheit und Selbstbestimmung in den anderen Bereichen ihres Lebens mit dem Verlust an sozialer Sicherheit und Einkommen bezahlt. Gleichzeitig war die SPD schon seit den Siebzigern zunehmend Ansprechpartnerin für Teile der neuen sozialen Bewegungen. Dass es Grüne und SPD waren, die den neoliberalen Umbau durchsetzten ist nicht nur der Tatsache gezollt, dass die Herrschenden bei einer Kohl-Regierung mit deutlich größerem Widerstand rechnen mussten.

SPD und Grüne konnten glaubhaft die feministischen und anderen Forderungen um Anerkennung aufgreifen und vertreten. Die CDU war dazu nicht in der Lage.

Wir haben bisher nur die Frauen, ihre Bewegung und den Feminismus betrachtet. Das beschreibt die Problematik und die wirkenden Kräfte aber nicht in Gänze. Die eingangs dargelegten Probleme einer sozialistischen Feministin mit linken Organisationen weisen auf einen anderen Grund hin, der den Feminismus diesen problematischen Weg gehen ließ. Linke Organisationen, die Organisationen der Arbeiterbewegung, Parteien und Gewerkschaften standen den Forderungen der Frauen reserviert gegenüber; in paternalistischer Manier wollten sie der Frauenbewegung die richtige Linie vorgeben. Dem autonomen Teil der Frauenbewegung begegneten sie distanziert bis feindlich. So gab es immer nur Teilbündnisse. Denn bei einem Erfolg der Frauenbewegung hätten die Männer der Arbeiterklasse etwas zu verlieren.

Revolution und Klassenkompromiss

Aus den sozialen Kämpfen und Revolutionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind die Zwillingsbrüder Sozialismus und fordistischer Sozialstaat hervorgegangen – der eine als Ergebnis der russischen und folgenden Revolutionen, der andere als Versuch, Revolutionen zu verhindern. Revolutionen in Finnland, in Bulgarien, in Deutschland, Österreich-Ungarn und Japan, machtvolle Streiks in Italien, Frankreich, England und den USA, antikoloniale Erhebungen in Lateinamerika, China, Indien und Indonesien führten den Herrschenden, den Kapitalbesitzern und ihren Politikern, die Krise ihrer eigenen Herrschaft und ihrer Produktionsweise vor Augen.

Die Revolutionen und Aufstände – ob sie erfolgreich waren oder mit Niederlagen endeten – waren letztlich Geburtshelfer des fordistischen Wohlfahrtsstaates (auch Sozialstaat oder Soziale Marktwirtschaft genannt), mit dem der Kapitalismus sich selbst modernisierte. Grundlage war ein recht lange tragfähiger Klassenkompromiss zwischen den stärksten Gruppen des Kapitals (Rüstung, Metall-, Fahrzeug-, Elektro-, Energie- und Chemieindustrie) und den dort beschäftigten (männlichen) Arbeitern.

Dieser Klassenkompromiss wurde Grundlage der Sozialpolitik. An den Löhnen dieser Kerngruppe des Proletariats orientierten sich die Einkommen aller abhängig Beschäftigten – in der Regel jedoch mit Abschlägen.

Der Kompromiss war für beide Seiten vorteilhaft. Er versprach durch höhere Löhne, durch die Massenkaufkraft der schnell wachsenden Bevölkerung die Ausweitung der kapitalistischen Produktion. Wohlstand sollte den sozialen Frieden sichern. Der Lohn versprach, die Familie zu ernähren; diese war ausersehen, Disziplinierungs- und Bildungsaufgaben wahrzunehmen, flankiert durch Schule, Kirche und Militär sowie Vereine und Wohlfahrtsorganisationen.

Das fordistische Familienmodell sah jene strikte Trennung der Geschlechterrollen vor, wie sie im Westen Deutschlands dem Idealbild der kleinbürgerlichen Kleinfamilie der fünfziger Jahre entsprach. Da die Familienväter die einzige ökonomische Stütze der Familie waren, war die Sicherung der Vollbeschäftigung, der Vollerwerbstätigkeit und der möglichst ununterbrochenen Erwerbsbiografien notwendig. Frauen wurde die Familienarbeit zugewiesen, sie verdienten allenfalls hinzu, ihre Löhne waren deutlich geringer, die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze und ihre Ausbildung nachrangig, ihre Vollbeschäftigung unerwünscht. Sie übernahmen die Rolle der industriellen Reservearmee nahezu alleine wahr.

Aber das war noch nicht alles. Der modernisierte Kapitalismus hatte für die männlichen Proletarier noch ein zusätzliches Bonbon: die Reanimation des Patriarchats in den Arbeiterfamilien. Die Modernisierung des Kapitalismus führte zu einer Refeudalisierung der Familie. Die Machtlosigkeit und das Ausgeliefertsein im Unternehmensalltag sollte für die Männer der Arbeiterklasse seinen Ausgleich durch die Vormachtstellung in der Familie finden. Der Familienlohn, der dem Mann ausgezahlt wurde, stärkte die Machtposition in der Familie und war Grundlage für jene Verachtung, die nicht selten auch in den linken Organisationen den Frauen entgegengebracht wurde. Die weitgehende Freistellung von Familienpflichten bot den Männern Freiraum für Engagement in der Gesellschaft, der Politik, dem Verein. All diese Vorteile hatten auch die männlichen Funktionäre und Mitglieder der linken Organisationen, und auch sie wollten sie keinesfalls aufgeben. In den Organisationen der Arbeiterbewegung spiegelte sich das neopatriarchale Familienleben ihrer Mitglieder.

Arbeiter- und Frauenbewegung blieben sich weitgehend fremd

All das wurde von der Frauenbewegung zur Disposition gestellt und das war und ist die soziale Grundlage für die Skepsis und teilweise Ablehnung, die der Frauenbewegung und dem Feminismus entgegengebracht wurde. Die von vielen Marxisten behauptete Interessengleichheit von Frauen und Männern gab es nicht. Die Geschlechterverhältnisse waren Teil der Klassenverhältnisse und umgekehrt. Das Geschlechterinteresse der Frauen war eben kein Gedöns, sondern betraf ihre grundlegenden Bedürfnisse.

Weil das ignoriert wurde, kam das Bündnis zwischen Frauenbewegung und Arbeiterklasse, obwohl häufig gefordert, nicht zustande. Marxismus und Feminismus vertieften ihre Fremdheit. Und mehr noch: Die Arbeiterbewegung verteidigte nicht nur ihre Vorherrschaft gegenüber den Frauen, sondern auch jenen Status quo des Sozialstaats. Sie entwickelte keine eigene Idee von mehr Macht, von sozialer Sicherheit und Demokratie in der Gesellschaft.

Dieses Bündnis wäre die Voraussetzung gewesen, um das System der sozialen Sicherheit im Interesse der abhängig Beschäftigten zu verteidigen und in ihrem Sinne zu erneuern. Stattdessen haben sich die Gewerkschaften auf die Kernbelegschaften der Industriebetriebe zurückgezogen und nur das Alte verteidigt. Das programmierte die Niederlage vor. Denn der Sozialstaat erodierte längst von innen. Automation und die Informations- und Kommunikationstechnologien haben menschliche Produktionsarbeit in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern in nie da gewesenem Umfang unnötig gemacht.

Weil es dem Kapitalismus nicht gelingen kann und er kein Interesse daran hat, die verbleibende Arbeit gleichmäßig zu verteilen, wurde die Massenarbeitslosigkeit ein unlösbares Problem. Es sank die Zahl der Träger des Klassenkompromisses auf Seiten der Arbeit und damit ihr politisches Gewicht in Gestalt der Gewerkschaften. Die Verteidigung des Status quo war darauf keine Antwort.

Die Gewerkschaften und die linken Parteien und Organisation hätten Emanzipationsbestrebungen vor allem von Frauen, aber auch von Jugendlichen, Homosexuellen und Transidenten, die den fordistischen Wohlfahrtsstaat als Gefängnis empfanden, aufgreifen und die Überwindung der Unterordnung und der Rollenzuweisungen auf die Tagesordnung setzen, sie mit den sozialen Forderungen verbinden müssen. Die Antwort hätte mindestens eine Neuverteilung der Erwerbs- und Familienarbeit und eine radikale Arbeitszeitverkürzung sein müssen. Und nicht zuletzt hätte eine Antwort gefunden werden müssen für die Endlichkeit der Ressourcen und die ökologische Krise.

Die Frauen, im Stich gelassen von der Linken, haben den Teil ihrer Forderungen durchgesetzt, der mit dem Neoliberalismus durchzusetzen war und haben ihn dabei gestärkt. Der Neoliberalismus ist aber schon wieder dabei, sich neu zu erfinden: als autoritärer Liberalismus. In der AfD und bei Pegida, den Trägern dieser Richtung, sammeln sich die Antifeministen und arbeiten für ein Roll Back in der Geschlechterfrage.

Auf der anderen Seite der Barrikade ist Postfeminismus angesagt. Menschenhandel, Prostitution und Pornografie haben Konjunktur; aufgebrezelte Weiblichkeit, Highheels und Miniröcke sind Ausdruck davon, dass der Roll Back schon begonnen hat. Das Waterloo des Feminismus zeigt sich am Horizont. Dabei wäre angesichts des Pflegenotstands, des Bildungsdesasters, der Bedrohung des Friedens und er drohenden ökologischen Katastrophe eine kämpferische Frauenbewegung notwendiger denn je. Und mit Marx ist zu fordern, „ALLE Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.

Christel Buchinger, Homburg/Saar, Diplombiolo­gin, arbeitete u.a. in der politischen u. beruflichen Frauenbildung, Mitglied des Freidenkerverbandes

Du Warst Der Weiber (guter) Rat !
Inge Hornischer nachgerufen

Ach Inge warum musstest Du jetzt gehn Ich hätte auch nach 50 Jahren Dir noch unendlich lange zuzuhörn und zu versuchen zu verstehn und längst noch nicht zum letzten Male der Prinzenrolle abzuschwörn und wer ist jetzt der Weiber Rat jetzt, wo Du viel zu früh gegangen bist? Und wer macht jetzt die Weiberrechtsberatung zum Frauenlohn? Wer schützt die Kinder jetzt vor Geiselhaft Wer davor, dass der Patriarch sie als Ersatz abstraft Du die Du immer in die Bresche sprangest und für die Weiber und die Kinder Frauenhäuser öffnetest wenn Prinzenrollkommandos durch die Ehebetten tobten und dann als OpferTäterOpferTäter wieder aufgepäppelt und gehätschelt blauäugig weiter blaue Augen schlugen und später Besserung gelobten… Ach Inge, bleib nimm mich Du weißt, wie schwach ich bin Dein einer Arm, der weist mich ab er weiß warum und bleibt ganz kühl Ich hoff auf Deinen zweiten starken wenn der noch frei ist halt mich fest und halt mich warm

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

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