Denk Mal! 150/151 Jahre Heldmann-Bahn Gelnhausen-Gießen & Bahnhof Mittel-Gründau

Das ist nicht der Bahnhof in Mittel-Gründau. Aber wäre Mittel-Gründau 1972 im Kreis Büdingen, im heutigen Wetterau-Kreis geblieben, wäre der bereits 1869 fertiggestellte Heldmann-Bahnhof heute vielleicht ein Dorftreff, ein Kulturbahnhof, ein Jugendzentrum, eine Mehrgenerationen-Fahrradwerkstatt mit E-Bike-Fahrradverleih und Jugendarbeiter-Wohnung im Obergeschoss, Startpunkt für (un-)geführte Histouren, Golf & Genuss, Kneipp & Kneipen und mit verbesserter Einstiegsmöglichkeit für alle, nicht nur für Alte und Behinderte, Radfahrerinnen und Mütter oder Väter mit Kinderwagen

Die Bahnhöfe aus den (Bau-)Jahren zwischen 1865 und 1870 sahen alle (fast) gleich aus. In Büdingen war der Bahnhof etwas “fürstlicher”, in Stockheim etwas mehrgleisiger, weil hier das Stockheimer Lieschen sich aus Vilbel kommend, in Richtung Nidda einreihte. Man unterschied zwischen Haltestellen und Bahnhöfen. Letztere mussten Stellwerke & Weichen haben und mindestens zweigleisig sein. Bis zum Bau der Anschlussbahn zum Rothenberger Flughafen war Lieblos nur eine Haltestelle. Mittel-Gründau hatte einen Bahnhof, weil hier der An- und Abtransport von Trassen- und Tunnelabraum und Baumaterial mit Umrangieren und Lokwechseln organisiert werden musste.

Früher, als man noch auf dem “Holzweg” über die Gleise gehen und sein Fahrrad oder den Opa im Rollstuhl rüber schieben konnte, war das Um-, Ein- und Aussteigen -mit Hilfe des Bahnpersonals kein größeres Problem.

Heute gibt es so gut wie kein Bahnhofspersonal mehr und die Unterführungen haben nicht Mal Schiebespuren für Rollstühle und Fahrräder. Für Eltern mit Kinderwagen, Behinderte, Alte und Fahrradfahrer eine einzige Quälerei. Gäbe es da nicht die jungen Leute mit “Migrationshintergrund” die oft sch0n ungefragt ihre Hilfe anbieten, man wäre total aufgeschmissen. Nicht selten ist dann auch schon der Bus oder den Anschlusszug weg, bevor man die ganze Bagage auf dem richtigen Bahngleis hat. Nun, Weltstädte wie Nidda und Wächtersbach mit ministerialem Anschluss haben behindertengerechte Rampen, Aufzüge oder wenigstens zu den “Hessentagen” schnell montierte Stahlblech-“Schiebe-Rinnen”
“Achten Sie auf die 50 bis 75 Zentimeter Höhenunterschied zwischen Bahnsteig und Waggon -Türschwelle. Sonst kommen sie schneller unter die Räder als in den Zug! Allen Fahrgästen, die hier aussteigen, wünscht die Hessische Landesbahn Hals- und Beinbruch! Ende der Durchsage.”

Für die Haingründauer bedeutet der in den 60ern weggefallene schienengleiche , beschrankte Bahnübergang einen großen und für Radfahrer, Eltern mit Kinderwagen, Behinderte und Alte sehr beschwerlichen Umweg, der bei Regen kaum benutzbar ist.

Heute fehlt das Schild “DIENSTRAUM” und auch die große Bahnhofsuhr ist weg. Aber noch hat die DB-Netz-AG in Mittel-Gründau ein Stellwerk! Die handbetriebenen Stellwerke werden auch nicht so schnell abgeschafft, weil man für die großen Programmabstürze der Computer-gesteuerten Stellwerke gerüstet sein will)
Aus gutem Grund fuhr man in Mittel-Gründau doppelgleisig. Kleiner als der Bahnhof in Stockheim, aber mindestens so geschichtsträchtig. Um der Trasse und dem Bahnhof Platz und Trassenmaterial zu schaffen, wurde 1867 ein Teil des Stickelsberges weggesprengt. Beim Bohren der Sprenglöcher entdeckte man viele “Stickel”, Schneid- und Stechwerkzeuge aus der jüngeren Steinzeit. “Stickel” heißen noch heute in der Schweiz aber auch in Lindenfels im Odenwald die “Grabsteine”. Das waren in grauer Vorzeit Steine zum Graben von Gräben und Gräbern. Und bei Beerdigungen legte man den Toten Werkzeuge mit ins Grab oder auch auf das Grab für die Arbeit im Jenseits. Im Laufe der Zeit wurden die “Grabsteine” immer größer, um damit das Grab zu bedecken, es vor Raubgräbern, Grabräubern zu schützen. Meist jedoch vergeblich, weil die Räuber merkten, dass die Gräber mit den größten Grabsteinen auch die größte Beute versprachen.

Spätestens an dieser Stelle ist der spätere Mittel-Gründauer Bürgermeister im Herbst 1933 vom noch fahrenden Zug gesprungen und hat sich im Bahnhofswäldchen versteckt zusammen mit dem Paket Flugblätter, die zum Sturz Adolf Hitlers aufriefen. Wilhelm Pfannmüller hatte es sich angewöhnt die letzten dreihundert Meter auf dem Plattformgeländer stehend über das Waggondach spähend einzufahren. So konnte er früh erkennen, ob da SA & SS am Bahnhof stand. Er konnte der Verhaftung entkommen, vergrub die Flugblätter an der Gründauböschung an der Bahnbrücke und schlich sich nachts bis nach Niedergründau zum bereits abgesetzten Bürgermeister Bode(SPD), der ihn bei sich übernachten ließ. Bode riet ihm aber, sich am nächsten Morgen bei der Gestapo zu melden, “weil sie sonst Deine Frau und die Kinder holen!”: Zuchthaus & KZ von 35 bis 39/40, anschließend Strafbataillon 999 mit Brückenkopfeinsätzen in Griechenland, Jugoslawien ….

ab 30.8.20 ist im Modellbahnhof in Stockheim bis zum 16.5.21 eine Fotoausstellung mit 75 Aufnahmen zum 150jährigen Jubiläum der oberhessischen Bahnstrecke von Gießen nach Gelnhausen zu sehen. Die Ausstellung ist an den Öffnungstagen des Modellbahnhofs (Sa von 14.30 Uhr bis 17.00 Uhr / So von 11.00 Uhr bis 17.00 Uhr) im Rahmen des normalen Eintritts zugänglich. Vielleicht findet der eine oder andere von Euch/Ihnen in der Zeit von September bis Mai mal den Weg nach Stockheim, um sich die Bilder anzuschauen.

Der Bindestrich fehlt, aber sonst ist noch alles original da: die rostenden Einschuss-Löcher der Schießübungen der US-GIs, aber auch waffentragender Meddeel-Grenner

Im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 800sten Geburtstag Mittel-Gründaus gab es heftigen Streit darüber, ob die Bahnverbindung Gießen-Gelnhausen im Volksmund “Heldmann-Bahn” genannt wurde. Die Zeitzeugen , die das bei den seit 1994 laufenden Erzählabenden des Historisch-Demokratischen Vereins Mittel-Gründau berichtet hatten, sind mittlerweile alle gestorben.

Dokumentarisch belegt ist jedoch, dass für die Geldgeber des Eisenbahnprojektes die “Heldmann-Bahn” die Bezeichnung für die bevorzugte Verbindung Gießen-Gelnhausen war, um sie von der konkurrierenden Planung des Steueremissärs Hunsinger aus Hungen zu unterscheiden. Der wollte vordringlich die Bahnverbindung Gießen-Fulda bauen lassen. Die Bahn-Gesellschafter entschieden sich, als Erstes die “Heldmann-Bahn” bauen zu lassen. Ein gewichtiges Wörtchen hatten wohl die Isenburg-Büdinger Fürsten so wie der gesamte zwischen Gießen und Gelnhausen anliegende (Geld-)Adel dabei in die Waagschale zu werfen: Bauholz, Ziegel, Grubenholz, Bier, Vieh, Getreide, Kartoffeln, Zuckerrüben … die Bahnanbindung der Holzplantagen und Ziegeleien an die Großbaustellen, Bergwerke, (Miets-) Kasernen und Militärstellungen (1870/71!), Bahn-Pioniereinheiten, Brücken- und Tunnel- , Kanal- und Schleusenbau, Bahnschwellenwerke, die der Zuckerrübe zur Zuckerfabrik, der Gerste zur Großbrauerei, Milch und Fleisch zu Großmolkereien und Großschlachthöfen …

Hier Links zu einigen meiner bisherigen „Bahn-Artikel“, die rund um die Bahn erzählen: http://www.barth-engelbart.de/?p=199397

(Dazu eine Bemerkung: die Synagoge ist gerettet. Die neuen Besitzer muslimischen Glaubens restaurieren sie  aufopferungs- & liebevoll. Denkmalschutz ist nicht gerade sehr kostengünstig und der Eigenleistung werden hier oft enge Grenzen gesetzt.)

Autor: Hartmut Barth-Engelbart

Autor von barth-engelbart.de

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