Ministrantentum – oder Was vom KBW und den GRÜNEN so übrig bleibt oder Als Joschka Fischer leider nicht Baden ging

Als mein Minister mich mal dringend brauchte und Joschka Fischer mich im Hanauer Fischer-Bad mal beinah erfischte. und dabei leider nicht Baden ging. Dieser Artikel mit 7500 Zeichen entstand durch die Eindampfung von 30.000 Zeichen für die ‘junge Welt’. Wer die Originalversion haben will, kann sie unter home.t-online.de/home/0618153139-0001/nhz105.htm im Internet lesen.

Ministrantentum
Frankfurter Geschichten: Was vom KBW und den Grünen übrig blieb

Ein Tag im Hochsommer 1986, einige Wochen nach Tschernobyl. Keine 10000 Meter vom Plutoniumlager und den Nuklearbetrieben in Hanau entfernt. Kein Überflugverbot (das Gelände liegt in der Hauptanflugschneise des Frankfurter Flughafens und der US-Airbase), Verstöße gegen Sicherheitsauflagen, hochangereichertes Material verschwindet, Blindgänger werden auf dem Werksgelände gefunden. Joseph Fischer mußte der grünen Bundesversammlung versprechen, in Hessen die rot-grüne Koalition aufzukündigen, wenn nicht bis Jahresende 1986 alle Atomanlagen in Hessen stillgelegt sind.

Kurz vor Mitternacht rief mich Johannes aus dem Nachbardorf an, verzweifelt, weil er als BUND-Mitglied zu wenig Courage hätte, das Prozeßrisiko scheuen würde. Ob ich nicht vielleicht. Es ginge doch gegen die Atombetriebe in Hanau und da müßten wir doch. Klemm hätte ihn angerufen, nein Cornelia seine Gattin, er solle für seine Kinder gegen Nukem, Alkem, RBU klagen, Umweltminister Fischer würde den Prozeß finanzieren. Hörte sich alles sehr abenteuerlich an. Es gab doch schon einen Kläger, Elmar Diez aus Hanau und dessen Prozeß wurde doch schon von Wiesbaden finanziert. Und warum suchte jetzt der hessische Wirtschaftsminister Lothar Klemm einen Kläger gegen die Hanauer Nuklearbetriebe? Ich lehnte ab.

Zwei Tage später. Anruf aus Wiesbaden. Es meldet sich ein Morgenstern. Sagte er Staatssekretär? Oder Ministerialdirektor? Egal, er verbindet. »Hallo Hartmut, hier spricht Gisel. Gisel Heinemann. Du kennst mich noch?« Das war keine Frage, eher ein Befehl. Die Ex-Chefin beim KBW-Caro-Druck mit direkter Leitung zum ZK des KBW hatte mich schon mal unter der Knute – bei endlosen freiwilligen Nachtschichten: Zusammentragen der Kommunistischen Volkszeitung im tobenden Kampf zweier Linien. Jetzt ist sie Fischers Büroleiterin. Den direkten Draht zum ZK hat sie wohl mitgebracht. »Du bist doch im Kreisvorstand der Hanauer Grünen? Bist verheiratet und hast zwei Kinder?« Daß der Kreis nicht Hanau heißt, sondern Main-Kinzig ist Nebensache. Gisel telefoniert mit einer Mischung aus alter ZK-Befehlsgewalt, angelernten grünen Basistönen und ministerieller Anweisung: Sie zitiert mich nach Wiesbaden, lockt mit der Weihe zum Ministranten. Verlockend.

Da ich ahne, warum ich nach Wiesbaden fahren soll, spreche ich mich mit dem Anwalt der Hanauer Anti-Atom-Kämpen ab. Die sind in Ungnade gefallen, weil sie nicht nach Fischers Pfeife tanzen. Sie wissen, er hätte die Betriebe schließen können und müssen. So sind sie ein Restrisiko für Fischers Position.Um nicht erwischt zu werden, hat Fischer Lothar Klemm gebeten, er solle für ihn einen Ersatzkläger suchen, einen willfährigen. Den passenden Anwalt hätte er schon.

Tage später im Ministerium. Morgenstern nimmt mich in Empfang, dann nimmt mich Gisel Heinemann zur Brust, die Initiativgruppe Umweltschutz Hanau (IUH) und ihr Anwalt sollen ausgebootet werden: »Wer sich uns querstellt, kriegt kein Geld mehr. Im Klartext, wir brauchen dich als Kläger. Und wir stellen dir einen Anwalt unseres Vertrauens.« Ich gehe zum Schein auf den Handel ein. Gisel freut sich, daß der alte KBW-Zentralismus noch funktioniert.

Drei Wochen bleiben zur Vorbereitung einer Großveranstaltung, bei der Fischers Defacto-Kumpanei mit den Nuklearbetrieben auffliegen soll. Hochkarätige Besetzung: der Nuklear-Experte Mathias Küntzel, der Anti-Atom-Anwalt Matthias Seipel, Umweltminister Joseph Fischer. Die Anti-Atom-Streiter der IUH beteiligen sich nicht, weil sie immer noch auf das Geld aus Wiesbaden angewiesen sind. Als Küntzel und Seipel beginnen, Fischers Unterlassungen zugunsten der Nuklearbetriebe nachzuweisen, bezeichnet der die ganze Affäre als ein Hirngespinst von Neurotikern. Die Fischerchöre im Saal beginnen zu johlen. »Ihr spielt das Spiel der Gegenseite. Ihr schwächt die grünen Positionen!… Ihr seid bedauernswerter Weise die Opfer eurer eigenen Verschwörungstheorien.« Bei diesem Satz tätschelt er meine Hand. Morgenstern lächelt milde in der ersten Reihe. Fischer wartet auf Ruhe im Saal, beugt sich zu mir herüber und sagt so halblaut, daß es der ganze Saal noch versteht: »An deinen Ausführungen, lieber Freund, ist doch deutlich zu merken, daß du schon mal vom Dach gefallen bist!« Fischer weiß, daß mich 1968 ein Polizist bei einer Vietnam-Demonstration in Frankfurt vom Dach des US-Handelszentrums gestoßen hat. So schlägt er zu. Er hofft darauf, daß ich zurückschlage. Jemand hält mich fest. Nicht nötig. Die Grünen im Main-Kinzig-Kreis glauben nicht, daß Fischer so ist. Oder sie wollen es nicht glauben. Und einige von denen, die noch übrig sind, glauben es bis heute nicht.

Zwölf Jahre später, am 26. 9. 1998, zwei Tage vor der Bundestagswahl trifft mich Fischer beim Verlassen des Hanauer Hallenbades auf dem Weg zur Sauna. Er erkennt mich, schüttelt mir die Hand wie einem alten Freund. Seine Augen sprechen: »Wähl mich!« Als ich ihm sage, daß ich immer noch vom Dach gefallen sei, dreht er sich weg, schlotternd im rollkragenunterfütterten grauen Einreiher und macht den örtlichen Wahlkampfjungmanager der Grünen zur Sau wegen einiger kleiner technischer Pannen. Draußen vor dem Hallenbad warten die Fernsehkameras und die lokale Grün-Prominenz. Müllgroßdeponiebefürworter Mathias Zach schüttelt mir, dem (r)ausgetretenen Müllgroßdeponiegegner die Hand: »Wähl mich!«

Und 2002? Die Hanauer Betriebe produzieren zwar nicht mehr, doch das Plutoniumlager des Bundes wird unter Rot-Grün weiter gefüllt. Mal abgesehen davon, daß wir nato-oliv-grün in den Krieg ziehen. Sicher hat Gisel diesmal nicht die Fäden für Fischer gezogen. Diesmal durfte ein Ranghöherer mitziehen: ihr Ex-KBW-Chef »Joscha« Schmierer als Fischers Berater.

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.